Schwere Jahre – Polizeiruf 110 Episoden 90 und 91 #Crimetime 1067 #Polizeiruf #Polizeiruf 110 #DDR #Reichenbach #Hübner #35JahreDDR #Jahre #schwer

Crimetime 1067 – Titelfoto © ARD Logo Polizeiruf (2) – "Die große Rezension"

Das erste Polizeiruf-Großprojekt

Bisher habe ich einen einzigen Polizeiruf aus den 2010ern namens „Wendemanöver“ gesehen, der in zwei Hälften aufgeteilt war. Es gibt mehrere Tatorte, die man als Zweiteiler bezeichnen kann, gerade kam wieder einer ins Programm, der auf jeden Fall diese Bezeichnung verdient: „In der Familie“.

Aber schon in der DDR-Zeit, als im Westen noch niemand an eine Doppelfolge oder -episode dachte, wurde zum 35. Jahrestag der DDR ein Film in zwei Teilen gesendet, der sich „Schwere Jahre“ nennt. Ich hatte irgendwie im Kopf, der Film sei aus dem Jahr 1989. Nicht, weil ich dachte, er sei zum 40-Jährigen des Arbeiter- und Bauernstaates gedreht worden, sondern, dass er eine Art Funktion als Schaufensterprodukt haben sollte, habe ich erst nach dem Anschauen nachgelesen. Sondern einfach so. Es ist aber die letzten beiden Polizeirufnummern vor „Draußen am See„, mit dem ich im März 2019 die Rezension von Filmen der Reihe begonnen habe – gleichzeitig hatte der MDR damals auch die (meisten Produktionen der) frühen 1970er wieder gezeigt. Aber wie kam ich auf 1989 und warum habe ich  mich gewundert und mich gefragt: Dieser Zweiteiler soll aus dem Jahr der Maueröffnung stammen? Dazu mehr in der -> Rezension.

Handlung (Teil 1)

Hauptmann Wolfgang Reichenbach ist gerade mit seiner Frau im Urlaub angekommen, als er schon wieder von seiner Dienststelle zurückbeordert wird. In seinem Heimatdorf Beiersdorf sind zwei Männer in einem alten Bergwerksstollen verschüttet worden. Sie wollten den Gerüchten, dass im Stollen Wertgegenstände aus NS-Zeiten versteckt sind, auf den Grund gehen. Dabei brach ein Stollen ein, wobei dort lagernde Munition aus dem Zweiten Weltkrieg explodierte. Die Rettungskräfte fanden bei ihrer Suchaktion zunächst nur eine skelettierte Leiche, die anhand von Ehering und Erkennungsmarke als Erwin Reichenbach identifiziert werden konnte – Wolfgang Reichenbachs vor 34 Jahren spurlos verschwundener Vater. Wolfgang Reichenbach überbringt seiner Mutter Gertrud die Nachricht, dass man Erwin gefunden habe. Sie weiß sofort, dass es damals Richard Grabler war, der Erwin umgebracht hat. Sie fordert Wolfgang auf, Grabler zu finden und zu stellen. Wolfgang jedoch glaubt, dass Grabler schon lange verstorben ist.

Beim Stollen denkt Wolfgang an das Jahr 1945 zurück und die Geschehnisse von damals rollen sich auf. Der Hitlerjunge Wolfgang sucht kurz vor Kriegsende mit einem Freund im Stollen Schutz vor einem Luftangriff, als sie Richard Grabler finden. Er ist in Häftlingskleidung, gibt vor, aus dem KZ geflohen zu sein, und bittet um Essen und Trinken. Wolfgangs Großvater versorgt ihn mit Kleidung und Essen. Nach Kriegsende überredet der Gutsbesitzer von Colani den amerikanischen Kommandanten, Grabler zum Bürgermeister zu machen. Zunächst mit Wolfgang befreundet, wird Grabler bald abweisend. Er findet in seinem neuen Schreiber Vogler einen Vertrauten und spannt Wolfgang seine Freundin Anneliese Abeleit aus. Anneliese wird von Grabler schwanger und bringt einen Jungen zur Welt. Heiraten will Grabler sie nicht; er rechtfertigt dies mit der Arbeitsbelastung als Bürgermeister.

