Rain Man (USA 1988) #Filmfest 673

Filmfest 673 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (80)

Vom Regen in den Mythos

Rain Man ist ein US-amerikanisches Filmdrama von Barry Levinson aus dem Jahr 1988. Protagonisten sind die vollkommen ungleichen Brüder Charlie und Raymond Babbitt, die sich als Erwachsene erneut kennenlernen. Auf einer beiderseitig erzwungenen Autofahrt durch die USA entwickeln sie trotz ihrer Verschiedenheit eine tiefe Beziehung zueinander.

Wer würde Dustin Hoffman für sein wundervolles Porträt eines Autisten nicht den Oscar zusprechen wollen, den er dann auch bei der Verleihung des Jahres 1989 erhielt? In den 1980ern begann Hollywood, ausgerechnet in einer Phase des Neokonservativismus, sich ernsthaft mit Menschen auseinanderzusetzen, die ein Handicap aufweisen, wie auch in „Gottes vergessene Kinder“ (1986). Das Thema der Inselbegabung wurde meines Wissens dann erstmals in „Rain Man“ ausgespielt und die Hochbegabung kam mit „Das Wunderkind Tate“ (1993). Zuvor hatten Filme über besondere Menschen immer etwas von einer Sensation, befördert durch den epochalen „Freaks“ (1933), der bei allem Verständnis für die Individualität im Anderen, wie fast alle Filme dieser Art bis zu „Der Elefantenmensch“ (1980) sehr auf die Optik des anders seins setzten. Was ist Tradition an „Rain Man“ und was ist neu und besonders? Damit setzen wir uns der –> Rezension auseinander.

Handlung (1)

Charlie Babbitt, ein aalglatter und selbstverliebter Autohändler aus Kalifornien, bekommt beim Import italienischer Sportwagen Probleme mit den Umweltanforderungen, die er seinen Kunden verheimlicht, um Zeit zu gewinnen. Als er wenig später mit seiner Freundin Susanna auf dem Weg zu einem gemeinsamen Wochenende ist, erfährt er vom Tod seines Vaters, Sanford Babbitt. Charlie gibt sich zunächst emotionslos, macht sich aber unverzüglich mit Susanna auf den Weg nach CincinnatiOhio, wo das Begräbnis stattfindet.

Er erzählt Susanna, was sein Verhältnis zu seinem verwitweten Vater zerstört hat: Als der 16-jährige Charlie den Wagen des Vaters, ein 1949er Buick Roadmaster Serie 70 Cabriolet, trotz Verbots genommen hatte, um mit seinen Freunden nach einer bestandenen Abschlussprüfung ein paar Runden zu drehen, meldete sein Vater den Wagen als gestohlen und ließ Charlie zwei Tage in der Arrestzelle der Polizei sitzen. Charlie verließ daraufhin sein Elternhaus und brach den Kontakt ab. Die Erinnerungen lassen ihn emotional etwas auftauen, sodass er Susanna auch vom Rain Man erzählt, einer Phantasiefigur, die er sich als kleiner Junge ausgedacht hatte: Wenn er Hilfe brauchte, kam der Rain Man und sang für ihn.

Bei der Eröffnung des Testaments erfährt Charlie, dass er die preisgekrönten Rosenbüsche und den Buick erbt, während das Geldvermögen von über drei Millionen Dollar einem unbekannten Begünstigten zuteil wird. Charlie sieht sich von seinem Vater um das Geld betrogen und findet heraus, dass das Geld an Wallbrook geht, eine Klinik für geistig Behinderte, die er umgehend aufsucht. Der Leiter, Dr. Bruner, verweigert ihm jede Auskunft. Doch gleich darauf stößt Charlie auf einen Patienten, der sich für den Buick interessiert und Charlies Vater kennt. Auf seine Frage eröffnet ihm Dr. Bruner, dass es sich bei dem Patienten um Charlies älteren Bruder Raymond handelt. Charlie hat nie etwas von einem Bruder gewusst. Da aber Raymond offenbar die drei Millionen Dollar geerbt hat, auf die Charlie auch einen Anspruch zu haben glaubt, nimmt er ihn ungefragt mit auf seine Rückreise nach Kalifornien. (…)

