Gottes vergessene Kinder (Children of a Lesser God, USA 1986) #Filmfest 637

Filmfest 637 Cinema

Gottes vergessene Kinder (Children of a Lesser God) ist ein Filmdrama und Liebesfilm von Randa Haines aus dem Jahr 1986.

„In der Inszenierung klassisch-konventionelles Liebesmelodram, das dank vorzüglicher Schauspielerleistungen und der feinfühligen Einlassung auf kleinste Nuancen den Prozeß einer von gegenseitigem Respekt, von Zuneigung und Verständnis geprägten Annäherung beschreibt.“ – Lexikon des internationalen Films[1]

Selbstverständlich kommt es immer wieder vor, dass ich die „alten“ Rezensionen kritisch überprüfe, nämlich bezüglich der Sprachverwendung, die ich als Jugendlicher darin offenbare. Bisher ist es immer pro Authentizität ausgegangen, ich habe noch nicht eine dieser Rezensionen geändert. Hier war ich kurz davor, wegen des „gestörten Umweltverhältnisses“ = Verhältnisses zur äußeren Welt, aber habe mich knapp dagegen entschieden, denn andererseits kommt meine Ansicht zu dem Film dem nah, was Profis seinerzeit geschrieben haben (siehe Filmlex), was mir damals aber nicht zum Lesen zur Verfügung stand, zum anderen habe ich mir gerade in der IMDb ein Interview mit der Hauptdarstellerin von „Children of a Lesser God“, Marlee Matlin, angeschaut, in dem sie für ihren neuesten Film wirbt.

Auch in diesem Interview kommt der Begriff „authentisch“, den ich oben verwendet habe, mehrmals vor und wir wissen, wie sehr Minderheiten immer noch um Anerkennung kämpfen und welch ein Meilenstein dieser Film war, in einer Welt, in der – nun ja, in der die meisten Menschen sich noch stark über Standards, die auf „Vollständigkeit“ und notabene auf Konformität ausgerichtet waren, definiert und von anderen abgegrenzt hat, zum Beispiel aufgrund ihrer Hörfähigkeit. Bei mir kommt hinzu, dass ein Freund von mir taubstumm (gehörlos) war und wir viel Zeit zusammen verbracht haben.

Kritisch wurde es, wenn andere, hörende Kinder dabei waren und ich erinnere mich mit Scham an eine Situation, die ich damals nur am Rande erfasst habe, die aber typisch für einen unwissenden oder auch etwas ignoranten Umgang mit Menschen waren, die ich heute nicht gerne als „behindert“ beschreibe. Vielleicht hat zu dieser obigen, ausgrenzenden Formulierung auch diese Scham über mein eigenes, wenig empathisches Verhalten beigetragen. Die Behinderung von Gehörlosen liegt im Grunde in unserem Umgang mit ihnen. Ich habe dazu einen Text gefunden, in dem Menschen zu Wort kommen, die sich besser auskennen als ich:

Ist Gehörlosigkeit eine Behinderung?

Gehörlosigkeit wird seitens der Medizin über den Grad des Hörverlustes definiert. Liegt im Bereich zwischen 125 und 250 Hz ein Hörverlust von mehr als 60 dB und im übrigen Frequenzbereich von mehr als 100 dB vor, handelt es sich um „Gehörlosigkeit“. Von „hochgradiger Schwerhörigkeit“ wird gesprochen, wenn der mittlere Hörverlust 70 bis 100 dB beträgt. Ein Hörverlust zwischen 85 und 100 dB wird auch als „Resthörigkeit“ oder „an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit“ bezeichnet.

Der Grad der Behinderung ergibt sich aus entsprechenden Tabellen zur Bewertung des Hörverlustes sowie aus weiteren Kriterien, wie beispielsweise in welchem Alter die Hörschädigung aufgetreten ist, inwieweit die Sprachentwicklung beeinträchtigt ist, die Möglichkeiten der Hörgeräteversorgung, seelische Belastungen u.s.w. Er wird im Behinderten- bzw. im Schwerbehindertenausweis vermerkt.

Die medizinische und auch sozialrechtliche Perspektive spiegelt die defizitäre Sichtweise auf Gehörlosigkeit als einer Behinderung wider. Aus Sicht der Betroffenen selbst, wird Gehörlosigkeit hingegen nicht über fehlendes Hörvermögen definiert, sondern sprachlich und kulturell. Sie sehen sich verstärkt als sprachliche Minderheit – als Menschen, die vorzugsweise in Gebärdensprache kommunizieren und sich der Gebärdensprachgemeinschaft und ihrer reichen Kultur zugehörig fühlen.

Marlee Matlin gewann 1987 den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Meines Wissens ist sie bis heute die einzige Person aus der Gehörlosengemeinschaft, der das gelungen ist. Das gewachsene Interesse an Menschen mit besonderen Eigenschaften wuchs auch durch diesen Film und spiegelte sich unter anderem zwei Jahre später in „Rain Man“ mit seinem autistischen Protagonisten, der allerdings vom nicht autistischen Starschauspieler Dustin Hoffman verköpert wurde. Und wie ist es heute? Mein Gefühl: Diversität wird vor allem als ethnische, religiöse, genderseitige Verschiedenheit definiert. Da haben die Behinderten, jene, die sich selbst so definieren, und andere Minderheiten, die nicht speziell durch eine der drei genannten Eigenschaften zu ermitteln sind, es weiterhin nicht leicht damit, auf sich aufmerksam zu machen.

TH

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