Ich möchte kein Mann sein (DE 1918) #Filmfest 665

Filmfest 665 Cinema

Aber warum denn nicht?

Nicht weniger als sieben Artikel mussten wir heute veröffentlichen, um Ernst Lubitschs 130. Geburtstag feiern zu können, ohne die geplante Publikationsabfolge über den Haufen zu werfen. Aber es hat gerade noch geklappt. Morgen widmet das Kino Babylon Berlin Ernst Lubitsch ein besonderes Event.*

Man soll es nicht für möglich halten, dieser 45-Minuten-Film aus dem Jahr 1918 ist so gut dokumentiert, dass wir eigentlich keine Rezension mehr darüber zu schreiben brauchen. Vor allem der „Backfisch-Star“ Ossi Oswalda und ihre Rolle, in der sie praktischerweise als sie selbst auftritt, sind ausführlich rezipiert worden, sowohl von der zeitgenössischen Kritik als auch nachwirkend. Zu meiner Schande muss ich gestehen, zunächst glaubte ich, Regisseur Ernst Lubitsch spiele auch wieder die männliche Hauptrolle, wie in vielen seiner frühen Filme, aber es ist Curt Goetz, den wir als Partner von Ossi Oswalda sehen. Hätte mir schon dadurch auffallen müssen, dass Goetz um einiges höher gewachsen ist, aber bei der Wahrnehmung kommt es natürlich auch darauf an, mit wem man zusammen auf der Leinwand zu sehen ist. Als Referenz hatte ich nur „Als ich tot war“, der zwei Jahre früher entstand und in Ossi Oswalda nicht mitspielt. Whatever, steigen wir ins Geschehen ein und gehen nach der Handlungsbeschreibung zur -> Rezension über.

Handlung (1)

1.Akt

Ossi lebt mit ihrer Gouvernante bei ihrem Onkel, einem wohlhabenden Kommerzienrat. Sie gibt sich vollkommen undamenhaft, pokert, flirtet mit den Männern, raucht und trinkt. Weder Onkel noch Gouvernante kommen auf Dauer gegen sie an. Als der Onkel wegen einer Firmengründung dringend verreisen muss, denkt Ossi, sie könne nun frei über ihr Leben bestimmen und bummeln gehen. Stattdessen stellt ihr die Gouvernante ihren neuen Vormund Dr. Kersten vor. Dieser gibt sich streng, zwingt Ossi aufzustehen, wenn sie mit ihm redet, und vor ihm einen Knicks zu machen. Auch das Bummeln unterbindet er sofort. Frustriert legt sich Ossi mit dem Ausruf „Warum bin ich nicht als Junge zur Welt gekommen!“ zu Bett.

2.Akt

Ossi lässt sich einen Anzug anfertigen und verkleidet sich als Mann. Bereits das Anlegen von Kragen und Fliege frustriert sie jedoch. Ihre Gouvernante erkennt sie nicht und ist von dem „reizenden Kerlchen“ begeistert. In der Straßenbahn wird Ossi von anderen Männern zurechtgewiesen, weil sie einer Frau nicht ihren Platz anbietet. Gleichzeitig beschweren sich die Männer, dass sie so laut jammert, als einer ihr auf die Füße tritt – schließlich sei sie doch ein Mann. Ossi geht zum Mäusepalast, einem Tanzlokal. Hier kämpft sie sich zusammen mit anderen Männern durch den Eingang, um anschließend von den Frauen gejagt zu werden. Sie erkennt ihren Vormund Dr. Kersten mit einer Frau und versucht aus Rache, sie ihm auszuspannen. Während Dr. Kersten noch den vermeintlichen Nebenbuhler zur Rede stellt, hat seine Begleitung sich schon einem anderen Mann zugewandt und Dr. Kersten und Ossi schließen Männerfreundschaft.