Früher als gedacht kehrt Wolfgangs Vater Erwin aus der Kriegsgefangenschaft zurück, hatte er sich doch mit der Rettung von Widerständlern vor Kriegsende positiv bewährt. Erwin freundet sich mit Grabler an und nimmt seine alte Arbeit als Eisenbahner wieder auf. Großbauer Schwertfeger – der Grablers Vergangenheit kennt – wird ermordet. Der ehemalige KZ-Häftling Paul Wunderlich, der inzwischen Kreisrat geworden ist, nimmt Erwin in den Polizeidienst auf. Sein Vorgesetzter Vallenda überträgt ihm jedoch nur kleine Aufgaben, nicht nur weil er ihn für den Dienst nicht geeignet hält. Gleichzeitig versucht Vallenda auch, jedes Recherchieren in der Vergangenheit zu unterbinden. Vallenda ist, wie Vogler und Grabler, unter falschem Namen im Dorf. Zu NS-Zeiten waren sie alle in Verbrechen verstrickt. Chef ihrer Bande ist Herr von Colani, der seine Wertgegenstände in den Stollen hat bringen lassen, aus dem ihm seine Handlanger vor Ort hin und wieder Gegenstände schicken sollen. Colani selbst hat sich in den Westen abgesetzt. Brände und Morde, die auf seine Anweisung hin begangen wurden, um frühere Mitwisser mundtot zu machen, werden von Vallenda und Grabler gedeckt. Sie geben den Russen die Schuld an den Verbrechen. Dann trifft Käthe Buschhorn, die als Hausmädchen bei Colani arbeitete, auf Reichenbach. Käthe wollte eigentlich Colanis ehemaligen Sekretär Krassert anzeigen, weil er schwarz falschen Süßstoff verkauft hatte. Vallenda erkennt die Gefahr für die Bande und lässt Käthe durch Krassert ermorden. Erwin will diesen Fall unbedingt lösen und beginnt zu recherchieren. Dabei stößt er nicht nur auf Voglers wahre Identität und lässt ihn festnehmen, sondern deckt auch Grablers Vergangenheit auf. Grabler war nicht im KZ, sondern wegen Mordes im Zuchthaus und heißt in Wirklichkeit Richard Schrader. Als sich die Schlinge immer enger um Grabler zieht, legt er Erwin eine Falle und lockt ihn in den Stollen. Hier erschießt Grabler ihn.

In der Gegenwart kommt Wolfgang Reichenbach nach der Identifizierung seines toten Vaters aus dem Stollen. In der Ferne beobachtet ein ergrauter Vogler das Geschehen und verschwindet ungesehen wieder.

Rezenion (Teil 1)

„Schwere Jahre“ weist neben seiner Zweiteiligkeit eine weitere Besonderheit auf. Vor allem die Episode 90 ist ein richtiger Historienfilm, der eine epische Tiefe von beinahe 40 Jahren erreicht, denn die Handlung springt von der Gegenwart hin zum Kriegsende und verweilt dort weitgehend. Und es ist spannend, anzuschauen, wie man jenen schweren Jahre der Not 1984 interpretiert hat. Womit wir sofort zu meinem Problem damit kommen, der Film könne aus 1989 sein. Es ist nicht die Jetztzeit-Mode oder dass ein paar neuere Automodelle fehlen, in der DDR ging es ja mit den Generationenwechseln solcher Gebrauchsgegenstände sehr gemächlich zu, ich habe es ja bis zum Schluss nicht gemerkt – dass diese fünf Jahre Unterschied bestehen, bedingt natürlich auch durch die weitgehende Verortung in der Vergangenheit, zunächst 1945, 1946, dann 1953-54. Ich dachte bloß: Die haben mitten im Gefühl des Wandels, der sich schon abzeichnete, auch wenn 1988 noch niemand die Maueröffnung voraussehen konnte, noch einen ideologisch so strikten Film gedreht? Er ist aber auch im Umfeld anderer Polizeirufe aus dem Jahr 1984 bemerkenswert, die deutlich dezenter im Ton waren, teilweise auch melancholisch und grüblerisch.

