Carmen (DE 1918) #Filmfest 677

Filmfest 677 Cinema

Carmen ist ein deutscher Spielfilm von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1918 und eine frühe Verfilmung der gleichnamigen Oper Carmen.

104 Eintragungen zu Ernst Lubitsch enthält die IMDb in der Kategorie „Director“. Wenn man sie nach Ranking sortiert, kommt „Carmen“ nur auf Platz 57. Allerdings sind auch Filme gelistet, die sich nur auf Lubitschs Werke beziehen und Kinostücke, zu denen er in unterschiedlichen Funktionen etwas beigesteuert hat. Trotzdem wirken 6/10 als Durchschnittsbewertung für einen Lubitsch-Film nicht begeisternd, zumal auch seine Stummfilme schon teilweise Bewertungen von mehr als 7/10 erreichen, unter anderem den kurze Zeit nach „Carmen“ entstandenen „Die Puppe„, den wir bereits rezensiert haben. Und wie halten wir es mit Carmen alias Pola Negri? Es steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Dragoner Don José besucht seine Mutter und seine Braut Dolores, die irgendwo in der spanischen Provinz leben. Dort erreicht ihn der Befehl, nach Sevilla zu kommen, da er befördert werden soll. In Sevilla lernt er die Zigarettenfabrikarbeiterin Carmen kennen. Die attraktive Zigeunerin wird nach einer Schlägerei in der Fabrik verhaftet. Don José soll sie bewachen und kann Carmens Annäherungen nicht widerstehen. Er verhilft ihr zur Flucht und wird zur Strafe wieder degradiert. Als einfacher Wachsoldat fristet er nun ein trostloses Dasein. Wieder trifft er in Sevilla auf Carmen und die nutzt ihn wiederum aus. Der Wachsoldat wird von Carmen abgelenkt, damit eine Schmugglerbande unentdeckt bleibt. Don José wird endgültig aus der Armee verstoßen, als er im Duell einen Offizier tötet. Er wird jetzt selbst Schmuggler und kann Carmen so nahe sein. Don José muss jedoch bald erkennen, dass der Stierkämpfer Escamillo das Herz Carmens gewonnen hat. Aus Eifersucht ersticht er Carmen vor der Stierkampfarena.

Hintergrund (1)

Der Film hatte am 20. Dezember 1918 in Berlin im Union-Theater (U.T. Kurfürstendamm) Welturaufführung. 1921 wurde der Film unter dem Titel Gypsy Blood auch in den USA uraufgeführt. In den USA hatte es bereits 1915 zwei Großproduktionen der Carmen-Geschichte gegeben. Die erste inszenierte Cecil B. DeMille mit der Opernsängerin Geraldine Farrar in der Titelrolle. Die zweite Fassung 1915 drehte Raoul Walsh mit Theda Bara in der Titelrolle. 1916 erschien in den USA die Carmen-Parodie Burlesque on Carmen von Charles Chaplin.

Rezension, Teil 1

Die noch früheren Verfilmungen, die vermutlich im dramatischen Stil gehalten sind, kenne ich nicht, wohl aber die Carmen-Burleske von Charles Chaplin. Ob auch Ernst Lubitsch sie kannte, weiß ich nicht, aber eines ist unübersehbar: Das komödiantische Potenzial dieser tragischen Geschichte weiß der Meister der eleganten Salonkomödie, zu dem dieser hochtalentierte damalige Jungregisseur sich entwickelte, durchaus zu würdigen. Achten Sie mal auf die Szene mit Carmen und den Schmugglern in der Taverne und das Geschubse mit den Ellbogen und die Blicke. 

Gleichwohl spürt man selbst mehr als 100 Jahre nach dem Entstehen des Films noch etwas: Das erotische Potenzial von Hauptdarstellerin Pola Negri. Ihre Darstellung ist intensiv, expressiv, vampy und eben nicht ohne Humor. Das ist schlecht für Harry Liedtke in der Rolle des Don José, denn er ist ihr in jeder Hinsicht hoffnungslos unterlegen und eine Marionette, an den Fäden hängend, die Carmen bedient. Ist das so? Nicht ganz, wie auch das Ende zeigt und zunächst siegt seine Soldatenehre, als sie versucht, ihn mit dem Klassiker „Feile im Kuchen“ aus dem Gefängnis zu befreien, in das ihn freilich erst die Tatsache gebracht hat, dass er sie, als sie wegen eines Mordes überführt werden soll, absichtlich hat entkommen lassen.

