Corona-Report 15/22: Berlin jumps the Line + erstmals über 100.000 Neuinfektionen in Deutschland | Corona Lage | Infoblock, Service, Politik

Frontpage | Corona Lage: Infos, Service, Politik, Berlin| In Berlin springt die Inzidenz auf über 1.000, in Deutschland die Zahl der Neuinfektionen auf mehr als 100.000

Dienstag, 19. Januar 2022. Die Inzidenzsteigerung in Deutschland beschleunigt sich weiter auf 584,4 und die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen überspringt erstmals die Marke von 100.000 pro Tag.

Schock am Mittwoch? Jedenfalls ist bemerkenswert, dass die gestern gemeldeten Neuinfektionen so sprunghaft angestiegen sind. Dass sich dies auf die Inzidenz auswirkt, versteht sich von selbst. Ein besonderer Fokus liegt auch heute wieder auf dem Krisengebiet Berlin, von dessen Zentrum aus diese Berichte veröffentlicht werden.

Zu unserem vorausgehenden vorausgehenden Corona-Artikel vom 18.01.2022

Corona-Report 14/22: Inzidenz steigt, endemische Lage in Sicht + Hotspot Berlin + Genesenenstatus + Impfpflicht | Corona Lage | Infoblock, Service, Politik – DER WAHLBERLINER

Infoblock

  • Weltweit gemeldete Neuinfektionen gestern und an den Tagen zuvor.[1]
    • 3,02 Millionen (18.01.2022 – vor einer Woche: 3,20 Millionen)
    • 2,07 Millionen (17.01.2022 – vor einer Woche: 2,81 Millionen)
    • 1,94 Millionen (16.01.2022 – vor einer Woche: 2,17 Millionen)
    • 2,45 Millionen (15.01.2022)
    • 3,23 / 3,26* / 3,20* / 2,81* / 2,17 / 1,87 / 2,24 / 2,52 / 2,59 Millionen (13.01. bis 06.01.2022)
  • Gemeldete Neuinfektionen in Deutschland vom 16.01. bis 08.01.2022.[2]
    • 112.233 (18.01.2022 – vor einer Woche: 81.417)
    •   74.405 (17.01.2022 – vor einer Woche: 80.430)
    •   34.145 (16.01.2022)
    •   52.504 (15.01.2022)
    •   78.022 / 92.223* / 81.417*/  80.430* / 45.690  / 25.255  / 36.552    

Der harsche Anstieg von vorgestern auf gestern lässt wieder einmal auf Probleme bei der umgehenden und vollständigen Erfassung von Neuinfektionen schließen. Diese Schwankungen beeinträchtigt weiterhin das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der gemeldeten Zahlen.

  • Weltweit gemeldete Todesfallzahlen mit / wegen Corona vom 17.01.2022 bis zum 10.01.2022[3]
    • 093 (18.01.2022 – vor einer Woche: 8.418)
    • 319 (17.01.2022 – vor einer Woche: 8.260)
    • 013 / 5.820 / 7.854 / 7.704 / 8.418 / 8.260 / 5.166
  • 7-Tage-Inzidenz in Deutschland (15.01.2022 bis 07.01.2022)[4]

Die Prozentwerte geben die tägliche Veränderungsrate der Inzidenz wieder. Die Inzidenz hat am 19.01.2022 den neuen Höchststand von 584,4 erreicht.

  • Diese Tabelle stellen wir nicht mehr dar, sie ist bei Statista zu finden:

Länder mit der höchsten 7-Tage-Coronainzidenz weltweit | Statista

Die Darstellung weist aus, dass viele europäischer Länder Inzidenzwerte von über 1.000 haben, manche liegen sogar über 2.000, an der Spitze derzeit Dänemark mit einem Wert von 3.200. Großbritannien hingegen hat es zwar noch nicht hinter sich, aber der Omikron-Vorreiter ist das Land mit der seit Tagen am eindeutigsten fallenden Tendenz, sie liegt heute bei 1004. Wir berücksichtigen bei der Betrachtung keine Kleinstaaten, die Inzidenzen von bis zu 6.500 ausweisen.

