UPDATE 6 #Corona: Hoher Anteil Ungeimpfter, hohe Inzidenz Ungeimpfter = überwiegend eine Pandemie der Ungeimpften + Wagenknecht und die Folgen, über Corona hinaus | #Frontpage Corona #Lage | Weitere Inzidenz-Rekorde

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Vorgestern hat die Financial Times sich damit befasst, warum in den deutschsprachigen Ländern die Corona-Lage vollkommen außer Kontrolle gerät. Die Anzahl der noch nicht Geimpften ist hier die höchste in Westeuropa. Das ergibt sich aus dieser Grafik. Die Abstände zu anderen Ländern sind teilweise sehr groß. Die Länder mit den höchsten Impfraten haben derzeit auch die besten Chancen, mit geringen Inzidenzzahlen durch den Winter zu kommen. Besonders auf der iberischen Halbinsel ist dies deutlich zu sehen. Wir zeigen die Grafiken hier nicht, sondern verlinken nur, aus rechtlichen Gründen.

Hier geht’s zum vorherigen Update (5).

Aber auch Frankreich steht besser da, obwohl es vor der Corona-Pandemie als das Land der europäischen Impfskeptiker an sich galt und die Menschen dort bekanntermaßen in allen Dingen kritischer eingestellt sind. Nur ein Land wie Frankreich konnte auch eine Protestbewegung wie die Gelbwesten hervorbringen. Die Franzosen und Französinnen wissen aber offensichtlich besser als die verpeilten Deutschen, wann es an der Zeit ist, das Vernünftige zu tun und auch dort sieht es derzeit weitaus besser aus als bei uns. Nun scrollen Sie auf der angegebenen Seite der FT etwas weiter oder lesen Sie den Text, dann treffen Sie automatisch auf eine weitere Grafik. Sie zeigt die unterschiedlichen Impfraten in den deutschen Bundesländern.

Merken Sie etwas? Die Bundesländer mit den höchsten Inzidenzen sind auch die mit den niedrigsten Impfquoten.

Der beinahe identische Nordwest-Südost-Verlauf „niedrige Impfrate / hohe Inzidenz“ ist ganz deutlich sichtbar. Wir in Berlin liegen knapp über dem Impfdurchschnitt und haben derzeit auch eine knapp überdurchschnittliche Inzidenz, dabei spielt der Großstadt-Effekt natürlich eine Rolle. Vor allem die ohnehin von Bevölkerungsrückgang geplagten Länder im Osten aber haben wirklich eine besorgniserregende Entwicklung zu verzeichnen, im Süden mehr als im Norden. Und die Mia-san-mia-Bayern und natürlich auch die meinungsstarken Schwaben, aus welchen sich die Spezies der Wutbürger herausgebildet hatte, schon, bevor es Corona gab. Sie sind auch überrepräsentiert, wenn die Querdenker in Berlin demonstrieren. Woher wir das wissen? Die Kennzeichen der Luxus-Wohnmobile, mit denen sie häufig auf besonders ökologisch mistige Weise anreisen und die Gegend um den Tiergarten herum zuparken, anstatt wenigstens mit dem Zug zu fahren.

Im Nordwesten hingegen, aber auch in unserem Heimat-Bundesland im Südwesten, sind die Menschen offenbar viel pragmatischer im Umgang mit der Lage und das scheint sich anhand niedrigerer Inzidenzen auszuzahlen. Dort liegen die Quoten der komplett Ungeimpften zwischen 15 und 19 Prozent, während sie im Osten bis zu doppelt so hoch sind (33,5 Prozent in Sachsen!). Wenn man bedenkt, um wie viel höher die Inzidenz bei den Ungeimpften liegt, bisherige getrennte Ausweisungen belegen das Fünf- bis Zehnfache, versteht man, warum der Abstand bei der Gesamtinzidenz zwischen den Bundesländern mehr als das Doppelte beträgt. Auch 15 Prozent sind im europäischen Vergleich kein Spitzenwert, aber es ist schon erstaunlich, wie sich die Mentalität der Westeuropäer, die Pandemie ernst zu nehmen, auch im Westen Deutschlands spiegelt und nach Osten und auch nach Süden immer mehr ins Hintertreffen gerät. Dieses Land ist nicht nur sozial, sondern auch regional weiterhin sehr stark geteilt.

Kein Wunder, dass es Streite gibt, die voller Gift und voller Lügen sind.

Doch, es ist weitgehend eine Pandemie der Ungeimpften, das sagen die Inzidenzen eindeutig aus. Wir sind es auch langsam müde, das immer zu wiederholen und lassen daher andere häufiger zu Wort kommen. Auf Twitter hat jemand hier einen Gegen-Thread zu wem geschrieben? Wir können es nicht ändern, Sahra Wagenknecht ist wieder mal mittendrin.

Daraus ergeben sich mehrere Implikationen, die in der Linken teilweise nicht verstanden werden, zumindest nicht im Fan-Lager von Wagenknecht.

Es ist leicht, ihre Aussagen zu widerlegen, das ist der erste Punkt. Dies wiederum lässt Zweifel daran aufkommen, ob ihre Analysefähigkeit, die bei manchen Themen immer noch als gut gilt, noch ihre Persönlichkeit bestimmt oder ob immer stärker schwankende intellektuelle Leistungen auch Ausdruck des jahrelangen Abnutzungskampfes innerhalb der Linken sind, den sie geführt und verloren hat. Verlieren musste, aus heutiger Sicht, aber uns war das vor wenigen Jahren auch noch nicht so klar.

Ein weiteres Riesenproblem ist, dass sie sich häufig mit der Springer-Presse zusammentut, um sich in der Öffentlichkeit zu äußern. Das geht nach weit überwiegender Meinung in der deutschen Linken nicht und wer von uns hat schon ein Welt-Plus-Abo? Die angeblich so aufs Egalitäre setzende Sahra Wagenknecht verwehrt damit weiten Teilen der Linken die Einsichtnahme in das, was sie sagt. Einige, für die sie sich doch immer so einsetzt, können aus finanziellen Gründen nicht mit, andere tun es aus Prinzip nicht, weil man die Springer-Presse nicht unterstützt. Was bekommt Wagenknecht eigentlich für Interviews, die hinter Paywalls der SP versteckt werden? Das würde uns interessieren. Eines wissen wir, sie ist die bestverdienende Abgeordnete der Partei Die Linke im Bundestag.

Wenn die „Welt“ also einen Artikel so überschreibt, wie sie es auf die im abgebildeten Tweet sichtbare Weise getan hat, dann muss Wagenknecht sich das zurechnen lassen. Solche Interviews werden redigiert, bevor sie erscheinen und den Interviewten vor Veröffentlichung noch einmal vorgelegt. Auch auf den Titel kann jemand, der so prominent ist wie Wagenknecht, sicherlich Einfluss nehmen. Deshalb deutet das im Folgenden abgebildete Statement von ihr, das sie über ihren Twitter-Account platziert hat, entweder darauf hin, dass sie nicht mehr im Blick hat, was sie von sich gibt, dass sie also auch Interviews nicht mehr richtig steuert, oder dass sie bewusst provoziert, weil ihr in der Phase der Regression, in der sie sich zumindest gegenüber ihrer Partei befindet, das Schicksal der Partei und der Menschen in diesem Land ziemlich wurscht ist.

Immer wieder denke ich an den Wahlabend des 26.09.2021.

Obwohl Wagenknecht in NRW ein miserables Ergebnis als Spitzenkandidatin eingefahren hat, wirkte sie, von der ARD als allererste Politikerin der Linken interviewt, nicht traurig, niedergeschlagen, sondern wie jemand, der denkt: „Das habt ihr nun davon!“ (Davon, dass ihr mich abgesägt habt.) Nochmals betont: Trotz ihres eigenen schwachen Ergebnisses. Für uns persönlich hat das durchaus Konsequenzen, denn unser Heimat-Bezirksverband der Linken ist sehr stark an Sahra Wagenknecht orientiert und einige scheinen bereit zu sein, ihr eine Art von Nibelungentreue zu halten, auch wenn die Partei dadurch mehr und mehr Schaden nimmt. Vergangene Verdienste sind es aber nicht, die uns in die Zukunft führen werden, wenn jemand jetzt alles tut, um das einzureißen, was er bzw. sie mit aufgebaut hat.

Auch inhaltlich ist ihr Tweet schon auf den ersten Blick von einem falschen Spin gekennzeichnet: Sie wirft Drosten und Streeck zusammen, obwohl beide oft unterschiedlicher Meinung sind, beruft sich sozusagen auf den Star unter den Virologen, um sich zu exkulpieren und um ihn zu exploitieren. Eigentlich ist das unverschämt, aber es zeigt auch, wie sie unter Druck und in der Defensive ist. Wird das zum Nachdenken und Innehalten führen? Eher nicht. Warum nicht, das werden wir weiter unten erläutern.

Drosten hat lediglich zurückgenommen, dass es ausschließlich eine Pandemie der Ungeimpften ist, aus der logischen Erwägung heraus, dass sie uns alle betrifft und es natürlich auch Impfdurchbrüche gibt. Nicht infrage steht hingegen die viel höhere Inzidenz bei Ungeimpften und damit die extreme Belastung des Gesundheitswesens durch sie. Streeck hingegen ist ein Pet von Wagenknecht, weil er häufig diskutable Mindermeinungen vertritt. Der Trick, der in diesem Tweet steckt, ist leicht durchschaubar und daran merkt man, dass Wagenknecht keine versierte Taktikerin ist. Das macht sie aber nicht ungefährlicher, wenn es darum geht, Verwirrung in Deutschland zu stiften. Woher kommt das bloß, mögen sich vielleicht sogar die Nachdenklicheren unter ihren Fans fragen?

In dieser kurzen Antwort auf den obersten Tweet, die wir fotografiert und nebenstehend abgebildet haben, steckt eine ganze Menge Wahrheit und er ist nicht banal.

Wir kennen Oskar Lafontaine weitaus länger, als die meisten in der Linken ihn kennen, weil wir ihn schon als Ministerpräsident unseres Heimatbundeslandes erleben durften. Schon damals fanden wir ihn als Typ schwierig, und das ist vorsichtig ausgedrückt. Auch er hat uns davon abgehalten, wie unsere damalige Lebenspartnerin, zu den Jusos zu gehen, aber sie hat uns manchmal mitgenommen, wenn er sprach, natürlich mit der legitimen Absicht, dass wir uns von ihm überzeugen lassen.