3.Akt

Sie betrinken sich maßlos und vertauschen auf dem Heimweg ihre Mäntel. Stocktrunken küssen sie sich während der Fahrt mit der Pferdekutsche und schlafen schließlich ein. Der Fahrer sucht in den jeweiligen Mänteln nach der Brieftasche, um zu erfahren, wo er seine Fahrgäste absetzen soll. Dr. Kersten landet deswegen bei Ossis Haus, während Ossi in Dr. Kerstens Bett nächtigt. Am nächsten Morgen sind beide entsetzt. Dr. Kersten wird von Ossis rabiater Gouvernante geweckt, kann sich jedoch unter der Bettdecke verstecken. Ossi bricht in Tränen aus, als sie Dr. Kerstens Diener vor sich sieht, will zu ihrer Gouvernante. In ihrem Haus angekommen, trifft sie auf den gerade flüchtenden Dr. Kersten, der sie jedoch nicht erkennt. Ossi gibt vor, zu ihrer Cousine zu wollen und Dr. Kersten sagt ihr, dass er die Cousine attraktiv findet. Während Ossi sich in ihrem Zimmer ihrer Perücke entledigt, trifft die Gouvernante auf Dr. Kersten. Sie vermutet, dass er gerade erst erschienen ist, und er bittet sie, die richtige Ossi wecken zu dürfen. Erstaunt muss er erkennen, dass der junge Mann, mit dem er in der vergangenen Nacht gezecht hat, in Wirklichkeit Ossi ist. Nachdem Ossi ihn beschimpft hat und er erstaunt darüber ist, dass sie sich – als Frau! – von ihm hat küssen lassen, fallen sich beide in die Arme.

Rezension

Wie man sieht, kann man auch über einen Film, der nur die Hälfte der Länge eines normalen Spielfilms aufweist, eine ausführliche Handlungsangabe schreiben. Lassen wir zunächst die zeitgenössische Kritik zu Wort kommen:

Die zeitgenössische Kritik merkte an, dass man mit hohen Erwartungen ins Kino gehe, wenn ein Lubitsch-Lustspiel auf dem Programm stehe: „Diese Erwartung wurde bei der neuen Ossi-Oswalda-Komödie nicht enttäuscht.“[1] Im Film sei „sehr, sehr viel Drolliges zu sehen und in den Titeln zu lesen. Das Köstlichste ist natürlich die blonde Ossi in ihrer ‚tragikomischen‘ Hosenrolle. Es gab dann auch starke Lachsalven.“[1] Andere Kritiker meinten, dass der Stoff des jungen Mädchens, das sich als Junge ausgibt und dadurch in abenteuerliche Situationen gerät, nicht neu sei, es gerade deswegen aber umso bemerkenswerter sei, „wenn es trotzdem den Autoren gelungen ist, das Publikum zu stürmischer Heiterkeit hinzureißen, ja, es zeitweise direkt zum Wiehern zu bringen“.[2] Hervorgehoben wurden die „launigen Titel…, die voll Witz und famoser Situationskomik sind“ und Ossi Oswaldas „sprudelndes Temperament, ihre überschäumende Laune und ihre schelmische Koketterie.“[2] Während Curt Goetz den Gegenspieler elegant und mit „diskretem Humor“ darstelle, habe Lubitsch mit seiner sorgfältigen, aber auch temperamentvollen Regie „eine ganze Reihe entzückender Bilder gestellt“.[2] Ich möchte kein Mann sein wurde später als „eine umwerfende berlinerische Komödie, in der das Temperament der Inszenierung völlig identisch wird mit dem Temperament der Komödiantin [Ossi Oswalda]“ bezeichnet.[3]

Da ist etwas dran. An allem, was man lesen kann, lediglich, ob der Geschlechter-Rollentausch damals schon etwas angestaubt war, kann ich nicht recht beurteilen. Was ich aber faszinierend fand: Die Dialoge, die in Zwischentiteln untergebracht sind und zwangsläufig die Handlung unterbrechen, sind mit das Witzigste an diesem Film und mit das Beste, was ich bisher an verbaler Komik in Filmen dieser sehr frühen Epoche sehen konnte. Außerdem ist der Witz eindeutig berlinerisch gefärbt, sodass die Begeisterung des Publikums und der Presse wohl auch aus diesem Wiedererkennbaren herrührte, daraus, dass man sich selbst ein wenig so sah, wie Ossi Oswalda ihre Rolle spielte: Kess, nie auf den Mund gefallen und auch etwas derb. Ach ja, oben steht auch etwas von einer „berlinerischen Komödie“.

Aber auch Lubitschs Filme waren zu jener Zeit noch nicht so raffiniert wie später, vielmehr orientierte sich die Art der Komik orientierte sich am überwiegend einfachen Filmpublikum. Das war damals überall auf der Welt so und nur so konnten die großen Komiker-Karrieren jener Tage entstehen. Ob man dann noch Dinge in den Filmen unterbrachte, die nicht jeder (damals) sofort bemerken musste, ist eine andere Frage. Ernst Lubitsch war das durchaus zuzutrauen.