  • Todesfallzahlen durch / mit Corona in Deutschland
    • 239 (18.01.2022)
    • 193 (17.01.2022)
    • 30 (16.01.2022)
    • 47 (15.01.2022)
    • 235 (14.01.2022) / 286 (13.01.2022) / 316 (12.01.2022) / 387 (11.01.2022)

Zur Übersterblichkeit haben wir einen Artikel veröffentlicht, der eine differenzierte Betrachtungsweise nahelegt.[5] Auch zu den „Impftoten“gibt es mittlerweile Daten vom Paul-Ehrlich-Institut.[6]   

  • Ausgewählte Bundesländer / Kommunen, dargestellt sind die Zahlen vom 16.01.2022 bis zum 09.01.2022[7]
    • Bremen weist, wie seit dem Beginn der „Omikron-Welle“, die höchste Inzidenz aus
      • 1.296 / 1.297 / 1.389 / 1.401 / 1.378 / 1.427 / 1.438 / 1.296 / 1.194 /  1.081 / 1.100 
    • Berlin steht nach wie vor auf Platz 2
      • 1.055* / 961 / 948 / 965* / 957* / 950* / 919* / 856* / 737 */ 694 / 665*
      • Hamburg hat Berlin nun fast eingeholt, die Inzidenz steigt hier ebenfalls sehr schnell und weist gegenwärtig 995 auf (900 / 805 / 831) 
      • Schleswig-Holstein folgt mit 774 (716), Hessen mit 695 und Brandenburg mt 689 und Bayern mit 607.
      • Mittlere bzw. leicht unterdurchschnittliche Inzidenzwerte im deutschen Vergleich weisen Baden-Württemberg (575), Nordrhein-Westfalen (573) und Mecklenburg-Vorpommern (534) aus.
      • Am Ende der Skala liegt gegenwärtig Thüringen mit einer Inzidenz von 216, aber auch sie ist von gestern 204 angestiegen.
  • Die Stadt- und Landkreise bzw. Stadtbezirke mit der höchsten Inzidenz (18. bis 15.01.2022)
    • Berlin-Mitte (1.797/ 1.379 / 1.352 / 1.353 / 1.332)
    • Berlin-Neukölln (1.651 / 1.541 / 1.374/ 1.419 / 1.488)
    • Berlin Friedrichshain-Kreuzberg (1.477 / 1.362 / 1.596 / 1.644 / 1.586)
    • SK Bremen (1.361 / 1.375 / 1.477 / 1.499 / 1.481)

Falls Sie sich nun fragen, wie in einem Berliner Bezirk die Inzidenz innerhalb von 24 Stunden um mehr als 400 Punkte ansteigen kann – wir wissen es auch nicht. Jedenfalls trägt der Wert des bevölkerungsreichsten Stadtteils von Berlin mit dem sinnigen Namen „Mitte“ erheblich zum Gesamtanstieg um 90 Punkte von 965 auf 1055 gegenüber gestern bei. Damit stehen nun drei Berliner Bezirke ganz vorne auf der Liste der Kommunen oder Teilkommunen mit den höchsten Inzidenzwerten. Der starke Anstieg innerhalb eines Tages ist aber vermutlich wieder einmal auf Klemmen im Meldeverfahren zurückzuführen. Auf diese äußerst unangenehme Weise sind wir schon vor ca. zwei Wochen von geradezu explodierenden Zahlen in Berlin aufgrund vorheriger Meldeversäumnisse überrascht worden.

