„Ihr Austritt ist ein Weckruf“ – Christa Luft verlässt die Linke (Der Freitag) Leitkommentar am Donnerstag | Frontpage | Politik Personen Parteien | Die Linke

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„Ihr Austritt ist ein Weckruf“ (Der Freitag)

Sie tat, was wir taten, obwohl es etwas vollkommen anderes ist. Das Verdienst, die lange Zeit, die komplett andere Biografie, und doch. Wir schreiben gerade einen etwas umfangreicheren Artikel zwecks Analyse der jüngsten Niederlagen der Linken, und da passt die heutige Nachricht vom Parteiaustritt von Christa Luft, sozusagen als Opener, der ein wenig Vorfeldstrukturierung liefert. Anhand weniger, aber wichtiger Themen, hinter denen sich Grundprobleme der Partei verbergen oder auch deutlich zeigen, je nachdem, ob man die bröckelige Fassade als massiv oder ziemlich durchsichtig ansieht.

Warum tritt eine Person aus der Linken aus, die ihr Leben dieser Partei gewidmet hat? Andererseits, was wussten wir über Christa Luft? Nicht viel, weil, und das möchten wir zuvorderst und nicht unkritisch anmerken, sie zuletzt nicht mehr deutlich zu hören war. Oder höchstens für jene, die zu den „Zirkeln“ rechnen und, selbstredend, die eine oder andere Kolumen hat sie geschrieben, das wird erwähnt. An wen die Kritik der mangelnden Hörbarkeit gehen soll, möchten wir an dieser Stelle nicht entscheiden. Man muss nicht in allem mit jemandem übereinstimmen, der den Wechsel des Systems im Osten miterlebt hat und versucht hat, ihn mitzugestalten. Man kann es vielleicht gar nicht, wenn man eine ganz andere Perspektive hat, beding durch eine fundamental andere Prägung. Daher aber auch: Wie steht eine erstrittene, erkämpfte politische Linie, verbunden mit null Verdienst an der Partei in Relation zu einer selbstverständlichen Einbindung in die Strukturen, die damals allein eine Karriere ermöglicht hatten, im „Staatssozialismus“ und einer daraus erwachsenden Führungsposition, die offensichtlich mit wissenschaftlichem Renommee zu tun hatte? Was sind fünf Jahre gegen beinahe sieben Jahrzehnte, kann man das gegeneinander aufwiegen, wenn das beiderseitige Fazit von Enttäuschung kündet? Ganz sicher sind Austritte einzelner einfacher Mitglieder kein Weckruf, dann müssen es schon Tausende gleichzeitig sein, aber die Sache mit dem Gehör, das man nicht findet, das kennen nicht nur ehemalige Granden der Partei.  

Uns geht es vor allem um die Gründe, die wir so wiedergeben, wie der „Freitag“ sie als zentral für Christa Lufts Austritt aus der Linken benannt hat.

Was einst war, hat uns nicht besonders interessiert, als wir in das linke Selbst in etwa als annehmbar und einer täglichen Überprüfung zugänglich empfanden. Wir waren nicht Teil der Vergangenheit. Dieser Vergangenheit. Wir dachten Sozialismus in die Zukunft hinein, und das erschien 2016, als wir in die Partei eintraten, durchaus eine realistische Option, zumindest in der gemilderten Form, die man noch gerade erreichen kann, wenn man einer ansonsten recht blutleer wirkenden rot-rot-grünen Regierung durchaus den eigenen Stempel aufdrücken kann. Die Verhältnisse haben sich seitdem verändert.  Die Themen, die Personen, die Stimmung, alles hat sich verändert. Die Linke hat sich nicht verändert. Sie streitet wie je, seit wir sie näher beobachten, tut es in einer Form, wie es sich, falls überhaupt, eine Partei leisten kann, die tief im Hier und Jetzt verwurzelt ist, die um die Besetzung der Themen dieser Zeit aktiv mitkämpft und dabei Verantwortung allüberall trägt, die um den besten Weg ringt. Sie missachtet so, wie sie gerade jetzt aufgestellt sit, jedoch lediglich die Anstrengungen vieler einfacher Mitglieder auf eine dergestalt destruktive Weise, dass sie damit gerade deutlich macht, sie will das Hier und  Jetzt nicht gestalten, sie will keine Verantwortung, sie ringt nicht um den besten Weg, sondern Einzelpersonen ringen miteinander darum, wer den anderen zuerst auf der Matte hat.  Nicht, um einen fairen nächsten Kampf zu ermöglichen, sondern ihn für immer niederzudrücken. Selbst die CDU wirkt da eleganter, von wegen zweite, dritte Chance und so.