Schon in „Als ich tot war“, der allgemein noch nicht sehr erotisch angehaucht war, konnte man etwas sehr Interessantes bemerken. Ich mache es an einer Szenenfolge fest. Zunächst steckt sich die böse Schwiegermutter künstliche Kringellocken ins Haar, bevor der per Heiratsvermittler entdeckte mögliche Künftige der Tochter zu Besuch kommt, dann bürstet die Tochter ihre langen, dunklen Haare. Eigentlich etwas zu lange, für einen so kurzen Film. Ich weiß auch nicht, ob man da mit Öl oder dergleichen nachgeholfen hat, um bei der damals rudimentären Filmtechnik einen so satten Glanz des Haars zu erzeugen, aber es ist eindeutig eine Verführungsszene, die an das Publikum adressiert ist, denn die Darstellerin sitzt zu dem Zeitpunkt allein vor ihrer Ankleide. In „Ich möchte kein Mann sein“ schüttelt auch Ossi, befreit von der Perücke, ihre helleren Haare ausgiebig, allerdings dürfte da ein Teil beigefügt worden sein, denn diese Pracht hätte nicht unter die Perücke gepasst. In jenen modisch und insgesamt strengen Zeiten konnte man so einiges ausdrücken, ohne es beschreiben zu müssen.

Als Oswaldas „vermutlich … beste Komödie“[9] gilt Ich möchte kein Mann sein, in der sie wie in mehreren Filmen Lubitschs die weibliche Hauptfigur Ossi spielt. Sie erscheint hier in der „bis dahin für sie typischen Rolle der verwöhnten und frechen jungen Frau, die offenbar ohne Eltern aufgewachsen ist und sich gegen die Disziplin, die ihr der Onkel und vor allem die Gouvernante auferlegen wollen, heftig wehrt“.[8] Als Frau gibt sie sich dabei völlig ihren (un-)weiblichen Bedürfnissen hin und raucht, trinkt, spielt Poker und geht gerne einkaufen. Sie verkörperte als erste deutsche Schauspielerin ein Frauenbild, in dem „erotische Attraktion durch das Burschikose gemildert wird“.[10] Ihre Darstellung, auch in späteren Filmen wie Die Austernprinzessin, hatte dabei zügellose und teilweise derbe Züge, die auch auf Ablehnung stieß. Béla Balázs schrieb so im Hinblick auf Die Austernprinzessin: „Ein Ossi-Oswalda-Film [ist] zu erkennen an einer Reihe roher, bochesquer Geschmacklosigkeiten.“[11] Andere Kritiker werteten das Überdrehte der Rollen als Überspielen:

„Ossi Oswalda entzückte [in Ich möchte kein Mann sein] durch ihr sprudelndes Temperament, ihre überschäumende Laune und ihre schelmische Koketterie. Gleichwohl könnte sie ihre Wirkung noch erhöhen, wenn sie ihre Zappligkeit ein wenig eindämmen und ihr bisweilen bis zur Gesichtsverzerrung sich steigerndes Mienenspiel mäßigen wollte. Man kann ungeheuer lustig sein und erheitern, ohne es so aufdringlich zu unterstreichen.“ – Film-Kurier, 1920[12]

Da ist etwas dran, das Grimassieren von Ossi Oswalda ist schon sehr ausgeprägt und auch das Herumhüpfen hat etwas Manisches. Wer es besonders ins Negative drehen will, kann darin erkennen, dass deutscher Humor ziemlich holzhammerhaft ist. Eines aber ist in diesem Film ganz sicher, wie immer man Oswalds Darstellung bewertet: Lubitschs Regie-Einfälle betten diese Darstellung so ein, dass es Momente gibt, die wirklich witzig sind.

Ossi Oswalda wird also speziell mit diesem Film assoziiert, „Die Austernprinzessin“ werden wir demnächst rezensieren. Der Auftakt in das deutsche Kapitel unserer Filmchronologie wird zu einer richtigen Lubitsch-Werkschau werden. Aber er war damals auch einer der Besten und kurz darauf machte er auch noch lange Filme, ernste Filme gar und war so auf einem Niveau mit Fritz Lang, der auch gerade begann, das Kino als Erzählformat für beinahe epische Storys zu entdecken. Mit diesen Filmen, nicht erst mit dem Einsetzen des Expressionismus, hatte Deutschland zu anderen Ländern aufgeschlossen, dies ausgerechnet im Moment der Niederlage im ersten Weltkrieg. Von dieser ist freilich in „Ich möchte kein Mann sein“ nichts zu spüren. Die etwas überbelichteten Außenaufnahmen kündigen von einem sonnigen, stellenweise auch windigen Sommer in unserem Bezirk Tempelhof-Schöneberg und von einem ausgelassenen Salonleben.

