Kanonenboot am Yangtse-Kiang (The Sand Pebbles, USA 1966) #Filmfest 658

Filmfest 658 Cinema

Kanonenboot am Yangtse-Kiang ist ein von Robert Wise inszeniertes Filmdrama aus dem Jahr 1966 nach dem gleichnamigen, 1962 erschienenen Roman von Richard McKenna. Es kam in den USA am 20. Dezember 1966 im Verleih der 20th Century Fox in die Kinos (in Deutschland am 23. März 1967).

„Kanonenboot am Yangtse-Kiang“ läuft fast drei Stunden, ist aber kein klassisches Epos, wie sie in jenen Mittsechzigern durchaus noch gedreht wurden, etwa „Doctor Zhivago“. Vier Jahre arbeitete Regisseur Robert Wise an dem Film und drehte zwischendurch den herausragend erfolgreichen „The Sound of Music“, den vorerst letzten Musical-Blockbuster über das Leben der österreichischen Chorfamilie Trapp. Wise wurde mit zwei Regie-Oscars ausgezeichnet und beherrschte, ähnlich wie Billy Wilder, mehrere Genres gleichermaßen gut. Mit einer Ausnahme: Im Komödienfach hat Wise sich nicht besonders hervorgetan, sondern als Regieassistent bei Orson Welles gelernt, wie man wuchtige Dramen inszeniert. Hat „The Sand Pebbles“, wie der Film im Original ganz unkriegerisch heißt, davon profitiert? Wir werden es in der –> Rezension analysieren.

Handlung (1)

Der Film spielt 1926 während des Chinesischen Bürgerkriegs. Maschinist Jake Holman wird vom Flaggschiff der US-Asienflotte auf das Fluss-Kanonenboot USS San Pablo der „Yangtse-River-Patrol“ versetzt. Er wehrt sich gegen die langweilige Routine auf dem Schiff. Holman soll die Arbeit an seinen geliebten Maschinen einem chinesischen „Kuli“ überlassen. Der von ihm angelernte Chinese Po-Han wird dennoch zu einem Freund; sein einziger anderer Freund an Bord ist der Matrose „Frenchy“ Burgoyne. Der Rest der Besatzung steht dem eher introvertierten Holman skeptisch, teilweise sogar ablehnend gegenüber. Später gewinnt Holman die Liebe der jungen Lehrerin Shirley Eckert, die er bei der Anreise auf einem Flussdampfer kennengelernt hat. Diese ist zusammen mit dem Missionar Jameson unterwegs, um eine Schule für Chinesen aufzubauen und so zur Völkerverständigung beizutragen.

Für Teile der chinesischen Bevölkerung ist das Kanonenboot eine Provokation. Als Po-Han bei einem Landgang von einem Mob vor den Augen der Besatzung am Flussufer zu Tode gefoltert wird, erschießt ihn Holman vom Boot aus mit einem Gewehr, um ihm die Qualen zu ersparen. Damit handelt er gegen den Befehl des Kommandanten Collins, der eine Eskalation befürchtet hat, die aber ausbleibt.

Frenchy hat unterdessen eine chinesische Freundin namens Mai Li, die er vor der Prostitution rettet und später – gegen die Marine-Vorschriften – zur Frau nimmt. Als die San Pablo den Winter über vor Anker liegt, schwimmt er heimlich mehrfach im eisigen Wasser an Land, um sie zu besuchen. In Mai Lis Wohnung stirbt er in der Folge an einer Lungenentzündung, worauf diese von chinesischen Nationalisten ermordet und der Mord Holman in die Schuhe geschoben wird. Die aufgebrachte Bevölkerung verlangt daraufhin dessen Auslieferung, was der Kommandant der San Pablo jedoch ablehnt. Um eine Enterung des Kanonenboots zu verhindern, befiehlt er, Warnschüsse auf die sich nähernden Boote abzugeben. Die gegen Holman eingestellte Besatzung sieht jedoch eine Chance, den ungeliebten Schiffskameraden auf diese Weise loszuwerden, und verweigert die Ausführung. Schließlich muss der Kommandant selbst die Schüsse abgeben, worauf zwar die bedrohliche Situation abgewendet wird, er selbst sieht sich jedoch – erschüttert von der meuterischen Haltung seiner Untergebenen – zutiefst in seiner Offiziersehre gekränkt und überlegt, Selbstmord zu begehen.

