Als ich tot war (DE 1916) #Filmfest 657

Filmfest 657 Cinema 

Ich wär‘ viel lieber tot, als immer der Idiot 

Als ich tot war ist ein deutscher Stummfilm in drei Akten von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1916. Seine Premiere erlebte der Film unter dem Zensurtitel Wo ist mein Schatz?

Nach Paul Wegeners „Der Student von Prag“ aus dem Jahr 1913 ist dies der zweitälteste deutsche Film, den wir für das Filmfest besprechen. Möglich geworden ist das nur, weil der Film in den 1990ern wiedergefunden (und vor einigen Jahren auf Arte ausgestrahlt) wurde und weil Lubitsch zwar nicht tot war, nachdem er diesen Film gedreht hatte, aber 1947 bereits verstarb. Dadurch ist diese Komödie mittlerweile gemeinfrei.[1]

Handlung[2]

Trotz des Protestes von Ehefrau Paula[3] und der Schwiegermutter verbringt Ernst den Abend in einem Schachclub. Die Rache folgt, als er nachts nach Hause kommt: Die Schwiegermutter hat die Kette vorgelegt und Ernst kommt daher nicht in die Wohnung. Er entkleidet sich im Treppenhaus, wo er übernachtet und am nächsten Tag eine Hausbewohnerin bei seinem Anblick in die Flucht schlägt – die Kleider, mit denen er sich nachts noch zugedeckt hatte, sind verschwunden. Zurück in der Wohnung wird Ernst bald von seiner garstigen Schwiegermutter vertrieben. Da auch seine Ehefrau ihm schriftlich eröffnet, dass einer von beiden die Wohnung für immer verlassen muss, täuscht er schließlich Selbstmord vor: In einem Brief an seine Frau schreibt er, dass er sich umbringen werde und verlässt die Wohnung. Die nächste Zeit kostet er seine neugewonnene Freiheit aus, wird dieser jedoch bald überdrüssig.

Paula und die Schwiegermutter suchen per Anzeige einen Diener, und Ernst, der in seinem Club die Anzeige in der Zeitung liest, bewirbt sich auf den Posten. Beide stellen prompt den verkleideten Ernst ein. Der schafft es durch allerlei Tricks, den neuen Verehrer Paulas aus dem Haus zu ekeln. Er selbst offenbart sich der um ihn trauernden Paula am Ende, als er die Schwiegermutter verjagt hat, und es kommt zum Happy End.

Produktion, Restaurierungsgeschichte und Kritiken[4]

Als ich tot war wurde im Dezember 1915 von der Zensur beanstandet: Er erhielt ein Jugendverbot und musste in den unverfänglichen Titel Wo ist mein Schatz? umbenannt werden, unter dem er am 25. Februar 1916 seine Uraufführung erlebte.

Der Film galt bis in die 1990er-Jahre als verschollen. Robert L. Carringer und Barry Sabath vermuteten 1978, dass Als ich tot war mit dem von Louis Ralph 1915 gedrehten Stummfilm Wie ich ermordet wurde … identisch ist,[1] was jedoch bereits in den 1980er-Jahren unter anderem wegen verschiedener Zensurdaten nicht mehr in Betracht gezogen wurde.[2] Zu Beginn der 1990er-Jahre wurde schließlich eine fast vollständige Kopie von Als ich tot war in der Slovenska Kinoteka in Ljubljana gefunden und zum ersten Mal 1995 auf dem Stummfilmfestival Le Giornate del Cinema Muto in Pordenone gezeigt.[3] Hier fehlt ein Stück des ersten Akts sowie das Ende mit der Versöhnung von Ernst und Paula. Es handelt sich um eine viragierte Fassung des Films, die heute wieder unter dem Titel Als ich tot war gezeigt wird.

