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Liebe Leser:innen,

es ist an der Zeit, Ihnen und euch zu danken. Für die Bereitschaft, unsere Artikel zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen. Dafür, dass wir wieder ein gutes Jahr hatten und dass viele von Ihnen und euch den Wechsel im Programm mitgegangen sind.

Wir haben uns auf Corona konzentriert, besonders seit der vierten Welle und besonders angesichts der vielen unsäglichen Spins, die zur Sache im Umlauf sind. Wir haben uns aufgerufen gefühlt, unseren sehr kleinen Beitrag zum Sieg der Vernunft zu leisten. Ein Minus werden wir bei den Leserzahlen gegenüber dem Jahr 2020 trotzdem haben, denn die Berichte über den Berliner Mietenwahnsinn zogen ein besonders interessiertes und versiertes Publikum an und waren oft mit exklusiven Inhalten und Berichten vor Ort besonders lebendig gestaltet, das konnten wir beim Thema Corona nicht leisten.

Wir wissen, dass es unendlich viel über die sozialen Themen in Berlin zu schreiben gibt und wir werden das auch wieder tun. Aber wir haben uns verpflichtet, uns selbst gegenüber und wir vertreten es auch gegenüber anderen, bezüglich Corona eine besonders enge Linie zu fahren und nehmen daher nur sehr selten zu Präsenzveranstaltungen teil. Das haben wir z. B. bei der Mietendemo im Juni getan, als es inzidenzmäßig etwas besser aussah und waren im Sommer auch bei der FFF-Demo am Brandenburger Tor. Leider ist im Moment nicht abzusehen, wann der Bericht von einzelnen Fällen des Berliner Mietenwahnsinns wieder in früherem Umfang möglich sein wird. Wir müssen da einheitlich bleiben und uns z. B. privat ähnlich verhalten wie am Arbeitsplatz, wo wir ein Teil-Homeoffice durchgesetzt haben, obwohl es generell derzeit nicht vorgesehen ist. Warum das (nicht) so ist, angesichts der hohen Inzidenzen? Dazu gibt es verschiedene Theorien und Denkansätze.

Manchmal fahren wir mit dem Rad zur Arbeit, selten mit der Bahn, eher gehen wir zu Fuß. Das dauert recht lange, aber dafür sehen wir mehr. Zum Beispiel den Weihnachtsbaum, den wir als Titelbild abgebildet haben, weitere Fotos zeigen wir neben diesem Text. Der Baum steht auf einem Platz in unserer Nähe und Kinder haben an seinen Zweigen ihre Wünsche für 2022 gehängt. Es geht dabei um Corona, um den Klimaschutz, aber auch, und das sehr häufig, um den Weltfrieden. Es ist berührend, dass Kinder das Essenzielle noch so unverblümt aussprechen oder aufschreiben und es macht nachdenklich, wie wurscht den meisten diese Aspekte sind, wenn sie es ins sogenannte Erwachsenenalter geschafft haben. Kinder sind in der Hinsicht nicht naiv, sondern haben natürliche, wichtige Gefühle und oft einen besseren Zugang zur Weltwirklichkeit, ohne die Zusammenhänge bereits rational erschließen zu können. Manchmal glauben wir, sie sehen das Ganze besser und mit der Zeit, durch die Prägung in einem System, das vor allem den Egoismus fördert, geht das verloren.

Nicht die Kinder als Kinder sind es, die zu Kulturpessimismus führen, wiewohl wir sie nicht idealisieren, sondern als Menschen mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften wahrnehmen sollten, sondern die Art, wie Erwachsene ihnen schlechte Vorbilder sind, die selbst schlechte Vorbilder hatten. Irgendwann werden die positiven Eigenschaften, die in jedem Menschen angelegt sind, zurückgedrängt, weil die negativen in unserem System zu stark privilegiert werden.

Selbstverständlich ist das nicht bei allen Menschen so, aber es reicht aus, wenn eine Minderheit sich komplett unsolidarisch verhält, damit das System nicht auf Fortschritt, sondern auf Zerstörung ausgerichtet ist, denn diese egozentrische Minderheit blockiert entweder alles oder sie hat die Macht, weil sie im Sinne der Ausübung von Macht geprägt wurde. Das eine sehen wir derzeit besonders deutlich, das andere ist ein Menetekel, das schon lange an der Wand steht und bis jetzt hatten wir keine gute Idee, wie wir als Mehrheit dem entgegenwirken könnten. Vielleicht, weil wir nicht mehr den Mut und die Klarheit haben, die Kinder noch auszeichnet.

Für uns ist der Start ins neue Jahr mit einigen Veränderungen verbunden, die teilweise schon 2021 in die Wege geleitet wurden. Im persönlichen Bereich sind wir wieder selektiver geworden und mussten kürzlich eine wichtige Entscheidung treffen, die uns nicht leicht gefallen ist: Wir beenden unsere Mitgliedschaft in einer politischen Partei. Aus Enttäuschung und auch, um freier schreiben zu können. Wir haben uns in den letzten Jahren mit Kritik eher zurückgehalten, aus Solidarität, aber jetzt hat der Wunsch, vollumfänglich äußern zu können, was wir denken, gesiegt. Das war kein spontaner Entschluss, sondern ist das vorläufige Ergebnis eines Prozesses, der sich über Jahre vollzogen hat. Doch irgendwann muss eine Distanzierung sein, sonst ärgern wir uns aufgrund der Nähe zum Geschehen bei gleichzeitiger Ohnmacht, bei Unmöglichkeit, Veränderungen mitzugestalten,und machen uns jeden Tag mit diesem Ärger mehr oder weniger kaputt. Wir sind wirklich entsetzt darüber, wie Funktionär:innen ihre Narzissmen auf Kosten von uns, der Basis und auf Kosten des Fortschritts und von mehr Solidarität ausleben. Die Beobachtungen des Jahres 2021 haben das Fass nun zum Überlaufen gebracht und wir hoffen, dass möglichst viele andere Menschen die gleiche Konsequenz ziehen wie wir, sonst wacht diese Politikerkaste nicht auf.

