Borowski und das dunkle Netz – Tatort 1015 #Crimetime 1082 #Tatort #Kiel #Borowski #Brandt #NDR #Netz #dunkel

Crimetime 1082 – Titelfoto © NDR, Christine Schröder


Der Jäger, das Netz, der Fisch und der kleine Finger

Borowski und das dunkle Netz ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort. Der vom NDR produzierte Beitrag ist die 1015. Tatort-Episode und wurde am 19. März 2017 im Ersten und im SRF 1 ausgestrahlt. Der Kieler Kommissar Klaus Borowski ermittelt in seinem 29. Fall; für seine Kollegin Sarah Brandt ist es der zwölfte Fall.

Im Jahr der Premiere dieses Films kam es zu einer auffälligen Häufung von Tatorten, die sich mit IT, KI, Cyberkriminalität befassten. Wie schnitt das Darknet, dargestellt anhand eines Falles aus Kiel, dabei ab? Wir klären dies und mehr in der –> Rezension.

Handlung

Jürgen Sternow, Leiter der Spezialabteilung Cyber-Crime des Landeskriminalamtes Kiel, wurde Opfer eines Mordanschlags. Die Vermutung liegt nahe, dass der Täter im Umfeld der rasant wachsenden Internetkriminalität zu suchen ist. Die Kommissare Borowski und Brandt werden vom zuständigen Staatsanwalt mit den Ermittlungen betraut. Während Borowski sich zunächst technische Spezialkenntnisse aneignen muss, ist Sarah Brandt als ehemalige Hackerin in ihrem Element. Aber wie jagt man einen Täter, der in keinerlei Beziehung zum Opfer stand und es mit allen Tricks versteht, sich im Darknet zu verbergen? Als es Brandt gelingt, eine Lücke in der scheinbar perfekten digitalen Tarnung des Auftragsmörders zu entdecken, kommen sie dem Killer auf die Spur.   

Rezension: Der „Tatort 1015“, gesehen von Anni und Tom

Anni: Dass so alte Männer wie der gute Borowski sich noch so gut in der neuen Welt zurechtfinden und sogar ihren HAL aus dem Auto schmeißen, beeindruckend. Ich mag den Typ.

Tom: Das war jetzt der vierte oder fünfte Cyber-Tatort innerhalb eines Jahres, langsam überholt das Thema sogar die Geflüchteten. Aber die Kamera, wie gut war das denn. Einer der am besten gefilmten Tatorte bisher. Als visueller Mensch muss ich dafür schon ein dickes Lob aussprechen. Die Techniken kann man kaum alle benennen, die da eingesetzt wurden, aber das Gesamtbild ist trotzdem stimmig, nicht hirnlos überstylt.

Anni: Gleichermaßen ästhetisch wie ekelig. Der abgetrennte Finger, die Madenwürmer, die Tierfallen und noch so ein paar Dinge, so freaky, typisch Kiel mit den irren Figuren, die sie da immer wieder hervorbringen – und cool. Ja, optisch sind alle Tatorte mittlerweile gut, aber die 1015 ist Sonderklasse. Und Sarah Brandt durfte in ihrem letzten Auftritt mal so richtig aufdrehen. Schade, dass sie geht. Ich glaube, die Sibel Kekilli hat sich in dieser Rolle unterbewertet gefühlt. Sie hat da nicht das einbringen können, was sie in anderen Filmen schon zeigen konnte, für die sie Preise bekommen hat (u. a. Deutscher Filmpreis beste Schauspielerin 2010 / „Die Fremde“).

Tom: Schon möglich. Mir geht es im Moment etwas auf die Nerven, dass Axel Milberg Werbung für eine Großbank macht. Wenn es wenigstens eine Sparkasse wäre. Aber als Borowski finde ich ihn nach wie vor großartig. Diese Mischung aus hintergründigem Humor und leiser Hartnäckigkeit – dieses Mal hat er an Kekilli ein paar wichtige Szenen abgegeben, das war auch richtig so. Vielleicht komm Polizeipsychologin Jung zurück.

Anni: Träum weiter, Companero. Man soll eh keine (k)alten Sachen aufwärmenAber das Darknet ist dieses Mal wenigstens etwas mehr in den Mittelpunkt gerückt worden und war nicht nur Beiwerk. Und ich fand es gut, dass es nicht nur negativ dargestellt wurde, sondern auch als Basis für Verfolgte, um sich über den Tor-Browser unerkannt im Netz bewegen und kommunizieren zu können. Den gibt es übrigens wirklich und man kann ihn ganz normal downloaden. Wow! Lass uns ins Darknet eintauchen, Baby.

Tom: Gleich morgen, und dann nutzen wir noch Bitcoins, um uns paymentmäßig unsichtbar zu machen und erfinden uns komplett neu.