  • Der wichtige R-Wert in Deutschland (eine infizierte Person steckt wie viele weitere Personen an?). Wir weisen darauf hin, dass die Werte in der Regel Korrekturen erfahren, wir folgen diesbezüglich der verwendeten Quelle.[8]
    • 1,07 (18.01.2022)
    • 1,13 (17.01.2022) – korrigiert von 1,08
    • 1,14 (16.01.2022) – korrigiert von 1,11
    • 1,15 (15.01.2022) – korrigiert von 1,19
    • 1,19 (14.01.2022) – korrigiert von 1,23
    • 1,19 (13.01.2022) – korrigiert von 1,21
    • 1,20 (12.01.2022) – korrigiert von 1,11
    • 1,17 (11.01.2022) – korrigiert von 1,11
    • 1,17 (10.01.2022) – korrigiert von 1,10
    • 1,19 (09.01.2022) – korrigiert von 1,17
    • 1,23 (08.01.2022) – korrigiert von 1,30

Auch nach den üblichen Korrekturen fällt der R-Wert also, aber nicht so stark, wie die „vorläufigen“ Werte es regelmäßig erscheinen lassen. Jeder Wert über 1,0 weist auf ein   weiteres Ansteigen der Neuinfektionszahlen hin.

Fokus auf Berlin

Neukölln ist schon länger ein Brennpunkt des Corona-Geschehens in Berlin. Es sei die hohe Bevölkerungsdichte und die sozioökonomische Situation, sagte Bezirksbürgermeister Hikel (SPD).[9] Einen Bericht aus dem Krisengebiet hat der Tagesspiegel gefertigt.[10] Auch ein T-Online-Reporter hat sich ins Krisengebiet gewagt „Was wir hier sehen, gibt es bald in ganz Deutschland“, droht die Kommunalpolitik.[11] Bisher ist das noch nicht eingetreten, wir harren also der Dinge, die da kommen. Aber die Kommunalpolitik muss ja auch die Maßnahmengestaltung der Stadtpolitik vertreten, vor allem, wenn die zuständigen Personen derselben politischen Partei angehören.

Ein Grund dafür, dass Neukölln so abhebt (mittlerweile höchste Inzidenz in ganz Deutschland) und die Zahlen in Berlin insgesamt hoch sind könnte in der unsachgemäß lockeren Regelung des Schulbetriebs liegen. Die Landeselternvertretung und andere Mitspieler sind allerdings daran nicht unschuldig, weil sie sich lange für den vollen Präsenzunterricht ausgesprochen haben.  

„Corona rauscht durch die Klassenzimmer“ heißt es z. B. hier:

Demnach wurden dem Haus von Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) aus den öffentlichen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen der Hauptstadt bis zum Donnerstag 7583 nachweislich infizierte Schülerinnen und Schüler gemeldet, gut 5200 mehr als in der Vorwoche. Auch beim Personal der öffentlichen Schulen gehen die Zahlen im gleichen Zeitraum von 365 auf 833 durchaus steil nach oben.[12]

Es gibt demnach nicht einmal feste Werte, ab wann Schulen in den Wechselunterricht gehen müssen, geschweige denn für einen Schul-Lockdown. Es sollte in der aktuellen Lage deshalb den Eltern überlassen bleiben, ob sie ihre Kinder zu Hause behalten möchten, wenn schon keine klaren Vorgaben existieren. Der Senat hingegen hat gerade bekräftigt:

„Wir sind uns nach wie vor einig, dass das Fortführen der Präsenz an Schulen ganz entscheidend und wichtig ist, um das Kindeswohl nicht zu gefährden„, sagte die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) nach der Senatssitzung am Dienstag.[13]

Im Anschluss folgt typischer Politiksprech, wie er bei Giffey besonders ausgeprägt ist: „(…) In einer solchen Situation halten wir es für weiter vertretbar, das Schule stattfindet und das wir ein solches Angebot machen“ (Quelle s. o.)

Das ist es eben gerade nicht – ein Angebot. Es ist eine Pflicht, deren Nichtbefolgung sankioniert wird. Ob dieses Vorgehen dem Kindeswohl dient, insbesondere, wenn es z. B. im Famlien- und Freundeskreis bereits Corona-Fälle gegeben hat, wagen wir stark zu bezweifeln.