Die Kritik ordnete Als ich tot war als „Farce“ ein[4] bzw. bezeichnete den Film als „famoses Lustspiel“: „Lubitsch gibt diese Rolle in so urdrolliger Weise, daß man faktisch aus dem Lachen nicht herauskommt“.[5]

Lubitsch wiederum sah rückblickend 1947 seine Rolle als ersten Versuch einer ernsten Hauptrolle an, die beim Publikum seiner Erinnerung nach jedoch durchfiel:

„Wie jeder Komödiant wollte ich eine ernsthafte Hauptrolle spielen, eine Art Bonvivant-Rolle. Also schrieb ich zusammen mit meinen Mitstreitern das Drehbuch zu Als ich tot war. Dieser Film wurde ein totaler Reinfall, weil mich die Zuschauer nicht in einer ernsthaften Hauptrolle akzeptierten.“ – Ernst Lubitsch 1947[6]

Die Kritik ordnete Als ich tot war als „Farce“ ein[4] bzw. bezeichnete den Film als „famoses Lustspiel“: „Lubitsch gibt diese Rolle in so urdrolliger Weise, daß man faktisch aus dem Lachen nicht herauskommt“.[5]

Lubitsch wiederum sah rückblickend 1947 seine Rolle als ersten Versuch einer ernsten Hauptrolle an, die beim Publikum seiner Erinnerung nach jedoch durchfiel:

„Wie jeder Komödiant wollte ich eine ernsthafte Hauptrolle spielen, eine Art Bonvivant-Rolle. Also schrieb ich zusammen mit meinen Mitstreitern das Drehbuch zu Als ich tot war. Dieser Film wurde ein totaler Reinfall, weil mich die Zuschauer nicht in einer ernsthaften Hauptrolle akzeptierten.“ – Ernst Lubitsch 1947[6]

Rezension

Die Frage, ob die Zensur den Titel geändert haben wollte, weil mitten im Krieg das Spiel mit einem Selbstmord nicht als witzig empfunden wurde oder ob es dabei um religiöse Aspekte ging, kann ich nicht beantworten, vielleicht spielte beides eine Rolle. Ansonsten aber war ebenjene Zensur damals vergleichsweise liberal und hat keine weiteren Auflagen erteilt. Ja, das Jugendverbot, aber wir sind im Jahr 1916, noch ist die Ordnung einigermaßen intakt. Das ist zwar bekannt, aber ob ich im Jahr 1916 vor Lachen flachgelegen hätte, als junger Mensch zum Beispiel, der sich zusammen mit dem Kino darum bemüht, erwachsener zu werden, kann ich nicht sagen. Wir können heute unmöglich die Publikumsrezeption vor mehr als 100 Jahren bei einem so neuen Medium wie der Film es damals war, nachfühlen. Beim Theater mag das bis zu einem gewissen Grad anders sein sowohl ernste Stük als auch Komödien sind erstaunlich durabl, über die Veränderungen des Zeitgeistes hinweg, sie werden vom heutigen Bildungspublikum, das sich im Theater einfindet, das gilt besonders für Dramen, mehr intellektuell als emotional rezipiert.

Um es mal so zu sagen: Auch bei frühen Filmen von Charles Chaplin, Buster Keaton und anderen überwiegt bei mir oft das Interesse, das genaue Hinschauen den Spaß. Es liegt aber einfach daran, dass diese frühen Filmkomödien zu simpel sind, für Menschen, die heute mit dem Medium Film zugange sind, zu wenig bieten, als dass man noch ungehemmt losgrölen würde. Es fehlt oft der doppelte Boden, es fehlt das Ungewöhnliche, der Thrill. Das gilt schon nicht mehr für Filme, die nur wenige Jahre später entstanden sind und heute noch als Meisterwerke gelten, inklusive der Lubitsch-Komödien. Der älteste Lubitsch, den wir bisher rezensiert haben, ist „Die Puppe“, und dieser ist doch gegenüber „Als ich tot war“ erheblich vorangeschritten. Wie so viele Filmemacher damals, die noch n nicht die Möglichkeit hatten, an Filmhochschulen das lange Format von der Pike auf zu lernen und aufgrund begrenzter technischer und finanzieller Möglichkeiten tasteten sie sich schrittweise vor. Das kann man bei Lubitsch sehr gut nachvollziehen. „Als ich tot war“ kommt auf 35 Minauten Spielzeit und ist ein Zwei- oder Drei-Reeler in drei Akten, Langspielfilme hatten wenige Jahre später schon fünf oder sechs Filmrollen und ebenso viele Akte. Die nächste Lubitsch-Komödie, die wir sichten und besprechen werden, ebenfalls erstmalig gesehen in der Arte-Session vor einigen Jahren, ist „Ich möchte kein Mann sein“ (1918), der schon ganz hübsch frivol daherkommt, in dem Lubitsch schon sein Medium, die Komödiantin Ossi Oswalda, gefunden hatte und der etwa 47 Minuten Spielzeit aufweist, „Die Puppe“ schon 66 Minuten.[5]