Wir müssen unbedingt berücksichtigen, wenn wir den Film vor den richtigen Hintergrund stellen wollen, dass dies wohl ein richtiger Auftrag war und dass 1984 noch kein Glasnost absehbar war. Als der Film gedreht wurde, lebte Leonid Breschnew noch und es wäre unmöglich gewesen, Zweifel an der Völkerfreundschaft mit der SU zu säen. Es ist nicht ganz so direkt kontrafaktisch, wie wir das im Wege der Rezension von „Fünf Tage, fünf Nächte“ aus dem Jahr 1967 besprochen haben, die verborgenen Schätze im Stollen sind eine weitere Ähnlichkeit, aber wir halten fest: Es gab keine Übergriffe russischer Armeeangehöriger auf deutsche Frauen, die Junker haben alles mitgenommen in den Westen, was nicht niet- und nagelfest war, zumindest bis endlich der antifaschistische Schutzwall errichtet war und es gab ein paar Halunken, die sich unter falschen Namen und Posten erschlichen wie den des Bürgermeisters der nicht genannten Stadt, in der sich alles zuträgt. Nein, alles haben die Junker nicht – es wurde zum Teil in Stollen vergraben, damit man es irgendwann wieder abholen könnte. Ich überlege gerade: Fünf Jahre weiter und das war tatsächlich möglich, also sehr, sehr vorausschauend gedacht. Nur, der Zustand der Objekte! Aber solange die Mauer nicht stand, war es eben sehr viel einfacher und Typen wie der gewisse Grabler / Schrader / Simon / Abeleit konnten auch durch das Vagabundieren zwischen Ost und West ihre Spuren verwischen. Die Idee, dass ein in den Westen geflüchteter Bauernkapitalist sich eines Handlangers im Osten bedient, der ihm immer wieder einiges von seinen Schätzen in die BRD bringen oder an der Grenze übergeben soll, ist schon interessant. Ich will auch nicht behaupten, so etwas habe es gar nicht gegeben.

Aber eines hätte mich als Zuschauer des Jahres 1984 doch stutzig gemacht: Dass man problemlos ein aktuelles Dorf als Kulisse für ein ebensolches des Jahres 1946 hernehmen konnte. Es waren in Wirklichkeit die Russen, die das Meiste der Industrie abtransportiert hätten, die Kunstschätze und den Familien-Nippes der ehemals Reichen hätte man nicht gebraucht, um in einem kollektiv organisierten Staat Wohlstand zu schaffen. Während im Westen Hilfe aus den USA kam, musste man im Osten mehr oder weniger und mit vielen Widrigkeiten den Aufbau voranbringen und einige von diesen Widrigkeiten waren auch dem Besatzungsregime der SU geschuldet. Es wird nichts Absolutes behauptet, aber schon daran, wie die Handlung stellenweise hingebogen wird, merkt man, dass es schwer war, diese zusammenzuhalten. Ich beziehe mich auf ein Beispiel. Den Mord an der früheren Mitarbeiterin des Großbauern, die mehr wusste. Sie wird von weiter aktiven Nazis und deren bürgerlichen Partnern so umgebracht, dass es aussehen soll, als sei sie von Angehörigen der Roten Armee vergewaltigt worden – aber wir ist so blöd und macht sowas exakt nach einer angeblichen SS-Methode und markiert sie entsprechend?

Günter Naumann spielt die verschiedenen Identitäten, die er im Laufe der beiden Filme annimmt, wirklich sehr gut, ich lerne ihn immer mehr schätzen, je mehr ich von ihm sehe, ebenso kann man sagen, dass Friedhelm Eberle Vater und Sohn Reichenbach gut verkörpert – den früheren Lokomtivführer, der einfach mal zum Kriminaler gemacht wird und dabei zwar direkt Klugheit, aber auch Unsicherheit beweist und den routinierten, voll ausgebildeten und befehlsgewohnten Hauptmann des Jahres 1984. Durch diese Schauspieler wird der Film ein wenig geklammert, der doch ganz schön ausfasert. Zwischenzeitlich war mir nicht mehr klar, ob ich jetzt Anna oder Martha Abeleit vor mir habe, beispielsweise, es hätte ja auch sein können, dass Anna 40 Jahre später von derselben Darstellerin gespielt wird wie 40 Jahre zuvor die Mutter.

