Ein Fressen für die Geier (Two Mules for Sister Sara, USA 1970) #Filmfest 708

Filmfest 708 Cinema

Ein Fressen für die Geier (Originaltitel: Two Mules for Sister Sara) ist ein US-amerikanischer Western von Don Siegel mit Shirley MacLaine und Clint Eastwood in den Hauptrollen.

Regisseur Don Siegel und Hauptdarsteller Clint Eastwood, das war eine jener Paarungen in Hollywood, die passte wie Deckel auf Topf. Siegel konnte aktions- und gewaltreich inszenieren, Eastwood kam direkt vom Italo-Western, wo man es diesbezüglich auf die Spitze getrieben hatte – die Spitze bis dahin jedenfalls, mit wesentlichen Einflüssen auf den heutigen Actionfilm. Don Siegel hatte zuvor mit Eastwood den Großstadt-Cowboyfilm „Coogans großer Bluff“ gedreht, der große Erfolg von „Dirty Harry“ (1971) lag noch voraus, als Siegel sich wohl dachte, wenn der Western sowieso in Richtung Spaghetti-Variante tendiert, warum nicht gleich den Hauptdarsteller nehmen, den er schon kannte und schätzte und der in Sergio Leones Dollar-Trilogie zur Ikone geworden war.

Handlung (1)

Mexiko im Jahr 1865: Hogan, ein wortkarger amerikanischer Söldner ist auf seinem Pferd einsam in der Wüste unterwegs. Er rettet dabei Sara, eine als Nonne verkleidete geschwätzige Prostituierte, vor drei Männern, die sie bedrängen. Es entsteht eine Freundschaft zwischen Hogan und Sara. Hogan findet Sara attraktiv, respektiert aber ihre Berufung als Nonne und hält sich mit Annäherungsversuchen zurück. Beide sind an der Zerstörung der französischen Garnison in Chihuahua interessiert. Doch während die Nonne Sara die Freiheit der Mexikaner im Sinn hat, ist der Söldner Hogan an dem Goldschatz der Franzosen interessiert. Als die beiden in der Garnisonstadt ankommen, erfährt Hogan zunächst, dass Sara in Wirklichkeit im horizontalen Gewerbe tätig ist, was bei ihm einen Wutanfall auslöst. Beide kämpfen anschließend auf der Seite der mexikanischen Unabhängigkeitskämpfer gegen die Franzosen. Da Sara die Offiziere der Garnison kennt, kann Hogan somit leichter in die Festung der Garnison eindringen. Hogan kann mit Dynamit für viel Unterstützung sorgen. Das Fort wird schließlich eingenommen. Hogan erbeutet den Goldschatz und hat Sex mit Sara. In der Schlußszene reiten beide zusammen weg und es deutet sich der Beginn einer nicht konfliktfreien Beziehung an. 

Rezension 

Wortkarg, egoistisch, übernatürlich schnell und genau im Ziehen und Schießen, immer einen Glimmstengel-Stummel zwischen den gebleckten Zähnen. Und natürlich dieser ungnädige Blick aus kaltblauen Augen, die hohe, anfangs noch besonders schlanke Statur, die etwas wilden Haare – Eastwood war einer der wenigen Schauspieler mit echter, alter Starqualität, die in den 1960ern emporkamen, auch wenn seine Rollenvarianz nicht die Höhe der vorherigen Generation erreichte.

Dazu war er zu machohaft und dies bekanntermaßen nicht nur vor der Kamera. Vermutlich der Grund, warum Shirley MacLaine, die in „Ein Fressen für die Geier“ die weibliche Hauptrolle spielt, mit ihm nicht konnte. Merkt man das am Spiel der beiden Darsteller? Spannungsreich ist es schon, aber hätten wir es nicht nachgelesen, wäre uns nur etwas anderes aufgefallen: Dass Shirley MacLaine eine ungewöhnliche Besetzung für diese Rolle ist. Sie hatte zwar in leicht frivol angehauchten Filmen der 1960er wie „Meine Geisha“ (1962), „Das Mädchen Irma La Douce“ (1964) oder „Das Mädchen aus der Sherry-Bar“ (1965) schon Frauen des horizontalen Gewerbes oder Barfrauen porträtiert, aber es ist wohl doch eher der Nonnen-Part, der von einer versatilen Schauspielerin wie MacLaine gegenüber zeitgeistigen Frauentypen besser dargestellt werden konnte. Es gibt zwar vom Beginn ihres Auftritts an Hinweise, dass mit dieser Dienerin des Herrn etwas nicht stimmt, es ist sogar recht bald offensichtlich, worauf es hinausläuft, doch MacLaine könnte eben auch, wie Deborah Kerr oder Audrey Hepburn, eine Nonne sein, während Superweiber der späten 1960er vielleicht schon durch ihre Optik und ihre Ausstrahlung die gemäßigte Überraschung, dass die Nonne sich als Hure entpuppt, vorweggenommen hätten.

Im Original heißt der Film auch „Two Mules for Sister Sarah“, obwohl eines der beiden Maultiere ein Esel ist. Jedenfalls verliert der Film dadurch einen Bezug zum Italowestern, den der deutsche Titel schon suggeriert, und den man auf die ermordeten Typen zu Beginn des Films beziehen kann, die aber nicht den Geiern zum Fraß vorgeworfen, sondern auf Sister Sarahs Betreiben hin begraben werden, oder aber auf die vielen toten Soldaten beim Überfall auf die französische Garnison in Chihuahua, die unter der Sonne Mexikos den Tod finden (2).