Anni: Das wievielte Mal ist das dann bei dir? Okay, aber die Spekulation mit den Bitcoins, die ja eigentlich die Mordserie ausgelöst hat, wenn ich das richtig verstanden hab, die wurde auch erwähnt und daran siehst du, dass die Menschen wirklich jedes System zweckentfremden, um ihren Reibach damit zu machen.

Tom: Das war mir bekannt, dass der Bitcoin aufgrund seiner begrenzten Verfügbarkeit zum Spekulationsobjekt geworden ist. Da hat jemand in VWL nicht aufgepasst, als die Geldmengentheorie an der Reihe war. Aber gut, dass man das mal thematisiert, wegen Regionalwährung und so. Immer schön aufpassen bei der Konstruktion. Wie alle virtuellen Blasen kann so ein Bitcoin-Hype auch schnell nach hinten losgehen.

Anni: Aber das ist ja nicht das einzige Thema. Die unterbestückte Cyber-Polizei zum Beispiel, die ist sicher Realität, auch wenn sie wohl kaum in so einer Tiefgarage ohne Autos haust und dort ein einziger Schreibtisch rumsteht. Aber auch wieder: optisch cool gemacht. Der riesige – virtuelle und physische – Raum und zwei kleine Kämpferlein gegen die Cyberkriminalität. Und HAL im Handyformat natürlich. So süß.

Tom: Ein Teil des Dialogs aus „2001“ ist direkt übernommen und es wirkt tatsächlich, als wollte „Sabine“ Borowski aus Eifersucht nicht dorthin lassen, wo gerade Sarah in Gefahr war. Und die rote Lampe ist natürlich auch dem HAL nachempfunden. Was sind wir froh, dass wir ein Filmzitat erkannt haben. Aber die virtuelle Führung per Comic mit Borowski zwecks Erklärung des Darknets war mit der beste Talking Head in einem Tatort bisher. Wenn schon solche Erklärungen notwendig sind, dann doch am besten so.

Anni: Aber der Killer, der sich den linken kleinen Finger abgehauen hat, mit einem runterfallenden Spiegel – OmG -, und dann durch die Handball-Arena vom THW Kiel gerannt ist, mit dem musste man ja Mitleid haben, der dünne Mann und die … gut gebaute Frau, komplett sinnfrei, aber typischer Humor vom platten Land am Ostseestrand. Da ist immer was Skurriles dabei. Meistens jedenfalls. Und ich fand’s spannend. Das mit dem Goldfisch-Stick war aber nur ein Gag, ich hab da keinen tieferen Sinn entdecken können, auch wenn der kleine Erik diesen schön abgemalt hat und natürlich hat Borowski das gleich gewusst, als er das Bild gesehen hat: Marine-Denkmal. Das ist eine Spürnase und er schaltet mit über 60 – ist er doch, oder? – immer noch schneller als die meisten.

Tom: Die Handlung hat nicht geholpert, auch wenn ich nicht alles zwingend fand, und vor allem war’s sehr instruktiv.

Anni: Du hast es mitgekriegt: Vor der Ausspähung wirklich aller Dinge haben sie uns nicht nur gewarnt, sondern auch den Browser empfohlen, mit dem man sie drankriegen kann. Dann kann das Schnüffeln endlich mal weg. 

Tom: Im Moment zumindest, irgendwann kriegen sie das auch raus, wie man dieses Hasenrennen mit verschiedenen Servern doch nachzeichnen kann, wie die Bewegungen eines Handys. Nur eines haben sie am Anfang unterschlagen und dann doch berücksichtigt. Wenn du so schlau bist, dein  Handy auszumachen, kann kein Mensch dich verfolgen. Zumindest nicht durch die Daten deines Mobiltelefons. Höchstens per Videoüberwachung, sektionsweise, wenn du nicht eh schon beschattet wirst. Zum Tor gibt es eine Menge Infos, der Firefox, den wir primär nutzen, ist übrigens auch Teil des Tor-Bundles, whatever that means. Du kannst ja mit ihm auch anonym surfen, nur nutzen wir Nerdies das nicht.

Anni: Also, dieser Tatort gibt wirklich was her, oder? Ich gebe 8,5/10.

Tom: Von mir 8/10. Gemäß kaufmännischer Rechnungsweise kommen wir also wirklich bei deiner Wertung raus. Das war wieder ein ansehnlicher Borowski.

8,5/10

© 2022, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie David Wnendt
Drehbuch Thomas Wendrich und Co-Autor David Wnendt
Musik Enis Rotthoff
Kamera Benedict Neuenfels
Schnitt Robert Rzesacz
Erstausstrahlung 19. März 2017 auf Das ErsteSRF 1
Besetzung


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