In der Hitze der Nacht (In the Heat of the Night, USA 1967) #Filmfest 653 #Top250

Filmfest 653 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (78)

In Memoriam Sidney Poitier

In der Hitze der Nacht (engl. Originaltitel: In the Heat of the Night) ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Norman Jewison aus dem Jahr 1967. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von John Ball. Der Roman wurde eigens für Sidney Poitier adaptiert,[2] der den Ermittler Virgil Tibbs spielt. Sein Antagonist ist Rod Steiger als William Gillespie. Der Film erzählt die Geschichte eines afroamerikanischen Polizeidetektivs aus dem Norden der USA, der einen Mordfall in einer Kleinstadt im vom Rassismus geprägten Süden aufklären soll. Die Mirisch Corporation produzierte den Film für den Filmverleih United Artists. Der Titelsong wird von Ray Charles interpretiert.

Es ist Zufall, dass wir diesen Film im Rahmen der US-Chronologie innerhalb des Filmfests ohnehin als einen der nächsten besprochen hätten. Aber der Tod von Sidney Poitier, der vorgestern gemeldet wurde, macht ihn zu einer Widmung für den Schauspieler, der so viel für die afroamerikanischen US-Bürger:innen getan hat. Er war in der Bürgerrechtsbewegung aktiv, beim „Marsch auf Washington“ 1963 dabei, gewann für „Lilien auf dem Felde“ 1964 den ersten Hauptdarsteller-Oscar als Person of Color und jeder seiner Filme ist auch ein Statement gegen den Rassismus in den USA. Zuletzt hatten wir, ebenfalls aus dem Jahr 1967, „Rat mal, wer zum Essen kommt“ rezensiert, der eine ähnliche wichtige filmhistorische Stellung hat wie „In der Hitze der Nacht.“ Vielleicht müssen wir diesen auch als Krimi interessanten Film noch einmal auf andere Weise besprechen, aber wir haben zumindest eine „Dual-Rezension“ aus dem Jahr 2016 vorliegen, die wir –> nach der Handlungsbeschreibung zeigen.

Handlung (1)

Als in der Kleinstadt Sparta im Bundesstaat Mississippi der reiche Investor Colbert ermordet aufgefunden wird, glaubt der Polizeichef Gillespie schnell, den Schuldigen gefunden zu haben. Schon kurz nach dem Mord nimmt Officer Wood den Schwarzen Tibbs, der vorgibt, auf der Durchreise zu sein und auf seinen Anschlusszug zu warten, am Bahnhof fest. Ohne ihn zu befragen und ohne jeden Hinweis auf einen Verdacht wird Tibbs allein wegen seiner Hautfarbe auf die Polizeiwache gebracht und dem Polizeichef als Täter präsentiert.

Als sich herausstellt, dass Tibbs Mitarbeiter der Mordkommission Philadelphias ist und sein Chef am Telefon anregt, den Ermittlern vor Ort unter die Arme zu greifen, kommt es zu einer Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Chef der örtlichen Polizei. Die ist jedoch geprägt von Vorbehalten und gegenseitigem Misstrauen. Polizeichef Gillespie kann seine rassistische Grundhaltung oft nicht verbergen und fällt bei jedem Streit mit Tibbs in sein gewohntes Handlungsmuster gegenüber Schwarzen zurück. Doch lernt er im Verlauf der Ermittlung immer mehr Tibbs’ Arbeit zu schätzen und seine Qualitäten zu respektieren. Gillespie rettet Tibbs sogar das Leben, als sich gegen ihn ein Lynch-Mob formiert.

Auch der schwarze Detektiv bleibt nicht ohne Makel, zunächst lässt auch er sich bei der Suche nach dem Mörder von seinen Vorurteilen leiten und verdächtigt den rassistischen Baumwollfarmer Endicott. Als Tibbs dann den Mörder tatsächlich entlarvt hat und die Heimreise antreten kann, begleitet ihn der Polizeichef schließlich persönlich zum Zug, Tibbs’ Reisekoffer tragend. Die beiden verabschieden sich mit gegenseitigem gewachsenen Respekt füreinander.