Seine Vielseitigkeit stellte er bald darauf mit Genremix-Filmen wie „Carmen“ und dann mit Großproduktionen, allen voran „Madame Dubarry“ und „Anna Boleyn“ (1920) unter Beweis, die zeigten, wie schnell sich Talent entwickelt, wenn es den Raum dazu erhält. In Hollywood, wo es nur wenigen Regisseuren gelang, in allen Genres arbeiten zu dürfen, spezialisierte sich Lubitsch dann wieder auf Komödien, die nicht eine so lange Spielzeit aufwiesen, wie es bereits die beiden soeben genannten Filme taten, dafür aber hatten sie den „Lubitsch-Touch“.

Ist dieser auch schon in „Als ich tot war“ zu verspüren? Nun ja, wenn man vom Allgemeinen ins Besondere hineinsticht und so herangeht: Der Film ist von Lubitsch, also muss der Lubitsch-Touch doch schon irgendwo in ihm angelegt sein. Der Rollentausch, die seltsame Szene im wackeligen Kulissen-Auto mit der Schwiegermutter, das Gepräge des gesamten häuslichen Szenarios, darin kann man eine Handschrift erkennen, die noch subtiler werden würde, aber ich habe zum Beispiel nicht so recht verstanden, was an der Szene im Auto so peinlich gewesen sein soll, dass die Schwiegermutter sich daraufhin zum Verschwinden nötigen lässt. Es gibt vor allem für diesen Kuss oder whatever es darstellen soll über Standesgrenzen und Altersgrenzen hinweg keine Zeugen. Die Idee an sich muss damals aber schon recht offensiv gewesen sein und das zeitgenössische Publikum hatte einen anderen Zugang zu Übertretungen als zum Beispiel der hier schreibende Rezipient des Jahres 2022.

Den bloß wegen eines Schach-Abends, der tatsächlich nur ein Schach-Abend ist, vom Zaun gebrochenen Familienstreit fand ich nicht einmal witzig, sondern nur spießig und nervig, aber das Schwiegermuttermonster als solches ist offenbar ein Stereotyp, dessen Auftreten bereits Schauer beim Zuschauer auslöst, nicht so sehr bei den Zuschauerinnen. Nicht nur in deutschen Komödien kommen die Schwiegermütter oft sehr schlecht weg, arbeiten sich Filmemacher an ihren eigenen Traumen ab, die sie sich mit der Ehe einhandeln. Vermutlich geht es vielen Frauen ähnlich, denn Mütter und Söhne und die Frau, die endlich für den Sohn gut genug ist, das ist ein Thema für sich. Eigentlich müsste von Männern eher der Schwiegervater als Problem dargestellt werden, das gibt es ja auch, aber es ist nun einmal die Schwiegermutter der Inbegriff des Elefanten bzw. der Elefantin im familiären Raum. Das kommt, sorry, ist mir auch beinahe peinlich, bei der hier gezeigten Dame die am Hohenzollerndamm wohnt, optisch ganz gut heraus.

Das genaue Gegenteil ist das hoch aufgeschossene, dünne Dienstmädchen. Lubitsch, der offenbar recht klein gewachsen war, hat kein Problem damit, Komik durch Kontraste zu produzieren wie denjenigen, dass Frauen im Bild sind, die ihn um Haupteslänge überragen. So etwas wäre Charles Chaplin nie passiert, er achtete immer strikt darauf, dass ihn keine weibliche Person überragte, das gilt im Wesentlichen auch für andere Komiker.