Lexikon des internationalen FilmsDie Handlung kommt zwar nur mühsam voran, und die Charaktere sind kaum entwickelt; dennoch begründete der Film den Starruhm der Schauspielerin Pola Negri. Trotz aller Schwächen nicht nur filmhistorisch von hohem Interesse.[1]

Die geringe Entwicklung trifft auf fast Charaktere zu – außer auf Carmen und, mit Abstrichen, auf Don José. Aber auf die beiden kommt es ja auch an, alle anderen Figuren sind bereits auf eine sehr filmische Art zur Staffage degradiert, damit der Film sich 94 Minuten lang auf dieses ungleiche Paar konzentrieren kann. Dass die Handlung kaum vorankommt, liegt auch an der Vorgabe, der Oper von Georges Bizet, auf die sich der Film im Wesentlichen stützt. 1918 durfte man kaum erwarten, dass ein Film auf dieser Basis etwas ganz Neues kreiert, im Gegenteil, der bereits sichtbare Lubitsch-Touch ist schon ein großes Plus. Er wagt es allerdings auch, diesen in einem Film einzubringen, dem nicht eine Operrette zugrunde liegt. Das angesichts des gezeigten Milieus leich ranzig wirkende Pathos der Oper reizte allerdings, wie oben erwähnt, schon Charles Chaplin dazu, sich des Stoffes parodistisch anzunehmen und Lubitsch versucht eine Mischform. Vielleicht ist deswegen auch die Schlussszene so kurz, der Film endet abrupt, nachdem sich Don José über die von ihm erdolchte Carmen geworfen hat. Es war nicht immer möglich, den Ton perfekt zu treffen.

Meistens gelingt das aber und der Film ist für seine Zeit sehr prächtig geraten, lang, reich an Handlungselementen und im Vergleich zu anderen deutschen Filmen, auch neueren, nicht so langsam, wie das Filmlex es suggeriert. Bis dahin hatte Lubitsch überwiegend kürzere Filme gedreht, wie die meisten Regisseure in jenen Jahren zwischen dem Aufkommen des Kientopp und der Etablierung des Films als Kunstform und „Carmen“ war sicherlich eine Herausforderung.

Nachdem er (Lubitsch) zunächst vor allem Slapstick-Filme gedreht hatte, wechselte er ab 1919 zunehmend die Genres und inszenierte abwechselnd historische Kostümfilme und Komödien, vorzugsweise mit Ossi Oswalda sowie Emil Jannings oder Pola Negri in den Hauptrollen. Zu Lubitschs Filmteam gehörten regelmäßig der Drehbuchautor Hanns Kräly, die Kameraleute Theodor Sparkuhl und Alfred Hansen sowie der Szenenbildner Kurt Richter.

„Carmen“ ist, wenn man so will, ein Übergangsfilm mit wenigen slapstickhaften Einlagen, aber überwiegend ein Historienfilm und Kostümfilm, auch wenn der Stoff ahistorisch ist, den er bearbeitet. Aber er zeigt noch nicht sehr viel von der burlesken und überschäumend fantasiereichen Art, in der zum Beispiel „Die Puppe“ gefilmt ist, der zwar dem deutschen Expressionismus vorangeht, aber schon vor dessen Entstehen geradezu surrealistische Züge trägt. „Carmen“ ist gegenüber diesem Avantgarde-Film vergleichsweise konventionell. Der Schnitt ist nicht perfekt und es ist heute schwer zu ermitteln, was davon der Tatsache geschuldet ist, dass alte deutsche Filme selten im Originalzustand erhalten sind. Meist mussten sie mühevoll und über Jahrzehnte hinweg „hochrestauriert“ werden.

Seine jüngste Bearbeitung erfuhr „Carmen“ kürzlich durch die F. W. Murnau-Stiftung mit einer 4K-Restaurierung und einer neuen Orchestereinspielung der Filmmusik, die ich als sehr gelungen empfand. Sie nimmt die Musik der Bizet-Oper auf, verfremdet sie aber stellenweise oder lässt sie in den Hintergrund treten und die Originalmusik des Films (die Version, die wohl im Wege der Restaurierung neu komponiert wurde) dominiert. In dieser Fassung wurde „Carmen“ nun von Arte gezeigt und wir haben natürlich die weitgehend flimmerfreie und überwiegend recht scharfe Bildqualität genossen. Die Abtastung gelang nicht immer vollkommen, aber bei einem so alten Werk gehören solche Einschränkungen bei der Qualität  auf eine Weise dazu. Es gibt einige Schnipsel, die wirken, als habe man sie doppelt eingebaut, vor allem in den ersten Minuten. Möglich, dass dies auch im Original so war, um bestimmte Eindrücke zu verstärken, insbesondere das herausfordernde Lachen der Carmen. Die Hektik, die unter anderem dadurch und durch abrupte Übergänge entsteht, verliert sich im Laufe der Spielzeit etwas. Aber auch hier gilt: Für seine Entstehungszeit war „Carmen“ filmisch schon recht weit entwickelt und formal geschlossen. 