Die Anleihen bei den Filmen von Sergio Leone und Sergio Corbucci sind sehr offensichtlich. Clint Eastwoods für Geld durch die Welt ziehender Hogan ist dem Kopfgeldjäger, dem Mann ohne Namen aus der Dollar-Trilogie nachgebildet, ohne Poncho und der breitkrempige Hut nun aus Leder, das Revolutionszenario mit seinem besonderen sozialen Kommentar ist ebenfalls sehr typisch für die Italo-Western und das Maschinengewehr, das in die Menge schießt, wahllos, aber aufgrund der hohen Zahl an Kugeln doch irgendwie treffsicher, war 1970 schon ein Versatzstück der neuen, brutalen Spielart eines Genres, in welcher die Aufgabe der prinzipiellen Waffengleichheit, wie US-Western sie zeigen, zur Entmythologisierung beitrug. Zuletzt hatten wir das MG in Sergio Corbuccis „Die Geier warten schon“ (sic!) gesehen, wo Franco Nero einen Rächer gespielt hat (zum Unterschied bei den Motiven des Handelns in Italo-Western siehe dort). Zudem ist „Ein Fressen für die Geier“ in Mexiko gefilmt, wo er spielt, während die Italowestern oft wesentlich in Spanien gedreht wurden. Was ihrer Authentizitätswirkung allerdings kaum schadet.

Trotzdem ist dies ein amerikanischer Film. Getrimmt auf die neuen Verhältnisse und angelehnt an die erfolgreichen Filme, die den Western wiederbeleben konnten, aber der Held mit der zweifelhaften Gesinnung ist nicht ganz so schweigsam, nicht ganz so in Ultra-Nahaufnahme gefilmt, wie insbesondere Sergio Leone sie in der Dollar-Trilogie und noch einmal mehr dramatisiert in „Spiel mir das Lied vom Tod“ einsetzte, entsprechend gibt es nicht den harten, spannungsgeladenen Kontrast zu Ultra-Weitwinkel-Einstellungen und auch keine für damalige Verhältnisse schwindelerregenden Zoom-Exzesse. Viel konservativer ist auch das Grundschema: Im Kern der Italo-Western kann es keine gleichberechtigten Frauenrollen geben, deshalb hat ein Typ wie Eastwood in ihnen wohl auch so brilliert – es gibt nur zwei Seiten, dazwischen Frauen als Opfer, aber nicht als Helferinnen und am Ende sogar als Siegerinnen über den Macho, der sich ihren Extravaganzen ausgeliefert hat. Aber ist dieser Wandel des anfangs typischerweise ein paar klassische Sprüche klopfenden Weiber-Verächters zum Diener einer Liebe wirklich frauenfreundlich, wo Regisseur Don Siegel doch eher als misogyn gilt? Auf eine ironische Weise vielleicht auch nicht, denn wie der freie Westerner hier am Ende fast wie der Lakai von Ex-Sister Sarah vor dieser her reitet, das kann man auch genau umgekehrt deuten. Nämlich als Warnung, denn die Andeutung am Ende der Handlungsangabe, dass bei diese Beziehungskiste Zoff vorausliegen dürfte, unterschreiben wir ohne Zögern.

Die Handlung entpricht also eher dem traditionellen Muster des US-Abenteuerfilms, in dem sich ein Mann und eine Frau auf einer Reise kennenlernen und zusammenraufen, bis das Happy End geschehen kann. Dem dem Italowestern hat man die vielen Toten, den Hauptdarsteller, das Szenario entnommen, in dem Mexikaner für die Unterdrückten stehen, was schon 1960 mit „Die sieben Samurai“ in Mode kam. Die Handlung ist vielleicht nicht zwingend, aber unterhaltsam, spannend, aber nicht so, dass wir enerviert von der Couch aufgesprungen wären.

Finale

Einen besonderen Moment gibt es allerdings: Das Herausziehen eines stecken gebliebenen Indianer-Pfeils wird so schön inszeniert wie in wohl kaum einem anderen Western, und nur deswegen traten die Natives gewiss auf, denen ansonsten keine Funktion zukommt. Sie kämpfen z. B. weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Gegenüber den italienischen Top-Western fällt „Ein Fressen für die Geier“ doch um einiges ab, weil er zu konventionell ist, um mit ihnen auf einer Stufe der Stilisierung zu stehen, und weil die amerikanischen FIlmemachtr Schwierigkeiten damit hatten, hinter die Ideen zu steigen, mit welchen Tonnen an Subtext drei oder vier großartige Newcomer deren ureigenes Genre neuinterpretiert hatten.

70/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015) 

(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia
(2) Der Film wurde, immerhin von einem halbwegs seriösen Sender, nur zwei Tage nach den Anschlägen auf Paris vom 13.11.2015 ausgestrahlt, da wäre vielleicht etwas mehr Takt angebracht gewesen.

Regie Don Siegel
Drehbuch Budd Boetticher (Story)
Albert Maltz
Produktion Carroll Case
Martin Rackin
Musik Ennio Morricone
Kamera Gabriel Figueroa
Schnitt Juan José Marino
Robert F. Shugrue
Besetzung

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