Was wir in der Linken an Egoismen sehen, ist zutiefst unsolidarisch. Wir können das gut an den Gründen von Christa Lufts Austritt festmachen.

Knapp 67 Jahre war sie mit dem Sozialismus in Parteiform verbunden. Jetzt aber, kurz vor Weihnachten, hat Christa Luft ein fünfseitiges Schreiben an den Bezirk Treptow-Köpenick des Landesverbandes ihrer Linkspartei sowie an deren Bundesgeschäftsstelle geschickt: Es begründet ihren Austritt. Mit Luft geht kein gewöhnliches Mitglied. Ihr Parteiaustritt weist weit über die eigene Person hinaus. Er ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Partei Die Linke sich in der wohl größten Krise ihres bisherigen Bestehens befindet.

Einerseits ist es interessant, dass man glaubt, erklären zu müssen, dass es sich bei Christa Luft nicht um ein gewöhnliches Mitglied handelt, andererseits wollen wir hier klar eine Lanze für die gewöhnlichen Mitglieder aufstellen, die diesen Parteiladen immer noch aufzubauen versuchen, oft trotz diverser Schüsse von hinten, die aus dem eigenen Laden auf sie abgefeuert werden. Sie sind es, die für die Funktionär:innen Infostände machen, Plakate aufhängen, Bürger:innengespräche führen, sich für Mandatsträger oder solche, die es werden wollen, einsetzen und manchmal sogar Fans von ihnen sind. Dieses leicht Naive, häufig über viele Jahre hinweg Treuherzige  der „gewöhnlichen“ Mitglieder braucht man, als Funktionär:in, wenn man in einer Parteiendemokratie etwas erreichen möchte.

Nur, wie wird es den selbstlos Engagierten in der Linken gedankt? Der Verdacht liegt nicht so fern, dass die Verachtung derer, die glauben, etwas erreicht zu haben gegenüber den „Naiven“, den einfachen Mitgliedern, in der Linken ebenso groß, wenn nicht größer ist als in anderen Parteien, in denen man sich jovial, sogar mitnehmend gibt? Wir wissen, wie es bei den anderen zugeht, denn wir haben uns links erarbeiten müssen, bürgerlich wäre viel einfacher gewesen.

Wir glauben nicht an die Gleichheit in der Linken. Wir glauben nicht an die Genoss:innenschaft. Wir glauben nicht daran,d dass diese Menschen, die heute die Linke repräsentieren, wirklich an eine bessere Zukunft jenseits der eigenen Absicherung glauben. Nicht die Mitglieder müssen den Funktionär:innen dankbar sein, dass sie so glänzend vertreten werden, das ist längst nicht mehr der Fall, sofern es je ein Fall von Dankbarkeit war. Es ist umgekehrt: Den einfachen Mitgliedern müsste mit viel Gehör und ehrlicher Augenhöhe gedankt werden, denn viele Positionen, lukrative Chancen, Macht und Einfluss oder, positiv ausgedrückt, Gestaltungsmöglichkeiten, hat die Linke nicht zu bieten. Bürgerliche Parteien können mit Deals für aktive Mitglieder winken, Loyalität gegen Ertrag, Möglichkeiten, die sich bei einer linken Partei überdies von selbst verbieten, weil zumeist der Ertrag die Lakaienstellung gegenüber dem Finanzkapitalismus bedingt.

Die Aufopferung der Basis ohne Aussicht auf Pfründe, dieses Mindset einer idealistischen Gefolgschaft, vergessen viele Mandats- und Amtsträger der Linken gerne, wenn sie sich wie selbstverständlich auf jene allzeit bereite, jeden schrägen Spin und jede Wendung mittragende Basis verlassen. Der persönliche Ertrag für ein Engagement bei der Linken ist für die meisten gering, es muss das Meiste von abwägugngsfreier Solidarität getragen werden. Wenn diese aber nicht nur beständig auf die Probe gestellt, sondern häufig mit Füßen getreten, von den „außergewöhnlichen“, den „führenden“ Mitgliedern, dann kann eine linke Partei nicht mehr existieren. Sie lebt davon, dass Menschen an das Bessere glauben und nicht nur an ihr eigenes Ding, das gerne noch mit etwas Diskriminierung und Ausgrenzung garniert wird und die Basis muss etwas in die Hand bekommen, was mehr ist als nur Mühsal, wenn es darum geht, die eigene Partei den Menschen da draußen zu erklären.

