Die fabelhaften Baker-Boys (The Fabulous Baker Boys, USA 1989) #Filmfest 696

Filmfest 696 Cinema

Fabelhafte Welt der Musik

Roger Ebert von der Chicago Sun-Times meinte, dass der Film einer alten, bereits mehrfach benutzten Formel folge, aber dafür „interessant besetzt“ und mit „sicherer Hand für das Material“ inszeniert worden sei. Michelle Pfeiffer blühe förmlich auf – und das nicht nur als Frau, sondern auch als Schauspielerin, in die man sich hineinversetzen könne. Ihren Auftritt zu dem Song Makin’ Whoopee verglich Ebert mit den Showeinlagen von Rita Hayworth in Gilda (1946) und Marilyn Monroe in Manche mögen’s heiß (1959).[3]

Da kann ja nicht mehr viel schiefgehen. Oder? Wir klären dies und mehr in der –> Rezension.

Handlung (1)

Die Brüder Frank und Jack Baker spielen seit fünfzehn Jahren gemeinsam als Barpianisten in den Hotels und Lounges der Stadt Seattle. Was jedoch einmal ein erfolgreiches Duo war, ist mittlerweile ziemlich angestaubt: Abend für Abend die gleichen Schlager, die gleichen Locations, die gleichen Witze. Für Jazztalent Jack ist dieses Leben, das er an der Seite seines biederen, nur mittelmäßig begabten Bruders zu führen gezwungen ist, unerträglich geworden. Mut zur Veränderung hat er jedoch nicht und so ertränkt er seinen Frust im Whisky und sucht Abwechslung in diversen One-Night-Stands.

Als die Brüder eines Abends vom Barbesitzer Charlie aufgrund des flauen Geschäftes das Engagement gekündigt bekommen, beschließt Frank, eine Sängerin zu engagieren. Sie findet sich schließlich am Ende eines nervenaufreibenden Castings in dem arbeitslosen Callgirl Susie „Diamond“. Susie ist nicht nur höchst attraktiv, sondern verfügt auch über eine samtig-verführerische Stimme und so verhilft sie dem Duo rasch zu neuem Aufschwung und steigenden Einnahmen.

Allerdings sorgt sie auch bald für Krisenstimmung innerhalb der Combo. Ihre unkonventionelle Art und ihre innovativen Ideen stoßen bei dem konservativen Frank auf wenig Gegenliebe und es ist unverkennbar, dass es zwischen ihr und Jack knistert. (…)

Rezension: Anni und Tom zu „Die fabelhaften Baker-Boys“

ANNI: Irgendetwas an dem Film müsste dich doch speziell ansprechen.

TOM: Michelle Pfeiffer.

ANNI: Die Tatsache, dass du auch hier sitzt und für ein kleines Weblog Rezensionen schreibst, anstatt dein Talent für einen großen Bestseller zu verwenden. Du bist doch auch so ein Jack, ein verhinderter Künstler.

TOM: Ich hab unter meinem Klarnamen manche Kurzgeschichte veröffentlicht. Und ich bin eher wie Frank, ich kenne meine Grenzen. Ich bin nicht so unzufrieden wie Jack. Und in der Realität verlangen Frauen zum Glück auch nicht alle, dass man ein verkanntes Genie ist, das diese Aura des miesepetrigen, verqualmten Verlierers verströmt, um sich zu einer Annäherung bereit zu finden.

ANNI: Ja, da hast du leider recht. Ich kenne Beispiele, die deine These bestätigen. Aber gibt zu, eine Frau wie die Pfeiffer hättest du schon gerne mal … auf dem Piano.

TOM: Ich muss zugeben, ich hab sie heute gar nicht mehr so im Blick, wenn ich darüber nachdenke, welche Schauspielerinnen der 1990er ich besonders mochte. Aber seit „Gefährliche Liebschaften“ (1988) gehörte die Pfeiffer mit ihrer katzenhaften Ausstrahlung und ihrem leichten Überbiss unbedingt dazu. Und vermutlich war sie nie sexier als in „Die fabelhaften Baker Boys“. Und klar, das Milieu spricht mich an, nicht nur, weil ich eine Schwäche für diese musikalischen US-Standards habe und außerdem Jazz gerne mag – und daher den Unterschied zwischen dem, was Jack, zum Brötchen verdienen macht und seinen Jam Sessions bei seinem afroamerikanischen Kumpel nachvollziehen kann. Ich hab auch die eine oder andere Geschichte aus diesem Milieu geschrieben – allerdings ist ausgerechnet von denen keine überzeugend fertig geworden und demgemäß wurde auch keine davon veröffentlicht. Aber vielleicht inspiriert mich der Film, mal wieder an das Thema heranzugehen. Allerdings muss man dann so altmodisch sein, das Publikum muss mitgehen und derlei würdigen.

