Valmont (USA, FR 1989) #Filmfest 693

Filmfest 693 Cinema

Valmont ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Miloš Forman aus dem Jahr 1989. Er beruht auf dem Briefroman Gefährliche Liebschaften von Choderlos de Laclos.

Der Film ruft unweigerlich einen Vergleich mit Stephen Frears‘ Version des Stoffes hervor, der ein Jahr früher entstanden ist – unter dem Originaltitel des Romans: „Gefährliche Liebschaften“. Letzteren habe ich sogar im Kino gesehen. Interessanterweise hatte ich, bis ich gestern „Valmont“ anschauen konnte, immer im Kopf, „Gefährliche Liebschschaften“ sei von Milos Forman. Vermutlich deshalb, weil Frears‘ Version mehr dem Stil von Forman aus „Amadeus“ nahekommt als dessen eigene Adaption des Stoffes. Womit bereits angedeutet ist, welchen Film ich bevorzuge. Genauer nachzulesen ist dies in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Film erzählt von den dekadenten Intrigen und Ränkespielen der Aristokratie im vorrevolutionären Frankreich. Die junge Cécile wird von ihrer Mutter, der Madame de Volanges, aus dem Kloster geholt. Sie soll verheiratet werden. Die naive und unerfahrene Cécile fasst schnell Vertrauen zu ihrer älteren Cousine Madame de Merteuil, die den Namen des zukünftigen Ehemannes in Erfahrung bringen soll. Merteuil, eine reiche Witwe, ist schockiert, da ihr Liebhaber Gercourt, der ihr soeben den Laufpass gegeben hat, Cécile heiraten will. Sie schwört Rache. Ihr Freund Valmont soll Cécile verführen und so Gercourt vor der Gesellschaft bloßstellen, doch der lehnt ab. Er versucht bisher vergeblich, die verheiratete und tugendsame Madame de Tourvel zu verführen. Merteuil, die Valmont auf dem Schloss seiner Tante Madame de Rosemonde aufsucht, wettet mit ihm, dass er Madame de Tourvel nicht verführen können wird. Sollte sie verlieren, darf er mit ihr schlafen. Sollte sie gewinnen, soll Valmont in ein Kloster gehen und alle seine Sünden bekennen. Sie gehen die Wette ein.

Zurück bei Madame de Volanges findet Madame de Merteuil Céciles Mutter in Verzweiflung vor: Cécile hat Liebesbriefe von ihrem Harfenlehrer Danceny erhalten. Cécile gesteht Merteuil, dass sie ebenfalls in Danceny verliebt ist. Merteuil unterstützt den Briefwechsel der beiden, lässt jedoch gleichzeitig Madame de Volanges einen der Briefe auffinden. Cécile erhält daraufhin Hausarrest und Danceny wird entlassen. Merteuil organisiert einen Opernbesuch mit Madame de Volanges und ermöglicht Cécile und Danceny ein Treffen, bei dem sie Cécile verführerisch ankleiden lässt. Danceny jedoch nutzt die Stunden nur, um Cécile ein Liebeslied vorzutragen, nicht jedoch zur Verführung. Merteuil ändert ihren Plan und fährt mit Cécile aufs Land zu Valmonts Tante. Dort hat Valmont bisher vergeblich um Madame de Tourvel geworben. Erst als er sich spielerisch Cécile zuwendet, erwacht in Madame de Tourvel die Leidenschaft und sie flieht nach Paris. Währenddessen hilft Valmont Cécile bei einem Liebesbrief an Danceny und benutzt diese Situation, um sie zu entjungfern. Als Cécile sich Merteuil offenbart, schlägt diese vor, Gercourt zu heiraten und Danceny als Liebhaber zu nehmen.

Als Valmont am nächsten Morgen erfährt, dass Madame de Tourvel nach Paris geflohen ist, reitet er ihr nach. In ihrem Palais treffen sich beide und verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Morgen offenbart Tourvel Valmont, dass sie bereits eine gemeinsame Zukunft plane und auch ihren Ehemann davon schriftlich unterrichtet habe. Valmont reist überstürzt ab, als sie auf dem Markt einkaufen ist, und lässt einen Brief zurück, in dem er sich von ihr trennt. Bei Madame de Merteuil angekommen, fordert er seinen Wettgewinn ein, doch verweigert sie sich ihm, wäre er doch beim Verlieren auch nicht in ein Kloster gegangen. Beide trennen sich im Streit.