Nicht, dass verzwickte Handlungen in Krimis so selten wären, aber die Polizeirufe zeichneten sich in der Regel gerade dadurch aus, dass sie recht plausible Plots hatten, bei denen die Macher nicht eitel am Unverständlichen delektierten, sondern Wert auf gute Figuren und psychologische Exaktheit legten. Gerade in letzterem Bereich enteilte der Polizeiruf dem Tatort in den 1980ern, weil in Wahrheit reaktionäre Konzeptbullen wie Schimanski eine Vertiefung oder Weiterentwicklung früherer Qualitäten verhinderten und es mit den Tatorten eher rückwärts-seitwärts als vorwärts ging. Aber diese Stimmigkeit zeigt „Schwere Jahre“ nicht. Wir besprechen das weiter im zweiten Teil der -> Rezension.

Handlung (Teil 2)

Nachdem Manfred Oelze und Rudolf Abeleit nach der Explosion des Stollens verschüttet wurden, läuft eine Rettungsaktion an. Um zu den beiden Männern zu gelangen, muss eine massive Betonwand gesprengt werden. Am Ende kann nur noch Manfred Oelze lebend geborgen werden. Er übergibt den Ermittlern einen Plan des Stollens, den er von einem alten Mann erhalten habe. Hauptmann Wolfgang Reichenbach glaubt, dass es sich bei dem Mann um Grabler handelte und sucht Martha Abeleit auf. Sie erzählt ihm einmal mehr, dass Grabler tot ist. Wirt Willi Konstabel sei damals Augenzeuge gewesen. Reichenbach sucht den Wirt auf, der nun die Wahrheit erzählt. Einst sei Erwin Reichenbach von seiner Dienststelle zu einem Treffpunkt im Moor gerufen worden, dort jedoch nie angekommen. Der Anruf der Dienststelle ging in Konstabels Wirtshaus ein, weil Reichenbach nicht erreichbar war. Eine Mitarbeiterin Konstabels ging los, um Reichenbach zu informieren. Grabler habe sich für kurze Zeit verabschiedet. Als er zurückgekommen sei, habe er Konstabel gesagt, dass er fliehen müsse. Er begründete dies mit seiner prekären privaten Lage – Anna Abeleit hatte seinen Sohn unehelich zur Welt gebracht – und seinem Verdacht, dass Reichenbach etwas gegen ihn im Schilde führe. Konstabel half ihm, zu fliehen. Er war auch dabei, als Grabler einen Schacht sprengte. Grabler verpflichtete ihn zu verbreiten, dass er in diesem Stollen umgekommen sei und auch der vermeintliche Stollen-Schatz zerstört wurde.

Reichenbach und Oberleutnant Jürgen Hübner machen Rosler alias Hermann Vogler ausfindig. Er gibt zu, dass Abeleit und Oelze die Karte des Schachts von ihm erhalten hatten. Vogler hatte Grabler, der nach seiner Flucht in den Westen später zurück nach Thüringen kam und dort unter falschem Namen lebte, Anfang der 1950er-Jahre ausfindig gemacht. Grabler nannte sich Simonis; nach seinem von ihm ermordeten Komplizen; dem Knecht des ebenfalls ermordeten Bauern Schwertfeger.

Vogler wollte Grabler verraten, hatte der doch einen Teil der im Stollen versteckten Wertsachen an sich genommen. Grabler bot ihm an, ihm den Weg zum Stollenschatz zu verraten. Er zeichnete die Karte 1953, gab jedoch eine Wegbiegung falsch an. Sie hätte Vogler in einen verminten Gang geführt, in dem nun Abeleit und Oelze landeten. Da Vogler ab Ende 1953 im Gefängnis saß und später altersbedingt nicht dazu in der Lage war, konnte er den Schatz nie selbst suchen und tauschte die Karte gegen Schnaps.