Nach Kriegsende eröffnete sich für Pola Negri die Chance ihres Lebens. Ryszard Ordyński, ein polnischer Regisseur, der mit Max Reinhardt in Berlin am Deutschen Theater arbeitete, entdeckte sie und engagierte sie direkt für die polnische Premiere der Pantomime Sumurûn, die später auch verfilmt wurde. Der internationale Durchbruch gelang ihr (…) als Carmen und als Madame Dubarry, jeweils unter der Regie von Ernst Lubitsch.

In unserer Zeit hat die Bizet-Oper ohnehin ein Problem, weil Carmen nun einmal eine Zigeunerin ist und keine Sinti oder Roma und auch mit allen Klischees ausgestattet, die man Zigeunermädchen traditionell zugerechnet hat. Sie ist wild, zügellos, offenherzig, setzt Sex als Waffe ein und wirkt überhaupt ziemlich gefährlich. Natürlich raucht sie auch, und das in den 1870ern, in denen die Oper geschrieben wurde und spielt. Das spanische Setting mit seinem Flamengo-Touch, mit feurigen Machos (Escamillo), stolzen Soldaten, deren Stolz gebrochen wird (Don José) und verwegenen Schmugglern tut ein Übrigens, um den Stoff schwülstig und doch anziehend wirken zu lassen, weil so hemmungslos auf die Pauke gehauen wird. Die meisten italienischen Opern wirken im Vergleich zu diesem Sittenbild geradezu veredelt. Ein klarer Fall von kultureller Aneignung, aber daran sieht man auch, wie diese Sichtweise die Perspektive verengen kann, vor allem, wenn sie auf historische Stoffe oder historische Filme, die darauf basieren, bezogen ist. Bei „Arte“ hatte ich kürzlich einen der frühen Tarzan-Filme mit Johnny Weissmüller gesehen, für den ein Vorspann vor dem Vorspann kreiert wurde, der auf veraltete kulturelle Darstellungen hinweist, in diesem Fall der afrikanischen Ureinwohner:innen. Wenn man sich darauf konzentriert, Filme wie „Carmen“ wegen ihrer Klischeehaftigkeit abzulehnen, entgeht etwas Wichtiges:

Wie wird die Person der Carmen tatsächlich präsentiert? Vielleicht ist auch dies im Klischee inkludiert, aber auf mich hat sie wie eine Femme fatale gewirkt, die eben ist, wie sie ist, ganz pur, selbst ihre Manipulationen sind nicht strategisch auf Machtgewinn angelegt, sondern folgen ihrem Instinkt als einer Frau, die sich eben gerade keine Kultivierung zugelegt hat. Dass Männer von diesem Urweib-Typ fasziniert sind, wird kulturell nicht mehr akzeptiert. Deswegen kann man die Tatsache auch vollkommen unterschiedlich bewerten, dass in Lubitschs „Carmen“ ebenjene Carmen die Männer mit Erotik und nicht kraft höherer wissenschaftlicher Kompetenz oder dergleichen in die Ecke drängt. Gerade deswegen wirkt die stellenweise Ironisierung aber auch so modern und das hebt den Film trotz der festgestellten zuweilen schwierigen Bewahrung der passenden Tonlage weit über andere Produktionen der Zeit hinaus und macht es Männern schwer, in ihren Rollen etwas wie Grip aufzubauen. Pola Negri ist heute noch ein Name, aber viele Leser:innen werden nicht viel über Harry Liedtke wissen, der das Glück oder Unglück hatte, den Don José geben zu dürfen.