Valmont geht zu Cécile und lässt sie einen Brief an Danceny verfassen, in dem sie ihm von Merteuils Vorschlag schreibt, ihn als Geliebten zu behalten. Danceny erscheint daraufhin wütend bei Merteuil und lässt sie mit vorgehaltener Waffe ein Entschuldigungsschreiben verfassen, in dem sie ihren Vorschlag widerruft. Später kehrt Valmont zu Merteuil zurück und beide scheinen sich zu versöhnen. Er schlägt sogar eine Heirat vor – Merteuil zeigt ihm ihr Schlafzimmer, wo sie sich gerade mit Danceny vergnügt hat, der nun auch weiß, dass Valmont Cécile verführt hat. Als Valmont mit Cécile fliehen will, hat die bereits von Merteuil alle Hintergründe erfahren. Valmont wird von Danceny zum Duell gefordert und getötet. Cécile eröffnet Valmonts Tante, dass sie von Valmont schwanger sei. Am Ende findet dennoch ihre Hochzeit mit dem ahnungslosen Gercourt statt. Das Grab Valmonts besucht nur eine – Madame de Tourvel, die sich mit ihrem Gatten ausgesöhnt hat.

Rezension

Es ist derjenige, den fast alle Kritiker vorne sehen. Dafür gibt es eine Menge guter Gründe, und es ist gut, dass dieser Vergleich möglich ist. Warum dasselbe Thema zweimal so kurz hintereinander verfilmt wurde, verstehe ich übrigens nicht ganz, aber vermutlich war der jüngere Film schon in Planung oder im Dreh, als „Gefährliche Liebschaften“ herauskam.

Dass Forman hingegen Frears bewusst übertrumpfen wollte, kann ich mir nicht vorstellen, denn so wirkt „Valmont“ nicht. Es begab sich in den späten 1980ern, dass Stoffe aus älteren Epochen wieder vermehrt Beachtung fanden, gipfelnd in den zuckersüßen Old-England-Adaptionen der 1990er, die von der Wiederentdeckung Janes Austens bis zu „Titanic“ reichen und zudem meist als romantische Komödien oder Dramen gelten können. So wurde auch der Roman von Choderlos de Laclos, „Gefährliche Liebschaften“, ein Briefroman, der tatsächlich aus dem späten18. Jahrhundert stammt, neu ins Deutsche übertragen und fand guten Absatz. Mir ist nicht mehr erinnerlich, ob bereits vor den Kino-Adaptionen oder durch sie.

Nun zum Vergleich. „Valmont“ hat einige sehr reizende Einfälle, die durchaus die Lust am Skurrilen aufzeigen, wie Milos Forman sie etwa in „Amadeus“ umzusetzen wusste. Da ist noch ein Hauch von jener Exzentrik spürbar, die auch „Einer flog über das Kuckucksnest“, seinen wohl besten Film, auszeichnet. Doch dies kann nicht aufwiegen, dass der Film nicht authentisch wirkt.

Wir waren alle nicht dabei, als im späten 18. Jahrhundert die Adeligen, die auf dem sozialen Vulkan ihre Spielchen spielten, sich in ihrer eigenen Welt mit Ränken befassten, aber ein erster Mangel von „Valmont“ ist, dass Colin Firth für mich nicht den Typ eines galanten Verführers gibt, den wir an Typen wie Casanova messen, sein Spiel wirkt viel zu gegenwartsorientiert und bürgerlich. Forman hat zwar Harfen-Unterricht erteilen lassen, aber sich bei den Darstellern wenig Gedanken um deren Wirkung als Adelige des 18. Jahrhunderts gemacht. Mit Abstrichen gilt das für alle Darsteller. Auch die „Cécile“ fand ich furchtbar modernistisch gespielt, etwas besser kommen Meg Tilly und Annette Benning als de Tourvel und Marquise von Morteuil weg, wobei Letztere das Problem hat, sich mit Glenn Closes fantastischer Darstellung in „Gefährliche Liebschaften“ messen zu müssen, und dabei verliert sie. In er Bettszene wirkt Meg Tilly hingegen zauberhaft, kommt aber in der Gesamtwirkung nicht an Michelle Pfeiffer als Marie de Tourvel im Frears-Film heran. Benning hingegen kann Luder spielen, aber wer Glenn Close im 1987er „Eine verhängnisvolle Affäre“ gesehen hat, der fürchtet sich schon vor ihr, wenn sie das erste Mal ins Bild kommt und noch gar keine Ränke geschmiedet hat.

