Kohlhiesels Töchter (DE 1920) #Filmfest 694

Filmfest 694 Cinema

Kohlhiesels Töchter ist eine deutsche Filmkomödie von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1920. Der Stummfilm mit Henny Porten in einer Doppelrolle basiert auf dem gleichnamigen Bauernschwank.

Der Begriff „Bauernschwank“ kam mir auch sehr schnell in den Sinn, als ich in den Film eingestiegen war. Es ist ja auch einer, aber man weiß nie, was das Hauptlabel für einen solchen Film ist. In dem Fall ist es einigermaßen klar, weil er weit entfernt von späteren Heimatfilmen ist und nur Menschen aus dem Dorf zeigt, keinerlei Gegensatz zwischen Stadt und Land, wie er später so gerne und hintersinnig-vordergründig inszeniert wurde. Ernst Lubitschs Variante ist auch die erste Verfilmung dieses Stücks, einige weitere sollte folgen. Mehr lesen Sie in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der Film spielt in den bayerischen Alpen. Der Dorfwirt Mathias Kohlhiesel hat zwei Töchter, die er beide verheiraten möchte. Für die hübsche Gretel sollte dies nicht schwierig sein, die hässliche und kratzbürstige Liesel dagegen dürfte nur schwerlich einen Bräutigam finden. Vater Mathias erlaubt deshalb nur eine Heirat von Gretel, sobald Liesel unter der Haube ist. Die beiden Burschen Peter und Paul sind beide in Gretel verliebt. Peter ist ein Draufgänger, während Paul sehr schüchtern ist. Doch der intelligente Paul überzeugt Peter davon, dass nach einer Hochzeit mit der hässlichen Liesel sogleich auch eine Scheidung folgen könne.

Damit wäre der Weg für Peter wieder frei für eine Beziehung zu Gretel. Peter heiratet also Liesel. Doch Liesel erweist sich als eine sehr angenehme Ehefrau. Sorgsam widmet sie sich ihrem Ehemann, doch dieser erwidert dies nur mit Grobheiten, um schnell wieder geschieden zu werden. Liesel ist zunächst enttäuscht vom Eheleben und entschließt sich zur Wandlung. Aus der einst hässlichen Liesel entwickelt sich eine ebenso attraktive Frau wie ihre Schwester Gretel. Mit der Veränderung Liesels wird schließlich auch Peter zum liebevollen Ehemann. An Scheidung ist nun nicht mehr zu denken. Somit ist auch für Paul der Weg frei und er darf seine geliebte Gretel heiraten.

Rezension

„Where are my Slippers?“ Wer hat das gesagt? Professor Higgins zu Eliza Doolittle am Ende von „My Fair Lady“. Damit war die ganze Emanzipation futsch. Genau das Gleiche passiert schon 44 Jahre zuvor in diesem Stummfilm von Ernst Lubitsch. Ebenfalls auf Englisch, denn die Version, die ich angeschaut habe, war mit englischen Zwischentiteln versehen. Im Film wird der wilde Bruder übrigens immer Xaver genannt, nicht Peter. Irgendwie passt das auch, ich musste ständig an Xaver Unsinn denken, aber mehr an mit einer Assoziation hin zu dem Unsinn des derben Bauernburschen Xaver als an den Mann, der diesen Namen trägt. Xaver wird von niemand anderem gespielt als von Emil Jannings, der wirklich ein sehr kompletter Schauspieler war, das sieht man an den sehr unterschiedlichen Rollen, in denen er reüssieren konnte, zuletzt hatte ich ihn als sonnigen Ludwig XV. in „Madame Dubarry“ gesehen, ebenfalls unter der Regie von Ernst Lubitsch. Und die beiden Kolhiesel-Töchter werden von Henny Porten verkörpert, der Nummer eins unter den deutschen Filmstars der 1910er Jahre, der unter den in der Filmstadt Berlin arbeitenden Künstlerinnen höchstens die Schwedin Asta Nielsen Konkurrenz machen konnte, die einen anderen Typ verkörperte. Der Film ist also so hochkarätig besetzt, wie es im frühen deutschen Kino irgend möglich war und wurde ein großer Erfolg.

Der Kritiker Herbert Ihering war 1920 der Ansicht, dass das auf der Bühne unerträglich süßlich-neckische Bauernlustspiel gefilmt an Grazie und Witz gewinne, und bezog sein Lob ausdrücklich auch auf die Porten, deren Darstellungen gegenüber er sonst eher abgeneigt war.[1]

„Von dem später berühmten „Lubitsch-Touch“ ist in diesem kurzen Film noch nichts zu spüren, vielmehr gilt die Devise: je gröber der Gag, um so sicherer die Lacher.“ – Lexikon des internationalen Films[2]

Ja, Lubitsch hat das Meiste von seiner speziellen Filmkunst weggelassen. Weil er sich gesagt hatte: Dies ist ein Bauernschwank und aus Gretel und Liesel kann man keine zweite oder dritte Austernprinzessin machen oder sie gar so subtil frivol handeln lassen wie die Stars in seinen amerikanischen Tonfilmkomödien. Das war in Stummfilmkomödien sowieso noch nicht möglich, weil noch so gute Zwischentitel, und die von Lubitsch waren gut, wenn er sie selbst entwerfen konnte, keine geschliffenen Dialoge toppen können, die auch von ihrer Intonation und der direkten Interaktion der Schauspieler:innen leben. Im Stummfilm zumindest zu Beginn der 1920er auch noch deutlich mehr pantomimenhaft agiert und ich finde, Porten und Jannings spielen dafür schon recht natürlich.