Der Mann, und das ist bis heute unser Eindruck, ist ein Generalnarzisst, der alles zerschlägt, was er mit aufgebaut hat, wenn ihm persönlich etwas nicht in den Kram passt. Er hat ja auch vor der Wahl dazu aufgefordert, die Linke nicht zu wählen. Er hat die SPD verlassen, weil Gerhard Schröder der härtere der beiden Egomanen war. Er findet die Linke nicht mehr schick, weil er sich ins Abseits manövriert hat und seine Frau dabei mitgezogen hat. So möchten wir das Verhältnis einordnen, auch wenn es sich hierbei um eine Pointierung handelt. Wir stellen uns vor, die beiden sitzen in der schönsten Gegend des Saarlands recht abgeschieden in ihrem Haus und der alte weiße Mann spintisiert der mittelalten weißen Frau vor, wie eine in Wirklichkeit sehr diverse Welt funktionieren könnte, nämlich so, wie er sie sich vor 40, 50 Jahren zurechtgelegt hat, während wir in den Städten wieder einmal unseren Alltag umkrempeln müssen, weil Corona es uns aufzwingt. Wagenknecht hat ihn aus der Position einer Frau heraus, die ihren Mann auch bewundert, geheiratet. Das ist ja nicht grundsätzlich falsch, auch nicht in der umgekehrten Richtung, aber es kann auch dazu führen, dass zwei Menschen immer mehr in eine Wagenburgmentalität verfallen, wenn sich „draußen“ die Dinge nicht „richtig“ entwickeln, wenn man sowieso unter Druck ist, weil sich die eigene Partei abwendet. Es ist dann kein Korrektiv mit einer einigermaßen realistischen Weltsicht vorhanden, sondern am Ende gibt es nur noch ein paar unbedingte Fans, die aber nicht repräsentativ sind, nicht einmal in der Linken, die jedoch das Gefühl verstärken, man sei immer noch in der richtigen Spur. Das war im Wahlkampf 2021 deutlich zu bemerken.

Die eigentliche Zielgruppe zieht sich derweil mehr und mehr zurück, wie das auch auf uns zutrifft, also sucht man sich, weil man den Beifall braucht, die Falschen aus. Die Impfgegner:innen beispielsweise, die Rechten – und gibt damit den Bemühungen der einst „Richtigen“ noch schön eins mit, die versuchen, die Lage im Griff zu behalten oder sich vernünftig zu verhalten und auch jenen, die jeden Tag gegen Rechts kämpfen.

Lafontaine hat mehrfach bewiesen, dass er zwar ein guter Redner ist und gut manipulieren kann, aber auch immer wieder danebengreift, wenn es nicht mehr so perfekt läuft. Seine politische Karriere ist unwiderruflich zu Ende und auch Sahra Wagenknecht kann nicht mehr in einer bestehenden Partei hochkommen, sondern höchstens eine eigene Liste mit einigem Erfolg aufsetzen. Das traut sie sich aber nicht und auch aus Biestigkeit und Frust wird auf Chaos und Schwurbelei gesetzt. Deswegen erscheinen überaus parteikritische und auch einige gesellschaftliche Gruppen diskriminierende Bücher genau dann, wenn die Linke Einigkeit im Wahlkampf bräuchte. Deswegen klappt es nicht einmal mehr mit dem linken Landesverband Saar richtig, den Lafontaine von Beginn an beherrschte.

Last, but not least: Der überragende Applaus für Wagenknecht von Rechts, der Eindruck, dass sie langsam zu einer Ikone der Corona-Leugner und Impfgegner wird, sollte einer Politikerin der Linken irgendwann einmal zu denken geben. Doch wer sich bewusst dafür entscheidet, sich mit der Springer-Presse zu verbünden, stört so jemanden das noch? Oder geht es wirklich darum, noch einmal einen großen Fanclub zusammenzukriegen, gleich, woher die Fans stammen? Ob es Rechte, ob es Nazis sind, ist das dann egal?

Wir befürchten, für eine Umkehr ist es schon zu spät und das ist tragisch für die Linke und für alle, die auf Wagenknecht als die medienwirksamste und nach Ansicht der Fans intellektuell fähigste Person der Partei gesetzt hatten.

Das, was sich seit Jahren abzeichnet, für uns übrigens, seit uns relativ schnell klar war, dass „Aufstehen“ eine Fehlkonstruktion ist, und was jetzt für jeden offensichtlich wird, dürfte viele Hoffnungen zerstören und Schicksale negativ beeinflussen. Auch die Demission von Fabio de Masi, einem der wenigen sichtbaren Wirtschaftspolitiker in der Linken, einem Wagenknecht-Mann, dürfte damit zusammenhängen. Deswegen klammern sich einige auch an jemanden, der abdreht, obwohl politische Freundschaften an gemeinsamen Überzeugungen, vorgetragen auf Augenhöhe, orientiert sein sollten, nicht an einer Art Vasallenschaft, die erst mit dem gemeinsamen politischen Tod endet. Gerade Linke, die kritisieren, dass Europa eine Art Vasallengemeinschaft im Kielwasser der USA ist, kriegen den Sprung nicht hin, zu bemerken, dass sie selbst Vasallen und gefangen in einem Personenkult sind; dass sie das, was eine Person äußert, gutheißen, egal, was sie sagt und wie schädlich es ist.

Selbstständiges Denken sieht anders aus.

Kein Wunder, dass viele linke Positionen, wie der Antiimperialismus, durch diese oft bestürzende, nicht nur im Fall Wagenknecht zu beobachtende Einseitigkeit oder einen Mangel an Äquidistanz unglaubwürdig erscheinen, obwohl sie es in Wahrheit nicht sind. Das alles spielt mindestens unterschwellig mit, wenn die Linke sich gerade dekonstruiert und die Außenwahrnehmung wird dadurch geprägt, dass die Linke trotz oder mit oder wegen Sahra Wagenknecht auf keinem Gebiet mit Kompetenz punkten kann. Gerade dies ist wirklich schade. In keiner Partei gibt es so viele gut ausgebildete Theoretiker:innen und auch einige durchaus fähige Praktiker:innen, wie sich auf Länderebene dort zeigt, wo die Linke mitregiert. Dies freilich, ohne beweisen zu müssen, dass sie Systemveränderung kann, das geht ja nicht ohne den Bund, und im Bundestag wird die Linke, vielleicht zum Glück für sich selbst, weiterhin in der Opposition verweilen. Man kann dem Wahldebakel also auch Positives abgewinnen. Für die wenig erfreuliche Wahrnehmung seitens der Wähler:innen ist lange Zeit nicht Sahra Wagenknecht hauptverantwortlich gewesen, das muss man ebenfalls klarstellen, das kam erst verstärkt in den Jahren seit 2018 auf und dominiert nun leider den Eindruck von der Linken.

Was also nützt es, Fähigkeiten und Expertise wenigstens zu vermuten, wenn aktuell nur noch ein Gebiet diskutiert wird, auf dem auch Sahra Wagenknecht keine Fachfrau ist, sich aber ständig aus dem Fenster lehnt und dabei erkennen lässt, dass sie nicht einmal einfachste statistische Zusammenhänge bei ihren Überlegungen berücksichtigen will, für deren Durchdringung man eben kein:e Virolog:in sein muss, sondern sich auf das stützen kann, was man z. B. als Kaufmann, Betriebs- oder Volkswirt, Controller, Mathematiker etc. gelernt hat. Ökonomin ist Wagenknecht, also muss man bei ihr von einem geradezu gezielten Ausblenden der Wirklichkeit sprechen, das leider auch noch dazu führt, dass sie das Lied der Neoliberalen mitsingt, die von Bevölkerungsschutz wenig halten.

Mit solchermaßen beunruhigenden Eigenschaften ihres Spitzenpersonals kann die Linke kaum jemanden für sich gewinnen, weil das Vertrauen einigermaßen elaborierter Rezipienten des aktuellen Geschehens und zukunftsorientierter, konstruktiv denkender Menschen nicht vorhanden ist, die gebraucht werden, wenn es um Konzepte für ebenjene Zukunft geht und wenn diese Zukunft besser sein soll als der angegrünte Kapitalismus, der sich abzeichnet.

Momentan kommt die prominenteste Linke als Realitätsverweigerin rüber und wenn ihr nicht klar ist, was das für ihre ohnehin angeschlagene Partei bedeutet, was es für linke Menschen insgesamt bedeutet oder auch, wenn es ihr klar ist, dann sollte sie wirklich gehen. Ob sie, wie gerade gefordert wird, in die AfD eintreten sollte? Wir wagen es kaum zu schreiben: Auch dort wird sie auf Typen treffen, denen sie bezüglich ihrer Netzwerkbildungs- und Durchsetzungsfähigkeit unterlegen ist und sie wird von den echten Rechten aufgrund ihrer immer noch beachtlichen Popularität missbraucht werden. Schon ihre Niederlagen in der Linken sind auch der Tatsache zu verdanken, dass sie sich für zu überlegen, zu wichtig, zu unersetzlich hielt, um bestimmte Spielregeln wahren zu müssen: zum Beispiel, sich an Parteitagsbeschlüsse zu halten: dies alles auch, weil sie ihre Gegner:innen unterschätzt hat. Von Oskar Lafontaine, der niemals aus seinen Niederlagen klug wird, wird sie in diesem Muster bestärkt. Daran wird sich ohne ein weniger toxisches Setting und möglicherweise ohne professionelle Beratung nichts ändern.

Die Linke muss mehr oder weniger von vorne anfangen, weil sie sich 2017 fast ganz auf Sahra Wagenknechts Medienpräsenz als Wahlkampfmotor gestützt hat, die wiederum auf dem aufbauen konnte, was ihr Mann und Gregor Gysi in den ersten Jahren der Linken erreicht hatten. 2021 gab es die Quittung dafür, dass dieser Motor nicht mehr rund läuft und kein einigermaßen gleichwertiger Ersatzantrieb vorhanden war.

