BREAKING: 2G in Sachsen, Ungeimpften-Inzidenz auf Rekordniveau, 4. Welle rollt wie befürchtet | #Frontpage #Corona #Lage | Rekordzahlen auf mehreren Ebenen #Booster #2GRegel

Frontpage | Corona Lage | 2G, Booster, vierte Welle auf bisherigem Höchststand

Heute habe ich auf Twitter einen Post gelesen, der etwa so lautete: „Wir haben ein Szenario, das in keinem Katastrophenfilm vorkommt. Die Apokalpyse geht weiter, aber niemanden interessiert’s„.

Das kommt wohl von der Gewöhnung. Kino ist kurzfristige Sensation, aber Kriege können ewig währen, ohne dass die Bevölkerung aufsteht und die Soldaten die Waffen niederlegen. Die Menschen machen einfach weiter, obwohl das, was wir aktuell sehen, wahrlich beängstigend ist. Gemäß der folgenden Darstellung war gestern der Tag mit der bisher höchsten Zahl von Neuinfektionen in Deutschland seit Beginn der Pandemie:

Damit hat Deutschland gegenwärtig die weltweit vierthöchste Zahl an neuen Fällen. Wieder einmal. Wie schon während der zweiten Welle vor einem Jahr, aber mit noch größerem Abstand vor den meisten europäischen Ländern. Aber noch extremer als damals ist der rasche Anstieg der Fallzahlen seit einigen Tagen. Und nun wird Sachsen das einführen, was in Teilbereichen des Veranstaltungsbetriebs auch in Berlin schon gilt, aber auf allgemeiner Ebene: Die 2G-Regel (nur noch Genesene und Geimpfte haben Zutritt). Die 3G-Regel schließt auch Getestete ein und gilt z. B. an unserem Arbeitsplatz. Die Testung für Mitarbeitende erfolgt dort für sie kostenfrei. Es gibt einen Grund, warum wir das schreiben.

In Sachsen allein steckten sich zuletzt 4.000 Menschen täglich an und die 7-Tage-Inzidenz beträgt in Sachsen bei Ungeimpften 868. Das ist der höchste je bisher während der Pandemie in Deutschland für ein Bundesland gemessene Wert. Geimpfte hingegen kommen auf eine Inzidenz von 79. Auch das ist viel zu viel, aber der Unterschied macht drastisch klar, warum wir die Pandemie wieder ernst nehmen sollten. Selbstverständlich denken wir über eine Booster-Impfung nach, obwohl wir nicht zu den Risikogruppen rechnen, für welche die STIKO sie jetzt schon empfiehlt.

Allerdings haben wir uns doch etwas von Christian Drosten nachdenklich stimmen lassen, der gesagt hat, seine dritte Impfung geht erst einmal nach Afrika, wo bisher viele nicht einmal einen Erstschutz erhalten konnten. In Israel hat man hingegen mit der flächendeckenden Booster-Impfung die vierte Welle gebrochen, so jedenfalls der aktuelle Stand.

Es wird immer komplizierter, zumal neue Behandlungsmethoden wie Pillen erste Zulassungen in EU-Ländern erhalten. Und mitten in dieser Situation bzw. mit einem Tag Vorlauf, passierte in unserem Team dies:

„Ich muss hinzufügen, dass wir sehr auf Vertrauen gesetzt haben. Wer gesagt hat, er ist zweimal geimpft, der musste nicht sein Impfbuch vorlegen oder den QR-Code zeigen. Gestern outete sich erstmals jemand, der Bedenken gegen die mRNA-Impfstoffe hat, dahingehend, dass er / sie nicht die Wahrheit über seinen Impfstatus sagte. Die Person wird nun vor jedem Arbeitsantritt getestet werden. Ich mag die Person, aber ich war froh, dass sie zuletzt relativ wenig anwesend war und damit das Risiko gering, sich bei ihr anzustecken“

Wir sind einigermaßen erschüttert, aber niemand wird deswegen soziales Bashing inszenieren, das ist nicht unser Ding und außerdem: passiert ist passiert. Das kommt unter anderem dabei heraus, dass gewisse Medien und Politiker:innen meinen, sie müssten die Bevölkerung gegen sinnvolle Schutzmaßnahmen aufhetzen und den Menschen einreden, ausgerechnet dadurch sei auf immer die Freiheit verloren. Da gibt es wirklich andere Tendenzen, gegen die man sich seltsamerweise nie so heftig gewehrt hat.

Gerade Menschen, die eine sehr selektive Weltwahrnehmung haben, lassen sich aber von dieser Entsachlichung des Diskurses stark beeinflussen und selbstverständlich sind auch wir, die solidarisch Denkenden und Handelnden, dadurch mehr gefordert: Es gehört durchaus Mut dazu, bei jeder Maßnahme mitzumachen und weiterhin der Wissenschaft bzw. deren Hauptlinie in dieser Angelegenheit zu vertrauen, die für viele bereits tödlich verlaufen ist oder erhebliche Nachwirkungen nach einer Erkrankung gezeigt hat. Wir müssen aber all das aushalten, was andere in dieser Krise uns aufdrücken, die ihren Teil zur Eindämmung der Pandemie nicht beitragen wollen und wir müssen versuchen, durch unser eigenes Verhalten noch Schlimmeres zu verhindern.