Als die Situation entlang des Yangtse eskaliert und es zu Gewalttaten gegen US-Bürger kommt, ergeht Befehl an das Kanonenboot, sich für einen Einsatz bereitzumachen. Durch diese Entwicklung sieht der Kommandant eine Möglichkeit gekommen, seine Ehre durch einen erfolgreichen Einsatz wiederherzustellen. In vorauseilendem Gehorsam plant er selbstständig einen Kampfeinsatz, um den bereits zuvor begleiteten gefährdeten Missionar Jameson und die Lehrerin Shirley Eckert zu evakuieren. Auf dem Weg dorthin durchbricht die San Pablo in einem blutigen Gefecht eine militärische Flussabsperrung. In Notwehr versetzt Holman dabei einem jungen Chinesen einen tödlichen Hieb, den er entsetzt als einen der hoffnungsvollsten Schüler seiner Freundin Shirley wiedererkennt.

Rezension

Es wäre interessant, zu erfahren, ob „Kanonenboot“ schon 1963, als die Arbeiten daran begannen, schon mit dem pessimistischen Einschlag begannen, der ahnungsvoll das vorwegnimmt, was sich in Vietnam ereignen sollte. Eine Allegorie auf den Vietnamkrieg ist „Kanonenboot“ auf jeden Fall.

Der film-dienst bezeichnete Kanonenboot am Yangtse-Kiang als eine „technisch perfekte, eindrucksvolle Großproduktion mit guten Schauspielern“.. Keine so gute Meinung von dem Streifen hat der Evangelische Film-Beobachter. Dessen Fazit lautet: „Betonung der äußeren Handlung und das fatalistische Ende stempeln das großräumige Leinwandepos zu einem mit tragischem Schicksal angereicherten Abenteuer von unklarer Gesinnung. Für Erwachsene, doch nicht sonderlich interessant.“

Wir sind bis heute nicht so recht hinter die Mentalität gestiegen, die eine so überaus moralisierende Bewertung von Filmen rechtfertigen soll, in dem Fall aber hätten wir besondes gerne gewusst, welche Moral denn nun nicht klar genug herausgearbeitet war. Ja, der Film ist ambivalent und zählt heute zu den besten, in denen Steve McQueen mitgespielt hat, trotz des Hurra-Patriotismus, der die USA seit den 1980ern wieder ergriffen hat und trotz der Zweifel daran, die der Film erweckt. Allerdings kann man bestimmte Szenen auf sehr unterschiedliche Art und Weise lesen und das verwirrt Menschen vielleicht, die immer nach Eindeutigkeit streben. Für eine komplette, wilde Absage an den Krieg in Südostasien, erstmals in „Apocalpyse Now“ zu einem allerdings auch wieder blutrünstigen Spektakel verdichtet, bei dem die Gefahr droht, dass vor allem einige martialische Sprüche daraus unsterblich bleiben, hat es natürlich 1966 noch nicht gereicht.

Aber der Tod des Helden sagt einiges und erfühlt das Ende einer Ära, in der moralische Eindeutigkeit und das Eilen von Sieg zu Sieg für Amerikaner selbstverständlich waren. Im Grunde begannen die Zweifel schon mit dem Koreakrieg, aber er führte nicht zu einem Einschnitt im amerikanischen Selbstverständnis, wie der nächste Waffengang in Südostasien. Man hätte es wissen dürfen, dass er und die Missionslehrerin nicht zueinander finden werden, aber da ist ja doch etwas wie Hoffnung, fern der Erkenntnis, dass die ganz großen Melodramen der Filmgeschichte manchmal richtig schlechte Endings hatten („Vom Winde verweht“ noch mit einer vagen Aussicht auf den Tag, der sich „Morgen“ nennt, der erwähnte Doktor Schiwago mit dem frühen Tod des Protagonisten, auch Lawrence von Arabien hat kein typisches Hollywood-End; Robert Wise selbst hat mit „West Side Story“ schon 1960 einen Film gedreht, der tragisch ausgeht).

Wir hatten keine Mühe, drei Stunden in dem Film drin zu bleiben, auch das spricht für die Inszenierung von Wise. Es gibt melodramatische Momente, etwa die Doppel-Liebe zwischen Jake Holman und Shirley Eckert und Jakes einzigem Freund an Bord, Frenchy zu einer Chinesin, die offenbar in den USA gelebt hat oder zumindest eine englische Erziehung genoss. Auch Frenchy stirbt nach etwa zwei Dritteln des Films, was allerdings auch in Melodramen vorkommt, die für die Hauptfiguren ein Happy End bereithalten – der Sidekick muss oft dran glauben, damit dem Drama genüge getan ist. Insofern spielt Wise mit den Erwartungen des Publikums, auch mit unseren, weil wir eben diese klassischen Hollywoodmuster kennen und ein wenig darauf setzten, dass nicht nach dem „Kuli“, den Jake anlernt und Frenchy auch noch Jake selbst sein Leben lassen wird. Das ist eine für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Konstruktion, die aber wieder klar auf Steigerung setzt und  alle Vorgaben der Plotpoint-Theorie einhält, die offenbar unserer Art, Filme zu rezipieren, am meisten entgegenkommt.