Auf Twitter wird noch viel mehr geschrieben, auch Aussagen wie „Blut klebt an ihren (Wagenknechts) Händen“ haben wir gelesen. Bezogen darauf, dass sie die Impfgegner:innen bestärkt. Wenn man sieht, wie Kliniken mittlerweile im Notfallmodus laufen, weil die Lage vor allem wegen der hohen Hospitalisierungsrate bei den Ungeimpften aus den Fugen gerät, wie stellt man sich zu solchermaßen markigen Sätzen? Also, wir würden es nicht so schreiben, aber komplett abwegig ist es nicht. Jeder, der aktuell Menschen in die falsche Richtung beeinflusst, macht sich schuldig an dem, was wir den Zusammenbruch in der vierten Welle nennen werden, wenn es so weiterläuft. Daraus wird aber nicht einmal im Sinne einer Zerstörung der alten Ordnung, die Platz für Neues machen muss, etwas Besseres entstehen. Wir werden lediglich ein weiteres kollektives Trauma in einem Land generieren, in dem es schon genug Traumata gibt, die wir seit 30, seit 80, seit über 100 Jahren mitschleppen. Leider hängt auch der Hang zur Schwurbelei, die häufig zu beobachtende problematische Haltung zur Realität, mit diesen Traumata zusammen. Das ist bitter, aber auch, wenn man so will, eine Form von finaler historischer Gerechtigkeit gegenüber einem Volk, das mehrfach in seiner Geschichte, wie jetzt Sahra Wagenknecht und viele Impfgegner:innen, zum Größenwahn, zu Fantasien von Allmacht und Allwissenheit, tendierte und das sich schon wieder in Teilen für schlauer hält, als alle anderen auf der Welt es tun. Gleichwohl ist es zutiefst unmenschlich von medial wirksamen Personen, diese große, auf schrecklichen Fehlern von gestern und vorgestern beruhende Schwäche vieler Menschen hierzulande als Klaviatur fürs Bespielen des eigenen Egos zu benutzen und damit so viel Leid mindestens billigend in Kauf zu nehmen.

TH

Frontpage | Corona Lage |  Rekord-Inzidenz, 2G, 2G+, 3G+, Lockdown voraus?

Wenn unser Corona-Lagebericht zu einer täglichen Angelegenheit wird, dann sind dies keine normalen Tage mehr. Sondern solche, an denen wir uns zunehmend Sorgen machen, dass ebenjene Lage komplett außer Kontrolle gerät. Heute haben wir etwas mehr Zeit, uns auch mit den Spins dieser Tage auseinanderzusetzen, aber zunächst wieder ein paar Grundfakten:

  • Die Inzidenz hat gestern mit fast 264 einen weiteren Rekordwert erreicht, nach 249 am Vortag,
  • die Zahl der Neuinfektionen war mit über 48.000 die zweithöchste bisher (nach mehr als 50.000 am Vortag).

Dieses Mal hat der Berliner Tagesspiegel eine Umfrage gestellt, die sich ums draußen bleiben für Ungeimpfte, um eine Impfpflicht für Berufe im Gesundheitswesen und um die Booster-Impfung dreht.

Ungeimpfte müssen draußen bleiben. Stimmen Sie dem zu? Beantworten Sie uns drei Fragen und als Dankeschön schenken wir Ihnen den Tagesspiegel. Das ist keine Werbung vom WB, es steht so da. Falls Sie also an unserem Berliner Leitmedium Interesse haben oder einfach nur Ihre Meinung ausdrücken möchten, machen Sie mit.

Auch wenn es uns bei der ersten Frage schwergefallen ist, wir haben dreimal mit „ja“ gestimmt. Es reicht einfach. Damit ist der Tenor für den folgenden Bericht gesetzt, außerdem werden immer mehr Veranstaltungen ohnehin nur noch so durchgeführt oder auf online umgestellt. Selbstverständlich gilt das „draußen bleiben“ nicht für die notwendigen Beschaffungseinkäufe des täglichen Lebens. Denn es gibt ja noch uns, die anderen.

Wir versuchen nun unseren Arbeitgeber dazu zu bewegen, dass wir, auch die Geimpften, künftig vor jedem Arbeitsantritt wenigstens einen Schnelltest durchführen, teilweise wieder ins Homeoffice dürfen und wir überlegen uns hier sogar, ob wir in nächster Zeit Lebensmittel per Bot:in kommen lassen, obwohl wir das bisher auch aus ökologischen Gründen eher schwierig fanden, alle Nicht-online-Veranstaltungen haben wir abgesagt, fast alles im Non-Food-Bereich kaufen wir schon online. Es gibt in normalen Zeiten viele Gründe, die gegen dieses Vorgehen sprechen, aber wir haben keine normalen Zeiten. Hingegen haben wir dieses Mal das alles andere als freundliche Gefühl, dass wir selbst dann, wenn wir wirklich das Maximale tun, um uns verantwortlich zu verhalten, damit nichts bewirken, weil es genügend Covidiot:innen gibt, die unsere Anstrengungen zunichtemachen werden. Diese Menschen an viel Krankheit und Leid, an Überforderung im Gesundheitswesen und daran schuld, dass die gesamte übrige Gesellschaft und die der auf Präsenz angewiesene Teil der Wirtschaft jetzt wieder unter Stress geraten.

Aber dann fordern sie Solidarität ein, die Unsolidarischen. Auf Twitter gibt es gerade den Metatrend „Verachtung“, der sich nicht nur auf Corona bezieht, aber in erster Linie. Der Ton wird schärfer, daran besteht kein Zweifel. Und wieder sind „Alternativmedien“ daran beteiligt, ihn zu verschärfen, weil sie andere zu sehr herausforden. Ein Beispiel ist dieser Tweet, der sich auf einen Artikel bezieht, der heute in den „Nachdenkseiten“ erschienen ist. Für diejenigen, welche die „NDS“ nicht kennen: Dort wird häufig nicht zum Nachdenken angeregt, sondern für andere gedacht, genau das, was dort wiederum den „Mainstream-Medien“ vorgeworfen wird. Propaganda ist derzeit, wohin man schaut und uns überrascht nicht mehr, dass vorgeblich linke Publikationen sich auf die Seite der Coronaleugner:innen oder wenigstens der Impfgegner:innen stellen.

Das hat durchaus eine Bedeutung, denn viele dieser Menschen informieren sich dort und glauben, sie seien am besten informiert. Nein, sind sie nicht. Mindestens muss man mit einiger Neutralität auch andere Meinungen und Informationsquellen berücksichtigen, wenn man ein umfassendes Bild haben möchte. Die NDS sind übrigens eng mit Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine verbandelt, ihr Herausgeber ist ein Alt-SPDler, der am Ende der Brandt-Kanzlerschaft in die Regression ging. Früher wäre das für uns per se kein Negativkriterium gewesen. Eine gewisse Distanz hatten wir immer schon, aber man fand eben tatsächlich auch Anregendes. Jedoch, das Abdrehen wird bei allen Genannten zuletzt immer deutlicher und es gibt Linien, die man ziehen kann und so etwas wie einen Cluster, der Stimmung gegen die Mehrheit macht, obwohl er doch angeblich endlich mal und quasi als Alleinstellungsmerkmal deren Interessen vertritt. Auf eine paternalistische Weise natürlich, denn die Selbstermächtigung zu fördern, könnte ja zu ganz neuen Erkenntnissen auch darüber führen, was Nachdenken tatsächlich bedeutet und wie sich in der Praxis als daraus folgendes Handeln die Resultate des Nachdenkens testen lassen.

Auch heute werden wir nicht zu einer Medienanalyse kommen, aber wenn Autor:innen, die 30 nicht haltbare Gründe fürs Nicht-Impfen aufsetzen, von den übrigen Menschen Solidarität fordern, geht das zu weit. Wir gehen aber noch nicht so weit, deswegen von Verachtung zu sprechen. Das haben wir knapp entschieden und es ist jederzeit widerrufbar, wenn es so chaotisch weiterläuft mit der Pandemie in Deutschland. Und es gibt eine Ausnahme: Wir verachten diejenigen, die andere manipulieren, nur, um Chaos und Verwüstung anzurichten, um Leid und Tod zu verursachen. Sollten jene zufällig mit den 30-Gründe-Schreibern identisch sein, so ist das nicht unsere Schuld.

Der Autor hat zwar schon 300 Linkes, aber auch über 1.500 Reaktionen, die Mehrzahl tendiert wie die hier gezeigte, normalerweise ist das Verhältnis bei Twitter umgekehrt. Der Widerspruch vieler Menschen gegen Schwurbelei wächst, und das ist gut so. Das gilt auch für Fernseh-Talkshows, wie gestern Abend für Maybritt Illner:

Eigentlich war die ganze Sendung ein einziger Streit. Und diesen kann man ziemlich treffend so zusammenfassen: Alle gegen Wolfgang Kubicki. Der FDP-Vize erteilte einem flächendeckenden Lockdown und Ausgangssperren eine klare Absage. Weder sei deren Wirksamkeit bewiesen, noch sei klar, ob solche Maßnahmen mit den Gesetzen vereinbar seien. Kubicki forderte stattdessen großangelegte Testungen und Monitoring, um zu erfassen, welche Maßnahmen tatsächlich wirken.

Die FDP will so lange Monitoring machen, bis alle verstorben sind, die künftig die Rentenkassen belasten oder es jetzt schon tun und alle, die vulnerabel sind. Und auch hier wieder Schwurbel-Argumente, die eindeutig widerlegt sind. Freie Fahrt für das Recht des Stärkeren, die Schwächeren am liebsten so rasch wie möglich sterben lassen, das ist ja schon lange das ausschließliche Motto dieser Partei. Jetzt muss man sich vorstellen, dass die FDP gerade den Grünen und der SPD weitgehend ihr Programm aufdrücken will, damit die Ampel endlich auf grün gestellt werden kann. Kann sie das, mit der FDP als bestimmender Kraft dafür, wie sie geschaltet wird? Kein Wunder, dass die Koalitionsverhandlungen stocken und Lösungen für die pandemische Lage nicht in Sicht sind. Das ist vor allem blöd für die Grünen und die SPD, von denen mehr erwartet wird und die vorhatten, die sich abzeichnende asoziale und trotzdem nicht hinreichende Klimapolitik auf Kosten der Mehrheit still und heimlich mit der FDP zu arrangieren. Dass es auch wegen Corona zum Krach mit neoliberalen Ultras kommen könnte, war nicht eingeplant und legt offen, dass die FDP im Grunde nicht regierungsfähig ist. Sie kann nicht fürs Ganze denken, sondern nur für ein paar Reiche und Konzerne, und wann wäre es je wichtiger gewesen als jetzt, diese zerstörerische Haltung endlich aufzugeben?

Die Grünen in Berlin wollen derweil vor allem die ohnehin verantwortungsbewusst handelnden Menschen wieder in die Pflicht nehmen:

Bisher sind sechs Monate die Regel. „Aufgrund der drastisch steigenden Infektionszahlen brauchen wir mehr Tempo bei den Boosterimpfungen, um die Grundimmunisierung der Geimpften noch vor Weihnachten zu stärken“, sagte (Wirtschaftssenatorin, A. d. Verf.) Pop am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. „Ich schließe mich denen an, die eine Verkürzung des Abstandes zwischen den Impfungen befürworten, um bereits nach fünf Monaten zu boostern“, so die Grünen-Politikerin. „Gleichzeitig dürfen wir nicht nachlassen bei unseren Bemühungen, Nichtgeimpfte von der Schutzwirkung der Impfung zu überzeugen.“

Ehrlich gestanden, wir haben erst durch diesen Artikel von einer Verkürzungsabsicht erfahren und wären demgemäß schon wieder dran. Da wir gestern ohnehin bekundet haben, dass wir, wenn auch ohne große Begeisterung, wie bisher klaglos mitmachen werden: Wenn es denn sein soll, dann wird es so sein. Wir wissen ja, wem wir das zu verdanken haben. Vielleicht doch ein wenig Verachtung? Daran, dass die Querdenker:innen sich auch endlich im Impfzentrum anstellen und endlich einen Pieks setzen lassen, glaubt die Senatorin wohl selbst nicht so recht, deswegen klingt sie diesbezüglich auch vage. Auch Markus Söder ist für schnelles Auffrischen, aber gerade in seinem Bundesland zeigt sich derzeit besonders drastisch, was eine zu geringe Impfbereitschaft der Bevölkerung bedeutet: Eine gewaltige Inzidenz von ca. 450, noch einmal deutlich höher liegt sie bei den Ungeimpften.