Eine weitere Unschärfe in dem Film stellt für mich ebenjenes Verhältnis zwischen dem zum Diener gewandelten Ehemann und jenem Dienstmädchen dar. Auf mich wirkte es zunächst, als ob sie den Trick als einzige erkenne, das hätte ich auch im klassenpolitischen Sinne als eine gute Idee empfunden, aber auch sie wirkt am Ende so überrascht, dass sie das Geschirr fallen lässt, als sich der Diener wieder als Herr zu erkennen gibt. Alsbald sollte man Lubitsch, obwohl er damals als guter Komiker galt, nicht mehr selbst in seinen Filmen auftreten sehen. Das größere Genie, das sehe ich auch so, steckt in seiner Arbeit hinter der Kamera und es ist generell schwierig, sich als Schauspieler so zu dirigieren, dass man als Regisseur zufrieden ist. Sicher, das gab und gibt es immer noch, aber wenn Darsteller ins Regiefach wechseln, ist es mir persönlich lieber, sie nehmen nur diese Rolle ein.[6]

Finale

Ein Anfängerfilm ist „Als ich tot war“ nicht, bereits in 16 Kinostücken war Ernst Lubitsch zuvor als Darsteller aufgetreten und in sieben hatte er Regie geführt. Man bemerkt die bereits vorhandene Erfahrung durchau, denn der Stil wirkt flott und flüssig, von einigen Sprüngen abgesehen, die auf möglicherweise fehlende Metrage zurückzuführen sein könnten. Eine oder zwei Einstelklungen sind viel zu kurz geraten, wirken wie Fremdkörper oder Fragmente, aber das ist für Filme dieses Alters, speziell für deutsche Produktionen, die oft eine bewegte Geschichte hinter sich haben, so ungewöhnlich nicht. Auch der Hinweis in den Produktionsnotizen, dass einige Minuten fehlen, muss dabei in Betracht gezogen werden. Vermutlich hätte der Film ansonsten die übliche Spielzeit eine Three-Reelers von ca. 45 Minuten aufgewiesen. Schade, die Versöhnung hätte ich schon gerne noch genossen.

Was nehme ich vom nunmehr Gesehenen mit? Interessant war’s, zumal wir die frühen deutschen Kinojahre beinahe als Lubitsch-Retrospektive ausgestalten werden, aber der komödiantische Impact des Films und einer Figur, die zwischen feinem Herrn (und gutem Schachspieler) und Faun wechselt, hat ihre Grenzen. Im Kontext der Entstehungszeit des Films:

60/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie

Ernst Lubitsch

Drehbuch

Ernst Lubitsch

Produktion

Paul Davidson
für Projektions-AG „Union“

Besetzung

·         Ernst Lubitsch: Schachspieler Ernst
·         Luise Scheurich: Paula
·         Helene Voss: Schwiegermutter
·         Julius Falkenstein: Paulas Verehrer

[1] Ich war mir sicher, dass ich nach der ARTE-Ausstrahlung bereits eine Kritik geschrieben hatte, aber vermutlich fiel das Vorhaben einem Tausch des Media-Receivers zum Opfer, ohne dass die bisherigen Aufzeichnungen übertragbar gewesen wären (Pfui, Telekom!) oder er schlummert noch auf einer DVD, während wir mittlerweile aufgrund der Orientierung an „Das Internationale Filmverzeichnis Nr. 8“ unwiderruflich aufgerufen sind, alles zu sammeln und auf dem Filmfest zu zeigen, was wir zu sehr alten deutschen Werken der Kinematografie bisher verfasst haben – und Neues beizufügen, wie zum Beispiel diesen Text.

[2] + kursiv, tabellarisch, zitiert: Wikipedia

[3] In einem Brief an ihren Ehegatten, in dem sie ihre Scheidungsabsicht ankündigt, zeichnet sie als Louise, was der Logik entspricht, denn Ernst Lubitsch tritt in seiner Rolle auch mit seinem richtigen Namen auf.

[4] Wikipedia

[5] So linear verlief die Entwicklung freilich nicht, sie ist überschlägig dargestellt. Schon Filme aus der Zeit vor 1916, in denen Lubitsch nur als Darsteller mitgewirkt hatte, waren „Three-Reeler“ von ca. 45 Minuten Länge, „Carmen“ von 1918, der vor „Die Puppe“ entstand und mit dem Lubitsch auf eine sehr interessante Weise Komödiantisches und Tragisches verbindet (Rezensionsvorstellung auf dem Filmfest folgt in Kürze), weist bereits 80 Minuten Spielzeit auf und dann kamen die „Großfilme“, wie „Madame Dubarry“ und „Anna Boleyn“, die letztlich so bekannt wurden, dass sie Lubitschs nahtlose Einbindung ins Studiosystem von Hollywood ermöglichten.

[6] Unbeschadet der Ausnahmen, wie „Unforgiven“ von Clint Eastwood.

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