Rezension von Anni & Tom

Anni:  Das ist einer von den Filmen, wegen denen wir diesen Job miteinander machen, oder? Spannend, realistisch, und mit einer klaren Aussage und Ansage. Aber was waren das auch Zeiten. 1967 wurde Martin Luther King erschossen. Nein, das war 1968, und Robert F. Kennedy im selben Jahr.

Tom: Und 1964 war der Civil Rights Act in Kraft getreten, der die afroamerikanische Bevölkerung rechtlich gleichstellte. Nach fast 10 Jahren Bürgerrechtsbewegung. Und im selben Jahr hatte Sidney Poitier für „Lilien auf dem Felde“ als erster farbiger Schauspieler überhaupt einen Hauptrollen-Oscar erhalten. Das waren noch vorwärts bewegte Zeiten, wenn man von den Attentaten absieht.

Anni: Und dem Vietnamkrieg, der damals voll im Gang war.

Tom: „Heat oft he Night“ bekam fünf Oscars, einen davon als bester Film des Jahres, Rod Steiger bekam für seine Cop-Figur einen Hauptrollen-Oscar.

Anni: Virgil Tibbs, also Poitier, war genauso gut, aber schon wieder ein Oscar für ihn war der AMPAS dann doch etwas zu viel. Aber schon interessant, dass „Heat of the Night“ in der Kategorie „bester Film“ über „Bonnie und Clyde“ gesiegt hat, und über „Die Reifeprüfung“. Letzteres find ich okay, bei „Bonnie und Clyde“ bin ich mir nicht so sicher. Aber den haben wir ja bisher nicht rezensiert, weil Herr T. den Film nicht mag.

Tom: Ich weiß, dass der Hype um „Bonnie and Clyde“ Kritikerkarrieren begründet und andere beendet hat, die sich diesem Hype widersetzten, aber da ich nicht Zeitungsangestellter bin – „Heat oft he Night“ verdient den Oscar als bester Film des Jahres eher.

Anni: Von der politischen Aussage her sicher, aber rein filmisch st er viel konventioneller.

Tom: Nicht so blutgetränkt? In der Tat war „B & C“ da ein Trendsetter. Aber stellenweise ist auch „Heat oft he Night“ super gefilmt, sehr dynamisch von den Einstellungen, mit subjektiver Kamera und Gegenständen, die sich direkt ins Bild bewegen, wie dem grusligen Auto der Lynchmob-Bubis.

Anni: Ein Auto, das als Kennzeichen nur eineSüdstaaten-Flagge hat, also wirklich. Da hätte die Polizei doch schon einschreiten müssen. Aber jenseits von „Bonnie und Clyde“ ist „Heat“ ein wirklich großer Film, das sagte ich eingangs. Ich möchte in so einem Nest wie diesem Sparta in Mississippi nicht begraben sein. Und leben auch nicht. Sind die Südstaaten der USA wirklich so?

Tom: Realistisch, hast du ja eben auch gesagt. Und die heutigen Kritiker sehen es ebenso, auf „Rotten Tomatoes“ hat der Film satte 95 % positive Bewertungen, die anderen fünf Prozent sind vermutlich Rassisten. Auch das Publikum gibt 92 % und auf der AFI-Liste der besten 100 US-Filme aller Zeiten, erneuerte Ausgabe 2007, kommt er auf Rang 47.

Anni: In der IMDb kriegt er 8,0/10. Super Wert, aber reicht nicht für die Aufnahme in die Top 250.[2]

Tom: Das hat auch mit der Überbewertung neuerer Filme in der Liste zu tun, aber ich finde es auch einen Tick zu wenig. Was sagst du denn als Mitschreiberin an der TatortAnthologie zu dem Film als Krimi?

Anni: Also, da ist er nur durchschnittlich. Da finde ich „Bonnie und Clyde“ als Thriller … okay, okay, du magst den Film mit dem Gaunerpärchen nicht, dabei ist er so wildromantisch.