ANNI: Bei deiner Schreibe kannst du es ja mit einem surrealistischen Einschlag verbinden. Der Film hingegen ist sehr konservativ und – unglaublich langsam, oder? Oder kommt mir das nur so vor, weil ich auch schon von dieser sinnfreien Action-Hatz des heutigen Kinos zu sehr beeinflusst bin?

TOM: Ich glaube schon, dass man sich hier bewusst für die Charaktere Zeit genommen hat und eine im Grunde sehr simple und altbekannte Musiker-Story im Hollywood-Stil erzählt. Zeitgemäß nicht so, dass am Ende der ganz große Erfolg und eine Ehe steht, vielmehr verbleibt alles mehr im Vagen.

ANNI: Vielleicht war ich auch gestern noch etwas sauer, weil „Die fabelhaften Baker Boys“ quasi ein Ersatzfilm waren für diese grandiose Woodstock-Doku, die wir eigentlich rezensieren wollten, wo dann aber nach über 2 Stunden die Aufnahme plötzlich immer schlechter wurde und schließlich ganz abbrach. Hat mich riesig geärgert.

TOM: Vermutlich ist die Aufnahme entstanden, während gerade der alte Router kaputtging, im letzten Herbst. Allerdings hätte dann das Senderlogo nicht stabil bleiben dürfen, während sich das übrige Bild in Einzelpixel auflöst. Egal. Aber ich hab das gleiche Problem, nämlich, dass ich so einen leisen und persönlichen Film wie „Die fabelhaften Baker Boys“ … also, ich musste mich darauf erst einmal einlassen, emotional etwas um- und zurückschalten. Aber immerhin geht es darin auch um Musik.

ANNI: Deswegen haben wir den wohl auch instinktiv als Ersatz genommen, hab ich gerade gedacht … und ich bin ganz gut damit klargekommen. Die Figuren machen es einem ja nicht so leicht, von Suzie abgesehen. Frank ist eigentlich eher ein Buchhalter-Typ und Jack nervt, mit seinen Ich-bin-am-Leben-so-verhindert-Allüren. Und als Frank ihn wegen seiner Kettenraucherei schimpft, hab ich fast gedacht, wieso riecht es in unserer Wohnung plötzlich so komisch? Das war richtig erfahrbar. Dabei bin ich sonst gar nicht so, dass ich alles gleich ekelhaft finde.

TOM: Da hab ich ja nochmal Glück gehabt.

ANNI: Aber es belegt auch, dass sie die Atmosphäre sehr gut hinbekommen haben. Ein wenig schmunzeln musste ich über die Piano-Szene und den „Ballhaus-Kreisel“.

TOM: Die Drehbewegung der Kamera um das Piano und die beiden Figuren herum. Ich hab mich beim Nachlesen auch gewundert, dass das „Ballhaus-Kreisel“ genannt wird. Ich nehme mal an, dass diese Bezeichnung nur in Deutschland gilt, wegen des Kameras Michael Ballhaus, nicht, weil das eine typische Einstellung für das Filmen in Ballsälen ist. Es ist natürlich gekonnt gemacht, um das ganze Piano herumzudrehen, nicht nur um zwei stehende Figuren, aber dreißig Jahre zuvor hat es diesen Kreisel zum Beispiel schon in Hitchcocks „Vertigo“ gegeben. Ohne Piano. Und seitdem immer wieder. Mittlerweile ist dieses Kreisen der Kamera um Figuren herum ja schon eine Art Standard-Stilmittel, wenn man ausdrücken will, dass die beiden gerade ganz mit sich und für sich sind und die großen Gefühle so richtig in Schwung kommen, dann lässt man die Kamera eine Kreisfahrt um die Figuren herum machen, und dabei kann man ja noch den Eindruck des Ganzen so schön durch die Höhe, auf der sich das Objektiv befindet, variieren. Aber die Bebilderung ist sehr atmosphärisch, das stimmt. Man merkt es übrigens besonders in dem Moment, in dem die Farbgebung bewusst verändert wird. Nach dem Crash zwischen den Brüdern ist alles plötzlich sehr natürlich gefilmt, nicht mehr so in gedeckten Farben und etwas flach an- und ausgeleuchtet.

