Videobeweis – Tatort 1184 #Crimetime Vorschau 02.01.2022, Das Erste, 20:15 Uhr #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #SWR #Video #Beweis #Videobeweis

Crimetime Vorschau – Titelfoto © SWR, Benoît Linder

Sex und Lügen auf Video?

Das neue Jahr beginnt tief im Süden: Aus Stuttgart meldet sich der Südwestrundfunk mit „Videobeweis“, dem ersten Tatort des Jahres 2022. Anders als der Titel vermuten lässt, geht es in Episode 1184 der Krimireihe nicht um undurchschaubare Fußballregeln, sondern um den Mord an einem Mitarbeiter eines Versicherungskonzerns, den die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) in ihrem 28. Fall aufklären müssen. Dabei treibt sie auch die Frage um, ob vermeintlich eindeutige Bilder tatsächlich immer das wiedergeben, was wirklich passiert ist.

So leitet die Redaktion von Tatort-Fans ihre Besprechung des 1184. Tatorts ein. Stuttgart liegt also tief im Süden. Bisher dachte ich, der tiefe Süden beginnt schlechtestenfalls im Süden Südeuropas, aber irgendwie freue ich mich, dass ich durch diese geografische Zuordnung beinahe ein tiefes, sicher aber ein mittleres Südlicht bin. Im Süden ist das Leben nun einmal angenehmer, die Farben sind intensiver, das Wetter ist besser und die Menschen haben demgemäß ein sonnigeres Gemüt.

Stuttgart hingegen hatte ich zuletzt mehr als Stadt der Wutbürger:innen wahrgenommen, deren verwegene Ansichten, z. B. Corona betreffend, noch verwegener wirken, wenn sie in Schwäbisch vorgetragen werden. Richy Müller (KHK Thorsten Lannert) hatte sich wohl anstecken lassen und sich bei #allesdichtmachen verortet, obwohl er gar nicht aus der Gegend stammt. Okay, er ist in Mannheim gebürtig und gewisse Ansichten sind, wie die Gegenstände, um die sich jene Ansichten drehen, eben dies: infektiös. Und nicht in der Regionalgenetik verankert. Erst, wenn sich eine Krise mit einem ungünstigen Mindset trifft, wird sie richtig, richtig gefährlich. Doch, es gibt Abhandlungen darüber, warum sich nicht nur im Osten, sondern auch im Süden so viele Impfgegner:innen tummeln. 

In Sachen Tatort sieht es genau umgekehrt aus. Da leuchtet der tiefe Süden. Richy Müller und Felix Klare als Lannert und KHK Sebastian Bootz gelten als eine Bank, was besonders in diesen bewegten Zeiten ja so wichtig ist. Sie erhalten wohl auch die besten Drehbücher, die der SWR ankauft, aber sie sind auch ein grandioses Team. Ernsthaft, aber nicht komplett humorlos, nicht modisch, sondern modern, beinahe zeitlos, schauspielerisch tadellos, wodurch sie jedes Thema „bespielen“ können. Wenn man die Ansicht der Nutzer:innen des Tatort-Fundus zugrundelegt, kommen die Besten aus dem Südwesten (oder dem tiefen Süden), stehen sie derzeit auf Rang 2. Vor ihnen ist nur das neue Team „Hölzer“ aus Saarbrücken, das aber erst auf zwei Filme kommt. Saarbrücken liegt übrigens im  tiefen Südwesten. Der Abstand von Lannert und Bootz, einem von zwei Teams, die eine Durchschnittswertung von  mehr als 7/10 für ihre Filme verbuchen, zu Borowski aus Kiel auf Rang drei ist so groß, dass Lannert und Bootz sich sogar einen oder zwei „Ausrutscher“ leisten könnten und ihre Position trotzdem behielten. Derzeit steht ein solcher aber nicht zu befürchten. Ihr vorletzter Fall „Du allein“ zählt nach dem Maßstab derselben Quelle zu den 15 besten Tatorten bisher. Da kommt sie doch wieder durch, die verlässliche schwäbische Qualität, die einst das Gepräge des tiefen Südens bestimmte: Das handwerkliche Niveau ist, mit nur geringen Schwankungen, also beinahe konstant, hoch. 

