Häuserkampf – Tatort 729 #Crimetime 1065 #Hamburg #Batu #NDR #Häuser #Haus #Kampf #Häuserkampf

Crimetime 1065 – Titelfoto © NDR, Georges Pauly

Vor Namen, die mit „ic“ enden, sei gewarnt

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Sondermittler des BKA KHK Cenk Batu soll in ein SEK eingeschleust werden, weil dort offenbar Nebenbei-Geschäfte zwecks Gehaltsaufbesserung laufen, schnell gewinnt Cenk das Vertrauen des SEK-lers Jansen und die Sympathie von dessen Familie – doch dann wird genau diese Familie entführt und Cenk kommt in einen Interessenkonflikt und in arge Zeitnot, denn der Entführer ist ein Freund GPS-unterstützter Schnitzeljagden.

Wir finden das Batu-Konzept klasse, auch wenn’s mittlerweile Vergangenheit ist. Und „Häuserkampf“ hat viele interessante Aspekte und einen meistens überzeugenden Protagonisten. Wo er nicht überzeugt, scheint der Schauspieler Mehmet Kurtulus gemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmt, doch dazu  in der –> Rezension.

Handlung

Cenk Batu ermittelt im Auftrag seines VE-Führers Kohnau verdeckt im Hamburger SEK. Angehörige des Spezialkommandos sollen im Ausland illegal ihr Wissen verkaufen. Die Aufdeckung der Hintermänner scheint rasch in greifbare Nähe zu rücken, denn Batu gewinnt das Vertrauen von Lars Jansen, der im SEK Kollegen für die krummen Geschäfte anwirbt. Doch als die Männer zum Einsatz gegen einen Kidnapper gerufen werden, nimmt der Fall eine irritierende Wendung.

Die Geiselnahme entpuppt sich als Finte, und das Verhalten des angeblichen Gangsters Zoltan Didic gibt allen Rätsel auf. Er stellt keinerlei Forderung und inszeniert vor den Augen des Spezialkommandos seinen Freitod. Kurz nach dem tödlichen Schuss wird klar, dass die ganze Aktion Teil eines teuflischen Racheplans ist. Und die Rache Didics gilt – zur Verwirrung aller – Lars Jansen, der behauptet, den Mann nicht zu kennen. Der Tote gibt Jansen weniger als drei Stunden Zeit, seine eigene Frau und seine Tochter zu retten, die irgendwo in Hamburg gefangen gehalten und von einer Zeitbombe bedroht werden. Doch warum? Besteht da ein Zusammenhang mit Cenk Batus verdeckter Ermittlung?

Batu und Kohnau bleiben keine Zeit, die neue Lage zu analysieren, denn als Lars Jansen nur wenige Minuten später bei einem Unfall schwer verletzt wird, beschließt der verdeckte Ermittler, an seiner Stelle für die Rettung der Frau und des Kindes zu kämpfen. Ein gnadenloses Wettrennen gegen die Zeit beginnt, bei dem Cenk Batu nicht nur seine Tarnung, sondern auch sein Leben aufs Spiel setzt. Denn wie sich zeigt, weist die Rache des toten Zoltan Didic in die Zeit des Kosovokriegs zurück, in der einige Rechnungen offen geblieben sind.

Rezension

Der Film lässt uns Einblick nehmen ins Treiben der Männer von den Sondereinsatzkommandos, einer geheimnisvollen und gefahrgeneigten Welt innerhalb der Polizei. Denken wir wenigstens. Denn von deren Alltag und wie sie als Menschen aufgestellt sind, diese besonderen Charaktere, mental wohl mit Elitetruppen bei der Armee oder GSG9-Leuten vergleichbar, davon bekommen wir wenig mit. Zu viel darüber darf wohl auch nicht ausgeplaudert werden, schon gar keine Details aus deren Ausbildungsprogramm.

So hätte das Milieu irgendeines sein können, die Verknüpfung mit dem Bosnienkrieg durch eine andere ersetzt werden können. In diesem Zusammenhang kommen auch die  Unglaubwürdigkeiten des Films im Spiel. Dass der Waffenhändler Stevic am Ende Batu machen lässt, weil er wohl befürchtet, dass seine Anbindung ans SEK verloren gehen könnte, wenn er diesen ermorden lässt oder es selbst tut, geht noch gerade durch. Aber die Art, wie dessen Schwiegersohn seine Beinahe-Rache inszeniert, ist over the Top. Selbst die Leute, deren Namen mit „ic“ enden, machen keine so übertriebenen Sachen und denken so biblisch und kompliziert.