Wenn sich dann die „außergewöhnlichen“ Mitglieder so verhalten wie in den letzten Jahren, was bleibt den „gewöhnlichen“ Mitgliedern noch? Lange vor der Wahl 2021 standen alle internen Zeichen auf Rot. Nicht, weil der Linksruck endlich in Sicht gewesen wäre, sondern, weil viele Funktionär:innen in der Linken alles taten, um ihn zu verhindern.

Und damit zu den aktuellen Fehlern der Linken, die offenbar auch Christa Luft in ihrem Austrittsschreiben benannt hat, sie sind im Wesentlichen auch Gegenstand des Teilentwurfs, den wir oben erwähnt haben:

„Was sie in ihrem Schreiben beklagt, ist, dass die Partei auf den Rat der Älteren nicht mehr höre. Ohne Geschichte könne eine Partei auch keine Zukunft haben, kommentierte der Ältestenrat der Linken Lufts Entschluss. Vielleicht musste erst ein Stück Geschichte gehen, damit den Älteren nun doch zugehört wird.“

Es geht in dem Fall um die Meinung einer Person, die Gehör beansprucht, weil sie in der Vergangenheit etwas geleistet hat, deswegen gehen wir, die das nicht beanspruchen können, von der anderen Seite heran: Schon in mittlerem Alter wird man heute von einem bestimmten Typ Junglinker auf eine Weise ausgegrenzt, die komplett destruktiv, fundamental unsolidarisch ist und nichts mit links zu tun hat. Da sind neobliberale, klassistische Egomanen unter einem linken Deckmäntelchen unterwegs und sie werden die Partei auch verlassen, aber aus anderen Gründen als wir, nämlich, dann, wenn sie merken, dass es in ihr nichts mehr zu holen gibt. Was schert es diese Klasse, dass sie dazu maßgeblich beigetragen hat? Übrig bleiben diejenigen, die diesem Treiben tatenlos zugesehen haben, auch die Jüngeren, die anders, mithin links aufgestellt sind. Diejenigen, die versucht haben, das nicht Integrierbare zu integrieren und unsolidarische Charaktere, ganz im Sinne der (nachträglichen) Erschaffung des sozialistischen Menschen, in einer ersten Entwicklungsstufe vielleicht nicht zu Sozialist:innen zu machen, aber ihnen wenigstens Grundzüge des sozialen Denkens zu vermitteln.

Wir wissen nicht, wie stark Christa Luft noch mit dem Nachwuchs in Kontakt war, bevor sie aus der Linken austrat, aber wir haben ein ziemlich konkretes Bild von diesem Nachwuchs, aufgrund einiger interessanter persönlicher (nicht immer negativer) Erfahrungen und zuletzt vor allem durch das, was der Nachwuchs in den sozialen Medien schreibt. Auch das ist nicht immer schlecht, aber zu oft bemerkt man den Verlust an sozialistischer Identität zugunsten anderer Identitätsbestandteile und zu oft wird keine Harmonisierung von Gruppen- und Klassenbelangen versucht, sondern gespalten, wo es nur geht. Dies mit einer Selbstverständlichkeit, die Solidarität über Gruppeninteressen hinweg um der großen Mehrheit der Nichtkapitalist:innen willen verunmöglicht. Wir zum Beispiel lassen uns nicht konsequenzenlos abkanzeln und diskriminieren, von wem auch immer, nur, weil wir zufällig einer gerade nicht so hippen Gruppe angehören. Was manche in der heutigen Linken vorführen, ist schneidiges, in hohem Maße arrogantes, autoritäres und ausgrenzendes Rechtsdenken. Wir haben in der Linken viele Kleinmachiavellisten mit einer rechtsautoritären Persönlichkeitsstruktur. Leider in allen ihren Gruppierungen und nicht nur in jenen, deren Mitglieder wir ein wenig umschrieben haben, ohne bestimmte Zusammenschlüsse, wie diese Gruppen in der Linken fälschlicherweise heißen (weil sie in Wirklichkeit Spaltpilze sind, die nur der Förderung der eigenen Karriere dienen), beim Namen zu nennen. In einem Fall werden wir das noch tun.

