Vollgas – Polizeiruf 110 Episode 269 #Crimetime 1073 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Vollgas #Gas

Crimetime 1068 – Titelfoto © MDR, Sandor Domonkos

Hättet ihr euch nie versöhnt!

Sicher lag es auch am Titel: Die Polizeiruf-Episode 269 mit Herbert & Herbert hatte mit 8,74 Millionen Zuschauern bei er Premiere und mehr als 25 Prozent Marktanteil großes Interesse beim Publikum ausgelöst. Heute kann es auch mal vorkommen, dass neue Polizeirufe wenig mehr als 5 Millionen Zuschauer*innen in den Bann ziehen. Und die 8,79 Millionen, welche Bukow und König z. B. Anfang 2020 für „Söhne Rostocks“ für den NDR geholt hatten, gelten als „Top-Quote auf Tatort-Niveau“. Aber was ist mit der Versöhnung? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension

Handlung

Schmückes Lebensgefährtin Edith Reger ist mit dem Auto auf einer Landstraße unterwegs, als ihr ein Kleinwagen mit Vollgas entgegenkommt und beide Fahrzeuge zusammenstoßen. Während Edith schwer verletzt wird und nach Tagen im Krankenhaus verstirbt, ist die junge Frau aus dem anderen Auto sofort tot. Da einer der Polizeibeamten eine fehlende Bremsspur entdeckt, wird der Kleinwagen kriminaltechnisch untersucht. Rosamunde Weigand entdeckt auch sofort minderwertige Autoteile, die in dem Auto verbaut wurden. Für Schmücke ist es Ehrensache sich um diesen Fall zu kümmern, obwohl der Kriminalrat der Meinung ist, Schneider sollte dies allein tun.

Die Kommissare erfahren vom Vater des Opfers, dass er selbst die Bremsen repariert und seine Tochter die Ersatzteile preiswert besorgt hatte. So führt die Spur zur Selbsthilfewerkstatt von Axel Jaenisch, der jedoch leugnet die Ersatzteile verkauft zu haben. Oberzollrat Markus Kroner ist das Problem der importierten Billigersatzteile bekannt, die als Markenprodukte verkauft werden. Seit Jahren würde die Suche nach den Hintermännern der Händler vergeblich laufen, meint er. Er kennt Jaenisch schon seit der Schulzeit und hält ihn für einen absolut verantwortungsvollen Menschen, der mit diesem Ersatzteilhandel nichts zu tun habe. Die Recherchen der Kommissare kommen zu einem anderen Ergebnis. Nachdem sie Jaenisch mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss drohen, wird er tags darauf erschlagen in der Nähe seiner Werkstatt aufgefunden. Ein Zeuge will einen Mann gesehen haben, dessen Beschreibung auf Günter Hoffmann passt, den Vater des Unfallopfers. Er räumt ein mit Jaenisch gestritten, ihn aber nicht umgebracht zu haben. Obwohl alles gegen Hoffmann spricht, ermitteln Schmücke und Schneider auch noch in eine andere Richtung und stoßen dabei auf Detlef Kallus. Der Besitzer einer Importfirma für Lebensmittel war seit kurzem der Arbeitgeber von Carmen Hoffmann, der Frau, die bei dem Zusammenstoß der Autos starb. Für Schmücke kann das alles kein Zufall sein, zumal Jaenisch, Kallus, Werkstattbesitzer Simrock und auch Oberzollrat Kroner seit Jahren gemeinsam in einer Handballmannschaft spielen.

Sie konfrontieren Kroner mit ihren Vermutungen und dieser zeigt sich mehr als überrascht und enttäuscht zugleich. Er hatte seinen Freunden jahrelang vertraut und wurde von ihnen unbemerkt ausgehorcht. Daher arbeitet er mit Schmücke und Schneider zusammen, um Kallus und Simrock zu überführen. Er lässt sich „verkabeln“, damit die Kommissare alles mithören können und trifft sich mit den beiden Verdächtigen. Er legt ihnen nahe ihre Geschäfte aufzugeben und lässt sich dann von ihnen das Versteck der Teile zeigen. Dort warten bereits die Polizeibeamten denen es gelungen war, das Versteck zu finden, und nehmen Kallus und Simrock fest. Letzterer räumt dabei ein, auf Anweisung von Kallus Jaenisch beseitigt zu haben, weil Jaenisch nach dem tödlichen Unfall aus dem Geschäft aussteigen wollte und damit drohte, alle ihre Aktivitäten offenzulegen.

Rezension

Hätte Herbert Schmücke sich nicht mit Edith versöhnt, hätte er nicht so direkt mitbekommen, dass sie bei einem Autounfall schwer verletzt wird und um ihr Leben kämpft. Persönlich betroffen wäre er selbstverständlich auch dann gewesen, wenn der letzte Stand geblieben wäre: Sie schmeißt ihn aus der Wohnung (am Ende des Polizeirufs mit dem passenden Namen „Rosentod„). Dass man eigens, um die Dramatik zu steigern, diese tote Beziehung reanimiert hat, führte – zu nichts. Lehre: Man soll nicht Aufgewärmtes. Vielleicht lag es an Felix Huby, der das Drehbuch verfasst hat. Der ist schließlich Spezialist für quälendes Polizisten-Beziehungsleben, denn er hat Tatortkommissar Ernst Bienzle und Hannelore zu einem selten ganz harmonischen und immer mal wieder On-Off-Paar geformt.