Wir hätten nicht gedacht, dass wir ad hoc wieder in die Corona-Berichterstattung einsteigen werden, auch wir haben uns zuletzt bei „Pegelständen“, die vor einem Jahr noch für Riesendiskussionen gesorgt hätten, weitgehend rausgehalten, weil die meisten es getan haben und auch wir irgendwie müde von dem Ganzen sind.

„Wir hatten uns sehr auf die von uns angeregte erste größere Teamsitzung seit langer Zeit gefreut, die am nächsten Dienstag stattfinden soll. In dem großen Saal, in den wir gehen, wird das wohl trotzdem kommen, mit Abstand. Wir werden wohl nicht canceln oder auf online umstiegen. Aber die Thematik wird eine ganz andere sein als vorgesehen. Geplant war, Projekte und kleine Verbesserungen im Nach-Corona-Betrieb zu besprechen. Was kommen wird: Wie wird nun mit der neuerlichen Groß-Herausforderung umgegangen werden?“

Unsere eigenen Maßgaben haben wir schon sehr gelockert, mit verschiedenen Hilfsargumenten. Aber wenn die Inzidenz in Berlin über 200 steigt, werden wir uns wieder ums Homeoffice bemühen, selbst, wenn es Verdienstausfälle nach sich ziehen sollte. Eigentlich wollten wir spätestens bei 150 einen Schussstrich unter die Präsenzarbeit ziehen, aber die sind ja nun schon überschritten. Und wir werden bei Argumenten pro Vernunft weit mehr unter Druck sein als vor über einem Jahr, als Vorsicht noch selbstverständlicher Stand der Dinge war. Das Problem ist: Immer wieder neue Ausfälle können wir uns kaum noch leisten, in jedem Sinne des Wortes. Deswegen denken wir mit einem Gefühl an die frei drehenden Coronaleugner und Impfverweigerer, die jetzt auch eine gigantische Inzidenz aufweisen und demgemäß die solidarisch Handelndenden massiv anstecken, das wir im Moment lieber nicht benennen möchten. Wir denken auch daran, dass in einzelnen Bundesländern die Intensivbettenkapazität an der Grenze angelangt ist.

Vor allem aber denken wir an Politiker:innen, die durch ihre öffentlichen Statements diese Verweigerungshaltung befördern, sie werden wir in unserer Berichterstattung nicht mehr von Kritik ausnehmen. Gerade dann nicht, wenn sie nicht der gruseligen AfD angehören, aber dieser Tage wieder einmal sehr gerne von Rechten zitiert werden. Zuletzt haben wir uns vorgestern hier zur Sache geäußert.

Einige Medien titeln jetzt in diesem Stil: „Die vierte Welle rollt und wieder kein Plan“. Doch, die Pläne gibt es längst. Aber niemand traut sich, sie durchzusetzen. Aus Gründen. Auch Politiker:innen haben einen Überlebensdrang und befürchten Angriffe aller Art, auch tätliche, falls sie das einzig Richtige tun: Sofort auf die Bremse treten, wobei es ja durchaus Variationsmöglichkeiten gibt. Wir mögen uns gar nicht vorstellen, wie es gegenwärtig aussehen würde, wäre nicht die tapfere Bevölkerungsmehrheit bereits geimpft. Trotzdem läuft es ähnlich wie letztes Jahr im Herbst, was angesichts der ansteckenderen Delta-Variante ebenfalls lange genug vorhergesagt wurde, damit sich alle darauf hätten einrichten können.

Was jetzt wieder läuft, wird noch Folgen haben, auch die politische Kultur und den gesellschaftlichen Zusammenhalt betreffend. Gesellschaften wie diejenigen in Deutschland können solche Krisen nicht mehr managen, das zeigt sich immer mehr, und der Unterschied im negativen Sinne zu anderen Ländern, die ebenfalls als demokratisch gelten, aber in denen man achtsamer miteinander umgeht und der Comment noch einigermaßen intakt zu sein scheint, ist erschreckend.

Damit fällt, lange nach dem Märchen von der deutschen Effizienz, auch die Erzählung von der überwiegenden Konsensgesellschaft in diesem Land, die ein Ergebnis des Zusammenbruchs der Zivilisation in den 1930ern war, eine Gegenbewegung, die doch einige Jahrzehnte weitgehend das Bild bestimmt hat, endgültig in sich zusammen. Anzeichen dafür gibt es schon länger, unter anderem die Zerstörung des Sozialstaates, den Rechtstrend und nicht umsonst sind wieder sehr viele Rechte unter den Spaltern dieser Tage. Aber man kann sagen, jetzt ist es amtlich: Die Reaktionsunfähigkeit der Politik beruht, anders als zu Beginn der Pandemie, auch darauf, dass die Verantwortlichen Angst vor diesen rüden und nicht selten latent oder offen gewalttätigen „Querdenkern“ haben. Was diese Schein-Freiheitlichen damit nebenbei nicht nur selbst gelernt, sondern auch uns allen vermittelt haben: Im politischen Ernstfall wird uns kein Rechtsstaat vor ihnen schützen.

TH

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