Ein Schlaglicht auf ein weiteres Problem in Berlin, nämlich die Teststrategie, wirft dieser Artikel. [14] Wir sind auch schon mit diesem Problem konfrontiert worden, weil wir nicht unkompliziert an einen PCR-Test herankamen, nachdem unsere Corona-Warn-App eine kritische Begegnung an einem Tag angezeigt hatte, an dem wir nichts anders getan hatten, als unseren Arbeitsplatz aufzusuchen.

Die Kontaktnachverfolgung ist in Berlin schon seit Längerem eingeschränkt, der Tagesspiegel bestätigt das heute noch einmal in einem weiteren Artikel:

Wegen der starken Zunahme von Corona-Infektionen schränken Berlins Gesundheitsämter die Kontaktnachverfolgung weiter ein. „Die hohe Fallzahl hat eine noch stärkere Priorisierung zur Folge“, sagte der Gesundheitsstadtrat von Charlottenburg- Wilmersdorf, Detlef Wagner, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Darauf hätten sich die Ämter der zwölf Bezirke verständigt. Sie wollen sich demnach bei der Kontaktnachverfolgung künftig noch mehr auf Menschen aus gefährdeten (vulnerablen) Gruppen oder auf besondere Ereignisse wie Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen konzentrieren.[15]

So kann man den administrativen Zustand Berlins auch verkaufen: Als Priorisierung. Für Außenstehende: Weite Bereiche der Berliner Verwaltung agieren prinzipiell so, anstatt alle Fälle konsequent abzuarbeiten. Man hat die „Priorisierung“ lediglich auf die Corona-Situation übertragen und natürlich auch das Wording, mit dem die Zustände verharmlost werden.

Der Booster-Service

Was beim Boostern zu beachten ist.[16] Interessanterweise wird die „Kreuzimpfung“ von der Stiko nun nicht ausdrücklich empfohlen. Für die Auffrischimpfung soll möglichst der mRNA-Impfstoff verwendet werden, der bei der Grundimmunisierung zur Anwendung kam. Wenn dieser nicht verfügbar ist, kann bei ≥30-Jährigen der jeweils andere mRNA-Impfstoff verwendet werden. Die STIKO betrachtet in der Altersgruppe ≥30 Jahre die beiden mRNA-Impfstoffe als gleichwertig.[17]

Nachträglich wirkt das plötzliche Promoten der Kreuzimpfung, als zu wenig Comirnaty-Impfstoff zur Verfügung stand, eher an der Verfügbarkeit als an der medizinischen Best Practice orientiert.  

Die vierte Impfung hingegen steht noch nicht an, sagte Charité-Virologe Leif Erik Sander dem RBB.[18]  Zu viele Booster könnten demnach schädlich sein, meint auch die EMA, die zu gegebener Zeit auch die Kreuzimpfungen empfohlen hatte.[19] Auch dazu gibt es nun neue Darstellungen:

Eine vierte Dosis des COVID-19-Impfstoffs von BioNTech/Pfizer scheint keinen nennenswert höheren Schutz vor einer Ansteckung mit Omikron zu bieten als die dritte Impfung. Dies deutet eine vorläufige Studie aus Israel an. Israel ist das erste Land, welches systematisch seine Bürger zu einer vierten Impfung aufgerufen hatte. Die Forschenden veröffentlichten ihre Ergebnisse am Montag, den 17.1.2022, etwa drei Wochen nach Beginn der landesweiten Kampagne. Die Ergebnisse scheinen Zweifel zu bestätigen, welche die Arzneimittelzulassungsbehörde der Europäischen Union (EMA) bereits letzte Woche geäußert hatte. Marco Cavaleri, verantwortlich für die Impfstoffstrategie der Europäischen Arzneimittel-Agentur, sagte bei einer Pressekonferenz, es gebe keine Daten, die die breite Wirksamkeit der vierten Impfung untermauern. Einige Länder wie Dänemark, Ungarn und Chile haben trotz der Bedenken der Regulierungsbehörden bereits Auffrischungsimpfungen mit der vierten Spritze zugelassen. Noch Ende Dezember hatte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation Tedros Ghebreyesus erklärt, dass pauschale Auffrischungsimpfungen die Pandemie eher verlängern würden als sie zu beenden.[20]