Wenn man von Ediths bedauernswertem Tod absieht, ist der Film allerdings nicht so dramatisch, trotz des Unfalltods des Mädchens zu Beginn. So ist es eben, wenn man das Opfer vorher nicht kennenlernen darf und sich unnötigerweise im Polizeiruf des Tatort-Schemas bedient: Erst der Mord, dann die Handlung. Bzw. die Ermittlung. Und die gestaltet sich im 269. Polizeiruf genau nach dem Schema F, das sich Mitte der 2000er in die Schmücke-Schneider-Polizeirufe in einer Weise festgesetzt hatte, die alles andere als innovativ und sehr baukastenmäßig wirkte. Hier mal Geldsachen, da Eifersucht oder Rache, ein kleiner Verdächtigenkreis und in diesem Fall eine ziemlich große Vorhersehbarkeit. Lediglich, ob der Zollinspektor in die Sache verwickelt ist, bleibe einigermaßen spannend. Das hat man sich aber anno 2005 im Osten nicht getraut. Er steht im Handballteam nämlich im Tor und weiß nie, wer als nächstens einen Wurf abgeben wird. Die anderen hingegen arbeiten als alte Combo, die zu Ostzeiten, also in den 1980ern, entstanden ist, zum Nachteil von Werkstattkunden zusammen, indem sie billige Ersatzteile verticken bzw. einbauen.

Es ist zwar leicht durchschaubar, warum Hersteller nur auf Originalersatzteile Garantie geben wollen, die dürfen auch offiziell verkauft werden – aber es ergibt einen Unterschied, ob nicht den Normen entsprechender Ramsch von wo auch immer nach Osteuropa geschleust und von dort aus in Deutschland verteilt wird.

Inzwischen habe ich mich ganz gut von zu viel Schmücke und Schneider gucken erholt, die Polizeiruf-Lücken schließen sich allmählich, nachdem ich im März 2019 den Entschluss fasste, nach den Tatorten (seit März 2011) nun auch so viele Polizeirufe wie möglich für „Crimetime“ zu rezensieren. Deswegen hat mir auch das sehr konventionelle Setting von „Vollgas“ nichts ausgemacht. Der Film hält diesbezüglich leider nicht, was der Titel verspricht. Ein Ford Fiesta schon damals älteren Baudatums wird von einer jungen Frau auf ca. 120 Km/h beschleunigt, aber sie ist bereits wieder beim Versuch des Bremsens angelangt, als der Unfall geschieht. Ansonsten gibt niemand im 269. Polizeiruf Vollgas. Auch unsere netten Ermittler trödeln ziemlich – außerdem ist Schmücke durch die Sorge um Edith abgelenkt – bis es zu einem weiteren Todesfall kommt. Dieses Mal ist es sehr eindeutig Mord, während es sich bei dem Unfall des Mädchens um fahrlässige Tötung, evtl. sogar um Totschlag handelt, wenn man bedingten Vorsatz annimmt: Ersatzteil ist schlecht und man weiß, es kann dabei zu tödlichen Unglücken kommen, wenn es der Belastung im Einsatz nicht standhält, derjenige, der die Teile liefert und einbaut und um ihre Fehler weiß, nimmt den Tod von Werkstattkund:innen billigend in Kauf.

Etwas mitgehen kann man gerade noch mit den Eltern des toten Mädchens, aber das Verhältnis des Vaters zu den anderen Männern ist psychologisch mindestens schwierig, während bei ihnen die Sachlage ein wenig zu klar wirkt. Dass hingegen der Zollbeamte seinen Freunden gegenüber die nächsten Grenzeinsätze sozusagen plaudernd preisgibt, ohne dass er selbst etwas bekommt und über Jahre auch nie eine Ahnung erhält, dass seine besten Kumpels ihr Wissen für den Grenzübertritt illegaler Ware nutzen, ist recht unglaubwürdig.

Finale

„Vollgas“ bestätigt meine Ansicht, dass Mitte der 2000er die Schmücke-Schneider-Polizeirufe viel zu routiniert und eingeschliffen waren. Dass trotzdem so viele Zuschauer zusammenkamen, um den Film am Premierenabend zu besichtigen – nun ja, Nick Tschillers Tatortvergewaltigung in Hamburg zog anfangs viel größeres Interesse an. Freilich auch wegen der Sensation des Einsatzes an sich, während Schmücke und Schneider wohl vor allem als verlässliche Lieferanten von nicht allzu fehlerhafter, sondern den Bestimmungen des Krimihandwerks entsprechender Film daherkommt, angesehen wurden. Von Kunst kann man aber nicht sprechen. Ein kleiner Vorteil ist, dass Schmücke und Schneider dieses Mal nicht mit ihren Charakterunterschieden für Spaß sorgen konnten, weil dem einen nun mal.

5,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2020)

Regie Hartmut Griesmayr
Drehbuch Felix Huby
Produktion Susanne Wolfram
Musik Joe Mubare
Kamera Hans-Jörg Allgeier
Schnitt Claudia Fröhlich,
Thomas Nikel
Besetzung

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