Martha Abeleit fährt nach Stralsund und trifft hier auf Grablers Sohn aus zweiter Ehe. Er bringt sie zu Grabler. Der lebt inzwischen unter dem Namen von Marthas erstem Ehemann Rudolf Abeleit als Gastwirt an der Ostsee. Sein Sohn wuchs als Abeleit auf und weiß nichts von der Vergangenheit des Vaters. Martha wirft Grabler vor, ihren Sohn auf dem Gewissen zu haben. Sie will von ihm wissen, ob er tatsächlich zu NS-Zeiten ein Mörder gewesen ist und unter falschem Namen und als falscher KZ-Häftling in ihr Dorf kam. Grabler streitet alles ab, doch glaubt ihm Martha nicht. Als sie ihn verlässt, überfährt er sie und transportiert die Leiche nach Jena. Bald wird Martha vermisst und nach einigen Tagen ihr Foto in der Zeitung veröffentlicht. Grablers Sohn will, dass sein Vater zur Polizei geht und ihr berichtet, dass Martha bei ihnen war, bevor sie verschwand. Grabler jedoch will von dem Thema nichts mehr wissen. Als sein Sohn nicht nachlässt, gesteht er ihm, Martha getötet zu haben. Sie wollte nicht nur seine Vergangenheit aufdecken, sondern ihn auch durch ein neues Verbrechen – den Mord an ihr – ins Gefängnis bringen. Seine früheren Verbrechen waren entweder verjährt oder sehr schwer zu beweisen.

Bei Reichenbach und Hübner ist unterdessen Anneliese Roland aufgetaucht, Reichenbachs einstige Jugendliebe „Anne Abeleit“ und Mutter des verunglückten Rudolf Abeleit (dem unehelichen Sohn von Grabler). Sie will mehr zum Schicksal ihres Sohnes und ihrer Mutter erfahren und berichtet den Ermittlern, dass Grabler einst von Martha die Geburtsurkunde ihres verstorbenen Vaters erhalten habe und daher möglicherweise inzwischen unter dem Namen Abeleit lebt. Reichenbach und Hübner fahren nach Stralsund und treffen hier Grablers Sohn. Als er erfährt, dass sein Vater wegen mehrfachen Mordes gesucht wird, beschreibt er ihnen den Weg zum Anwesen des Vaters. Grabler erwartet die Ermittler bereits. Als er versucht, Reichenbach zu erschießen, wird er von Hübner gestellt und schließlich abgeführt. Reichenbachs Vater Erwin kann, nun bestattet, endlich in Frieden ruhen.

Rezension, Teil 2

Die DDR-Polizeirufe waren dann am besten, wenn sie sich auf Figuren, auf nachvollziehbare Motive und die Interaktion der Menschen unter relativ engen Umständen konzentrierten. In „Schwere Jahre“ wird aber ein großes ideologisches Fass aufgemacht, in dem viel gesprochen und auch gezeigt wird. Man merkt durchaus, dass auch die Entstehungszeit des Films keine leichte Zeit war und man diese Art von Selbstvergewisserung nötig hatte, die hier geliefert wird. 1989 wäre das umso mehr notwendig gewesen, aber da traute sich aus guten Gründen niemand mehr so weit aus dem Fenster. Es gibt keinen vergleichbaren Prestige-Polizeiruf wie „Schwere Jahre“ zum 40. Jahrestag der DDR.

Es gibt noch viel mehr Subtext: Auch in den 1980ern gehen Männern noch auf gefährliche Schatzsuche, als zufrieden ihr Dasein im Arbeiter- und Bauernstaat zu leben und die Frauen sind zänkisch, weil materielle Dinge sie auseinanderbringen. Das wiederum sieht man in sehr vielen Polizeirufen, auch bei Paaren, den ewigen Konflikt mit den unerfüllten Bedürfnissen. Die Macher der Filme, die uns das zeigen, sind mal mehr, mal weniger verständnisvoll, je nachdem vermutlich, was die Zensur gerade zuließ aber auch natürlich von ihren eigenen Ansichten geleitet. Waren die Ansichten des renommierten Polizeiruf-Regisseurs Hans-Joachim Hildebrandt, der auch das Drehbuch für „Schwere Jahre“ schrieb, das Projekt also innerhaltlich alleine stimmte, diejenigen, die man nach dem Anschauen der beiden Teile vermutet? Wir lassen die frühen Jahre mal weg, obwohl gerade sie sehr signifikant und typisch für die Schicksale jener Jahrgänge war (Hildebrandt wurde 1929 geboren).

