Man nannte ihn Hombre (Hombre, USA 1967) #Filmfest 638

Filmfest 638 Cinema

Man nannte ihn Hombre ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Martin Ritt aus dem Jahr 1967 nach einem Roman von Elmore Leonard. In diesem Western spielt Paul Newman den bei Indianern aufgewachsenen Weißen John Russell, genannt Hombre, dem die Gesellschaft der Weißen auch in der Extremsituation fremd bleibt, als die Reisegesellschaft, mit der er in einer Kutsche unterwegs ist, von Banditen überfallen wird. Wegen der inhaltlichen Brüche mit den Genrekonventionen kann der Film der Gruppe der Spätwestern oder allgemeiner dem Anti-Western zugeordnet werden.

Martin Ritt hatte bereits 1963 mit Paul Newman in der Titelrolle „Hud“ bzw. „Der Wildeste unter Tausend“ gemacht, einen hervorragenden Neowestern, an den im Folgejahr drei Oscars gingen. Der erste Film des Team Ritt-Newman, den ich gesehen hatte, war „Der lange heiße Sommer“ im Stil der damals hochaktuellen Tennessee-Williams-Adaptionen. Ritts Adaption von John le Carrés „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit Richard Burton als Schläfer, der erwachen muss, halte ich für einen der besten Agentenfilme überhaupt. Was auch bedeutet, dass Ritt für mich etwas unterbewertet ist. Vermutlich aufgrund der deutlich sozialkritischen Tendenzen seiner Filme, die man von Beginn an beobachten konnte und die auch „Hombre“ kennzeichnet. Dass er mit Paul Newman einen Schauspieler gefunden hat, der diese Kritik nicht nur mit seiner eigenen Einstellung unterstützte, sondern als einer der größten Hollywoodstars der 1960er auch auf die Leinwand bringen konnte und „Hombre“ daher nicht floppte, war eine sehr günstige Konstellation. Über diese Konstellation steht mehr zu lesen in der –> Rezension.

Handlung (1)

John Russell, genannt „Hombre“ (span. für Mensch oder Mann), ist ein weißer Mann, der von Apachen großgezogen wurde. Als er gerade dabei ist, eine wilde Pferdeherde einzufangen, bekommt er Besuch von Billy Lee Blake, einem jungen Mann, der ihn auffordert, Russells mexikanischen Freund Mendez aufzusuchen. Dieser eröffnet ihm, dass sein Vater, der Besitzer einer Pension in der Kleinstadt Sweetmary, verstorben sei und er diese nun geerbt habe. Russell reist nach Sweetmary und eröffnet Jessie, der Hausverwalterin, er werde kein zivilisiertes Leben unter Weißen führen, sondern die Pension für eine Pferdeherde verkaufen, und wolle nun in der nächsten größeren Stadt diesen Handel perfekt machen. Die Eisenbahnlinie hat Sweetmary noch nicht erreicht, aber die Pferdekutschenlinie, für die Mendez und Blake gearbeitet haben, hat bereits ihren Dienst eingestellt. So findet sich eine kleine Reisegesellschaft zusammen, für die die letzte verbliebene Kutsche reaktiviert wird: Russell, Mendez, die nun arbeitslose Jessie, der ihr Geliebter Sheriff Braden einen Korb gegeben hat, Billy Lee Blake mit seiner Frau Doris, der Indianeragent Dr. Favor mit seiner Frau Audra sowie der finstere und ruppige Cicero Grimes reisen gemeinsam ab.

Audra fühlt sich durch den Indianer Russell gestört, der aufgefordert wird, den Passagierraum zu verlassen und auf dem Kutschbock mitzureisen. Als sie an einer Station rasten, erfahren sie, dass sich verdächtige Reiter in der Nähe herumtreiben. Sie wählen eine alternative Route, die sie zu einem verlassenen Bergwerk führt, an dem sie abermals ihr Lager aufschlagen. Bei dieser Rast zeigen sich weitere Risse in der Reisegesellschaft: Grimes zeigt sich bedrohlich gegenüber den Mitreisenden und vergewaltigt beinahe Doris, Russell sondert sich in harscher Weise von den anderen ab.