Wir haben lange überlegt, ob wir’s unseren Lesern mitteilen. Der Krimi wurde bereits im Oktober gesendet, aber wir haben es zweimal nicht geschafft, ihn zu Ende zu schauen. Auch beim heutigen dritten Anlauf waren etwa bei Minute 43 wieder alle Sinne in Richtung Schlafstellung unterwegs. Ein großer, starker Kaffee hat’s dann gerissen.

Normalerweise haben wir einen solchen beim Tatort-Gucken nicht nötig. Was ist es also, was diesen Film so ermüdend macht? Wir mögen doch den Kurtulus / Batu, wie sich anhand unserer übrigen Rezensionen zur Batu-Schiene nachlesen lässt.

Wirklich fündig sind wir nicht geworden. Vielleicht ist gerade dieses Action-Hatz-Schema, das in „Häuserkampf“ etwas zu einseitig als Spannungsgeber herhalten muss, für uns nicht mehr spannend. Das könnte es sein. Oder waren es die manchmal misslungenen, lahmen Dialoge? Drehbuchautoren sollten mal ein paar Wochen mit harten Jungs unterwegs sein, bevor sie diesen Worte in den Mund legen, die einerseits zu statuarisch, andererseits zu banal klingen. Einiges hätte man ganz weglassen können. Man muss einem Konzept wie Batu auch vertrauen, wenn man es inszeiert. Vertrauen heißt oft, ohne Worte. Vertrauen, dass der Zuschauer versteht.

Ein weiterer Mangel des Films ist der seltsame Umgang mit den Zeitverläufen. Besonders deutlich wird das, als Batu während der Schnitzeljagd von Punkt zu Punkt hetzt. Was er da noch alles zwischendrin mit Jordan erledigen kann! Nein, keine Aktion ist zeitlich ganz und gar unmöglich, nach unserem Empfinden (wir haben nicht nachgeprüft, wie weit die Orte in HH wirklich voneinander entfernt sind). Es ist also nicht so, dass an einer Stelle die Spielzeit die erzählte Zeit spürbar überschreitet. Aber die Relation zwischen Spielzeit und erzählter Zeit ist unterschiedlich, und das wirkt beliebig. Manchmal ist in ein paar Minuten so viel reingepackt, dass man denkt, das kann nicht wirklich funktionieren, und dann wirkt es auch noch beinahe gemütlich. Ein perfekter Thriller, und ein Thriller soll „Häuserkampf“ ja sein, timt das alles viel präziser und erzeugt dadurch mehr Nervenkitzel.

Sollte Batu doch am Konzept gescheitert sein? Weil es schwierig ist, ein Thrillerkonzept auf amerikanischem Niveau umzusetzen, wenn diejenigen, welche die Drehbücher verfassen und die Inszenierung steuern, bisher nur klassische Tatorte gemacht haben? So schlimm ist es nicht. Am Berg der Tatortbewertungen siedelt sich „Häuserkampf“ auf mittlerer Höhe an.

Positiv: Kurtulus, der ja auch mit körperlich fordernden Filmen bekannt wurde („Kurz und schmerzlos“, aber auch der beinahe poetische „Im Juli“, beide von Fatih Akin), kann diesen Sonderermittler wirklich spielen. Er hat die Männlichkeit und die Dynamik dafür und wirkt als Gegenspieler in waffengeladenen Milieus glaubhaft. Es gibt in Deutschland derzeit nur wenige Schauspieler, von denen man das sagen kann, nachdem die alte Garde weitgehend abgetreten ist (Horst Frank und Konsorten). Auch an diesem Mangel an geeigneten Darstellern bemerkt man, dass das Action-Genre hierzulande kein Renommee hat. Vielleicht hätte man mal Bruce Willis für eine Gastrolle verpflichten sollen, der nicht nur ein sympathischer harter Bursche, sondern bekanntlich sehr Deutschland-affin ist (und in Deutschland geboren wurde). Aber jetzt ist es zu spät. Es gibt kein Tatort-Konzept mehr, in das er wirklich passen würde.