Der Regisseur und Autor Hans-Joachim Hildebrandt (1)

Ab 1972 war Hildebrandt dann auch für die Serie Polizeiruf 110 tätig. Als Höhepunkt seiner Mitarbeit bezeichnete er später die von ihm geschriebene zweiteilige, 1984 gedrehte Folge Schwere Jahre, die sich mit der unmittelbaren Nachkriegszeit befasste. Der Film verband fiktiv den Magdeburger Justizskandal der 1920er Jahre, der im DEFA-Film Affaire Blum aus dem Jahr 1948 behandelt worden war, mit einem 1945 im nur etwa zwei Kilometer südlich von Lüttgen-Salbke gelegenen Beyendorf erfolgten achtfachen Mord an der Familie Mittag, Besitzer der Wassermühle an der Sülze. Hildebrandt war 1945 nach bekannt werden des Verbrechens vom Wohnhaus seiner Familie in Lüttgen-Salbke selbst zum Tatort gelaufen. Der Film knüpft an die wahren Begebenheiten an und lässt den Mörder aus den 1920er Jahren, der 1945 aus dem Gefängnis entkam und zeitweise dann in der Magdeburger Börde lebte, auch für den Beyendorfer Mord verantwortlich sein. Der Film stieß beim Ministerium des Innern auf Bedenken und sollte verboten werden, da die gezeigten Kriminalisten gegenüber dem Klassenfeind nicht engagiert genug auftreten würden und ein Leben unter falschem Namen in der DDR, wie im Film dargestellt, unrealistisch sei. Der Film wurde jedoch aufgeführt.[2]

1982 war versucht worden, auch unter Ausnutzung der Kenntnis über eine außereheliche Beziehung in Quedlinburg, Hildebrandt als Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit zu werben, dem er sich jedoch letztlich verweigerte.[3] Von 1988 bis 1991 arbeitete Hildebrandt an der siebenteiligen Serie Luv und Lee. Seine letzte Tätigkeit als Regisseur galt dann einer Aufführung von Der Raub der Sabinerinnen am Theater in Annaberg-Buchholz.

Rezension (Teil 3)

Mein Erstaunen nimmt immer größere Ausmaße an. Das hat man also davon, dass man ideologisch nichts anbrennen lässt – dass man beinahe die Ausstrahlung dieses aufwendigen Films nicht erleben darf. Ob man ihn wegen dieses Aufwandes doch freigegeben hat oder, weil man am Schluss befand, so schlecht treten die wichtigen Funktionäre der SED doch gar nicht auf, weiß ich nicht, damit müsste ich sehr in die Tiefe recherchieren, vielleicht wurde sogar nachgedreht. Möglich ist alles, aber ich finde eindeutig, bezüglich der Staatstreue des Tenors gibt es keine großen Aussetzer, anders als bei der Handlungslogik. Die Geschichte mit dem Leben unter falscher Identätit allerdings hat in mir genau das wachgerufen, was oben auch geschildert wird: Konnte es das in diesem Überwachungsstaat geben, in dem jeder ABV jederzeit die Personalakte eines jeden Bürgers einsehen konnte? Nicht umsonst ist „Schwere Jahre“ einer der wenigen Polizeirufe, in dem der sonst als „neutrale“ Erstinformationsquelle für die Kriminaler so wichtige Abschnittsbevollmächtigte der Polizei, eine Art Revierpolizist, aber mit mehr Vollmachten, nicht auftritt. Denn wo immer der ursprüngliche Herr Grasser hinzieht, er hätte sich ja bei der entsprechenden Stelle melden müssen und dabei wären auch seine Akten vom letzten Wohnort aus überstellt worden. In Westdeutschland oder gar in den USA mit ihrem sehr förderalen System ist es wohl tatsächlich einfacher (gewesen), sozusagen von vorne anzufangen, indem man den Namen wechselt.