Als sie weiterreisen, werden sie von Banditen überfallen, deren Komplize Grimes ist und unter denen sich auch Sheriff Braden befindet, der desillusioniert die Seiten gewechselt hat. Sie rauben eine Summe von 12.000 Dollar, um die Favor die Indianer des Reservats, für das er zuständig ist, betrogen hat. Grimes flieht mit einem Teil der Banditen und Audra als Geisel, der andere Teil wird von Russell mit einer versteckt gehaltenen Waffe erschossen. Die Reisegruppe, nun wieder im Besitz des Geldes und eines knappen Wasservorrats, flieht zu Fuß in die Berge, wobei Russell nur widerwillig die Führung übernimmt. Grimes setzt ihnen nach und reitet in einen Hinterhalt, bei dem Russell und Mendez auf die Banditen feuern, womit sie etwas Zeit für ihre Flucht gewinnen. Favor will die Kontrolle über das Geld und das Wasser an sich reißen, doch er wird von Russell überwältigt und ohne Waffe und ohne Vorräte in die Wüste weggeschickt.

Rezension

Allerdings muss man sagen, die Zeit arbeitete für Ritt und Newman, denn den Western zu entmythologisieren, kam ab Mitte der 1960er in Mode und das Publikum saß angesichts des traurigen Endes der Identifikationsfigur „Hombre“ alias John Russell sicher nicht komplett schockiert in den Sesseln, weil es derlei zuvor nie gesehen hatte. Selbst Altregisseure wie John Ford gingen in den 1960ern zu differenzierteren Darstellungen über, nachdem sie zuvor kräftig am Mythos der glorreichen Pioniere gearbeitet hatten (Ford ironisierte das Genre z. B. in „Liberty Valance“, 1962). Am augenfälligsten wird die Veränderung in der  Ausgangssituation von „Hombre“, die mich an Fords „Stagecoach“ (1939) erinnert hat, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Passagiere noch gar nicht in der Überlandkutsche sitzen Der Ort, an dem alles stattfindet, wirkt nicht mehr so belebt und voller energetischer Figuren wie in den „alten“ Western, da ist keine Aufbaustimmung mehr.

Die Postkutsche fährt nicht mehr durch und es schaut nicht aus, als hätte die Stadt eine Eisenbahnstation. Jedenfalls muss die Gruppe erst einmal umständlich Wagen und Pferde organisieren, um aus dem Nest wegzukommen. Wie im Klassiker von 1939 reisen die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Motiven und Hintergründen miteinander, aber die Hauptfigur ist John Russell, ein Weißer, der bei Apachen aufwuchs und nicht, wie der unschuldig verhaftete Typ, den John Wayne in „Stagecoach“ spielt, am Ende integriert und der Anführer ist und das Mädchen kriegt, sondern immer ein Fremder für die übrigen bleibt. Wohl ist er deutlich die stärkste und moralisch am meisten integere Figur von allen Reisenden, aber das, was den Mythos des Westerns mal ausmachte, nämlich seine Funktion als Schmelztiegel, in dem jeder eine Chance erhielt, den amerikanischen Traum ganz persönlich zu verwirklichen, die hat das Weite Land verloren. So, wie die USA ihre Unschuld in den 1960ern in sehr rasanter Weise verloren. Insofern ist der Film den Tendenzen in der Politik gefolgt.

So, wie die Menschen begannen, die Welt realistischer zu sehen und das auch auszuhalten, wurde  der Film erwachsener und das drückt sich in der neuen Sicht auf den Konflikt zwischen der indigenen Bevölkerung und den Weißen aus, der hier klar und von Beginn an ebenso subjektiv aus der Sicht eines Angehörigen der First Nation gezeigt wird. Aber man geht noch nicht den ganzen Weg. Ein echter „Indianer“ wäre auch 1967 wohl kaum als Anführer einer Gruppe von zerstrittenen und korrumpierten Weißen denkbar gewesen. Deswegen wandelt sich Russell auch äußerlich und signalisiert damit, dass er sich anpassen kann und vielleicht auch will, um sein Erbe, das kleine Hotel mit Jessie darin, antreten zu können. Es gelingt ihm auch nicht, eine geschlossene Formation zuwege zu bringen, der Indianerbeauftragte und Vermögensdelinquent Favor lässt sich nicht von einem Mann zur Räson bringen, der im Grunde zu seinen Betreuten im Reservat gehört hat. Heute, während der Diskussion um kulturelle Aneignung, ist es ein Vorteil, dass Paul Newmann nur einen angenommenen Ureinwohner spielt.