Bei Colin Firth habe ich John Malkovich als Vergleichsschauspieler eben nicht erwähnt, weil schon ohne diesen Vergleich mir Firths Valmont zu banal erscheint; so sehr, dass ich mich gefragt habe, was an diesem Valmont dran ist, dass er alle Frauen ins Bett bekommt – aber vielleicht reichte Ende des 18. Jahrhunderts schon ein vernünftiges Aussehen und ein etwas kindlicher Humor genau dazu aus, vor allem, wenn man auf naiv-romantische Frauen trifft. Auch wenn John Malkovich ein spezieller Typ ist, bei seinem Valmont verstehe ich die Faszination der Damen besser – seine leicht dämonische Präsenz und Gewandtheit sind faszinierend. In Darstellern von „Gefährliche Liebschaften“ leben der Glanz und das Elend des Rokoko, während man in „Valmont“ schmerzlich den Bezug des Geschehens zur Realität vermisst. Das gibt es bei diesem ganz in Adelskreisen und ohne Bezug zum Draußen angesiedelten Plot auch in „Gefährliche Liebschaften“ nicht, aber man kommt bei diesem Film mit dem gut zurecht, was man sieht und empfindet keinen Mangel.

Weiterhin hat Forman keinen besonderen Wert auf die Dialoge gelegt. Erstaunlicherweise geht er dabei den Weg vieler europäischer Gemeinschaftsproduktionen neueren Datums, die tausend Konventionen und Rezeptionsunterschiede beachten wollen und dadurch unauthentisch und blutleer wirken. Sicher, es bleibt nichts offen, alles wird erklärt, aber weder die hochgestochene noch die humorvoll abgewandelte Form der damaligen Manieren, die in der Hochzeit des Hollywood-Historienkinos so treffend eine Anmutung von alter Zeit im neuen Kleid vermittelten, kommen in „Valmont“ zu ihrem Recht. Sicher wird es immer schwieriger, diese Zeiten lebendig werden zu lassen, aber es gibt jüngere Filme, die das besser können, während die Filme der klassischen Hollywood-Ära noch von Menschen gemacht wurden, deren eigene direkte Vorfahren beispielsweise im viktorianischen Zeitalter aufgewachsen waren und die allgemein ein gutes Gefühl für Epochen vorweisen konnten.

Die Kombination aus eher moderaten Schauspielleistungen (immer im Vergleich zu „Gefährliche Liebschaften“), wenig elaborierten Dialogen und zusätzlich einer über weite Strecken Zeit flachen Dramaturgie, die den Film richtiggehend zerfahren wirken lässt, sorgen dafür, dass man nicht involviert wird, nicht Position bezieht, sondern auf Distanz bleibt. Weil noch emotionaler und kognitiver Raum frei ist, läuft der andere Film im Kopf mit. Das Ende betreffend, ist „Valmont“ auch weniger konsequent als das Buch und die Frears-Adaption, weil er de Tourvel überleben lässt ; wohl eigens, damit sie eine Rose auf Valmonts Grab platzieren kann.

Finale

Wenn man nicht den Vergleich mit einem sehr guten Film hätte, der beinahe gleichzeitig entstand, würde man diesen gar nicht für so schlecht halten, aber man kann eben aus dem Stoff mehr machen, und gerade von Milos Forman, dem Schöpfer von „Einer flog über das Kuckucksnest“ und „Amadeus“ hatte ich mehr erwartet. Beide genannten Filme beweisen, dass Forman ein Gespür für exzellente Exzentriker hat und Letzterer, dass er Epochenkino kann. Warum wirkt also „Valmont“ vergleichsweise blutleer? Weil eben Künstler nie immer auf demselben Niveau arbeiten, das ist eine schlichte Erklärung, die auch mein Gewissen beruhigt, wenn ich jetzt für einen Forman-Film eine eher mäßige Bewertung vergebe.

60/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)

Regie Miloš Forman
Drehbuch Jean-Claude Carrière,
Miloš Forman
Produktion Michael Hausmann,
Paul Rassam
Musik Christopher Palmer
Kamera Miroslav Ondříček
Schnitt Nena Danevic,
Alan Heim
Besetzung

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