Die Redaktion von Tatort-Fans ist denn auch der Ansicht, es handelt sich um einen soliden Krimi. Dafür vergeben sie 3 von 5 Sternen. Weil solide mit durchschnittlich gleichgesetzt wird. Ich finde ja, Solidität ist heutzutage grundsätzlich etwas Überdurchschnittliches. Aber aus der obigen Darstellung, die auf die hohe Akzeptanz der beiden angenehm zurückhalten und doch intensiven Sympathen Lannert und Bootz abhebt, ergibt sich aber auch nicht, dass sie nur Highlights vorweisen müssen. Sonst wären die Highlights ja keine mehr und andere Teams würden verzweifeln.

Ein Handyvideo, das das Leben von vielen verändert, und einen Kollegen das Leben kostet. Die Frage bleibt, kann solch ein Video allein entscheiden über Schuld und Unschuld? Oder wie Kommissar Lannert es ausdrückt: „Liegt die Wahrheit in dem, was man sieht? Oder in dem, was man nicht sieht?“

Klingt doch sehr spannend, was der Tatort-Check vom SWR3 zusammenfasst, aber es kommt trotzdem nur zu 3/5 Elchen. Weil man Thorsten Lannert eine Schwärmerei nicht gestatten möchte, die er sich im Laufe der Handlung einfängt wie ein  heimtückisches Virus. Was kann dabei schon Großartiges herauskommen? Man sollte froh sein, dass wenigstens die Solidität gewahrt bleibt.

Auch wegen des sehr „erzählenden“ und kreativen Soundtracks der jungen Komponistin Verena Marisa („Das Unwort“) sticht der vielschichtige und psychologisch fein gedrechselte Stuttgarter Krimi-Beitrag heraus. Einerseits ist der „Tatort: Videobeweis“ in Sachen Plot und Ablauf ein sehr klassischer Krimi. In puncto vielschichtigem Erzählen und kunstvollem Versteckspiel auf vielen Ebenen ist er jedoch sehr viel mehr als das. Die Krimisaison 2022 im Ersten eröffnet überaus stark.

Wir sind nach wie vor auf der Suche nach einer starken „vierten Stimme“, die auch Bewertungen verteilt, nachdem „Filmstarts.de“ keine Vorab-Rezensionen zu Tatorten mehr schreibt. Keine Bewertung abgegeben, aber die obenstehende starke Ansicht über einen nach ebenjener Ansicht starken Film kommt von Prisma. Leider bleiben wir trotz der mit Prisma dokumentierten Bemühungen um Ersatz stecken, denn auch Christian Buß vom Spiegel ist entweder immer noch im Urlaub oder der Spiegel rationalisiert mal wieder oder Google versteckt die Beiträge dieses Magazins vor mir. Sehr schade, schon wegen der coolen Titel, die Buß regelmäßig für seine Rezensionen findet. Dafür ist auf Tittelbach-TV Verlass, vielleicht sind die Macher solide Schwaben. Thomas Gehringer schreibt:

Exzellenter „Tatort“-Auftakt im Jahr 2022: Die Stuttgarter Kommissare Lannert (Richy Müller) & Bootz (Felix Klare) ermitteln nach einer Weihnachtsfeier in einem Versicherungs-Unternehmen, bei der ein leitender Angestellter in den Tod stürzte. Zuvor hatte er heimlich ein Video gedreht, das seine Konkurrentin beim Sex mit dem Chef zeigt. Aber was genau zeigt das Video wirklich? Sehen wir nur das, was wir sehen wollen? „Videobeweis“ (SWR) ist eine spannend und dicht inszenierte Episode um die Aussagekraft scheinbar eindeutiger Bilder. Rudi Gaul (Buch, Regie) spielt in dem Drama gekonnt mit verschiedenen Bildebenen. Herausragend das Spiel von Ursina Lardi, und auch der sonst auf eher komische Figuren spezialisierte Oliver Wnuk überzeugt in einer ernsten und dramatischen Rolle.