Für heutige Verhältnisse ist der Film zwar nicht sehr blutig und sogar etwas langsam, aber auch sehr ereignisreich – es gibt kaum Leerlauf, in diesem langen Werk, in dieser Hinsicht kann sich Wises langes China-Abenteuer beinahe mit den Epen von David Lean messen. Beinahe deswegen, weil die Amplitude zwischen lyrischen und dramatischen Momenten in Leans besten Filmen noch etwas größer ist. „Kanonenboot“ ist auch ein wenig „Die Brücke am Kwai“, ohne Brücke und auf einem Fluss gefilmt, der für die meisten der wichtigen Figuren ein Fluss ohne Wiederkehr ist; der große, gelbe Strom, der Chinas Mitte bildet und im Zeichen für das Reich abgebildet ist.

Bei allen Meriten, die der Film sich erwirbt, wenn es um Differenzierung geht, ist er dennoch klar aus weißer, amerikanischer Sicht gefilmt. Die eine oder andere chinesische Person wird etwas herausgehoben, aber wichtiger als das Schicksal dieser Menschen sind die Konflikte, in denen die Weißen mit den Chinesen stehen und die Konflikte innerhalb der Besatzung des Fluss-Kanonenbootes „San Pablo“, das auf dem Jangtse patrouilliert. Die Mannschaft wird überwiegend als nicht sehr freundlich geschildert und das Kuli-System, das sich an  Bord etabliert hat, wirft auch ein schräges Licht auf die Offiziere, die es dulden.

Womit wir bei der Symbolik dieses System angelangt wären. Für jene, die es explizit brauchen, gibt es noch den Vergleich: Was würden Amerikaner sagen, wenn ein chinesisches Boot auf dem Mississippi als Repräsentant einer kolonialistischen Ordnungsmacht unterwegs wäre? 1966 war lange nicht ausgemacht, dass China selbst ein Imperium werden würde, erst einmal forderte die Kulturrevolution unzählige Opfer, der Film lässt offen, ob China eine innere Ordnung finden würde, die es festigen und sei Potenzial freisetzen würde. Und der Film kündet von einem Land, das sich 1926 zwar langsam erhebt, aber noch arg rückständig ist. Am Ende sind die weißen Uniformen der US-Marinesoldaten befleckt, das Boot verrostet – und zwar schon vor seinem Einsatz flussaufwärts, was wir durchaus symbolisch nehmen dürfen, denn ein paar Monate Winter-Liegezeit würden einen anfangs des Films frisch gestrichen wirkenden, schmucken weißen Kahn in der Realität nicht so mitnehmen.

Der Hass der Chinesen auf die Europäer, falls er einigermaßen realistisch dargestellt ist, wirkt sehr bedrückend, denn man sieht die Untaten nicht, die dazu geführt haben, man ahnt nur die kolonialistische Demütigung. Außerdem kennen wir eher Darstellungen der internationalen Zone von Schanghai während der 1930er, in denen das Verhältnis trotz seines asymmetrischen Gepräges ein anderes zu sein schien, außerdem hatte China mit dem japanischen Kaiserreich ab den frühen 1930ern einen neuen Hauptfeind, dem es zunächst weitgehend hilflos gegenüberstand. Was China heute darstellt, ist beängstigend, weil ganz sicher der Gedanke an Revanche dabei eine Rolle spielt, deswegen glauben wir auch, anders als viele unserer linken Freunde, nicht daran, dass zum Beispiel das Seidenstraßenprojekt auf Reziprozität und faires Miteinander ausgelegt ist. Ob wir es heute verdient haben, für die kolonialistische europäische Politik der Vergangenheit und den anhaltenden US-Imperialismus zu büßen, darüber kann man streiten, aber der Film aus dem Jahr 1966 macht durchaus nachdenklich, weil er auch aggressive Chinesen zeigt. Vor allem natürlich aggressive Kommunisten und man sieht tatsächlich „Go home“-Schilder, wie sie in Westeuropa kurz nach dem Entstehen des Films häufig zum Einsatz kamen – inklusive „Ami“ als erstem Wort.