Aber wir lesen auch, dass Hildebrandt verschiedene Kriminalfälle in diesem Film zusammenführt,  dadurch einen kruden Serienmörder schafft und nebenbei den höchsten Bodycount aller Polizeirufe der DDR-Zeit hinbekommt. Die Szenen, in denen die blutig ermordeten Mitglieder der Bauernfamilie jeweils kurz eingeblendet sind, wirkt schon sehr offensiv, für die Verhältnisse dieser Reihe.

Es ist nicht so, dass keine Differenzierung von Figuren betrieben wird, aber am Ende kann es die nicht mehr geben, weil sich alles wie an der innerdeutschen Grenze in sehr gut und sehr böse teilt. Die Bösen sind bekanntlich alle in den Westen gegangen und deshalb ist das dortige, also das hiesige System auch so böse. Sicher ist das in dem Sinne etwas dran, wie der Mörder Grabler / Grasser etc. es ausdrückt: Um reich zu werden, muss man rücksichtslos sein. Ich möchte hinzufügen: In der DDR ging es tatsächlich nicht anders, weil auch ehrliche Führungspersonen zu wenig verdient haben, um reich werden zu können. Mit Ausnahme der Politprominenz, die viele dem Volk nicht so exakt bekannte Vorteile hatten. Ohne seine allzu mörderische Veranlagung hätte sich auch Grabler zu einem solchen Bonzen entwickeln können. Aber wer sich schon als KZ-Insasse ausgibt, in Wirklichkeit aber schon Morde begangen hat – der verrät sich auch später wieder irgendwie, besonders wenn jemand zum Kriminaler umgeschult wird, der seine Arbeit wirklich ernst nimmt und sie ganz in den Dienst der guten Sache stellt.

Finale

Das Rad, das man mit diesem Doppelfilm drehen wollte, war nach meiner Ansicht zu groß. Natürlich  hat man den staatspolitischen Auftrag sehr penibel ausführen wollen, schoss dabei aber stellenweise übers Ziel hinaus, verhedderte sich etwas und war gezwungen, einiges einzubauen, was leider unglaubwürdig wirkt und damit auch die Wahrhaftigkeit bei der Darstellung historischer Bedingungen etwas in Zweifel zieht. Es gibt durchaus einige Aspekte, an denen eine rigide Zensur Anstoß nehmen kann, aber man hat dann wohl doch das Große und Ganze gesehen und das war auf Linie und nach meiner Ansicht gibt es in diesem Film, anders als in vielen der Reihe, auch von Hildebrandt, keine mehr oder weniger subtil subversiven Elemente. In gewisser Weise scheint es auch, als habe der Regisseur und Drehbuchautor noch einmal seine eigene Geschichte nachvollzogen. Sein Vater fing bei der Bahn an, genau wie Vater Reichenbach, er selbst musste aber in die Jugendgliederungen der NSDAP und nach dem Krieg wurde er ein nützliches Mitglied der Gemeinschaft – als Kunstschaffender, der führend die Vorgänger-Reihe „Blaulicht“ betreute und somit einer der erfahrensten Polizeiruf-Macher war, als das Format 1971 startete. Trotzdem hat er nicht, wie einige der Polizisten-Darsteller, vor allem der jungen Generation („Zimmermann“, „Grawe“), die Schwelle zum IM überschritten. Die Dinge sind komplziert, wie auch dieser Film bzw. diese beiden Filme mit den Polizeirufnummern 90 und 91, über die ich noch mehr schreiben könnte.

6,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2020)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
(2) Ausgerechnet von diesem Prestige-Polizeiruf haben wir kein einigermaßen offiziell aussehendes Foto gefunden, daher nehmen wir das aktuelle Polizeiruf-Logo.

Regie Hans-Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans-Joachim Hildebrandt
Produktion Lutz Clasen
Musik Peter Gotthardt
Kamera Walter Laaß
Schnitt Edith Kaluza
Besetzung

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