Es ist nicht gerecht, nicht gerecht, nicht gerecht, dass einige sich im Frühjahr vermutlich schon zum vierten Mal impfen lassen müssen, während andere weiterhin ungehindert die Pandemie fördern. Denn klar ist ein gewisses Nebenwirkungen-Risiko bei den Impfungen vorhanden, auch wenn diese nicht langfristig, sondern kurzfristig eintreten. Wir haben das vor allem bei der ersten Impfung auch gespürt.

Hier geht es nicht mehr um Meinungsfreiheit, falls einige das noch nicht verstanden haben. Hier geht es um die Priorität des höchsten Rechtsguts Leben. Dessen Erhaltung für möglichst viele Menschen haben wir uns unterzuordnen. Es handelt sich dabei um einen kategorischen ethischen Imperativ und um eine Haltung, die sehr wohl mit dem Grundgesetz vereinbar ist, anders, als manche es jetzt darstellen wollen, die auch nicht verstehen, dass das Eigentumsrecht disponibel ist, nicht aber die Menschenwürde. Noch zwei aktuelle Meinungen zur Lage haben wir, diejenige von Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn und die von RKI-Chef Lothar Wieler:

 „3G wird nicht mehr reichen“, dies sei außerdem zu oft nicht kontrolliert worden. Es solle hier künftig die sogenannte 2G-Plus-Regel greifen, sagte Spahn. Das bedeutet, dass nur noch Geimpfte und Genesene mit einem aktuellen Coronatest Einlass bekommen. „Das ist ein schwerer Schritt, aber ein Schritt, den wir gehen müssen.“RKI-Chef Wieler ging noch weiter. Er forderte, bei Großveranstaltungen über eine Reduzierung der Besucherzahlen oder eine Absage zu sprechen. „Am besten wäre es, wenn man bestimmte Großveranstaltungen absagen würde – ganz klar.“

Ja, und da machen sich Promis derzeit unbeliebt, wenn sie weiterhin auf Fernsehpreisverleihungen etc. zusammenklumpen, eng und ohne Maske. Ganz klar, dass solche Verhaltensweisen den Schwurbler:innen Auftrieb geben, auch diese Reaktion, die wir heute auf Twitter beobachtet haben, konnte nicht ausbleiben. Vor allem Weltärzteverbandspräsident Frank Ulrich Montgomery, der vor wenigen Tagen von einer Tyrannei der Ungeimpften sprach, wird dabei gerne gezeigt, wie er gemütlich-kuschelig im Publikum sitzt. Man kann es aber auch so sehen: Warum sollen die Geimpften partout und permanent unter dem Verhalten der Ungeimpften leiden? Trotzdem ist die Forderung nach der Absage von Veranstaltungen oder deren Online-Abhaltung richtig, siehe oben. 2G-Plus ist bei uns im Team am Dienstag schon diskutiert worden und wir sind zumindest für 3G-Plus, das haben wir ebenfalls in vorausgehenden Lageberichten erläutert. Damit es nicht zu redundant wird, schließen wir an dieser Stelle.

Fangen Sie nun nicht vor lauter Verzweiflung über die Schurbler an, mitzuschwurbeln, bedenken Sie, dass Verachtung etwas ist, das auch andere als die gegenwärtigen Covidioten immer mal wieder verdient haben oder hätten, die sich nicht solidarisch und menschenfreundlich verhalten können und greifen Sie nicht zur Waffe, wenn Ihnen jemand allzu viel daherschwurbelt. Gehen Sie weiter, denn es gibt nichts Relevantes zu sehen und zu diskutieren und schlimmstenfalls stecken Sie sich auch noch an. Eine Meinungsempfehlung anlässlich der Szenen aus Köln von gestern: Narren sind Narren, was will man da machen? In diesem Sinne: Einen schönen Restfreitag und bleiben Sie gesund, auch mental!

TH

Frontpage | Corona Lage | #SchwereSchuld, Rekord-Neuinfektionen jeden Tag, Rekord-Inzidenz, 2G wird wohl nicht reichen

Die Corona-Lage verschlimmert sich derzeit in atemberaubender Geschwindigkeit, daher heute schon das nächste Update.

  • Am Wochenende wurde erstmals die bisherige Rekord-Inzidenz von 197,1 aus dem Dezember 2020 übertroffen,
  • mittlerweile liegt die bundesweite Inzidenz bei 249,
  • einzelne Kreise weisen eine abenteuerliche Inzidenz von über 1.100 auf.

Gestern stand Deutschland hinter den USA auf Platz 2 weltweit bei den Neuinfektionen, das hat es ebenfalls noch nie gegeben, relativ zur Bevölkerungszahl sogar auf Platz 1 unter den größeren westlichen und allen übrigen größeren Ländern.

Hier die Grafik dazu, die leicht erkennbar macht (trotz um ca. 5.000 Neuinfektionen niedrigerer als vom RKI für gestern ausgewiesener Fallzahl), in welch unglaublichem Tempo jetzt ein Höchststand dem nächsten weicht:

  • Die bisherige Regierung liefert nicht mehr und die Ampel versagt schon vorab beim Schutz gegen Corona,
  • deswegen trendet heute auf Twitter das Hashtag #SchwereSchuld,
  • Christian Drosten relativiert derweil „Pandemie der Ungeimpften“.

Daher heute von uns bereits ein weiteres Update. Derweil haben sich bei einer heute erst gestarteten Umfrage bereits fast 30.000 Menschen dazu geäußert, ob strengere Anti-Corona-Maßnahmen richtig wären. Eindeutig ja, finden fast 61 Prozent, weitere kapp 10 Prozent sagen „eher ja“. Wieder einmal, wie schon während der gesamten Pandemie, gibt es eine deutliche Mehrheit für Vorsicht und Umsicht. Hier dürfen Sie mitmachen und die Stimmen der Vorsicht und der Vernunft stärken. Stimmen Sie bitte mit „ja!“

Sollte die aktuelle Bundesregierung Ihrer Meinung nach strengere Maßnahmen ergreifen, um die vierte Coronawelle einzudämmen?

Doch was tut die Politik und wer glaubt, er kann uns weiterhin ungebremst auf den Zeiger gehen? Sie ahnen es.

Wir müssen Vorsicht und Umsicht jetzt individuell durchkämpfen, weil die Politik uns den Rücken nicht stärkt. Für uns vom WB heißt das: Absage aller nicht unabwendbaren Live-Veranstaltungen und -Aktionen, das haben wir gerade für die nächsten Tage getan. Versuch, wenigstens teilweise wieder im Homeoffice arbeiten zu dürfen. Einige Events sind zum Glück kurzfristig auf online umgestellt worden, dafür ein dickes Dankeschön an die Veranstalter:innen. Bitte, wann immer es geht und wenn es vom Setting her nicht zu nachteilig ist, in nächster Zeit dual verfahren.

Christian Drosten gibt sich derweil vorsichtig, wie sich hier erlesen lässt:

Der Virologe Christian Drosten hat in einem Interview mit der „Zeit“ erklärt, dass er den Ausdruck „die Pandemie der Ungeimpften“ für falsch hält. „Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie,“ erklärt er. „Wir haben eine Pandemie, zu der alle beitragen – auch die Geimpften, wenn auch etwas weniger.“

„Etwas mehr“ ist angesichts acht- bis zehnfacher Fallzahlen bei Ungeimpften wohl der Versuch, nicht wieder einen Shitstorm seitens der Coronaleugner:innen und Impfgegner:innen abzukriegen. Verständlich, aber in der gegenwärtigen Lage nicht maximal hilfreich. #SchwereSchuld gilt nicht nur für säumige Politiker:innen, sondern für alle, die nichts zur Bekämpfung der Pandemie beitragen wollen, obwohl sie es könnten.

Nun hat auch der neue Bundestag das getan, was im Namen steckt, er hat getagt. Lesen Sie hier, wie die Politik mit der Lage umgeht. Haben Sie den Eindruck, dass alles gut oder auch nur halbwegs okay läuft? Ja, es ist schäbig von der Union, jetzt schon über die Ampel herzufallen, aber es rächt sich bereits, dass die FDP sich bei den Ampel-Verhandlungen zu sehr durchsetzt: Das verhindert auch eine bundesweite klare politische Linie. Die Beendigung der pandemischen Lage am 25.11., von uns bereits mehrfach erwähnt, hat zwar die alte Koalition so beschlossen, aber die neue, an der ja immerhin in führender Stellung einer der beiden bisherigen Koalitionspartner beteiligt ist, könnte diese Entscheidung aufheben, die nicht berücksichtigt hat, dass wir zwei Wochen vor diesem Datum auf Rekordniveau bei den Neuinfektionen stehen könnten.

Unterhalb des zuletzt verlinkten Artikels findet sich eine Umfrage: Sollten Einschränkungen nur für Ungeimpfte gelten? Wir finden es herausragend von vielen Geimpften, dass sich immer noch eine Mehrheit von 51 Prozent dagegen ausspricht, so rücksichtsvoll ist die andere Seite nicht. Lieber, das geht aus dem Abgleich mit der eingangs erwähnten Civey-Umfrage hervor, wollen sich viele Geimpfte ebenfalls wieder strengeren Regeln unterwerfen, als die Querdenker:innen alleine mit den Folgen ihres Handelns dastehen zu lassen. Geimpfte, die nicht alle Ungeimpften nun in Bausch und Bogen verdammen, sind echte Demokrat:innen und das berührt uns auch.