Das Verhältnis Jordan-Batu ist im Grunde sehr schön, so eine richtige Männerkiste, in der man sich absolut aufeinander verlassen muss und kann. Manche Momente sind auch sehr schön gefilmt, ansonsten – siehe Dialoge. Weniger ist manchmal mehr. Eines sollte man dem amerikanischen, modernen Actionfilm nicht unbedingt nachmachen wollen: Seine Sprechgeschwindigkeit. Erstens ist es unglaubwürdig, wenn Menschen so in Aktion sind, dass sie dann auch noch die Geistesgegenwärtigkeit haben, Bonmots mit Ewigkeitswert abzugeben. Wir wissen das auch, nehmen es den Amis aber ab, weil die Sprüche gut sind. Wir haben hier aber keine Spezialisten für solche Sprüche, also sollten wir schweigsamer inszenieren, wie etwa die Franzosen es in ihren Spitzenthrillern der späten 1960er und frühen1970er vorgemacht haben. Etwas logischer wäre aber dann wieder nicht schlecht. Hat bei „Häuserkampf“ auch nicht so funktioniert.

Ja, immer die Ansprüche des Publikums. Dabei gibt es so nette kleine Sachen, die nicht richtig ausgespielt werden. Zum Beispiel, dass sich hinter jedem „ic“, der ein kleines TV-Geschäft betreibt, ein Waffenhändler versteckt. So mag es nicht sein, in unserer Welt, aber fragen Sie mal unsere Bekannten vom Finanzamt: Hinter jedem „ic“ versteckt sich zumindest ein Steuerhinterzieher. Kleine Geschenke, große Räder. Nur, ehrlich, warum rekurriert Batu auf den Flachbildfernseher von Jansen, wo doch darunter und daneben die USM Haller-Möbelschränke stehen, die eigentlich für Büros erfunden wurden und ebenso stylisch und klassisch wie unpraktisch sind? Die behalten ihren hohen Wert, nicht aber so ein Flachbildfernseher, der nach ein paar Jahren komplett veraltet ist. Typisch aber für einen VE mit Migrationshintergrund. Die echten Zeichen von Wohlstand und Wissen um Style lernt man erst in der dritten oder vierten Generation kennen. Wir lästern, danke fürs Lesen.

Der Schlüssel zum gesamten Film ist übrigens eine Verwechslung. Wirklich blöd, dass die Amerikaner die Stockwerke anders zählen als wir. Wir sind in der Praxis über diese Sache auch schon gestolpert, aber wir haben auch keine SEK-Ausbildung mit Sondermodul Auslandseinsatz und Zusammenarbeit mit englischsprachigen Freunden und den Kurs Business-Englisch, den sie uns vor ein paar Jahren nochmal reingedrückt haben, ist damit nun wirklich nicht vergleichbar und die Konsequenzen von kleine Fehlern sind bei weitem nicht so dramatisch. Merkt eh jeder, dass wir keine native Speakers sind.

Fazit

Das große Plus auch dieses Films: Dass Cenk Batu als Figur mit das Beste ist, was für die Tatort-Reihe in den 2000ern entwickelt wurde. Aber anhand von Filmen wie „Häuserkampf“ verstehen wir auch, warum es viele Zuschauer schwer mit ihm hatten. Das damals neue Konzept („Häuserkampf“ ist der zweite Film mit Batu) wird überreizt und die schönen Bilder, die es auch hier wieder gibt, täuschen nicht darüber hinweg, dass der Film als Thriller nur bedingt anspricht.

Es gibt ein paar Regisseure, die das Format gut können, vielleicht hätte man Fatih Akin verpflichten sollen, vielleicht aber nicht vorrangig für diesen Film, sondern, wenn Kurtulus die türkische Community  zu infiltrieren hatte – allerdings haben wir den betreffenden Film „Der Weg ins Paradies“ höher bewertet als „Häuserkampf“. (Von Akin beim Wahlberliner bisher leider nur „Soul Kitchen“ als Rezension erhältlich.)

7/10

© 2022, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Cenk Batu Mehmet Kurtulus
Uwe Kohnau Peter Jordan
Anja Patrycia Ziolkowska
Zoltan Didic Stipe Erceg
Lars Jansen Matthias Koeberlin
Stephan Istjevic Viktor Choulman
Regie: Florian Baxmeyer
Buch: Johannes W. Betz und Peter Braun
Kamera: Marcus Kanter
Musik: Jakob Grunert

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