Zwei Ereignisse sind es, mit denen Luft den Austritt begründet: zum einen der Einstieg der Linken in eine neuerliche Regierung mit SPD und Grünen in Berlin, zum anderen eine kürzliche Spendenaufforderung der Partei-Geschäftsstellen („Die LINKE braucht dich jetzt!“).

Hier ist auch unsererseits ein Dankeschön unsererseits angebracht. Denn genau so haben wir es empfunden. Vor allem haben wir nicht gewusst, ob wir in uns hineinlachen oder losheulen sollen, als jene, die bisher immer zum Mitregieren um jeden Preis eine Grenze ziehen wollten, plötzlich sagten: „Aber was können wir aus der Opposition heraus schon gestalten?“ Eine ganze Menge, bei einer „Deutschlandkoalition“ in Berlin, wie sie ohne die Linke vielleicht entstanden wäre oder auch bei einer Ampel gemäß dem Modell im Bund, jetzt mit linker Zwangsopposition, das so klar zeigt, wie wenig darin linke Perspektiven enthalten sind. Jedenfalls in Form einer guten Opposition mehr, als wenn man „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ verraten muss, um bei der SPD-Regierung mitmachen zu dürfen. Ja, nicht einmal das Stadtbauressort hat man halten können. So sehr Frau Lompscher auch im Feuer gestanden haben mag, es war ein Feuer von der Seite, deren Aufschrei man nur so deuten kann: vieles richtig gemacht, Frau Stadtbausenatorin. Schon der Wechsel zu dem so konform wirkenden  Herrn Scheel war zumindest in der Außensicht ein Rückschritt, aber nicht vergleichbar mit dem zweiten Rückbau, dem großen Nichts in der neuen Koalition. Und: den Regierenden Bürgermeister Michael Müller hat man sich noch zu kritisieren getraut, manchmal jedenfalls und nachdem man nach einer holprigen Anfangsphase (2017) verstanden hat, wie die SPD mit ihrer vieljährigen Machterfahrung tickt. Die um einiges rechtere Frau Griffey jedoch darf durchregieren. Klar, das Stadtentwicklungsressort ist eben weg und mit dem konnte man wirklich gestalten. Damit konnte man die SPD sogar pieken. Alles futsch. Aber die Kultur! An der hat sich hier noch nie jemand gerieben, denn Berlin braucht die Kultur, das weiß jede:r. Lediglich Corona hat in dem Bereich für einiges an Stress gesorgt. Und das Soziale. Ach ja, Frau Kipping. Das werden wieder schwierige fünf Jahre für die Benachteiligten in dieser Stadt. Ihr Vorgängerin Elke Breitenbach hat immerhin noch gewusst, wie man proletarisch schreibt und es auch gelebt.

Die Linke, Berliner Sektion, weiß genau, dass sie ihr noch halbwegs passables Wahlergebnis bei der Abgeordnetenwahl vom 26.09. der Tatsache zu verdanken hat, dass sie sich hinter „DW enteignen“ gestellt hat. Aber was tut sie? Sie vergibt alle Chancen, die in diesem ganz offensichtlich mehrheitsfähigen Modul linker Politik liegen, indem sie Frau Giffey, vorsichtig ausgedrückt, in den Allerwertesten kriecht. Das gerade bei einer solchen Person zu tun, ist so beschämend für die „einfachen“, die „gewöhnlichen“ Mitglieder, die u. a. für „DW enteignen“ mitgekämpft haben, das scheint den Funktionär:innen wieder einmal nicht klar zu sein. Wenn nichts entscheidend Besseres dagegen getan wird als bisher, wird die Linke bei der nächsten Berlinwahl 2026 weiter verlieren und vielleicht auch ihre letzten Direktmandate bei der Bundestagswahl 2025. Dann wird auch im Bundestag Schluss sein, denn wo sollen die Neuwähler:innen herkommen, wenn man sich nicht endlich auch etwas Neues einfallen lässt? Eine Riesenenttäuschung sehr vieler über die Ampel, ohne dass der Trendzug nach rechts abbiegt, wäre ohne echte Restrukturierung die einzige Möglichkeit, ein unverdientes Wahlgeschenk für die Linke die Folge. Was wir ebenfalls nicht sehen: Herausragende politischen Talente, denen man als nur noch genervtes Basismitglied , denen als bloße:r potenzielle:r Wähler:in viele Marotten verzeihen würde, wenn sie doch nur der Linken wieder Gesicht, Stimme und Gewicht verleihen könnten.