Wir haben jetzt anders optiert und in dieser Umfrage dafür gestimmt, dass es endlich Unterschiede geben sollte. Darin würde auch ein Stück Gerechtigkeit liegen, und die ist uns angesichts der Unverfrorenheit der Impfgegner im Moment wichtiger selbst als das Mitnehmen aller, Solidarität hingegen ist keine Einbahnstraße. Es liegt einfach daran, dass die Lage sich in den letzten Tagen erheblich verschärft hat, sonst würden wir es nicht so eng sehen. Es bedeutet aber nicht, dass wir damit mehr meinen als die Anwendung der 2G-Regel. Und es bedeutet nicht, dass wir uns nicht auch von solchen Veranstaltungen vorerst fernhalten, die keine Pflicht sind und die 2G voraussetzen, wie etwa am heutigen Abend, obwohl wir die Kriterien erfüllen. Dieses Ereignis ließ sich wohl nicht mehr so kurzfristig auf dual umstellen, wie wir es uns gewünscht hätten. Wir tun das unsere, wir hoffen, alle anderen tun das ihre, dann werden wir die Pandemie schon wuppen. 2G wird dazu aber möglicherweise nicht mehr ausreichen.

Last, but not least: Heute wurden wir erstmals auf die Booster-Impfung angesprochen. Ob wir denn Interesse hätten, im Rahmen einer Gemeinschaftsaktion mitzumachen. Ja, haben wir. Nicht leichten Herzens haben wir genickt, aber wir machen wieder mit. Uns stört es, wie viele andere, dass der Impfschutz bei mRNA-Impfstoffen so kurzlebig ist, aber wir machen mit. Und eine Gewissheit haben wir schon, die es letztes Jahr um diese Zeit, als die dritte Welle begann, noch nicht gab: Länder, in denen die Menschen vernünftiger sind und sich bereitwilliger impfen lassen, stehen besser da, als Deutschland es aktuell tut. Wesentlich besser.

TH

Frontpage | Corona Lage | Tyrannei der Impfgegner, 2G, Charité ändert Behandlungs-Prioritäten wegen mehr Corona-Fällen

Liebe Leser:innen, wird sind’s schon wieder, mit einem weiteren Corona-Update. Im zweiten Update des Nach-Sommer-Lageberichts zu Corona haben wir uns u. a. mit den Aussagen des Weltärztepräsidenten Hans Ulrich Montgomery in „Anne Will“ auseinandergesetzt, der von einer Tyrannei der Ungeimpften sprach. Auf Twitter trendete dieser Ausspruch alsbald und auch die Reaktionen der Politik konnten nicht ausbleiben.

Dezent, wie es im Wesentlichen seine Art ist, hat sich der Noch-Vorsitzende der SPD, Norbert Walter-Borjans geäußert:

Der Wortwahl von Montgomery will sich Walter-Borjans nicht anschließen: „Es gibt ängstlichere und wenig ängstliche Menschen“, sagt der SPD-Politiker. „Und diejenigen, die ängstlicher sind und sich deswegen noch nicht entschließen konnten, sich impfen zu lassen, kann man nicht als Tyrannen bezeichnen.“ (Web.de)

Eine Impfpflicht für die Angehörigen bestimmter Berufe will Walter-Borjans aber dennoch nicht ausschließen. Passt das zu seiner obigen Aussage? Nicht ganz, finden wir. Denn was ist, wenn es in diesen Berufsgruppen auch jene Ängstlichen gibt? Was machen wir mit denen? Es gibt aber ein weiteres Problem in dieser Aussage, das dürfte auch Walter-Borjans nicht entgangen sein: Die Selbstwahrnehmung der Coronaleugner und Impfgegner ist eine andere: Sie halten sich für Helden, für Widerständler, für diejenigen, die den Durchblick haben. Das ist etwas ganz anderes, als wenn jemand ganz natürliche Ängste hat und bei jeder in die körperliche Unversehrtheit eingreifenden Maßnahme eine Abwägung treffen muss. Letzteres haben auch wir getan.

Was ist der Schluss, den man aus dieser Aussage von Walter-Borjans ziehen muss? Die Politik kritisiert zwar die Impfgegner durchaus, und zwar als Angsthasen und sozusagen hinten herum, aber mit einer absichtlich falschen Zuschreibung, die ganz gewiss nicht dazu führen wird, dass diese nun sagen werden: „Verflixt, der gute NoWaBo hat uns enttarnt, schnell, schnell zum Impfzentrum!“ Bewertung: Aussagen wie die von Walter-Borjans bringen rein gar nichts voran, sondern sind lediglich dazu gedacht, vordergründig der gerade erst vom Tiefpunkt der letzten Jahre auferstandenen SPD die wenigen unter ihren Wähler:innen zu sichern, die leider auch Impfgegner:innen sind. Deswegen wird ein Verständnis ausgedrückt, das in Wirklichkeit gar keines ist, siehe auch mögliche Impfpflicht für bestimmte Berufe, siehe auch 2G-Regel.

Weiter unten im selben Artikel lesen wir diese Passage:

Die AfD zweifelt am Sinn einer hohen Impfquote, weil sich auch Geimpfte anstecken und das Virus weitergeben könnten. Mit einer ähnlichen Ansicht hat auch Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht für heftigen Widerspruch gesorgt. „Unser Ziel ist nicht eine höhere Impfquote, sondern mehr Eigenverantwortung“, sagte Schneider. „Auch bereits geimpfte Gefährdete müssen vorsichtig sein. Und die, die zu diesen Menschen engen Kontakt haben, sollten sich unabhängig vom eigenen Impfstatus vorher testen.“

Dass die AfD sich mittlerweile darauf kapriziert hat, nicht nur Nazis zu pflegen, sondern auch die nicht selten mit ihnen identischen Coronaleugner:innen und Impfverweiger:innen, ist bekannt. Da es derzeit keine Krise der Geflüchteten gibt, kommt Corona als neues Spaltthema wie gerufen. Deswegen werden die Geimpften auch als Quan­ti­té né­g­li­gea­ble bezeichnet, und, wie kürzlich vom Herrn Streeck (unser Update 1) sogar als Gefahr angeprangert. Uns braucht man nicht zu erzählen, dass wir vorsichtig sein müssen, um vorsichtig zu sein, haben wir uns u. a. impfen lassen. Und bei wem sind die Inzidenzen derzeit um ein Vielfaches höher als bei den Geimpften? Genau, des sind die Ungeimpften. Sie bringen in bestimmten Regionen Deutschlands auch wieder die medizinischen Kapazitäten an die Grenze.

Wir sind der Meinung: Wenn Triage wirklich notwendig werden sollte, aus genau dem Grund, dass wir vielerorts Rekordinzidenzen haben und viele Ungeimpfte hospitalisiert werden müssen, dann bitte zugunsten a.) der Geimpften und b.) derjenigen, die nicht wegen Corona in Krankenhäusern untergebracht sind.

Dass Sahra Wagenknecht immer mehr Beifall von rechts erhält, war bereits vor Corona eine kaum zu übersehende Tendenz, während und weshalb sich immer mehr Linke wegen genau dieser Tatsache abwenden. Dadurch wird auch ihre Partei einer Belastungsprobe ausgesetzt, einer weiteren in einer langen Serie. Das merkt man am besten, wenn man die sozialen Medien beobachtet, in denen Zitatestaffeln gebildet werden (jemand retweetet einen Beitrag, die damit ausgedrückte Zustimmung wird von anderen wieder als Beweis für falsche Freunde zitiert und kommentiert, darauf antworten wieder andere mit unterschiedlichen Ansichten). Einige Wagenknecht-Fans, die wir kennen, sind auf dem Auge schon aus dem simplen Grund blind, weil sie die Funktion und das Gepräge und damit den Einfluss dieser Medien auf die Wahrnehmung von Personen und Parteien nicht verstehen (wollen).

Darüber schreiben wir mal irgendwann eine tiefergehende Analyse, um hier nicht vom Thema abzukommen. In diesen Medien findet aber auch der eigentliche Kampf zwischen Impfgegner:innen und Geimpften statt, während die Leitmedien oft eine mehr moderierende Stellung einnehmen, unter anderem, um nicht ihren eigenen Leser:innen zu sehr auf die Füße zu treten und sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Trotz allem gilt es, zu Recht, als unseriös, nur Mindermeinungen zu zitieren oder zu berücksichtigen.

Wir haben hier einen Absatz ersetzt, weil es wieder neue Meldungen von der Corona-Front gibt. Die Berliner Charité sagt nun alle planbaren Operationen ab, damit wieder vermehrt Covid19-Patient:innen behandelt werden können:

Berlin (dpa/bb) – Die Berliner Charité-Universitätsmedizin sagt seit Dienstag alle planbaren Eingriffe ab. Mehr News aus Berlin finden Sie hier. Die steigende Zahl von Covid-19-Patientinnen und Patienten mache diesen Schritt nötig, teilte ein Sprecher mit. Ziel sei es, Mitarbeiter wieder vermehrt auf Covid-19-Stationen einzusetzen. Notfälle werden demnach aber weiter behandelt und auch dringliche Eingriffe würden vorgenommen.

Wenigstens funktionieren Notfall-Operationen noch, sonst könnte man bereits von Triage sprechen. Ob nicht auch die Verschiebung geplanter Operationen zu Todesfällen führt und Krankheiten verlängert und verschlimmert? Selbstverständlich kann das passieren. Und wem verdanken wir die wieder einmal angespannte Lage? Den Geimpften? Nein, denen nicht.

Es geht um mehr als nur Corona, so seltsam sich das in diesen Tagen lesen mag. Es geht darum, ob Menschen in der Lage sind, sich nicht destruktiv, sondern konstruktiv und solidarisch selbst zu ermächtigen. Wenn uns die Parteien dabei nicht verständig begleiten und den Eindruck vermitteln, ihnen sind selbstständige Bürger:innen nicht genehm, dann kommt dabei genau das heraus: Viele können nicht zwischen Selbstermächtigung und Freidrehen unterscheiden, weil sie den Unterschied nicht kennengelernt haben. Wir halten uns weiter daran, für soziale Zwecke zu schreiben und uns dafür einzusetzen, nicht für unsoziale Verhaltensweisen aller Art.