Dafür gibt es 5,5/6, das ist die höchste Bewertung, die ich bisher bei Tittelbach-TV gesehen habe (der Durchschnitt liegt allerdings nicht bei 3/6, wie man annehmen könnte, sondern etwa bei 4,5/6). Vielleicht ist es wirklich ein Film zum Nachdenken und für den zweiten Blick, in dem nicht das Spektakuläre, das man sieht, die wichtigste Rolle spielt, sondern das Spektakuläre in dem, was man nicht sieht und den Videobeweis infrage stellen könnte. Vielleicht nicht im Fußball, aber im Zwielicht der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Ich denke mir das Folgende gerade aus, ich weiß nicht, ob der Film in diese Richtung tendiert, weil ich ihn noch nicht kenne: Was, wenn auf einem Video Sex gezeigt wird, der einverständlich wirkt, aber diesem Sex eine Art Kapitulation vorausging, weil jemand erpresst oder sonst unter Druck gesetzt wurde, um in diesen Sex einzuwilligen? Die Freiwilligkeit kann aufgrund der Bilder also nicht ausgeschlossen werden, obwohl die Entscheidungsfreiheit eines der Sexpartner stark eingeschränkt war. Umgekehrt: Jemand hatte sich mit einem Versprechen, das auf Sex geht, einen Vorteil verschafft, überlegte es sich aber im Moment der geplanten Ausführung oder zwischen der Vereinbarung und dieser anders und der andere hatte nach seiner Ansicht eine Vorleistung erbracht, fühlte sich betrogen und versuchte, die Vereinbarung durchzusetzen und das, was man auf dem Video sieht, wirkt alles andere als harmonisch? Ganz ehrlich, Pech gehabt, denn ein Nein ist ein Nein, gleich, zu welchem Zeitpunkt es ausgesprochen wird und was dahintersteckt. Über Sex kann kein gültiger Vertrag abgeschlossen werden, wenn man von der Prostitution absieht. Besonders interessant und solider Ermittlungsarbeit zugänglich bleibt also der erste geschilderte Fall.

TH

Handlung, Besetzung, Stab

Weihnachtsfeier in einem Versicherungskonzern, Karaoke, Alkohol, gelöste Stimmung. Am nächsten Morgen liegt ein Mitarbeiter tot im Foyer, offensichtlich über eine Balustrade gestürzt. Thorsten Lannert und Sebastian Bootz versuchen, den Abend zu rekonstruieren.

Klar ist: Abteilungsleiter Oliver Jansen und seine Mitarbeiterin Kim Tramell, Konkurrentin des Toten, verließen als letzte das Haus. Keiner von beiden will etwas bemerkt haben. Doch unter Druck gesetzt, sagt Kim Tramell aus, dass Oliver Jansen sie vergewaltigt habe. Der wiederum spricht von Verführung und einvernehmlichem Sex. Wer von beiden hat sich erpressbar gemacht und dann einen Zeugen aus dem Weg geräumt? Die Kommissare finden ein Video, das der getötete Idris Demir an seinem letzten Abend aufgenommen hat.

Das Bildmaterial der intimen Szene im Büro sollte die Situation objektiv klären. Doch das scheinbar so beweiskräftige Video erweist sich als uneindeutig und interpretierbar. Die beeindruckend selbstbewusste Mitarbeiterin und der leichtsinnige Chef – für wen von beiden wurde Demir zur Gefahr?

Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Gerichtsmediziner Dr. Daniel Vogt – Jürgen Hartmann
Kim Tramell – Ursina Lardi
ihre Tochter Ju-Ju – Ruby M. Lichtenberg
Oliver Jansen – Oliver Wnuk
seine Frau Cleo – Karoline Bär
Sandra Verhoeven – Yvonne Yung Hee Bormann
Keran – Serdar Karabiyik
Jodie Becker – Lisa Wildmann
Stefanie Seiler – Amelie Herres
Sammy Berger – Sarah Masuch
Idris Demir – Ulas Kilic
u. v. a.

Buch – Rudi Gaul, Katharina Adler
Regie – Rudi Gaul
Kamera – Stefan Sommer
Musik: Verena Marisa

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