Rezension

Wie aber verkauft man dem durchschnittlichen amerikanischen und weltweiten Kinozuschauer eine Rolle wie die des Autisten Raymond? Indem man auf Nummer sicher geht und seine Story ein eine Americana einbettet, die einen absoluten Bausteinplot darstellt. Darin sind inbegriffen eine Wandlung, nämlich die des Bruder Charlie (Tom Cruise), der Big Deal in Las Vegas, die Love Story, die erst in die Binsen geht und am Ende wieder in die Reihe kommt, auch als Ersatz für eines der wenigen wirklichen Benefits des Drehbuchs: Dass am Ende Raymond doch wieder in die Klinik Wallbrook geht und nicht mit Bruder Charlie zusammenlebt. Da ist dann doch ein Hauch von Realismus vorhanden, der mich beinahe aufatmen ließ. Nicht, weil ich die den Brüdern die Reunion nicht gegönnt hätte, sondern aus Gründen der Seriosität im Umgang mit psychisch auffälligen Menschen. Aber das Drehbuch in einem Jahr mit einem Oscar zu prämieren, in denen fantastische Filme wie „Gefährliche Liebschaften“, „Mississippi Burning“ und „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ die Konkurrenz darstellen, die ich alle gesehen habe, ist schon ein wenig seltsam. Gut, „Gefährliche Liebschaften“ war eine Romanverfilmung, während „Rain Man“ ein Originaldrehbuch hat, das trifft aber auch auf die übrigen genannten Filme zu. Auch Barry Levinsons solide, aber keineswegs exorbitante Regie über die anderen Werke zu stellen, ist schon beinahe unverfroren. Der Film war der Liebling der Academy, das merkt man deutlich.

Am meisten hat mich aber beim Wiedersehen nach längerer Zeit die Story enttäuscht und vor allem die Prämisse. Es mag ja noch angehen, dass der Bruder geschäftlich unter Druck ist und immer unter Strom steht; dass dadurch eine kontemplative Annäherung zwischen Yuppie und Autist nicht möglich ist, sondern eine spannungsgeladene Beziehung entsteht. Es entspricht unserem im Neoliberalismus erzeugten Rezeptionsmuster, so etwas cool zu finden. Aber der 1980er-Touch mit dem geldgeilen Jung-Autohändler erinnert doch stark an eine Philosophie, die damals um sich griff und heute nicht mehr witzig wirkt, auch wenn sie hier eher als nervenaufreibend dargestellt wird.

Diesem Muster, dass Geld einfach alles ist, folgt aber leider auch der Film im weiteren Verlauf. Raymond wird in den Augen seines Bruders erst ein famoser Kerl, als er dank seines phänomenalen Gedächtnisses und Addiervermögens in Las Vegas so viel Geld für Charlie gewinnt, dass dieser erst einmal schuldenmäßig aus dem Gröbsten raus ist. Das heißt nichts anderes, als dass auch Behinderungen oder Inselbegabungen dann akzeptabel oder gar wertvoll sind, wenn sie sich im Kapitalismus irgendwie verwerten lassen. Dafür dürfen die Menschen, die solche Fähigkeiten und auf der anderen Seite Grenzen haben, auch mal andere mit den Verhaltensweisen, die ihnen von diesen engen Grenzen gesetzt werden, schikanieren. Auch die Sache mit dem Erbschafts-Fail, dem sich Bruder Charlie ausgesetzt sieht, generiert von Beginn an einen höchst materialistischen Ton und da kommt der Film auch nicht mehr raus. Man kann auch sgen, er versucht es gar nicht.

Bei der Lovestory, die natürlich auch implementiert sein muss, kann man nur sagen, mit ihr wird nach Gutdünken verfahren. Charlies Freundin wird implementiert in die Handlung und wieder entfernt, wie es gerade passt, um die Konzentration, wenn ebendies angesagt ist, auf die beiden Brüder legen zu können – was dazu führt, dass die Frauenfigur ziemlich unmotiviert handelt und deren Darstellerin Valeria Golino die mit Abstand schlechtesten und unglaubwürdigsten Dialogsätze in diesem Film zu sprechen hat. Tom Cruise geht es allerdings in den Szene mit ihr kaum besser und in den Sequenzen mit Hoffmann ist es zwar Cruise, der die Handlung vorantreibt, aber er wirkt als Bruder von Hoffmann schlicht etwas zu jung und man merkt, dass ein weiterer Trick angewandt wurde, um den Film publikumswirksam zu machen: Cruise war damals der aufsteigende Star in Hollywood und daher die natürliche Besetzung für eine Rolle wie die des jüngeren Babbit, hingegen gab es keinen, sagen wir mal, zehn Jahre älteren Schauspieler von der Qualität Dustin Hoffmanns für die Autistenrolle – Hoffmann selbst war mit seiner Darstellung übrigens nicht immer zufrieden und ich kann das nachvollziehen. Es ist für Nichtgehandicapte nahezu unmöglich, einen solchen Menschen absolut authentisch wiederzugeben. Im Rahmen dessen, was ein Normalbegabter und gleichzeitig hoch veranlagter Schauspieler leisten kann, hat Hoffmann aber seinen Oscar auch aus heutiger Sicht verdient, wenngleich ich andere Darstellungen des Kinojahres 1988 als gleichrangig ansehe, befördert natürlich durch die Tatsache, dass ich die Filme, in denen sie geleistet wurden, überzeugender finde als den doch sehr konventionellen „Rain Man“.