Harry Liedtke hatte 1912 seine erste Rolle im Film Die Rache ist mein. Seine Rollen waren meist jugendliche Charmeure, Gentlemen und leichtsinnige Adlige. Er spielte anfangs in Messter-Produktionen und später mit vielen Größen des deutschen Films. Ab 1916 trat er in den Detektiv-Abenteuerreihen Stuart Webbs und Joe Deebs von Joe May auf. Mit Ernst Lubitsch entwickelte sich eine häufige Zusammenarbeit: Das fidele Gefängnis (1917), Die Augen der Mumie Ma (1918), Carmen (1918), Die Austernprinzessin (1919), Madame Dubarry (1919), Sumurun (1920) und Das Weib des Pharao (1921). In Georg Jacobys sechsteiliger Stummfilm-Reihe Der Mann ohne Namen, der ersten Verfilmung des Bestsellers Peter Voß, der Millionendieb von Ewald Gerhard Seeliger, spielte er die Titelrolle. Liedtke war ein Publikumsliebling und besonders in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre auch in zahlreichen Stummfilmoperetten erfolgreich,

Liedtke war also ein Vorgänger von Willy Fritsch und seine defensive Rolle in „Carmen“, die allerdings in einer Bluttat mündet, war sicher nicht ganz typisch. Mit dieser Tat wird Carmen auch ein Opfer ihrer selbst, ohne dass ich das Gefühl hatte, es musste so kommen. Dies wiederum rührt vermutlich daher, weil wir heute anders mit Demütigungen und Untreue umzugehen pflegen, als es im heißen Sevilla der 1870er Jahre gezeigt wird. Tatsächlich? „Femizid!“ könnte es sofort aufgeleuchten, als Carmen aus Eifersucht umgebracht wird. So lässt sich eigentlich jeder Stoff, jede Handlung, nach heutigen Maßstäben analysieren. Die Frage ist bloß, ob man diesen alten Schinken damit gerecht wird, denn die professionelle Distanz, Historisches auch bezüglich seiner kulturellen Darstellungen als historisch anzusehen, sollte man schon haben, wenn man über Filme schreibt.

Finale

Außerdem meine ich, Lubitsch hatte Sympathien für Carmen. Sie wird eben nicht als grundschlecht dargestellt, sondern hat durchaus echte Gefühle fü Don José, ist äußerst temperamentvoll und auf ihre Art ehrpusselig und kann sogar als Identifikationsfigur dienen, mehr als der steife Soldat, der so leicht vom Pfad der Tugend abzubringen ist. Die moderne Interpretation kann nämlich durchaus dahin gehen, dass sein Charakter schwach und seine Moral problematisch ist, nicht das Verhalten einer jungen Frau, die ganz im Hier und Jetzt lebt und ihren Instinkten folgt. Don José hätte ja auch bei seiner ebenfalls rech hübschen Verlobten bleiben können.

Eine Art Destination im Sinne des Film noir ist aber schon unzweifelhaft erkennbar. Das originelle Element des Bleigießens fördert sie zutage: Carmen interpretiert die bösen Zeichen aber nur hälftig und nicht als auch gegen sich selbst gerichtet. Sie hat das Schicksal von Don José im Blick, nicht aber ihr eigenes, das bereits auf eine am Ende tödliche Weise mit dem seinen verknüpft ist. So viel Gewalt, Feuer, Emotion, das musste denn doch beim Publikum Erfolg haben und man kann „Carmen“ ja heute aufführen und ohne größeren Verlust an Aussagekraft die kulturellen Atavismen entfernen. Wenn man das tut und auf Eigenschaftszuschreibungen an die Mitglieder von sozialen oder ethnischen Gruppen verzichtet, kommt sogar die Urgewalt dieser Frau stärker zum Vorschein, die sie nicht etwa beherrscht, sondern von der sie beherrscht wird. Diese Urgewalt sollte man allerdings nicht auch noch aus politischen Gründen kappen, sonst wird das Ganze fad.

Fad ist „Carmen 1918“ bestimmt nicht, das liegt vor allem an der Darstellung von Pola Negri in der Rolle der tragischen Titelheldin. Aber auch sie wird von Männern als Werkzeug eingesetzt, zum Beispiel von den  pragmatischen Schnmugglern, das zum Nachdenken über die wahren Rollen und damit zum Schluss, unserer Bewertung dieses frühen Ernst-Lubitsch-Langspielfilms:

73/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, zitiert und tabellarisch: Wikipedia

Regie Ernst Lubitsch
Drehbuch Norbert Falk,
Hanns Kräly
Produktion Paul Davidson
Musik Artur Vieregg (Kinomusik)
Kamera Alfred Hansen
Besetzung

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