ANNI: Da bricht die Realität in den Kokon ein, den die Brüder um sich herum gesponnen haben. Das hab ich auch so gesehen, dass dieses Abhängigkeitsverhältnis im klaren Tageslicht … nun ja, eben genau das, in einem anderen Licht zu sehen ist, seine Mystik und Romantik verloren hat, die dieses freie Herumreisen als selbstständiger Entertainer ja doch immer hat. Deswegen sieht man da auch erstmalig das typisch Kleinbürgerhaus von Frank, und er will dort, wo seine Erinnerungen mit Jack deponiert sind, sogar ausmisten und stattdessen das Lieblingsräumchen des gemeinen Spießbürgers, die Heimwerker-Werkstatt, einrichten. Damit dürfen wohl beide Brüder zu sich selbst finden. Der eine zu seiner Familie und einem Dasein als örtlicher Musiklehrer, der anderen zum Jazz in einem kleinen Club, in dem noch richtig gejamt wird. Auch in der Schlussszene zwischen Jack und Suzie ist alles sonnig und klar, und deswegen würde ich meinen, man sieht sich wieder. Denn die Gefühle, die entstanden sind, hängen nicht an der Situation, in der man sich kennengelernt hat, also an dem, was nun Vergangenheit ist, die fabelhaften Baker-Boys, nun als Trio mit Suzie als Sängerin.

TOM: Aber da kannst du sehen, wie eine personelle Veränderung die Statik eines Gebäudes zum Wanken bringen kann.

ANNI: Wenn alle, die drin sitzen, eh schon unzufrieden sind und das Ding ziemlich morsch ist, ganz sicher. Und bei nur zwei Personen macht eine dritte natürlich eine Menge aus. Eines fand ich aber gegen die sonstige Charakterisierung der Figuren inszeniert. Dass es Frank ist, der die Sängerin als Ergänzung vorschlägt. Denn der ist doch der Konservative, der sich später über jede Veränderung des Repertoires usw. aufregt. Aber er hat diese im Vergleich zu bisher maximal innovative Idee, eine Sängerin zu engagieren.

TOM: Weil Frank das geschäftliche Sagen hat und damit generell für die Ideen zuständig ist, er kriegt ja deswegen auch etwas mehr als die Hälfte der gemeinsamen Gage, und – unausgesprochen – wie er eine Familie durchbringen muss. Jack ist hingegen eher desinteressiert und gelangweilt von dem, was die beiden da schon so lange zusammen tun, er sieht die möglicherweise entscheidende, alles verbessernde Veränderung wohl gar nicht im System, sondern denkt schon lange über einen Ausstieg nach. Auch beim Casting ist er der mehr genervte und arrogantere von beiden.

ANNI: Frank will das Wenige bewahren, was die beiden erarbeitet haben. Und vielleicht ist es gar nicht so wenig. Nicht für ihn. Jack will ein neues Leben, traut sich aber nicht. Die beiden sind für sich schon recht spannend, aber natürlich ist die Frau dann das störende Element, das das Einrichten in der Mittelmäßigkeit beendet. So, wie Frauen eben sind. Sie bringen alles ans Licht.

TOM: Ah ja. Hast du deine Punkte notiert? Okay. Ich geb 7/10.

ANNI: Ich hab sogar 8/10 auf dem Zettel. Da kommen wir ja prima und anständig in der Mitte heraus. Und du kriegst keinen überproportionalen Stimm-Einfluss zugestanden, nur, weil du dieses vermutlich nicht sehr langlebige Format erfunden hast.

TOM: Wie kommst du auf diese Bemerkung?

ANNI: Weil du ich selbst vorhin, auf die Realsituation übertragen, eher in die Frank-Rolle bugsiert hast. Was ich übrigens für Quatsch halte.

TOM: Dann ist es wohl auch Quatsch.

75/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)

Regie Steve Kloves
Drehbuch Steve Kloves
Produktion Mark RosenbergPaula Weinstein
Musik Dave Grusin
Kamera Michael Ballhaus
Schnitt William Steinkamp
Besetzung

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