Die Reifeprüfung (The Graduate, USA 1967) #Filmfest 643 #Top250

Filmfest 643 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (77) 

The Sound of New Hollywood

Die Reifeprüfung (Originaltitel The Graduate) ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Mike Nichols aus dem Jahr 1967, der auf dem gleichnamigen Roman von Charles Webb basiert. Er erzählt, wie der College-Absolvent Benjamin Braddock (Dustin Hoffman) nacheinander zwei „verbotene“ Beziehungen eingeht: zunächst die zu einer verheirateten Frau, dann die zu ihrer Tochter.

Der Film spielte weltweit über 100 Millionen Dollar ein und brachte Mike Nichols 1968 den Oscar für die beste Regie ein. Daneben wurde er mit zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet. Die Reifeprüfung wurde 1996 in das National Film Registry aufgenommen und landete 1998 bei der Wahl des American Film Institute zu den besten amerikanischen Filmen auf dem 7. Platz.

Die Filmmusik von Simon & Garfunkel wurde als Soundtrack-Album The Graduate veröffentlicht und erreichte im April 1968 Platz eins der US-amerikanischen Albumcharts. Das darauf enthaltene Stück Mrs. Robinson wurde ein Welthit und ist eines der populärsten Stücke von Simon & Garfunkel.

Die Musik von Simon & Garfunkel, der rote Alfa Spider Duetto, der 30jährige Dustin Hoffman, der einen 21jährigen College-Absolventen spielt, die rigide Anne Bancroft, die ihn verführt, die süße Katharine Ross, der er am Ende in einer hinreißenden Aktion und in allerletzter Sekunde aus der Kirche entführt, in der sie einen anderen Mann heiraten sollte, das Gluckern im Pool, die Szenen im Ambassador Hotel, in dem wenige Monate später Robert Kennedy ermordet wurde – „Die Reifeprüfung“ ist ein herrlicher Film und der bis dahin sichtbarste Ausdruck von „New Hollywood“, auch wenn „Bonnie and Clyde“, der im selben Jahr entstand, mindestens genauso stilprägend war. Gerade haben wir die Stellung von „Easy Rider“ gewürdigt, der zwei Jahre später entstand und haltn an dieser Stelle fest, dass sich das Kino in der zweiten Hälfte so rasch veränderte wie nie wieder danach, bevor wir zur –> Rezension übergehen.

Handlung (1)

Kurz vor Vollendung seines 21. Lebensjahres und mit glänzendem College-Abschluss im Gepäck kehrt Benjamin Braddock ins Elternhaus nach Südkalifornien zurück. Was er in Zukunft zu tun gedenkt, weiß er noch nicht. Nicht zuletzt deshalb wäre es ihm lieber, allein gelassen statt auf „seiner“ Party den Freunden seiner Eltern vorgezeigt zu werden. Mrs. Robinson, die ohne ihren Mann, einen Geschäftspartner von Mr. Braddock, zugegen ist, bittet Benjamin, sie nach Hause zu fahren. Dort versucht sie, ihn zu verführen, wogegen er sich sträubt und was schließlich durch die verfrühte Rückkehr von Mr. Robinson vereitelt wird. Ironischerweise ist ausgerechnet er es, der Benjamin den Rat gibt, seine Jugend zu genießen und seine Anziehungskraft auf Frauen zu nutzen. Einige Tage später ringt sich Benjamin durch, auf Mrs. Robinsons Angebot einzugehen. Seine Unsicherheit überwindet er jedoch erst in dem Moment, als sie ihn fragt, ob es sein „erstes Mal“ sei und er Angst habe zu „versagen“. Die sich anschließende mehrwöchige Affäre zwischen beiden bleibt allerdings eine rein sexuelle. Benjamins erster Versuch, über ein Gespräch mehr Nähe zu schaffen, endet im Streit und beinahe im Zerwürfnis, ausgelöst dadurch, dass Mrs. Robinson darauf besteht, er solle versprechen, nie mit ihrer Tochter Elaine auszugehen. (…)

Rezension

Regisseur Mike Nichols, der erstmalig im Vorjahr mit dem kraftvoll-derben „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ auf sich aufmerksam machte, gewann für „Die Reifeprüfung“ den Oscar, und dieser ist nach unserer Ansicht verdient, ebenso, wie die Auszeichnung für den besten Film des Jahres an den wichtigen, offener gesellschaftskritischen „In The Heat of the Night“ ging. Genau richtig, weil der Film mit der wichtigsten und stärksten Aussage der Krimi mit Sidney Poitier war, aber die Regie und der Schnitt, die Kombination von Musik und Aktion in „Die Reifeprüfung“ sind exorbitant, wenn nicht revolutionär. Ausgerechnet dieser Part wurde nicht einmal mit einer Oscar-Nominierung bedacht.