Es ist zwar richtig, dass die Linke-Mitglieder mit mehr als 75 Prozent für den zweiten rot-grün-roten Koa-Vertrag von Berlin gestimmt haben, aber erstens ist das im Vergleich zur Zustimmung in anderen Parteien, die ihre Agenda mehr durchsetzen konnten, so viel nicht. Zweitens soll man nicht alle, die nicht mitgestimmt haben, den Gegner:innen der Regierungsmitarbeit der Linken zuschlagen. Dann wäre es nämlich nur noch eine knappe Mehrheit, die wirklich mit der Giffey-SPD und den Grünen weitermachen wollte. Nein, es gab auch Menschen, die schon innerlich abgeschlossen hatten, wie zum Beispiel uns.

Und dann dieser Aufruf zur Unterstützng, jedoch ohne Reue und ohne ehrlichen Willen zur Analyse zu einem wirklich mega-schlechten Zeitpunkt. Uns hat’s beinahe die Sprache verschlagen. Im Grunde hat es das auch, es musste der Austritt her, damit wir wieder fähig wurden, über das zu schreiben, was uns so nicht nur geärgert, sondern auch peinlich berührt, teilweise entsetzt hat.

Ihren Brief durchziehen das Thema Bodenspekulation und die Frage des Eigentums  (…). Was wie Vergangenes wirken mag, ist hochaktuell.

Wir glauben nicht, dass die weiter unten erwähnte sanfte Überführung der DDR-Wirtschaft funktioniert hätte, wie Christa Luft sie angestrebt hat, da wird immer noch zu kleinteilig gedacht und die Dynamik der Maueröffnung verkannt, aber die Frage von Boden und Eigentum ist so viel älter, ihr gegenüber sind die Umstände der Wende eine Momentaufnahme, die nichts über die Genese des Kapitalismus und der Politik aussagt, die sich ihm entgegenstellt. Deswegen sind wir auch mit Begriffen wir „Staatssozialismus“ nicht so richtig d’accord. Heute verhindert vieles, was die DDR ausgemacht hat, eher, dass sozialistische Ideen wieder Fuß fassen können. Aber der mächtigste Angriff kommt nicht aus der zu unkritischen Haltung der Vergangenheit gegenüber, die man der Linken heute immer noch gerne vorwirft, sondern aus den eigenen Reihen, in denen Menschen tätig sind, die nichts weniger im Sinn haben, als eine vom Joch des Finanzkapitalismus befreite, wirklich demokratische Systemveränderung zu etablieren.

So weit, so weit, so weit entfernt, wie man als Mensch mit bürgerlicher Herkunft, der sich ein linkes Mindset durch viel Beobachtung, Befragung, Erfahrung und Nachdenken aneignen musste, gar nicht sein kann. Wer heute die Linke wählt, muss wissen, dass der Klassenkampf in dieser Partei längst verloren ist. Manchmal lässt die KPF (die kommunistische Plattform, einer der Zusammenschlüsse) noch etwas von sich hören und stützt sich dabei auf ihre außenpolitischen Positionen, nicht mehr so sehr auf die wirtschaftspolitischen. Gerade deren geopolitische Ansichten jedoch haben ihre Tücken, auch vom ehrenwerten, für jemanden, der links denkt, notwendigen antiimperialistischen Standpunkt aus betrachtet. Wer wirklich die arbeitende Klasse im Blick hat, die Armen, die Benachteiligten aller Welt, im Grunde alle Menschen jenseits der sehr Besitzenden, der kann in der Linke lange suchen, bis er ernsthafte Ansprechpartner:innen findet, die in der Partei etwas zu melden haben.

Doch die Linksfraktion, beklagt Luft, hat auf ihren Rat nicht hören wollen, mit der Begründung, mit dem Thema Bodenspekulation und Gemeineigentum im Westen nicht landen zu können.