(Der weitere Text enthält Angaben zur Auflösung.)

Als es zu einer hoch interessanten Version eines Showdowns kommt, kann man sich Gedanken darüber machen, warum John Russell sich doch mit ziemlichem Kalkül erschießen lässt. Er wird dem Jungen, der ihm von oben Deckung geben soll, nicht wirklich zugetraut haben, dass er ihn vor dem Tod bewahren kann, zudem kommt dieser in das Dilemma, dass die Frau, die so hochnäsig über die „Indianer“ denkt, auch physisch genau so platziert wird, dass der Junge „Hombre“ nicht schützen kann, ohne sie zu treffen. Das ist ein Gleichnis in diesem gleichnishaft angelegten Western. Bis zum Ende ist „Hombre“, obwohl von Geburt Weißer, moralisch nicht bereit, Abstriche zu machen und nur dadurch, dass Jessie ihn mit ihrem Verhalten geradezu in den Kampf zwingt, wirkt er wie einer jener Held, der das Ganze retten will. Auf den ersten Blick.

Denn zuvor macht er sehr deutlich, warum er kein Interesse daran hat, Favor oder seine Frau zu schützen, sondern lediglich daran interessiert ist, das Geld, das Favor unterschlagen hat, den Apachen, denen er sich zugehörig fühlt, zurückzubringen. Das Modell, dass alle Menschen im Moment der Gefahr eine Einheit werden, gleich welcher sozialen Schicht sie angehören, gleich, wie sehr die einen von den anderen im Alltag diskriminiert werden, funktioniert hier nicht mehr. Wir glauben noch heute, dieses Modell hat es wirklich gegeben, und zweifellos hat der Westen die Würfel für viele menschliche Existenzen, die dorthin ausgerückt sind, neu gemischt, aber der Rassismus war immer konstitutiv für die US-Gesellschaft und hätte es nicht den Holocaust gegeben, wäre die große Lüge vom Schmelztiegel für alle viel stärker in den Mittelpunkt heutiger Betrachtungen gerückt und als Ausdruck rassistischen Überlegenheitsdenkens sinnbildlich geworden.

Auch wenn man sich gerne dagegen sträuben möchte, „Hombre“ ist ein sehr ehrlicher Film. Was wir sehen, bedeutet nicht, dass es immer so laufen muss, aber wir wissen auch, dass Teambuilding mit Survival Camps, die den Gefahrenlagen im Alten Westen nachempfunden sind, schon deshalb Augenwischerei sein müssen, weil jeder weiß, dass nie echte Lebensgefahr eintreten kann, es sei denn, er verhält sich so dilettantisch, dass er sich selbst in große Schwierigkeiten bringt. Normalerweise wird aber dafür gesorgt, dass Großstadtindianer in solche Situationen nicht kommen können, ohne dass sie sofort gerettet werden.

Es gibt Lagen, in denen wohl wirklich alle kooperieren, aber eine solche wird in „Hombre“ bewusst vermieden. Anders als in „Stagecoach“ gibt es nicht ganze Horden, die eine fahrende Kutsche angreifen, sodass eine Atmosphäre entsteht, in der automatisch zwischen Binnenwelt und Außenwelt geschieden werden muss, zwischen „entweder wir oder ihr“, in der das Zusammenwirken der Insassen also komplett logisch ist. Vielmehr bleibt in „Hombre“ die Kutsche stehen und es geht zu Fuß weiter und in der Einöde bleiben immer mehrere Handlungsmöglichkeiten und wir sehen nicht die unnatürliche Konstellation, dass alle optimal zusammenwirken, obwohl manche von ihnen sich ausrechnen, allein besser dran zu sein. Eine ähnliche Handlungsführung sehen u. a. im vier Jahre später entstandenen „Chatos Land“, in dem Charles Bronson einen Angehörigen der First Nation darstellt.