Dänemark ist aktuell unter den Ländern mit mehr als 5 Millionen Einwohnern mit einer inzidenz von mehr als 3.200 die Nummer eins, auch Israel war trotz jetzt rückläufiger Inzidenz einige Tage lang auf dieser Liste weit vorne. Allerdings ist auch die Ansteckungsverhinderung der dritten Impfung in Bezug auf Omikron bisher nicht geklärt. Und damit zu unserer Ansicht in dieser Sache.

Grundsätzliche Darstellung unserer Ansicht zum Impfen in den Zeiten von Omikron (Stand 14.01.2022)

Wir haben vor einigen Tagen ein wenig Ordnung geschaffen, denn die Kakophonie verschiedener Stimmen zum Thema Impfen wird immer gruseliger und deshalb halten wir zu Beginn fest: Wie immer man zu einer Impfpflicht stehen mag, es gibt zwei Hauptlinien der aktuellen Argumentation, die wir darstellen:

  • Impfen, speziell Boostern hilft generell auch gegen die Ansteckung mit Omikron. Dann ergibt eine Impfpflicht auf jeden Fall Sinn.
  • Impfen, speziell Boostern mit noch nicht für Omikron entwickelten Impfstoffen, hilft nicht oder in nur sehr geringem Maße gegen die Ansteckung, wohl aber gegen schwere Verläufe. Dann ergibt eine Impfpflicht auf einer ersten Ebene weniger Sinn, auf einer weiteren muss man sagen: „Es kommt darauf an.“
  • Variante 1.) bedeutet, dass Impfen, wie in den Wellen 2 bis 4, nicht nur Selbstschutz, sondern auch Fremdschutz bedeutet, also einen Akt der Solidarität darstellt bzw. der Nicht-Solidarität, wenn man das Impfen verweigert, und bei fortgesetztem Mangel an Solidarität zu großer Bevölkerungsanteile muss eine Regel kommen, welche die Schäden dieses Mangels eingrenzt. Wie eigentlich überall, wenn das gesellschaftliche Zusammenleben funktionieren soll. Unter diesen Umständen wäre eine Impfpflicht u. E. verfassungsrechtlich unbedenklich. Allerding ist derzeit nicht gesichert, dass Variante 1.) zutrifft und die hohen Omikron-Infektionszahlen in Bundesländern, in noch stärkerem Maße diejenigen von Ländern außerhalb Deutschlands mit hohen Impfquoten sprechen dagegen.
  • Variante 2.) hingegen betrifft auf der ersten Ebene den Selbstschutz: Welche Folgen will ich riskieren, falls ich mich anstecke? Das ist mir selbst überlassen, wie bei allen anderen Aspekten, welche die persönliche Lebensführung betreffen. Das gilt insbesondere beim Umgang mit der eigenen Gesundheit. Deswegen kann man, wenn man nur den Selbstschutz im Blick hat, sehr wohl argumentieren, ich stecke mich lieber an, als mich mit diesem mRNA-Zeugs abfüllen zu lassen. Ob diese Abwägung objektivierbar ist, spielt dabei keine Rolle.
  • Es gibt aber einen weiteren Aspekt: Die Belegung der Krankenhäuser mit Covid-Patient:innen. Wir haben in unserer Darstellung vom 14.01. gesehen, dass in Berlin die Ungeimpften weitaus häufiger symptomatisch erkranken und auch deren Hospitalisierungsquote dürfte höher liegen.
  • Spätestens dann, wenn Geimpfte und Patient:innen, die nicht wegen einer Corona-Infektion ins Krankenhaus mussten, darunter leiden, dass zu viele Ungeimpfte eingeliefert werden, die zu viele Betten belegen, dann tritt nach unserer Ansicht wieder dieselbe Maßgabe wie in Variante 1.) in Kraft: Der Gesundheitsschutz der Bevölkerung ist höher zu bewerten als die individuelle Entscheidung, sich nicht impfen lassen zu wollen. Es geht exakt darum, wie Menschen, die diese Entscheidung nicht getroffen haben, beeinflusst und dadurch benachteiligt werden, bis hin zum nicht selbst verschuldeten Tod; z. B., falls eine Operation verschoben werden musste, weil zu viele ungeimpfte Covid-Patient:innen die Kapazitäten binden. Deswegen ist die korrekte Erfassung des Impfstatus von aufgrund Covid-19-Infektion Hospitalisierten für weitere politische, rechtssichere Entscheidungen u. E. sehr wichtig.