Was uns etwas irritiert hat, war, dass die USA nicht nur von den Kommunisten gehasst werden, sondern auch von Truppen der Kuomintang in die Schranken gewiesen werden, denn diese waren mit den USA im Grunde verbündet, während die Sowjetunion selbstverständlich die Kommunisten unterstützte. Im Jahr 1926 bekämpften sich beide Gruppen allerdings noch nicht aktiv, sondern bildeten eine Einheitsfrontregierung, um vor allem das nördliche China von der Herrschaft der Clans zu befreien, wie man die dortigen Machthaber heute nennen würde.

„ … Noch deutlicher als Richard Brooks in seinem Western „The Professionals“ kommentiert Robert Wise in diesem Film den Einsatz der USA in Vietnam, Brooks zog die Berechtigung der – amerikanischen Sendung in der Welt in Zweifel, indem er seine Profis ein Mädchen aus den Händen eines mexikanischen Revolutionärs befreien ließ, das gar nicht befreit werden wollte, Wise stellt ihr Scheitern dar: Die USS San Pablo, das Kanonenboot, patrouilliert auf dem Yangtse-Kiang, im in den ausbrechenden innerchinesischen Wirren das Leben amerikanischer Staatsangehöriger zu schützen, die in den Missionen entlang des Flusses arbeiten. Sie erreicht das Gegenteil: Weil sie sich in ein Gefecht mit aufständischen Chinesen einläßt, das die halbe Besatzung das Leben kostet, wird der Missionar, den sie retten wollte, erschossen“, schrieb DIE ZEIT 1967, als der Film nach Deutschland kam.

„The Professionals“ ist in der Tat ein interessanter Western, wir haben ihn vor einigen Monaten angeschaut und kommentiert. Die Linie zu „Kanonenboot“ wirkt aus heutiger Sicht etwas steil, aber in jenen Jahren waren Filme, die sich kritisch mit der politischen Präsenz der USA in der Welt auseinandersetzen, noch nicht so häufig bzw. kamen gerade erst auf. Insofern ist die Inbezugnahme eines Westerns im Wege der Rezension eines doch recht deutlich davon abweichenden Abenteuer- und Kriegsfilms verständlich. Die Kritik beweist aber auch, wie unterschiedlich man den Film sehen kann: Für uns ist nicht bewiesen, dass der Missionar von den Nationalisten ermordet wurde, weil die Amerikaner sich den Weg zu ihm freigeschossen haben, das wird nirgends erwähnt. Der Angriff auf die Missionsstation könnte also auch die Aussage des Kapitäns der „San Pablo“ belegen, dass die Chinesen in ihrem Furor sich nicht an Abmachungen halten werden und dass ihnen auch die vom Missionar selbst vorgenommene Expatriierung, das Ablegen der amerikanischen Staatsbürgerschaft, nicht schützen wird. Das erscheint durchaus plausibel, wenn man sich den zunehmenden Fanatismus im Kampf gegen die Ausländer vor Augen führt, der bei den Kommunisten gegenüber einem christlichen Missionar außerdem ideologisch befeuert sein könnte.

Finale

„Kanonenboot am Jangtse-Kiang“ ist sehr gut aufgebaut und wirkt nicht überdehnt, die Darsteller spielen so, dass man alles, was sie tut, versteht, unterstützt durch einen Plot, der die Psychologie der Figuren im Blick hat. Die Konflikte und auch die menschlichen Bande werden von Beginn an herausgearbeitet, eine vor allem auf das Boot und seine Besatzung bezogene Bildsymbolik verdeutlicht die Entwicklung und das immer stärkere Abweichen vom Kurs der reinen und guten Mission. Politisch spiegelt er vor allem eines, noch bevor der Vietnamkrieg seinen Höhepunkt erreicht: Den Schock, den die USA 1963 durch den Kennedy-Mord erlitten haben. Danach war vieles nicht mehr wie zuvor und wenn wir ein Jahr für das deutliche Sichtbarwerden des moralischen Abstiegs der USA festlegen müssten, würden wir wohl 1964 wählen – trotz des Civil Rights Act, der noch einmal ein großes Gegenzeichen setzte und erst von Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson unterzeichnet wurde. Er brachte den nicht weißen Amerikanern die formale Gleichberechtigung – so, wie China sich die Gleichberechtigung mit anderen Nationen durch den Sieg der Volksbefreiungsarmee erkämpfte. War es damit getan? Wir wissen heute, das war ein Anfang.

81/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2020)

(1), kursiv, zitiert, tabellarisch: Wikipedia

Regie Robert Wise
Drehbuch Richard McKenna (Buch),
Robert Anderson
Produktion Robert Wise
Musik Jerry Goldsmith
Kamera Joseph MacDonald
Schnitt William H. Reynolds
Besetzung

 

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