TH

Frontpage | Corona Lage | Rekord-Inzidenz, Klinikampel in Bayern auf Rot, Tyrannei der Impfgegner 2G 

Da die Impfgegner derzeit so viel Wind machen, dachten wir, wir melden uns auch wieder häufiger zu Wort. Unseren Frust über die aktuelle Lage haben wir bereits in den beiden Corona-Lageberichten der letzten Tage (Update und erster Nach-Sommer-Bericht) geäußert. Gestern Abend gab es bei Anne Will, wen wundert’s, wieder eine Corona-Diskussion. Dieses Mal war sie sachlich und fachlich kaum zu beanstanden, trotzdem kam es zu drastischen Aussagen. „Wir erleben eine Tyrannei der Ungeimpften“ (msn.com), heißt es dazu in einem Artikel der „Welt“:

Frank Ulrich Montgomery fand für diese Entwicklung drastische Worte: „Momentan erleben wir ja wirklich eine Tyrannei der Ungeimpften, die über zwei Drittel der Geimpften bestimmen“, schimpfte der Vorsitzenden des Weltärztebundes. „Tyrannei?“, hakte Moderatorin Anne Will nach. „Ja, ich benutze bewusst den Begriff der Tyrannei, denn in Ländern wie Portugal, in denen 97 Prozent geimpft sind, gibt es all diese einschränkenden Maßnahmen nicht mehr, weil man sie nicht mehr braucht.“

Wir haben uns gestern die Inzidenzen und die Impfquoten in Europa angeschaut. Portugal wurde in der Sendung als Beispiel für ein europäisches Land genannt, das besser aufgestellt ist als Deutschland. Wir erinnern uns, dass auch Portugal einmal sehr stark von Corona betroffen war und wir wollen gar nicht erst einige asiatische Länder zum Vergleich heranziehen, die, sofern deren Datenerhebung mit der unseren vergleichbar ist, niemals solche Probleme mit Corona hatten wie wir derzeit.

Morgen werden wir also auch in der nächsten Teamsitzung wieder über Corona sprechen müssen, weil die Ungeimpften es uns aufzwingen. Herzlichen Glückwunsch! Wir hätten eigentlich andere Themen gehabt. Aber bei einer Inzidenz in Berlin von über 200 müssen wir uns mit dem Problem befassen, das sind wir uns selbst und allen Kolleg:innen schuldig.

Da es keinen Lockdown mehr geben wird, gleich, wie die Zahlen sich entwickeln, wir also keine Rückendeckung seitens der Politik bekommen werden, müssen wir individuell verfahren und das hat weitreichende Konsequenzen: Unternehmen können zum Beispiel keine staatlichen Hilfen mehr bekommen, wenn sie sich aus freien Stücken entschließen, ihre Mitarbeitenden zu schützen und den Betrieb herunterzufahren oder ganz einzustellen.

Derweil sprechen sich 57 Prozent der Menschen gemäß einer Umfrage für eine allgemeine Impfpflicht aus. Bisher haben wir uns damit schwergetan, ebenso mit der Verpflichtung, Veranstaltungen nur noch unter 2G-Bedingungen durchzuführen. Wir meinen auch, die Tests für alle sollten wieder kostenfrei werden, einfach aus praktischen, nicht aus ethischen Gründen. Denn die Ethik kippt mittlerweile: Bewusste Selbstschädigung ist jedem selbst überlassen, deswegen würden wir auch eine liberalere Drogenpolitik okay finden, aber Fremdschädigung ist eine andere Sache, die normalerweise auch strafrechtliche Konsequenzen hat, vor allem, wenn sie vorsätzlich geschieht. Das gilt auch für den bedingten Vorsatz („billigendes in Kauf nehmen“).

Nur in Sachen Corona scheinen komplett andere Regeln zu gelten und diejenigen, die sich auf Kosten der Mehrheit austoben, erfahren ein Verständnis, das wir als Aktive in linken Bewegungen auch gerne hätten, wenn wir vom Staat sehr eng geführt werden, um es vorsichtig auszudrücken. Die resultierende Gerechtigkeitslücke, eine von vielen und eine erhebliche, wird immer größer und der Zorn bei den solidarischen Menschen wächst ebenfalls, obwohl deren Grundhaltung eher tolerant ist. Corona ist ein Spaltungsthema, keine Frage, aber wir haben im Update 1 auch ausgeführt, dass jetzt Öffentlichkeitsarbeiter in Sachen Corona-Verharmlosung, wie Herr Streeck, versuchen, den Spieß umzudrehen und uns Geimpfte an den Pranger zu stellen. Sorry, aber da hört der Spaß auf. Weiter heißt es im oben zitierten Artikel u. a.:

Eine andere Strategie lässt sich derzeit in Österreich beobachten: Bei einer Inzidenz von weit über 500 trat dort am Sonntag eine landesweite 2G-Regel für Restaurants, Friseure und Veranstaltungen ein. Der Vorstoß zeigte offenbar Wirkung: Mehr als 30.000 Österreicher ließen sich allein am Samstag impfen.

Wir sind wirklich erschrocken, als wir gesehen haben, dass die Inzidenz in Österreich so hoch ist, wir mögen das Land ja auch. In Deutschland allerdings tendieren Bayern und Sachsen ebenfalls in diese Richtung, während es im Norden noch recht entspannt zugeht. Einzelne bayerische Landkreise kommen derzeit auf Inzidenzen von 700 bis knapp über 900.

Würden wir in Bremen wohnen, wo über 80 Prozent der Menschen geimpft sind, müssten wir uns morgen auch nicht um schärfere betriebliche Maßnahmen gegen Corona bemühen, denn dieses und einige andere Bundesländer weisen noch eine Inzidenz von unter 100 auf. Es ist immer eine Abwägung, deswegen müssen Grenzwerte erstellt werden: Bis hierher mache ich mit, mir ist die Präsenz wichtig, aber darüber hinaus überwiegt nach meiner Ansicht das Risiko zu sehr.

Es gibt in Osteuropa Länder, die sogar im Ganzen eine Inzidenz von bis zu mehr als 900 aufweisen. Das ist furchtbar und traumatisch für die Menschen dort. Die einstigen Hotspots in Südwesteuropa hingegen werden möglicherweise besser durch die vierte Welle kommen, weil die Impfquote höher ist als z. B. in Deutschland. Dort hat man aus den Erfahrungen des Jahres 2020 gelernt, während bei  uns ein Verhalten zu erkennen ist, das wir als Indiz dafür wahrnehmen müssen, dass diese zum unsolidarischen Verhalten erzogene Gesellschaft Krisen nicht mehr stemmen kann. Wir wiederholen diesen Satz aus dem ersten Nach-Sommer-Lagebericht gerne und immer wieder.

Was kann die Politik also tun? Querdenker überzeugen? Nach unserer Ansicht überwiegend aussichtslos. Impftermine für noch Ungeimpfte vorschlagen? 25 Prozent werden nicht hingehen, wenn nicht etwas Druck aufgebaut wird. Die 2G-Regel verbindlich machen, aber geht das bundesweit? 3G haben wir betrieblich schon lange und wir sind bisher sehr gut durchgekommen, aber eine Voraussetzung für den Erfolg war, dass Mitarbeitende sich, wenn sie nicht geimpft oder genesen sind, kostenfrei, also auf unsere Kosten, wenn man so will, testen lassen können und die Testung auch erwartet wird. Trotzdem, kein Thema, es geht um mehr Sicherheit.

Auch Impfprämien werden wieder ins Spiel gebracht. Diesbezüglich von uns eine klare Ansage: Nicht nur für die, die sich ewig haben bitten lassen und die Entnervtheit der Politik und der Mehrheit jetzt ausnutzen möchten, sondern für uns alle, die wir geimpft sind: Mehr als das, es müsste eine Frühzeitigkeits-Extraprämie für die geben, die den ersten angebotenen Termin bzw. die beiden ersten Termine wahrgenommen haben, wie das bei uns der Fall ist.

Die Privilegierung der Leugner und Verweigerer muss endlich aufhören, denn es handelt sich dabei um ein fatales Signal: Solidarität, Gemeinsinn, Vorsicht und Mut an der jeweils richtigen Stelle, der Wille der Mehrheit, das alles wird hierzulande wieder einmal geringgeschätzt, während eine lautstarke und verpeilte Minderheit das Geschehen dominiert und uns auch zum Nachteil des Ganzen auf der Nase herumtanzen darf. Sicher heißt Freiheit, einiges auszuhalten. Das tun wir aber auch ohne Corona bereits, und zwar immer, jeden Tag, zu beinahe jeder Stunde. Wir akzeptieren im Wesentlichen auch die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in diesem Land und wehren uns nur punktuell, wie etwa in Sachen Mietenwahnsinn in Berlin. Irgendwann läuft das Fass aber auch mal über und irgendwann müssen die Vernünftigen auch mal von der Politik ein Zeichen bekommen, dass ihre Haltung anerkannt wird und sie nicht immer mit den Covidioten in ein Boot gesteckt werden.

Unter den jetzigen Umständen, wie bisher geplant, die epidemische Lage am 25. November zu beenden, halten wir für aberwitzig.

Als das beschlossen wurde, war nicht zu erkennen, dass wir auf eine durchschnittliche Inzidenz in Deutschland von über 200 hinlaufen. Bezeichnenderweise liegt sie bei Ungeimpften um ein Vielfaches höher als bei Geimpften. Anders ausgedrückt: Wären alle oder alle, bei denen es vertretbar ist, geimpft, könnte man diese Lage wirklich aufheben. Wir sind sehr gespannt darauf, wie die neue Ampelkoalition sich jetzt verhalten wird. Sie ist in einer Zwickmühle, das ist uns schon klar, aber wir, die Geimpften, sind es nicht, die sie dort hineingebracht haben.

Nun hat die EU-Arzneimittelbehörde den Biontech-Impfstoff „Comirnaty“ für Kinder ab 12 Jahren freigegeben. Wir äußern uns dazu nicht bewertend, weisen aber wieder auf Fakten hin: Gerade an den Schulen, bei den 10- bis 19-jährigen Menschen, ist die Situation derzeit komplett außer Kontrolle. Corona-Pandemie in Deutschland: Spahn berät mit Ampel-Koalitionären über Rückkehr kostenloser Tests (msn.com), Tagesspiegel.

Die Inzidenz liegt aktuell höher als jemals zuvor in Deutschland während der gesamten Pandemie:

Das RKI gibt die Zahl der bestätigten Fälle pro 100.000 Einwohner und Woche am Montagmorgen mit 201,1 an. Der bisherige Rekordwert datiert vom 22. Dezember 2020 mit 197,6.

Das RKI hängt mit seinen Zahlen gegenüber anderen Erhebungen, die von Medien aufgrund von Meldungen der Gesundheitsämter durchgeführt werden, übrigens immer etwas nach. Wo die Inzidenz abklingt, bedeutet das, die RKI-Werte sind noch etwas höher als aktuell, bei ansteigender Tendenz jedoch ist es umgekehrt und so sieht es derzeit überwiegend aus.

Was sollen wir tun, was nicht rechtlich immer wieder ausgehebelt werden kann, weil ausgerechnet bei Corona auch die Justiz so viele Freiheiten wichtig findet, die wir in anderen Bereichen längst nicht (mehr) haben? Wenn die Politik nicht reagiert und ausnahmsweise die Corona-Gegner nicht bestimmen dürfen, was bei uns und mit uns läuft, bleibt nur eine Empfehlung an die Geimpften: Den Hausarzt oder die Hausärztin um individuelle Krankschreibung bitten. Gründe, sich wegen der aktuellen Lage und dem Umgang mit uns schlecht zu fühlen, gibt es wahrlich genügend. Der wirtschaftliche Schaden wird dann uns alle treffen, auch die Corona-Leugner:innen und Impfgegner:innen. Das sind Ansichten, zu denen man kommt, wenn zu große Teile der sogenannten Gesellschaft einen Dauer-Blackout haben und die Politik diesen Leuten folgt, anstatt für die Mehrheit etwas zu tun.