Das ist so gut nachvollziehbar, allerdings: Es kommt darauf an, wann Christa Luft damit um die Ecke kam. Erst die Finanzkrise von 2008 und der seitdem herrschende Spekulationsrun haben die Bodenfrage wieder nach vorne gebracht, was sich daraus an Verwerfungen ergab und eine Initiative wie „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ erst zu der aktuellen Bewegung in Berlin hat werden lassen können. Als wir 2007 nach Berlin zogen, war die Lage noch recht ruhig und die Gentrifizierung lief so vor sich hin, ohne dass sich groß jemand darüber aufgeregt hätte. Vielleicht hätte man das damals schon tun müssen, das ist richtig.  Aber es mussten Kampagnenspezialist:innen wie die Köpfe von „DW enteignen“ her, um dieses Phänomen auch für jene Menschen greifbar zu machen, die nicht aktuell betroffen waren. Und viele, viele Haus- und Kiezinitiativen, die immer wieder für Alarm gesorgt haben. Sie haben das freilich im Wege persönlicher Betroffenheit getan, meistens jedenfalls. Und diese harsche Konfrontation gibt es vermehrt seit 2010. 

Ein Bild von einer guten Situation für linke Politik, weil es einfach nicht aufhört, weil es nicht besser wird. Doch was geschieht? Initiativen der Zivilgesellschaft werden von vielen Parteifunktionär:innen der Linken mit Argwohn betrachtet. Da wird doch nicht jemand es wagen, sich „liks“ anzueignen oder sich gar selbst zu ermächtigen? 

Und die Aufarbeitung? Wir haben oft von Menschen gehört,  sie würden ja evtl. links wählen, wenn die Aufarbeitung denn endlich mal stattfinden würde. Unser Verdacht ist aber, dass damit auch Entwurzelung und Anpassung, Beteiligung mit dem Richtigen am Falschen gemeint ist. Dies wiederum kann nicht die Konsequenz des Endes der DDR sein. Die guten Wurzeln sind viel älter als die Staaten, die etwas wie den Real- oder Staatssozialismus versucht haben, den wir an manchen Tagen einfach mal als Scheinsozialismus bezeichnen. Die Aufarbeitung muss deshalb auch eine Rückbesinnung sein. Denn selbstverständlich lässt sich der Kern einer freieren, demokratischeren und sozialistischen Ordnung auf heutige Umstände übertragen. Auf die versprengte Arbeiterklasse, die sich nicht mehr als solche begreift, auf die Besitzstrukturen, die Finanzialisierung von fast allem (und was macht das Kapital, wenn das alles durch ist?), auf die ökologischen Herausforderungen sogar. Aber mit der aktuellen Linken und deren FIAT-Gepräge (Fehler in allen Teilen, so sorry) geht es nicht. Wir werden nicht immer nur meckern oder ablästern können, aber es ist der Anfang von etwas Neuem, der Beginn der Analyse nach dem notwendigen Schluss, und darin liegt ein Versprechen, das links denkende Menschen sich selbst und anderen geben müssen: Es nicht zu machen wie die Linke, sondern so, wie die Zukunft von uns allen es erfordert. Praktische Ansätze gibt es längst, aber sie erfahren zu wenig Publizität, auch seitens einer manchmal erstaunlich paternalistisch wirkenden Partei. In dieser Partei sind, neben jenen, die wir bereits skizziert haben, eben auch Personen unterwegs, die Angst vor der Selbstermächtigung des Wahlpublikums haben. Sehr, sehr bedauerlich und wenig selbstbewusst wirkend, diese Haltung.

Ob Christa Luft dieses moderne, die Zivilgesellschaft zu wenig, aber doch weit mehr als vor 30, 40 Jahren prägende Bedürfnis nach ökonomisch-sozialer Selbstwirksamkeit nachvollziehen kann? Das wissen wir ebenfalls nicht. Lediglich die Unterstützung für „DW enteignen“ weist darauf hin, sofern man davon ausgeht, dass deren Aktivität zu mehr Mitbestimmung führt. Ob das der Fall sein wird, sollte die Enteignung alle Hürden überwinden, das lassen wir mal außen vor. Es gibt Gründe dafür und leider auch welche, die dagegen sprechen. Aber die Austrittsgründe von Christa Luft, die verstehen wir gut. Ist ihr Austritt nun ein Weckruf? Nachdem einige abgesägt wurden oder sich selbst ins Aus geschossen haben, die in ihrer letzten erfolgreichen Phase die Linke wesentlich mehr prägten und deren Abgang oder Kaltstellung viel mehr Rückgang an Popularität verursacht hat als der Rückzug einer Frau, die lange aus der aktiven Politik ausgeschieden ist, noch verursachen kann? Wir melden Zweifel an.

TH

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