Wenn man es genau nimmt, geht aber „Hombre“ schon hier auf die anderen zu, denn er wäre wirklich derjenige, der es allein schaffen könnte und niemand würde ihn daran hindern. Es wird von Kritikern manchmal unterschlagen, dass er sich bereits weit vor der Zusammenkunft in der Hütte entscheidet, seine eigene Zivilisiertheit einzubringen, um den anderen zu helfen. Die Situation in der Wildnis, in welcher er als einziger eine Waffe hat und das Geld problemlos an sich nehmen und damit davonziehen könnte, nutzt er nicht aus. Ob dabei ein persönliches Interesse an Jessie eine Rolle spielt, die ihn nachher quasi zum Selbstmord treibt, ist eine Frage, die man anders beantwortet, wenn man die dankenswerterweise mittlerweile wieder ausgestrahlte komplette Version des Films gesehen hat.

Der deutsche Verleih hatte für die Kinoversion einige Dialogpassagen, die Jessies Charakter erläutern, aus dem Film herausgeschnitten, in der gesehenen Version waren sie ohne Synchronisierung wieder eingefügt worden. Ohne sie wirkt „Hombre“ schneller, aber das Band zwischen der Frau und diesem Mann und damit eine persönliche Motivation gerät aus dem Blick. Zwischen den beiden ist nichts, könnte aber etwas sein, das zeigt die vollständige Fassung viel deutlicher. Damit wiederum wird Russells Motivation nicht mehr überwiegend von einer allgemeinen moralischen Position aus gestaltet, sondern durch eine nicht explizit erwähnte, aber ausgeübte Schutzfunktion für Jessie.

Finale

Zur Entmythologisierung trägt auch die teilweise schon explizite Sprache bei, die nach dem nun auch offiziellen Ende des Hays Code 1967 in den US-Film einfloss. „Hombre“ zeigt ein wenig, aber nicht allzu viel Beeinflussung durch die Italo-Western, die damals dem Genre neue Impulse verliehen, aber mehr ist dies ein New-Hollywood-Film, in dem die Sprache direkter und die soziale Position kritischer wird, der ganz deutlich Stellung bezieht, ohne schon den Schritt zu machen, den man etwa in den 1990ern wagte, als tatsächlich indigene Amerikaner auch Hauptfiguren von  Western wurden. 

Es gibt mittlerweile viele „schwarze“ Filme, von Afroamerikanern, für Afroamerikaner, schon seit den 1960ern aus der Sicht von Afroamerikanern gefilmt, wofür u. a. Sidney Poitier viel getan hat, aber die Fremdheit gegenüber den Natives bleibt immer spürbar, weil auch heute noch die Filme, in denen sie wichtig sind, aus der Sicht eines weißen Beobachters gezeigt werden – so etwa in „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) oder „Geronimo“ (1993).  

Hier haben wir eine Passage entfernt, die sich mit den  Unterschied zwischen dem Vorankommmen der First Nation und dem der Afroamerikaner im Hollywoodfilm befasst, denn gerade in den letzten Jahren gab es hier entscheidende Sprünge, bis hin zur Kritik an der Vergabe von Oscars an (zu viele) Weiße und wir kennen mittlerweile einige Filme der 2010er, die wir 2017 noch nicht gesehen hatten „Hombre“ ist im Grunde ein Klassiker, der aber von den Nutzern der IMDb mit guten, aber nicht überragenden 7,4/10 bewertet wird. Auch hier müssen wir anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2021 eine Relativierung einbringen, denn die Übergangswestern sind allgemein beim Publikum nicht maximal beliebt und alles über 7/10 ist daher beachtlich. Unser Wertung liegt trotzdem um einiges höher:

83/100

© 2021 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Martin Ritt
Drehbuch Irving Ravetch
Harriet Frank Jr.
Produktion Irving Ravetch
Martin Ritt
Musik David Rose
Kamera James Wong Howe
Schnitt Frank Bracht
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s