Politik & weitere Zahlen

In den vier Wochen zwischen dem 14. Dezember und dem 12. Januar waren demnach von 8912 Corona-Intensivpatienten, deren Impfstatus bekannt war, fast zwei Drittel ungeimpft. Das entsprach insgesamt 5521 Fällen oder 62 Prozent der Neuaufnahmen mit erfasstem Impfstatus. Von etwa jedem zehnten Patienten war der Impfstatus nicht bekannt. [21]  

Zweifel an der Wirksamkeit der bisherigen Impfungen gegen die Ansteckung mit Omikron an sich sind hingegen schon in der Welt, seit es Omikron gibt, hier ein Bericht vom 10.12.2021, der sich auf Beobachtungen aus Südafrika bezieht.[22]

Nichts anderes als ein Schutz vor schweren Verläufen durch die bisherigen Impfstoffe lässt sich auch aus diesem Artikel des Spiegels schließen, der vor einigen Tagen seinerseits für Schlagzeilen gesorgt hatte, weil die Überschrift so knallig klingt: „Halb Europa könnte sich [gemäß Aussagen der WHO] bis März mit Coronavirus infizieren“.[23]  

Die Spitze der institutionellen Fachwelt, voran Gesundheitsminister Karl Lauterbach, meint hingegen, eine Durchseuchung sei nicht zu akzeptieren, ebenso äußert sich Christian Drosten.[24] Die Impfpflicht, falls sie kommt, soll hingegen kein Impfzwang sein.“[25]

Das leichtere Überspringen von Omikron lässt allerdings die Frage aufkommen, ob es noch Sinn ergibt, um die Impfpflicht zu kämpfen:   

Je länger die Debatte um die Einführung einer Impfpflicht in Deutschland dauert, desto mehr bröckelt die Front ihrer Befürworter. Noch vor Jahresende sah es so aus, als herrsche in Gesellschaft und Politik breite Einigkeit, dass die Pandemie nur mit einer raschen Gesetzgebung zur Einführung einer allgemeinen Impfpflicht zu stoppen sei.[26] Nach einer Impfpflicht klingen diese Statements nicht, eher danach, dass die Durchseuchung so gesteuert werden soll, dass nicht zu viele Einweisungen in Krankenhäuser gleichzeitig erfolgen sollen. In gewisser Weise wirkt es, als ob Gesundheitsminister Lauterbach eine Doppelstrategie fahren würde, die nicht ganz kohärent ist, denn hier wiederum rückt er die Impfpflicht in Form einer 3-Dosen-Pflicht in den Vordergrund.[27]

In diesem Artikel hingegen wird er geradezu einer Kehrtwende bezichtigt, wir meinen aber, da wird ein wenig übertrieben. Dass er keinen eigenen Antrag zur Impfpflicht in den Bundestag einbringen mag, lässt lediglich auf eine gewisse Flexibilität schließen, die man durchaus klug finden kann. Immerhin wissen wir jetzt mehr über Lauterbachs beeindruckenden Werdegang.[28] Am Ende desselben Artikels findet sich eine Umfrage zur Impfpflicht: Als wir den Beitrag nach seinem Erscheinen erstmals gelesen haben, stand es etwa 48/48 für und gegen die Impfpflicht, wenige waren nicht sicher. Mittlerweile ist es auch hier gekippt: 43 für und 53 Prozent gegen die Notwendigkeit dieser Pflicht. Wir finden diese Verschiebung nachvollziehbar, schließlich haben immer mehr valide Daten, die uns mittlerweile zur Omikrion-Welle zur Verfügung stehen, zu einer Ausdifferenzierung auch unserer eigenen Position geführt (siehe oben). Gerade wegen dieser Daten sollte man es mit der Panik auch jetzt nicht übertreiben. Zum Beispiel, wie der Gesundheitsminister es hier gerade wieder getan hat:

Die Zahl von Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung sank (…) innerhalb eines Tages um 58 auf nun 2741. 61 Prozent davon werden invasiv beatmet. Die Situation in den Kliniken werde sich wieder verschärfen, so Lauterbach. Momentan erkrankten vor allem die Jüngeren, die viele Kontakte hätten. Wenn sich die Älteren infizierten, werde die Zahl der Klinikeinweisungen wieder steigen. „Da kann es, je nach Entwicklung, nicht nur bei den Intensivstationen knapp werden, sondern auch auf den normalen Stationen. Es droht die Schließung ganzer Abteilungen“, sagte er. „Eine Durchseuchung bedeutet, dass Hunderttausende schwer krank werden und wir wieder viele Tausend Corona-Tote beklagen müssen.“[29]

Deswegen versuchen wir ja auch, die Durchseuchung zu verlangsamen, durch Boosterung (falls das Boostern denn die Ansteckungsraten wirklich bremst), auf jeden Fall aber durch vorsichtiges, solidarisches Verhalten selbst unter Inkaufnahme von Nachteilen. Und danke für den Satz „je nach Entwicklung“, den man bei Aussagen mit prognostischen Bestandteilen immer mitdenken muss und der in den Überschriften und Headlines der Presse regelmäßig entfällt. Gerade deshalb heben wir ihn jetzt hervor: Wenn, dann. Nicht auf jeden Fall.  

Die Verkürzung des Genesenen-Status durch das RKI

Geht nun aber die just erfolgte Verkürzung des Genesenen-Status von 180 auf 90 Tage durch das RKI auch in die panische Richtung?

Fachliche Vorgaben für Genesenennachweise, mit Wirkung vom 15.01.2022:

Ein Genesenennachweis im Sinne der COVID-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmenverordnung und der Coronavirus-Einreiseverordnung muss aus fachlicher Sicht folgenden Vorgaben entsprechen:

  1. a) Die Testung zum Nachweis der vorherigen Infektion muss durch eine Labordiagnostik mittels Nukleinsäurenachweis (PCR, PoC-PCR oder weitere Methoden der Nukleinsäureamplifikationstechnik) erfolgt sein

UND b) das Datum der Abnahme des positiven Tests muss mindestens 28 Tage zurückliegen

UND c) das Datum der Abnahme des positiven Tests darf höchstens 90 Tage zurückliegen.

Diese Vorgaben werden regelmäßig überprüft und können sich gemäß Stand der Wissenschaft ändern.[30]

 Ja, der Stand der Wissenschaft ist wichtig und der ändert sich mit neuen Virusvarianten besonders schnell. Die Idee, die hinter der Verkürzung steckt, ist relativ leicht nachzuvollziehen. Es kann dabei sachlogisch nicht in erster Linie um Feststellungen gehen, die darauf hinauslaufen, dass die Impfstoffe wieder einmal als noch kürzer wirkend als bisher gedacht analysiert werden, sondern es geht darum, dass Omikron auch bereits mit einer früheren Variante Erkrankte befallen kann. Und da Omikron relativ leicht übertragbar ist (wie sieht es eigentlich mit einer Mehrfach-Erkrankung mit Omikron aus, wird es das auch geben?) ergibt die Verkürzung des Genesenen-Status Sinn.  

Endemische Lage in Sicht?