Damit kommen wir zu einem wichtigen Stichwort: Lubitschs Filme waren Salonkomödien. Seine Figuren keine Underdogs, wie bei fast allen amerikanischen Komikern jener Jahre, von Harold Lloyd vielleicht abgesehen. Sie waren sogar ziemlich oberschichtig, in „Die Austernprinzessin“ (ich habe schon kurz reingeschaut) wird sich das noch steigern und es wird etwas hinzukommen, das es so in „Ich möchte kein Mann sein“ noch nicht gibt: Die Übersteigerung, das Prätentiöse des Bürgerlichen, das ins Groteske mündet und bei Lubitsch zu ikonischen Bildern führen wird.

Aber der Film stellt eine klare Weiterentwicklung zum zuletzt gesehenen „Als ich tot war“ dar. Er ist mondäner, die interessanten Zwischentitel haben wir bereits erwähnt, er hat mit Ossi Oswalda einen quirligen Star und Lubitsch konnte bereits auf mehr Produktionsmittel zurückgreifen, das sieht man vor allem in der Sequenz, die im „Mäuse-Palast“ spielt. Viele Statist:innen, die Lubitsch auch schon recht gut zu inszenieren weiß – und die Parade der Kellner, die Champagnerflaschen in den Raum hinein tragen, sie werden dabei von hinten gefilmt. Das weist schon auf choreografische, das Üppige ins Komische drehende Schmankerl hin, die europäisch angehauchtes amerikanisches Kino bald prägen werden. Insbesondere durch Lubitschs Emigration in die USA, die einmal nichts mit den Nazis zu tun hatte, sondern schon 1922 geschah. Hollywood machte ihm als „dem deutschen Genius“ Avancen und er nutzte die damals schon riesigen Möglichkeiten der Filmstadt, nachdem er mit seinen längeren Spielfilmen gezeigt hatte, dass er das Medium so komplett beherrschte, wie man es damals nur beherrschen konnte.

Im Grunde splittete Lubitsch seine Arbeit bereits zwischen Langspielfilmen und quirligen Komödien, denn 1919 würde er in diesem Genre mit dem sehr fantasiereichen „Die Puppe“ ein neues Niveau erreichen, während er gleichzeitig an die Literatur, die Oper, die Historie heranging, wie mit „Carmen“, „Madame Dubarry“ und „Anna Boleyn“. Es ist verblüffend, wie Lubitsch dabei auch tragischen Stoffen etwas Komisches abgewinnen kann, ohne dass die Inszenierung unangemessen klamauklastig wirkt. Es rührt unter anderem daher, weil Lubitsch schon früh und vermutlich intuitive die Hollywood-Dramaturgie beherrschte. Anfangs wirkt alles noch recht leicht, gar verspielt, liebevoll ironisch, dann gewinnt das Geschehen mehr und mehr an Wucht und Fallhöhe. Dieser Trick war anderen deutschen Regisseuren weitgehend fremd und wird bei Lubitsch gerne seinem „jüdischen Humor“ zugeschrieben und passte perfekt zu der Art, wie in Hollywood Filme über viele Jahre hinweg aufgebaut waren, die das Publikum über Stunden hinweg zu faszinieren wussten. Ich habe jedoch schon im Wege der Rezension zu „Als ich tot war“ angemerkt, dass Lubitsch diese Fähigkeit nicht mehr ganz so in den Vordergrund rücken konnte, als er überwiegend im Komödienfach tätig war. Bei den Filmen, die dabei entstanden, machte er es umgekehrt und rang den Komödien auch ein wenig Tiefgang ab.  