Tom: Das ist „Heat of the Night“ natürlich nicht. Virgil Tibbs hat keine Frau und findet auch keine, in die er sich verlieben kann. Auch sein Gegenpart, Polizeichef Gillespie, ist einsam. Einmal sitzen die beiden dann zusammen, kommen einander näher, aber direkt hat der Weiße wieder Angst vor zu viel Nähe. Das hat aber nicht nur mit dem latenten Rassismus zu tun. Das ist auch Männerkram, die beiden kennen einander ja kaum.

Anni: Du musst es wissen. Aber die Weißen werden hier so hässlich dargestellt, innerlich wie äußerlich, wie wohl kaum in einem Hollywoodfilm zuvor. Ein paar Jahre vorher gab es auch schon sozial engagierte Filme, aber eben noch weitgehend aus weißer Sicht, mit aufgeklärten, netten Leuten wie Anwalt Atticus Finch in „Wer die Nachtigall stört“. Von einigen „Black Musicals“ abgesehen, wird hier wohl zum ersten Mal ganz aus der Perspektive eines Afroamerikaners gefilmt, wenn auch natürlich von einem weißen Filmstudio und einem weißen Regisseur. Bis auch die Regisseure Afroamerikaner sein konnten, dauerte es dann nochmal etwa 20 Jahre, bis Spike Lee kam, in etwa.

Tom: Und bis „Mississippi Burning“ (1988) gedreht wurde, der nicht nur im selben Bundesstaat spielt, sondern die Handlung quasi variiert. Er spielt ja auch in den 1960ern, die rassistische Gewalt und die niedrigen Weißenfiguren werden noch mehr betont, die Haupfiguren sind aber selbst da wieder zwei weiße Cops aus der Großstadt, während 1967 schon ein farbiger Polizist der Indentifikationsträger sein durfte. Daran sieht man, wie fortschrittlich der Film ist.

Anni: Und „Shaft“ als Großstadtcop? Nein, er war ja Detektiv und in seiner Zeit doch eher eine Ausnahme, in der humoristischen Variante durften Schwarze dann Mitte der 1980er mitmachen, in „Nur 48 Stunden“ und solchen Filmen.

Tom: Eigentlich waren farbige Darsteller in Hauptrollen erst in den 1990ern üblich geworden, in den wiederum liberalen Clinton-Zeiten. So lange hat das noch gedauert, und man merkt „Heat of the Night“ an, dass der Film ein hohes Bewusstsein dafür hat, dass die Verkündung der Bürgerrechte noch lange nicht bedeutet, dass sie sofort umgesetzt werden können und vor allem, dass die rassistische Einstellung im Süden der USA sich ändert.

Anni: Denk bloß an den Aufruhr erst letztes Jahr, als unbewaffnete Schwarze erschossen wurden und sie dann endlich die Südstaaten-Flagge mal vor dem Regionalparlarment weggenommen haben. Das wäre, als ob man bei uns in manchen Gegenden noch die Naziflagge neben Schwarz-Rot-Gold hissen würde.

Tom: Das kann man nicht vergleichen. Es war eben die Flagge, die im Bürgerkrieg entstand, aber die unreflektierte Verwendung ist in der Tat ein Problem, und manchmal wird damit natürlich, nicht unreflektiert, eine rassistische Einstellung dargeboten. Aber in den USA wird mir eh zu viel mit der Flagge rumgeschwenkt, auch mit der offiziellen.

Anni: Dafür haben sie aber auch solche Filme gemacht – New Hollywod, oder?

Tom: Ja, ich glaube, „Heat oft he Night“ sollte man „New Hollywood“ zurechnen. Filmsprachlich war das ja kein radikaler Wechsel, sondern ein fließender Übergang vom klassischen Hollywoodfilm zu den 1970ern, als die heutige Dialogsprache am Ende fast ausentwickelt war. Nicht wie die Nouvelle Vague, alles anders machen als bisher. Aber die Themen und der Umgang mit ihnen, diese neue Offenheit, waren faszinierend.