Auch wir können uns verweigern. Wir machen einfach nicht mehr mit und bleiben zu Hause. Besonders die „Systemrelevanten“ unter uns haben dadurch im Grunde eine große Macht. Leider steht ihr Arbeitsethos der Ausübung dieser Macht, die wir als einzige gegen die Macht einer unverfrorenen Minderheit stellen können, noch zu oft im Wege. Es ist eben vertrackt: Wer gemeinschaftsdienlich denkt, scheut sich eher, radikal zu werden und andere seine Macht spüren zu lassen, und sei es noch so angebracht.

TH

Frontpage | Corona Lage | Intensivbetten, Streeck, 2G, Booster, vierte Welle mit weiterem Höchststand

Dass die Updates in Sachen Corona nun wieder in rascher Abfolge kommen, liegt zum einen an der Lage, zum anderen an dem Ärger, der bei uns langsam immer mehr hochsteigt. Da die Coronaleugner und Impfskeptiker:innen zu immer härteren Propagandamitteln greifen, halten wir mit Fakten dagegen und bleiben dabei immer auf dem Teppich. Wir geben nur Dinge weiter, die allgemein zugänglich sind und nicht auf wissenschaftlichen Analysen beruhen, die wir nicht verifizieren können.

Auslöser für unser heutiges Update ist dieser Artikel in der Münchener TZ, in dem unter anderem diese Passage zu lesen ist:

„Alle Beatmungsbetten sind belegt“: Münchner Intensivmediziner verzweifelt. Die Corona-Infektionszahlen steigen rasant. In München werden die Intensivbetten vor Covid-Patienten knapp. In der München Klinik Neuperlach ist die Lage ernst. Im weiteren Verlauf wird geschildert, dass mittlerweile verstärkt darüber nachgedacht wird, Patienten nordwärts, in andere Bundesländer zu verlegen. Auch in München werden mittlerweile die Inzidenzzahlen von Geimpften und Ungeimpften getrennt veröffentlicht. Wir finden das komplett richtig: Wie gestern für Sachsen geschildert, liegen sie die Zahlen bei Ungeimpften um ein Mehrfaches höher (in Sachsen um das mehr als 11-fache, in München etwa um das 9-fache). Weiter heißt es, dass die Operationen von Nicht-Corona-Patienten verschoben werden müssen, weil immer mehr Intensivbetten mit ungeimpften Corona-Patienten belegt sind.

Felbinger (ein Intensivmediziner am Klinikum Neuperlach, A. TH) berichtet von weinenden Patienten, deren Operationen verschoben werden müssen, von erschöpften Pflegekräften – und von wütenden, wenn ungeimpfte Covid-Patienten, kurz bevor sie ins künstliche Koma versetzt werden müssen, weiter behaupten, sie hätten nur einen Schnupfen. „Das sind Momente der Frustration, die wir aushalten müssen.“  

Als sei das alles nicht genug, meldet sich nun auch der unvermeidliche Herr Streeck wieder zu Wort, auf den sich zuletzt unter anderem Sahra Wagenknecht bei Anne Will berufen hat und was zu einer breit angelegten Diskussion auch in der Linken geführt hat. Streeck gibt zur Lage dies kund:

(…) der Bonner Virologe Hendrik Streeck sieht die 2G-Regel in Gastronomie und bei Veranstaltungen mit Problemen behaftet. „Die Geimpften haben das Gefühl, sie sind nicht mehr Teil der Pandemie und verhalten sich auch entsprechend risikoreich“, sagte Streeck am Samstag dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Wir müssen uns als Geimpfte mittlerweile allerlei Zumutungen seitens der Ungeimpften gefallen lassen, aber das schlägt wirklich dem Fass den Boden aus: Wir werden zur Problemgruppe erklärt und implizit wird behauptet, die Ungeimpften seien die Vorsichtigen, weil sie ja wüssten, dass sie einem höheren Risiko ausgesetzt sind und deswegen schön achtsam sind. Ach ja? Deswegen ist bei ihnen wohl auch die Inzidenz derzeit um ein Vielfaches höher als bei den Geimpften. Manchmal fragen wir uns, ob manche Leute noch merken, was sie daherreden. Ja, es gäbe etwas Besseres als die 2G-Regel: Einen harten Lockdown und danach einen Neustart. Derlei ist aber nicht mehr durchsetzbar, egal, wie die Zahlen aussehen. Die in dem Artikel, in dem auch Streeck zu Wort kommt, erwähnte 1G-Regel ist zumindest bei größeren Veranstaltungen kaum durchführbar und darum ging es doch, dass endlich wieder Big Fun herrschen darf, das war vielen doch so wichtig. Wir hätten aber auch kein Problem damit, uns jeden Tag testen zu lassen. Kostenlos selbstverständlich, wir haben uns bisher nichts vorzuwerfen. Auch für uns war das keine einfache Entscheidung, umgehend zwei Termine zu buchen, als es möglich war.

Die Reputation von Streeck als Virologe können und möchten wir hier nicht betrachten, aber als Psychologe ist er entweder besonders dilettantisch und wildert in der Verhaltungsforschung, oder er ist als Charakter bösartig: Niemand, den wir kennen, der geimpft ist, verhält sich absichtlich leichtsinnig, denn gerade die Geimpften haben ja dokumentiert, dass sie die Pandemie ernst nehmen, indem sie sie impfen ließen. Wir haben eine Abwägung getroffen: zugunsten der Allgemeinheit und zugunsten der überwiegenden Wahrscheinlichkeit, dass die Impfungen mehr nützen als schaden. Auch wir sind nicht begeistert davon, dass die Wirksamkeit derzeit in der Diskussion steht und klar geworden ist, dass der Schutz nicht sehr lange auf hohem Niveau anhalten wird. Aber derzeit sieht es noch gut aus und nur wenige von uns werden jetzt Intensivbetten belegen, die Patient:innen mit anderen Erkrankungen dann nicht mehr zur Verfügung stehen. Denn eines gilt bisher als sicher: Wir erkranken weniger häufig schwer an Covid19. Und offensichtlich auch weniger häufig neu, das belegen die aktuellen, nach Gruppen getrennten Inzidenzzahlen.

Nun zur Vorsicht der Geimpften: Am Arbeitsplatz gelten bei uns immer noch strikte Regeln, wir haben keine Vollbelegung, enge Hygiene- und Maskenanforderungen, trotz (jetzt leider: nahezu, siehe vorausgehender Artikel) vollständigem Impfstatus im Team und trotz der Lästigkeit dieser Maßnahmen, die immer wieder den Flow von Arbeitsabläufen und die ungehinderte Kommunikation beeinträchtigen. Zumindest ist das bei uns so, weil wir Alltagsdinge stark automatisiert ausführen und die vollständige Gewöhnung an die internen Regeln nach drei Monaten Präsenz (zuvor ein halbes Jahr Homeoffice) noch nicht vollständig erreicht ist. Wir fühlen uns durchaus beeinträchtigt durch die Corona-Maßnahmen, es ist nicht so, dass wir sie super finden. Aber wir haben alles getan, damit wir die Pandemie so wenig wie möglich mitbefördern. Dies zu einer Zeit im Frühjahr und Sommer, als die Ungeimpften beliebten auf Demos frei zu drehen, unter Missachtung jeglicher Abstands- und Hygieneregeln und mit einem angemaßten Status als Nachfahren der Holocaust-Opfer, der bei uns ein erhebliches Maß an Übelkeit hervorrief.

Gestern hat die Zahl der Neuinfizierten in Deutschland mit 35.806 einen neuen Höchststand erreicht. Das war gestern Platz drei weltweit und bezogen auf die Einwohnerzahl der zweithöchste Wert nach Großbritannien in allen größeren Ländern. Das ist erschreckend und frustrierend, denn wir sind der Pandemie eben nicht mehr ausgeliefert, sondern können uns mittlerweile angemessen verhalten und uns schützen.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Inzidenzwerte, die wir z. B. aus München oder Sachsen kennen, allgemeingültig sind, dann müssten über 30.000 oder, vorsichtig gerechnet, also mindestens ca. 80 Prozent dieser Fälle, auf Ungeimpfte entfallen, während diese nur noch ca. 35 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Ob es noch mehr braucht, um die Schwurbler endlich zu überzeugen? Vermutlich ja. Wer erst einmal irrlichtert, ist schwer davon abzubringen. Deswegen erzählen wir heute wieder eine Anekdote und liefern im Anschluss Fakten.

Auch in unserer Umgebung gibt es Corona-Leugner:innen. In der Regel keine „Wahlverwandtschaften“, sondern z. B. Menschen, deren Nähe wir uns nicht ausgesucht haben, Nachbar:innen etc. Eine dieser Personen behauptet permanent, sie hätte einen quasi geheimen Zugang zu den Zahlen des Klinikums Buch im Norden von Berlin: Es gebe dort keine Corona-Fälle und die Mitarbeitenden hätten eine Schweigeverpflichtung unterschreiben müssen, damit sie das nicht nach außen tragen.

Bereits vor einem Jahr waren die Helios-Kliniken, zu denen das Klinikum-Buch gehört, dadurch aufgefallen, dass deren recht niedirige Zahlen in der Diskussion standen. Seitdem veröffentlichen sie jeden Tag von jedem ihrer über 80 Häuser in Deutschland die Belegungszahlen, und zwar alle, getrennt nach Corona-Fällen und Nicht-Corona-Fällen. Correctiv hatte damals recherchiert und die Leitung der Helios-Kliniken hatte ausdrücklich klargestellt, dass die in einigen Kliniken noch recht günstige Lage kein Beleg für die Irrelevanz von Corona ist. Die aktuellen Zahlen für das Klinikum Buch haben wir nun nachgeschaut: Drei Corona-Patient:innen auf Intensivstation, 18 Corona-Patient:innen insgesamt, bereits 391 Menschen, die wegen Corona ein Intensivbett belegt haben, gerechnet seit Ausbruch der Pandemie.