Bis heute hoch gelobt wird der Score, einer der ersten in Hollywood von Hans Zimmer. Ich kann es nicht ändern, ich bin kein Fan von diesem Deutschen in Hollywood. Natürlich wirkt das, was wir hören, innovativ, nach damaligen Maßstäben, aber die Emotionalität seiner Musiken ist für mich meist unter dem Durchschnitt dessen, womit große Filme allgemein ausgestattet werden und auch da bin ich leider beeinflusst – nämlich durch Kenntnisse, wie seine Musik quasi werkstattmäßig konfektioniert wird. Es gibt auch gute Zimmers-Scores, auch welche, die besser zum  jeweiligen Film passen als ich das manchmal bei „Rain Man“ empfand, besonders in „Genre-Werken“. Überrascht war ich vor allem, weil die Musik sehr bekannt ist, ich sie aber nicht mehr diesem Film zugeordnet habe – mein Gedächtnis ist leider keine Inselbegabung. Was machen eigentlich Autisten ohne eine solche? Sie sind vermutlich recht arm dran. Ich will aber nicht neben den kritischen Anmerkungen bezüglich der unselig utilitaristischen Prämisse auch noch zu sehr breittreten, warum wohl ein amerikanischer Film immer neben dem Ungewöhnlichen auch noch das Fantastisch Außergewöhnliche, beinahe oder sogar vollkommen Unwahrscheinliche braucht, um zu funktionieren, ein Mensch mit Handicap, der nicht ausgleichsweise ein Genie ist, der wäre Hollywood-Filmplanern schlicht zu langweilig bzw. würde ein zu raffiniertes, eher literarisches als an der Plotpoint-Theorie ausgerichtetes Drehbuch erfordern.

Finale

Aus heutiger Sicht, nach recht vielen Jahren Befassung mit dem Medium Film, muss ich resümieren, dass „Rain Man“ eines jener Werke ist, die für mich im Lauf der Zeit verloren haben. Zu deutlich zeitigeistig, um ein echter Klassiker zu werden, zu konventionell, um als filmhistorisch bedeutend zu gelten, zu musterhaft und zu wenig glaubwürdig in vielen Details gleichermaßen. Also einer jener Stoffe, der den Stempel bekommt „Da wäre mehr drin gewesen“. Denn die Geschichte der ungleichen Brüder ist ein wunderbarer Stoff, daran besteht kein Zweifel. Ich bin kein Fan von Remakes, mit Remakes hat man schon viele Klassiker geradezu entwürdigt, aber „Rain Man“ hätte eines verdient. Die Frage ist nur, wer heute Raymond spielen sollte. Würde man mich fragen, wer war der beste Hollywoodschauspieler seiner Generation, Dustin Hoffman oder Jack Nicholson oder ein anderer, würde ich mich  unter allen knapp für Nicholson entscheiden, aber die beiden und alle anderen, die in etwa jenes Alter haben, stelle ich über die heutige Generation von Topstars, da fällt mir auf Anhieb niemand ein, der eine solche Rolle noch richtig gut könnte. Dafür sind sie alle zu glattgebügelt und geschniegelt. Leonardo di Caprio – vielleicht. An einem guten Tag und mit einem Topregisseur (ich weiß, dass Barry Levnsion den Regie-Oscar für „Rain Man“ erhielt).

Anlässlich der Veröffentlichung des Textes Ende 2021 ist mir ein Artikel sozusagen in die Hände gefallen, der im „Guardian“ anlässlich „30 Jahre Rain Man“ veröffentlicht wurde und der vieles von dem bestätigt, was ich oben geschrieben habe. Es hat damit zu tun, dass der Film nun einmal 30 Jahre alt ist und sich die Sicht auf Menschen jenseits der so definierten Alltagsnormalität verändert haben sollte. „Rain Man“ lastet demnach schwer auf realen Autist:innen, weil bis heute kein Film gefolgt ist, der das Thema weiterentwickelt und vor allem das „Autistic Savant“-Schema durchbrochen hätte, das im Film zu einem messbaren Erfolg in der Welt führt, die von den „Normalen“ konzipiert wurde. (2)

Gleichwohl: Der Film erhält aktuell eine durchschnittliche Bewertung von 8/10 seitens der IMDb-Nutzer:innen, war von 1996 bis 2013 in der „Top-250-Liste“ vertreten und rechnet damit zu unserem Konzept, die Filme dieser Liste nach und nach auf dem Filmfest vorzustellen.

72/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2018) 
(1), kursiv, tabellarisch: Wikpedia
(2) Rain Man machte autistische Menschen sichtbar. Aber der Film hat auch einen Mythos verankert.

Regie Barry Levinson
Drehbuch Barry Morrow,
Ronald Bass
Produktion Mark Johnson
Musik Hans Zimmer
Kamera John Seale
Schnitt Stu Linder
Besetzung

 

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