Anni: Du merkst, dass die Leute noch an etwas geglaubt haben, nämlich, dass alles besser werden kann. Aber damit Tibbs mehrheitsfähig ist, haben sie ihn betont elegant und zivilisiert dargestellt. Für manchen einfachen Südstaatler vielleicht eine Provokation, weil er so überlegen wirkt, aber für die meisten Amerikaner wohl genau der Schwarze, den sie sehen wollten. Kurz darauf hat Sidney Poitier ja dann auch in „Rat mal wer zum Essen kommt“ den ersten Afroamerikaner spielen dürfen, der ein weißes Mädchen heiratet.

Tom: In dem Film war er als Arzt natürlich auch über soziale Zweifel erhaben. Das war übrigens erst möglich, nachdem 1964 der Production Code aufgehoben worden war, der „gemischtrassige“, interethnische Liebesbeziehungen im Film nicht guthieß.

Anni: Das Schauspiel ist wirklich klasse – so ziemlich genau auf der Kante zwischen dem klassischen Hollywoodfilm und dem New Hollywood-Kino und der heutigen Spielweise.

Tom: Ja, ein Übergangsfilm, mit Elementen des Alten und des Neuen. Zum Beispiel die Gewächshausszene, die ist richtig theatermäßig, könnte aus einer Tennessee-Williams-Verfilmung von etwa 1960 sein, dafür ist die Darstellung des weißen Mobs schon überwiegend jetztzeitig, ebenso die Art, wie die Cops und ihr Revier als ziemlich basic rübergebracht werden.

Anni: Das ist auch so ein Punkt, die Rückständigkeit und relative Armut der Leute dort, und wo viel Armut, da viel Neid und meist auch diese spezielle, bedrückend offensichtliche Form von Rassismus, die auf Schuldverschiebung beruht. Unter anderem, nicht ausschließlich. Eine miese Gegend, wirklich. Normale, nette Menschen sieht man gar nicht. Da wird Mister Tibbs automatisch zum Rettungsanker der Zivilisation.

Tom: Das ist sicher sehr pointiert, gerade, weil er auch im Auftritt den Weißen so überlegen ist, und er stammt ja auch aus dem Nordosten des Landes. Aber den Kriminalfall handeln wir schnell ab, wie?

Anni: Naja, die Ermittlungen von Tibbs sind nach heutigen Maßstäben auch eher einfach, selbst wenn er damit den anderen Cops vor Ort schon meilenweit voraus ist. Und wozu er manche von den Substanzen braucht, die er ordert, wird nicht erklärt. Spannen ist vor allem die Entwicklung der Stimmung in diesem eh sehr stimmungsvollen Film – wie kommt Tibbs durch die Sache durch, wie entwickelt sich sein Ding mit Gillespie. Alles andere ist zweitrangig, auch der Fall.

Tom: So, ich hab meine Punkte aufgeschrieben.

Anni: Ich auch. Ich gebe 8,5/10.

Tom: Ich sage 9/10.

Anni: Tja, nach deiner Theorie, dass 0,75 abgewertet, nicht aufgewertet wird, müssen wir bei 8,5 bleiben. Bisschen schade schon.

Tom: Dann haben wir ja noch etwas Platz nach oben für deinen Liebling des Jahres, Bonnie und Clyde“. 

Anni: Vermutlich wirst du den alleine rezensieren.

85/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf: 2016)

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia

[2] Der Metascore der US-Kritiker liegt „nur“ bei 75/100, Stand Januar 2022. Die IMDb-Nutzerwertung liegt aktuell noch bei 7,9/10. Der Film war dennoch in den Jahren 1999 bis 2013 in der Top-250-Liste zu finden, wie einige weitere Werke am Wendepunkt zu New Hollywood. Deswegen unterfällt er auch unserem Projekt, alle jemals in dieser Liste enthaltenen Filme im Laufe der Jahre auf dem Filmfest vorzustellen.

Regie Norman Jewison
Drehbuch Stirling Silliphant
Produktion Walter Mirisch
Musik Quincy Jones
Kamera Haskell Wexler
Schnitt Hal Ashby
Besetzung

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