Eines kann Berlin: Medizin. Nirgendwo gibt es so viele Spitzenkliniken wie hier, allein die Charité mit ihren vielen spezialisierten Häusern ist einmalig in Deutschland. Daher ist die Lage hier besser im Vergleich zu anderen Gegenden, besonders in Relation zum ländlichen Raum, daher sind auch die Todesfallzahlen im Vergleich zu den Infektionen in unserer Stadt vergleichsweise gering. Trotzdem gibt es mittlerweile offensichtlich überall Corona-Patient:innen, die Intensivbetten belegen. Zu Engpässen scheint das bisher nicht zu führen, aber Berlin hat auch nur eine durchschnittliche Inzidenz, anders als Sachsen oder Bayern. Was von dort zu hören ist, wie der oben zitierte Bericht, kann letztlich zur Triage führen, die wir alle niemals wollten. Ergänzung: Wir haben erst nach der Veröffentlichung gesehen, dass „Triage“ gerade auf Twitter trendet. Aber verwundert es?

TH

Frontpage 05.11.2021, 21:00 Uhr | Corona Lage | 2G, Booster, vierte Welle auf bisherigem Höchststand

Heute habe ich auf Twitter einen Post gelesen, der etwa so lautete: „Wir haben ein Szenario, das in keinem Katastrophenfilm vorkommt. Die Apokalpyse geht weiter, aber niemanden interessiert’s„.

Das kommt wohl von der Gewöhnung. Kino ist kurzfristige Sensation, aber Kriege können ewig währen, ohne dass die Bevölkerung aufsteht und die Soldaten die Waffen niederlegen. Die Menschen machen einfach weiter, obwohl das, was wir aktuell sehen, wahrlich beängstigend ist. Gemäß der folgenden Darstellung war gestern der Tag mit der bisher höchsten Zahl von Neuinfektionen in Deutschland seit Beginn der Pandemie:

Damit hat Deutschland gegenwärtig die weltweit vierthöchste Zahl an neuen Fällen. Wieder einmal. Wie schon während der zweiten Welle vor einem Jahr, aber mit noch größerem Abstand vor den meisten europäischen Ländern. Aber noch extremer als damals ist der rasche Anstieg der Fallzahlen seit einigen Tagen. Und nun wird Sachsen das einführen, was in Teilbereichen des Veranstaltungsbetriebs auch in Berlin schon gilt, aber auf allgemeiner Ebene: Die 2G-Regel (nur noch Genesene und Geimpfte haben Zutritt). Die 3G-Regel schließt auch Getestete ein und gilt z. B. an unserem Arbeitsplatz. Die Testung für Mitarbeitende erfolgt dort für sie kostenfrei. Es gibt einen Grund, warum wir das schreiben.

In Sachsen allein steckten sich zuletzt 4.000 Menschen täglich an und die 7-Tage-Inzidenz beträgt in Sachsen bei Ungeimpften 868. Das ist der höchste je bisher während der Pandemie in Deutschland für ein Bundesland gemessene Wert. Geimpfte hingegen kommen auf eine Inzidenz von 79. Auch das ist viel zu viel, aber der Unterschied macht drastisch klar, warum wir die Pandemie wieder ernst nehmen sollten. Selbstverständlich denken wir über eine Booster-Impfung nach, obwohl wir nicht zu den Risikogruppen rechnen, für welche die STIKO sie jetzt schon empfiehlt.

Allerdings haben wir uns doch etwas von Christian Drosten nachdenklich stimmen lassen, der gesagt hat, seine dritte Impfung geht erst einmal nach Afrika, wo bisher viele nicht einmal einen Erstschutz erhalten konnten. In Israel hat man hingegen mit der flächendeckenden Booster-Impfung die vierte Welle gebrochen, so jedenfalls der aktuelle Stand.

Es wird immer komplizierter, zumal neue Behandlungsmethoden wie Pillen erste Zulassungen in EU-Ländern erhalten. Und mitten in dieser Situation bzw. mit einem Tag Vorlauf, passierte in unserem Team dies:

„Ich muss hinzufügen, dass wir sehr auf Vertrauen gesetzt haben. Wer gesagt hat, er ist zweimal geimpft, der musste nicht sein Impfbuch vorlegen oder den QR-Code zeigen. Gestern outete sich erstmals jemand, der Bedenken gegen die mRNA-Impfstoffe hat, dahingehend, dass er / sie nicht die Wahrheit über seinen Impfstatus sagte. Die Person wird nun vor jedem Arbeitsantritt getestet werden. Ich mag die Person, aber ich war froh, dass sie zuletzt relativ wenig anwesend war und damit das Risiko gering, sich bei ihr anzustecken“

Wir sind einigermaßen erschüttert, aber niemand wird deswegen soziales Bashing inszenieren, das ist nicht unser Ding und außerdem: passiert ist passiert. Das kommt unter anderem dabei heraus, dass gewisse Medien und Politiker:innen meinen, sie müssten die Bevölkerung gegen sinnvolle Schutzmaßnahmen aufhetzen und den Menschen einreden, ausgerechnet dadurch sei auf immer die Freiheit verloren. Da gibt es wirklich andere Tendenzen, gegen die man sich seltsamerweise nie so heftig gewehrt hat.

Gerade Menschen, die eine sehr selektive Weltwahrnehmung haben, lassen sich aber von dieser Entsachlichung des Diskurses stark beeinflussen und selbstverständlich sind auch wir, die solidarisch Denkenden und Handelnden, dadurch mehr gefordert: Es gehört durchaus Mut dazu, bei jeder Maßnahme mitzumachen und weiterhin der Wissenschaft bzw. deren Hauptlinie in dieser Angelegenheit zu vertrauen, die für viele bereits tödlich verlaufen ist oder erhebliche Nachwirkungen nach einer Erkrankung gezeigt hat. Wir müssen aber all das aushalten, was andere in dieser Krise uns aufdrücken, die ihren Teil zur Eindämmung der Pandemie nicht beitragen wollen und wir müssen versuchen, durch unser eigenes Verhalten noch Schlimmeres zu verhindern.

Wir hätten nicht gedacht, dass wir ad hoc wieder in die Corona-Berichterstattung einsteigen werden, auch wir haben uns zuletzt bei „Pegelständen“, die vor einem Jahr noch für Riesendiskussionen gesorgt hätten, weitgehend rausgehalten, weil die meisten es getan haben und auch wir irgendwie müde von dem Ganzen sind.

„Wir hatten uns sehr auf die von uns angeregte erste größere Teamsitzung seit langer Zeit gefreut, die am nächsten Dienstag stattfinden soll. In dem großen Saal, in den wir gehen, wird das wohl trotzdem kommen, mit Abstand. Wir werden wohl nicht canceln oder auf online umstiegen. Aber die Thematik wird eine ganz andere sein als vorgesehen. Geplant war, Projekte und kleine Verbesserungen im Nach-Corona-Betrieb zu besprechen. Was kommen wird: Wie wird nun mit der neuerlichen Groß-Herausforderung umgegangen werden?“

Unsere eigenen Maßgaben haben wir schon sehr gelockert, mit verschiedenen Hilfsargumenten. Aber wenn die Inzidenz in Berlin über 200 steigt, werden wir uns wieder ums Homeoffice bemühen, selbst, wenn es Verdienstausfälle nach sich ziehen sollte. Eigentlich wollten wir spätestens bei 150 einen Schussstrich unter die Präsenzarbeit ziehen, aber die sind ja nun schon überschritten. Und wir werden bei Argumenten pro Vernunft weit mehr unter Druck sein als vor über einem Jahr, als Vorsicht noch selbstverständlicher Stand der Dinge war. Das Problem ist: Immer wieder neue Ausfälle können wir uns kaum noch leisten, in jedem Sinne des Wortes. Deswegen denken wir mit einem Gefühl an die frei drehenden Coronaleugner und Impfverweigerer, die jetzt auch eine gigantische Inzidenz aufweisen und demgemäß die solidarisch Handelndenden massiv anstecken, das wir im Moment lieber nicht benennen möchten. Wir denken auch daran, dass in einzelnen Bundesländern die Intensivbettenkapazität an der Grenze angelangt ist.

Vor allem aber denken wir an Politiker:innen, die durch ihre öffentlichen Statements diese Verweigerungshaltung befördern, sie werden wir in unserer Berichterstattung nicht mehr von Kritik ausnehmen. Gerade dann nicht, wenn sie nicht der gruseligen AfD angehören, aber dieser Tage wieder einmal sehr gerne von Rechten zitiert werden. Zuletzt haben wir uns vorgestern hier zur Sache geäußert.

Einige Medien titeln jetzt in diesem Stil: „Die vierte Welle rollt und wieder kein Plan“. Doch, die Pläne gibt es längst. Aber niemand traut sich, sie durchzusetzen. Aus Gründen. Auch Politiker:innen haben einen Überlebensdrang und befürchten Angriffe aller Art, auch tätliche, falls sie das einzig Richtige tun: Sofort auf die Bremse treten, wobei es ja durchaus Variationsmöglichkeiten gibt. Wir mögen uns gar nicht vorstellen, wie es gegenwärtig aussehen würde, wäre nicht die tapfere Bevölkerungsmehrheit bereits geimpft. Trotzdem läuft es ähnlich wie letztes Jahr im Herbst, was angesichts der ansteckenderen Delta-Variante ebenfalls lange genug vorhergesagt wurde, damit sich alle darauf hätten einrichten können.

Was jetzt wieder läuft, wird noch Folgen haben, auch die politische Kultur und den gesellschaftlichen Zusammenhalt betreffend. Gesellschaften wie diejenigen in Deutschland können solche Krisen nicht mehr managen, das zeigt sich immer mehr, und der Unterschied im negativen Sinne zu anderen Ländern, die ebenfalls als demokratisch gelten, aber in denen man achtsamer miteinander umgeht und der Comment noch einigermaßen intakt zu sein scheint, ist erschreckend.

Damit fällt, lange nach dem Märchen von der deutschen Effizienz, auch die Erzählung von der überwiegenden Konsensgesellschaft in diesem Land, die ein Ergebnis des Zusammenbruchs der Zivilisation in den 1930ern war, eine Gegenbewegung, die doch einige Jahrzehnte weitgehend das Bild bestimmt hat, endgültig in sich zusammen. Anzeichen dafür gibt es schon länger, unter anderem die Zerstörung des Sozialstaates, den Rechtstrend und nicht umsonst sind wieder sehr viele Rechte unter den Spaltern dieser Tage. Aber man kann sagen, jetzt ist es amtlich: Die Reaktionsunfähigkeit der Politik beruht, anders als zu Beginn der Pandemie, auch darauf, dass die Verantwortlichen Angst vor diesen rüden und nicht selten latent oder offen gewalttätigen „Querdenkern“ haben. Was diese Schein-Freiheitlichen damit nebenbei nicht nur selbst gelernt, sondern auch uns allen vermittelt haben: Im politischen Ernstfall wird uns kein Rechtsstaat vor ihnen schützen.

TH

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