Ich rätsele immer noch darüber, ob Henny Porten wirklich eine so umfängliche Figur hatte, wie beide Schwestern sie mehr oder weniger in diesem Film zeigen, oder ob Lubitsch den ganzen Weg gehen wollte und sich sagte: In einem Bauernschwank treten keine dürren Großstadtmädchen auf, sondern dralle Dirndl. Auf Bildern aus der Zeit wirkt die Porten zwar nicht wie eine Elfe, aber auch nicht so wie in diesem Film. Wir werden diese Sache bald klären, denn es steht auf dem Programm: Anna Boleyn, wieder unter der Regie von Ernst Lubitsch, aber mit der Porten dieses Mal in einer naturgemäß viel ernsteren Rolle. Zugegeben, dies ist der erste Film mit Henny Porten, den ich überhaupt gesehen habe. Mit ihr werden wir uns also noch etwas mehr befassen müssen. In den Werken aus den 1920ern, die ich bisher kenne, ist sie nicht zugegen, weil diese oft sehr progressiven Filme wieder neue, modern wirkende Gesichter bekannt machten, wie Brigitte Helm und Gerda Maurus, die Fritz-Lang-Heroinnen, oder am Ende des Jahrzehnts Louise Brooks, die sirenenhafte Muse von G. W. Pabst.

Damit können wir ins Jahr 1962 springen. Damals wurde die Verfilmung von Kohlhiesels Töchter gedreht, die wohl noch am meisten bekannt sein dürfte, mit Lieselotte Pulver in der Hauptrolle, die zeigt, dass sich auch die Dorfschönheiten mittlerweile optisch gewandelt hatten, vor allem, wenn eine von ihnen zwischendurch in der Stadt geschliffen wurde und dann nach Hause zurückkehrt. Für derlei, was sicher auch im Sinne der typischen Nachkriegsdichotomie hinzuerfunden wurde, wäre aber in dem Vierakter (ca. 60 Minuten Laufzeit) von Ernst Lubitsch kein Platz gewesen. Er konzentriert sich ganz auf das Dorfszenario und kostet es aus. Dass dieser Film seine erfolgreichste Komödie wurde, liegt sicher auch daran, dass er unglaublich gut im Erfassen des Essenziellen war. Demgemäß ließ er sämtliche Extravaganzen weg, die ich gerade in „Die Austernprinzessin“ bewundert habe, ging vielleicht auch auf Nummer sicher und bewies sich und dem Publikum, dass er auch „normal“ konnte und eine Nummer kleiner. Nicht kleiner allerdings bezüglich der Besetzung, die wir oben erwähnt haben.

Nein, der Film ist nicht fortschrittlich, nur, weil er von Lubitsch stammt, wie man daran sieht, dass das Leben erst funktioniert, als der Herr wirklich der Herr im Hause ist, nachdem er bewiesen hat, dass er Möbel immer noch am besten aus dem Fenster schmeißen kann. Der Regisseur bleibt damit wohl der Bühnenvorlage treu und der Film lebt demgemäß von dem schönen Bergsetting und dem Spiel und – doch auch einigen schön choreografierten Szenen wie dem Bauerntanz im Wirtshaus der Kohlhiesels, als Xaver alle anderen vom Tanzboden verdrängt, um Platz für sich und seine neue Frau zu haben, die seinen sehr körperlichen Stil gar nicht blöd findet.

Dass Lubitsch sich um 1920 raus in die Natur traute, wie schon in „Meyer aus Berlin“, begeistert mich deshalb immer wieder, weil er sich in Hollywood zu einem absoluten Studioregisseur entwickelt hatte. Nicht nur, weil er für die Paramount, das damals zweitgrößte Studio arbeitete, sondern weil er entdeckte, dass ein geschmackvolles Art-Déco-Set besser zu kontrollieren war als das große Draußen. Das Draußen meistert Lubitsch in „Kohlhiesels Töchter“ aber gut und setzt es zur Unterstützung der Komik ein, indem er Menschen zu Tal schlittern oder über Zäune kullern lässt. Ach ja, es liegt Schnee in den bayerischen Bergen, das muss schon sein.

Finale

An die Innovationskraft von „Die Puppe“ und „Die Austernprinzessin“ aus dem Jahr zuvor kann „Kohlhiesels Töchter“ selbstverständlich nicht heranreichen, aber die Stars sind das Anschauen wert und man hat das Gefühl, dass Lubitsch nie mit irgendetwas fremdelt, sondern in Berg und Tal und der Stadt und auf dem Land, in Komödien und Dramen sein Talent ausspielen konnte – oder immer wieder andere Facetten davon. Kein Wunder, dass er das Vorbild des ebenfalls äußerst vielseitigen Billy Wilder war. Das Prinzip hat Lubitsch seinem Fan, der später so viele Preise gewinnen sollte, mitgegeben. (Welches Genre du auch immer gerade filmst): Du sollst nicht langweilen.

Wir müssen jetzt ein wenig überlegen, wie wir bewerten. Einerseits Lubitschs Regie und die beherzt spielenden Stars Porten und Jannings, andererseits das konservative Setting mit ebensolcher Schlussmoral. Trotzdem ist der Film auf seine in der Tat recht derbe Art witziger als viele spätere deutsche Komödien, egal, in welcher Gegend sie angesiedelt sind und damit wieder ein gelungener Prototyp einer speziellen Form von Komödie.

70/100

© 2022, 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, zitiert und tabellarisch: Wikipedia

Regie Ernst Lubitsch
Drehbuch Hanns Kräly
Ernst Lubitsch
Musik Giuseppe Becce
Kamera Theodor Sparkuhl
Besetzung
·         Henny Porten: Liesel und Gretel Kohlhiesel
·         Emil Jannings: Peter Xaver
·         Gustav von Wangenheim: Paul Seppl
·         Jakob Tiedtke: Mathias Kohlhiesel
·         Willy Prager: Händler

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