In gewisser Weise tut er das schon in „Als ich ein Mann war“. Das Vexierspiel mit den Geschlechterrollen, die Küsse zwischen einem Mann und einem vorgeblichen Mann in der Droschke, nach einer ziemlich durchzechten Nacht, da ist einiges an Subtext drin, nicht nur die Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Liebe betreffend, denn der Vormund musste ja davon ausgehen, dass es sich bei seinem Zechkumpan auch um einen Mann handelt. Der Alkoholgenuss, der die Kognition beeinträchtigt, ist mehr ein Vorwand, eine Erklärung für diese Annäherung, die man gerne mit einem Augenzwinkern goutieren darf. Kein Wunder, dass der Film ein Jugendverbot erhielt. Ansonsten aber scheint er nicht zensiert. Er weist auch nur wenige verkürzt wirkende Szenen auf, allerdings ein paar Auslassungen und nicht ganz geglückte Anschlüsse, wie jenen, in dem Dr. Kersten plötzlich mit der Gouvernante im Raum steht, in dem er gerade noch alleine war. Deren Auf- und Abgang sind nicht immer perfekt komponiert, auch im Mäusepalast, speziell der Toiletten-Szene hatte ich den Eindruck, Lubitsch hätte im letzten Moment noch Kehrt gemacht, bevor er wirklich deutlich wurde. Das konnte er nämlich auch immer gut: auf der einigermaßen sicheren Seite bleiben. Frivol sein, ohne zu sehr zu provozieren. Später wirkte sich das nicht mehr in harschen Übergängen zwischen Kamera-Einstellungen aus, sondern wurde sehr flüssig gefilmt. Lubitsch sollte bald einer der wesentlichen Verantwortlichen für den Stil seines amerikanischen Studios Paramount werden, das vor allem durch die Eleganz und Stilsicherheit seiner Produkte auffiel. Lubitschs Filme jener späteren Jahre sind sehr mit dem Art Déco verbunden und auch in „Als ich ein Mann war“ sieht man schon einige beinahe zeitlose Objekte, wie die Sessel in der Türenflucht des Mäusepalasts, die auch zu den Toiletten führt. Auch die Kleidung der Menschen ist ansehnlich, sowohl die Ballkleider der Frauen als auch die Gesellschaftsanzüge der Herren betreffend. Eine Salonkomödie eben. Aber bezüglich ihrer dekorativen Qualitäten damals keine Selbstverständlichkeit.

Finale

Bisher dachte ich, der „Lubitsch-Touch“ seien die versteckten erotischen Anspielungen, die so gestaltet sind, dass die Zensur sie unmöglich brandmarken kann. Das war nicht nur unter dem Regime der kaiserlichen Filmaufseher in Deutschland wichtig, sondern in den USA besonders nach der Einführung des Hays Code (1934), der viele zuvor übliche, recht unverblümte Darstellungen verunmöglichte, die das Kino der frühen 1930er auch heute noch ziemlich hitzig wirken lassen. Lubitsch kam es zugute, dass er auf zu viel Explizites nicht angewiesen war, um seine Botschaften zielsicher an das Publikum zu senden. Im Anchluss an „Ich möchte kein Mann sein“ schaute ich noch eine kurze Dokumentation über Lubitsch und in dieser wird behauptet, der „Touch“ sei der Gag nach dem Gag. Also der Gag, der sich überraschenderweise als Sahnhäubchen auf einen anderen setzt und vom Publikum nicht erwartet werden konnte. Der besonders überraschende Aufbau-Gag sozusagen, den man vom Slow-Burn unterscheiden muss, den vor allem Stan Laurel und Oliver Hardy entwickelt hatten und welcher in der permanenten Steigerung mit perfektem Timing besteht. Tja, was ist es nun? Ersteres kann man in der beschriebenen Szene deutlich wahrnehmen, aber auch für Letzteres gibt es Anhaltspunkte, sodass man „Ich möchte kein Mann sein“ auf jeden Fall als eine prototypische Lubitsch-Komödie bezeichnen kann. In diesem Sinne verdient er eine Bewertung von

73/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Aufgrund eines Rückstands bei den Filmfestpublikationen, der wiederum vor allem unseren aufwendigen Corona-Reports zu verdanken ist, ist das reale Veröffentlichungsdatum dieser Rezension tatsächlich der 29.01.2022, der 130. Geburtstag des Berliner Star-Regisseurs Ernst Lubitsch.

(1), kursiv, zitiert, tabellarisch: Wikipedia

Regie

Ernst Lubitsch

Drehbuch

Hanns Kräly,
Ernst Lubitsch

Produktion

Paul Davidson;
Projektions-AG „Union“
für Universum Film-AG

Musik

Neil Brand (Version 2006)

Kamera

Theodor Sparkuhl

Besetzung

·         Ferry Sikla: Der Onkel

·         Ossi Oswalda: Ossi Oswalda, seine Nichte

·         Curt Goetz: Dr. Kersten, Ossis Vormund

·         Margarete Kupfer: Ossis Gouvernante

·         Victor Janson: Kapellmeister im Mäusepalast

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s