Es sind ebenjene schlechten Vorbilder, die Kinder nicht zu guten Menschen, sondern engstirnig und einseitig und vollkommen nur am eigenen Interesse orientiert werden lassen und es lässt nichts Gutes ahnen, wenn Linke sich in der Hinsicht nicht besser verhalten als Neoliberale. Deren zynischer Spin „So sind eben die Menschen“ ist hingegen inakzeptabel und deswegen sind Linke, die sich so verhalten, dass sie diese Ansicht bestätigen, inakzeptabel als Politiker:innen und Menschen, die wir unterstützten möchten. Wir tun das nur noch bei jenen, von denen wir den Eindruck haben, sie kämpfen für uns, mit uns und für eine bessere Welt. Das ist nicht einfältig, sondern so notwendig wie nie zuvor, in diesen Zeiten, in denen jede:r merken müsste, dass die Ressourcen knapper und Kooperation, auch im Sinne kluger Selbstbeschränkung, immer wichtiger wird. Wir könnten ein Buch darüber schreiben, warum diese Arbeit so schwierig ist und warum viele Menschen sich diesbezüglich komplett inkohärent verhalten, aber wenn etwas je nicht von gestern war, dann das Weitermachen und nicht aufgeben.

Wir sind derzeit ein wenig in Beschlag genommen durch die Corona-Situation, die uns, siehe oben, auch arbeitsmäßig beschäftigt, aber auch indirekt: Wir mussten nun den Optimierungsmodus wählen, denn 2022 wird wohl das zweite Jahr in Folge werden, in dem unser Einkommen langsamer steigen wird als die Inflation. Das hat Auswirkungen auf unser Setting. Man kann auch sagen, die Politik zwingt uns dazu, egoistischer zu werden, unsere Kostenstruktur zu durchforsten, daran einiges zu ändern oder auch Nice-to-Haves zu reduzieren.

Das tut sie unter anderem, weil sie eine nur das Kapital privilegierende Geldpolitik unbekümmert fortsetzt, das tut sie, weil sie nicht dafür sorgt, dass Corona endlich in den Griff kommt. Jedenfalls haben wir uns eine Senkung der Fixkosten um zehn Prozent vorgenommen und damit sind wir noch nicht durch. Aufgrund längerfristig laufender Verträge wird sich die Umschichtung bis in den kommenden Sommer ziehen. An den steigenden Energie- und Wohnkosten können wir ohnehin nichts ändern, denn wer sich derzeit in Berlin bewegt, hat verloren und handelt sich höhere Preise ein als zuvor. Deswegen werden wir uns zu diesen Tatbeständen auch wieder äußern, ganz sicher.

Seit November haben wir allerdings auch die Zahl der „Pflichtartikel“ deutlich vermindert, das heißt, wir können nicht mehrere Gegenstände sehr ausführlich beschreiben oder Vorgänge in der Stadt nahezu vollständig darstellen, wie wir das in Sachen Wohnungswesen in den Jahren 2019, 2020 getan haben, ohne dafür alles andere mehr oder weniger drangeben zu müssen. Wir werden sehen, wie die Dinge sich entwickeln, denn es ist weiterhin Effizienzpotenzial zu heben.

Es wäre jedoch falsch, sich in einer stressigen Zeit, die ohnehin viele Umstellungen erfordert, zusätzlichen Druck mit dem sich selbst ausquetschen bis zum Anschlag aufzubauen. Reserven sind jetzt wichtiger denn je. Letztlich steht die Frage nach dem „Wofür?“ im Raum wie der berüchtigte Elefant, der sich nicht einfach wegträumen lässt. Ist das „Worfür“ ein nichts, wie die Politik es uns immer wieder klarmacht? Solidarität ist keine Einbahnstraße, das sollten sich diejenigen merken, die unsere Wähler:innenstimmen haben möchten, aber auch bei deren Vergabe sind wir ja jetzt freier.

Nein, wir wollen keine Armut, keine Umweltzerstörung, keinen Krieg und keine Pandemie, die sich ewig hinzieht, obwohl wir von unserer Seite wirklich alles tun, um dabei zu helfen, sie zu beenden. Es ist unser gutes, unser unverbrüchliches Recht, dass dies endlich gewürdigt wird und darauf werden wir im neuen Jahr vermehrt bestehen. Es ist aber auch unsere Herausforderung, uns selbst dafür einzusetzen. Es geht gar nicht anders, denn die Politik einfach machen zu lassen, das hat sich immer wieder als ein großer Fehler erwiesen. Gemäß der Wortwahl der nunmehr ehemaligen Kanzlerin, die den Begriff leider oft an falscher Stelle eingesetzt hat: Es ist alternativlos, dass wir den Kampf weiterführen oder endlich aufnehmen.

Auf ein kämpferisches 2022 und dafür, dass die Kinder der Welt endlich die guten Vorbilder bekommen, die sie verdienen!

Thomas Hocke
Berlin, 25.12.2021

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