Die übergangslosen, überraschenden Personenwechsel in quasi einer einzigen Einstellung, die Gegenschnitte und Bildperspektiven, vom Swimmingpool-Boden bis zum Roadmovie-Teil, haben etwas Suggestives und wirken noch heute modern. Oder besser: avantgardistisch. Denn die Moderne hat viel von dem wieder vergessen, was im Zeitalter von New Hollywood an interessanten Gestaltungsideen ausprobiert wurde.

Roger Ebert hat in seiner ersten Kritik zu „Die Reifeprüfung“ auf die Verwandtschaft bzw. Sukzession des Film auf die britischen Komödien der Jahre zuvor hingewiesen, und das ist in der Tat ein wichtiger Aspekt. Wenn nämlich „Die Reifeprüfung“ Vorläufer hatte, dann nicht in der klassischen US-Komödie, sondern in Filmen wie „Tom Jones“, die in den Swinging Sixties entstanden, als in Europa Konventionen aufgebrochen wurden, während Hollywood noch darüber rätselte, warum die traditionelle Machart der Filme bei Publikum auf Ermüdungserscheinungen stieß. Wir haben zuletzt „Ein Mann wird gejagt“ aus dem Vorjahr rezensiert, der zwar vom „Bonnie and Clyde“-Regisseur Arthur Penn stammt, aber genau den Unterschied ausweist, der zwischen ebenso gut gemeintem Altkino und der herrlichen Frische von „Die Reifeprüfung“ bestand. Der eine oder andere Kritiker hat im Lauf der Zeit seine Meinung zu dem Film interessanterweise revidiert. Wir haben ihn gestern auch nicht zum ersten Mal gesehen, uns geht’s umgekehrt. Vielleicht auch, weil es vergnüglich ist, an die Zeit zurückzudenken, in der man in Benjamin Braddocks Alter war und wie sich das Leben damals anfühlte, inklusive der noch recht kurzen eigenen Sexualhistorie. Es gibt weitere persönliche Assoziationen, die gewiss die Bewertung beeinflussen, aber es gibt auch viele objektive Pluspunkte, die man nicht außer Acht lassen darf.

Dass in diesem Film erstmals die Beziehung eines Mannes zu einer doppelt so alten Frau offen gezeigt wird, ist bekannt (in Wirklichkeit waren Dustin Hoffman und Anne Bancroft nur 6 Jahre auseinander). Heute zählt aber auch, dass es ein Ende gibt, das wirklich Kultstatus hat,  dass es nur eine rundherum positive Figur gibt, nämlich Elaine, die den zweiten Teil des Films emotional zusammenhält. Aber es ist interessant zu sehen, wie weder Benjamins Eltern noch er selbst noch die Sirene oder ihr Mann oder die Freunde von Benjamins Eltern zu Beginn des Films besonders sympathisch sind. Benjamin bricht immer wieder mit dem Wunsch nach Identifikation, indem er zeitweise richtig grob, um nicht zu schreiben unverschämt gegenüber der Frau ist, auf die er sich eingelassen hat. Das ist Initiation auf die forsche Art, männliches Gehabe, aber auch Zeichen von Unsicherheit und mangelnder Zentriertheit. Erst später tritt ja Elaine als Fixpunkt in Benjamins Leben und ihm ist klar, dass er das Verhältnis zu ihrer Mutter sofort abbrechen muss.

Zuvor ist er ein schwankendes, aber durchaus williges Opfer und mehr geprägt von der Doppelmoral des gehobenen Mittelstandes, dem er entstammt, als ihm bewusst sein kann. Es mag pikant sein, dass er ausgerechnet mit der Frau des Geschäftspartners seines Vaters ein Verhältnis eingeht, doch relevant ist es kaum. Wie die Eltern ihre Zukunftserwartungen an den College-Absolventen richten, ist im Grunde banal und die Revolte, die sich nur dadurch ausdrückt, dass Benjamin sich Zeit zum Nachdenken nimmt und nichts überstürzt, ist ein zahmes, passives  Aufbegehren, seine Exkursionen unter Wasser wirken wie eine Flucht in die Einsamkeit, nicht wie ein kräftiges Auf-den-Tisch-Hauen, also wie das, was die Eltern Ende der 1960er bei ihren Kindern zu fürchten hatten. Dieser Konflikt wird nur ein einziges Mal am Rande direkt benannt: Nämlich im Dialog des Vermieters von Benjamin in Berkeley, der keine von den jungen Leuten im Haus haben möchte, die ihre Zeit hauptsächlich mit Protestieren verbringen.

Gerade die Tatsache, dass die Figuren, besonders Benjamin, launenhaft und manchmal indifferent wirken, bis dann ein Ruck kommt, der sie in eine bestimmte Richtung treibt, wirkt wie der Zeitraffer einer Charakterformung, ausgelöst durch ein bestimmtes Ereignis wie die unvermittelte Liebe zu einem hübschen Mädchen. „Die Reifeprüfung“, die von der Versuchung, dem sexuellen Erwachen, der Reife, einem Gefühl zu folgen und dafür zu kämpfen erzählt, ist bis heute einer der schönsten Initiationsfilme, und von denen gibt es in den USA eine ganze Menge. Man kann zwar nicht sagen, dass er bereits der Auslöser dessen war, was sich in den 1980ern immer mehr zu einer Welle banaler Jugendkultfilmchen entwickelt hatte, mit welcher die Kinos förmlich geflutet wurden, aber wie es geht, und wie man es macht, dass es nicht zu klischeehaft wirkt, davon kündet „Die Reifeprüfung“.

Finale

Als in der vorletzten Szene Benjamin die Kirche, aus der ihm alle entgegenschreien, mit einem Kreuz verbarrikadiert, damit niemand ihm und Elaine folgen kann, ist sowieso alles klar. Kein Wunder, dass die kirchliche Kritik nicht ins allgemeine Lob des Films eingestimmt hat, denn in jenen Jahren, jedenfalls mehr als heute, das darf man ihr attestieren, war die Kirche der Nährboden der Doppelmoral, die im Film subtil gezeigt wird: Man kann sich immer hinter der Institution verstecken und dabei kräftig sündigen. Die in „Die Reifeprüfung“ gezeigten Figuren sind zwar keine Katholiken, aber bei ihnen funktioniert Moral als Deal aufgrund der Möglichkeit zur Beichte besonders gut.

Die bewertenden Nutzer der IMDb (Internet Movie Database) als führender Filmplattform bewerten „Die Reifeprüfung“ mit 8,1/10 und setzen ihn damit auf die Liste der 250 besten Filme aller Zeiten (Rang 235, Stand 17.12.2014). Wir meinen, er müsste höher stehen, mindestens unter den Top 150, aber natürlich leidet auch dieses beinahe 50 Jahre alte Werk unter der Überbewertung neuer Filme, die unverkennbar ist. Im Laufe der Zeit ändern sich die Dinge eben, deswegn muss ein Absatz anlässlich der Veröffentlichung des Textes auf dem Filmfest beigefügt werden. Mit 8/10 ist „Die Reifeprüfung“ zwar immer noch herausragend bewertet, findet sich aber nicht mehr in der aktuellen Top-250-Liste. Gleichwohl rechnet dieser Text zu unserem Projekt, alle aktuellen und ehemaligen Filme der Liste im Laufe der Jahre fürs Filmfeste zu rezensieren.

Eine Reihe von Szenen aus „Die Reifeprüfung“ ist Filmgeschichte und wurde vielfach zitiert, parodiert, jedenfalls verwendet, sodass man neben den allgemeinen Einflüssen auch von einer starken direkten Rezeption in späteren Werken sprechen kann. Außerdem geht die Schlusssequenz ihrerseits auf den Harold-Lloyd-Film „Girl Shy“ aus dem Jahr 1924 zurück. Wenn man nun auf „The Graduate“ blickt, muss man außerdem festhalten, dass er ebenso viel Allgemeingültiges beinhaltet wie er ein Einzelwerk geblieben ist, das tatsächlich nur durch Szenenzitate aufgenommen wurde, aber sein Stil, seine großartige Atmosphäre, die unvergleichliche Musik, die viele Situationen begleitet oder kontert, sind immer etwas Einzigartiges geblieben, das uns beim Wiedersehen viel Freude bereitet hat und wieder verfestigt sich der Eindruck, dass damals so viele wirklich individuelle Filme entstanden wie nie zuvor, die trotzdem Publikumserfolge waren und die Offenheit der Menschen für Neues spiegelten, die seitdem nie wieder so ausgeprägt war.

89/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Mike Nichols
Drehbuch Calder Willingham,
Buck Henry
Produktion Lawrence Turman
Musik Dave Grusin,
Paul Simon
Kamera Robert Surtees
Schnitt Sam O’Steen
Besetzung

 

 

 

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