Heute schreiben wir es noch an den Ende des Reports, aber es  könnte bald ganz nach vorne rücken: Über das Ende der pandemischen Lage wird weltweit immer mehr diskutiert.[31] Besonders in den Ländern, in denen die Omikron-Welle bereits abflacht. Sinnigerweise in Großbritannien, aber dass in Spanien oder in der Schweiz bei einer Inzidenz von ca. 2.000 schon in diese Richtung gedacht, hat uns etwas verwundert. Die Todesfallzahlen sind dort allerdings relativ. In der Schweiz wurden z. B. am 17.01.2022 „nur“ vier neue Todesfälle gemeldet.[32]

Hierzulande ist eine solche Diskussion verführt, denn Omikron ist noch in der Ausbreitungsphase und mehr als 200 Tote an einem Tag sind zu viel, um von einem Normalzustand im Sinne einer Grippewelle zu sprechen. Die relativ strengen Corona-Maßnahmen in Deutschland („Maßnahmen-Weltmeister“)   werden zwar immer wieder kritisiert, das sollte uns aber nicht beirren: Wirklich harte Einschränkungen gibt es nur wenige und es ist richtig, eine Ausbreitung von Omikron hierzulande nicht zu rasch voranschreiten zu lassen. Die jetzt im Vergleich zu anderen Ländern starken Kontaktbeschränkungen wie 2G plus in der Gastronomie sind auch das Resultat großer Versäumnisse der Politik im Umgang mit der Pandemie während der dritten und der vierten Welle, die seinerzeit mit Social-Media-Hashtags wie „Schwere Schuld“ markiert wurden.

Und wann haben wir unter diesen Umständen das Gröbste hinter uns? Natürlich gibt es auch dazu von Karl Lauterbach etwas zum Zitieren:
Der Bundesgesundheitsminister rechnet damit, dass die Omikron-Welle erst in einigen Wochen ihren Höhepunkt erreicht. Zudem müsse die Impfpflicht »schnell« kommen, um eine nächste Welle im Herbst noch abzuwenden.[33] 

Mit „schnell“ meint Lauterbach aber nun auch Mai oder Juni, nicht mehr, wie ursprünglich avisiert, den März 2022.  Wenn Sie den Bericht weiterlesen, merken Sie auch, dass Lauterbach, nicht, wie die anderen Regierungsmitglieder, auf der Brücke des Deutschland-Dampfers stehen und schon gar nicht, wie wir, irgendwo in den Dritte-Klasse-Kabinen haust, sondern ganz oben auf dem Ausguck sitzt: Er sieht die Herbstwelle schon in ihrer konkreten Gestalt. Hoffentlich kann er den Impfstoffherstellern auch sagen, was sie tun müssen, damit die Menschen vor einer neuen Mutation geschützt sind, deren konkretes Gepräge der Minister bisland als einzige Person beschreiben kann.

Heute hat unsere Corna-Warn-App erst einmal unseren Risikostatus wieder auf Grün gesetzt. Man muss für die kleinen positiven Zeichen in diesen Zeiten unbedingt dankbar sein. Heute war auf Twitter kaum noch ein corona-bezogenes Hashtag unter den Trends, trotz mehrerer Rekordwerte. Angesichts des drohenden nächsten Kriegs verliert Corona seinen Schrecken und wieder sehen wir: alles ist relativ.

TH

 

[1] COVID Live – Coronavirus Statistics – Worldometer (worldometers.info)

[2] Bundesländer | RKI COVID-19 Germany (arcgis.com)

[3] COVID Live – Coronavirus Statistics – Worldometer (worldometers.info)

[4] Bundesländer | RKI COVID-19 Germany (arcgis.com)

[5] Höchste Sterbeziffer seit 1946 – über eine Million Todesfälle 2021 + Auswirkungen von Corona? | Service Bevölkerungsdaten, Corona-Daten | Todesfälle, Sterbefälle – DER WAHLBERLINER

[6] Paul-Ehrlich-Institut: 73 Todesfälle wahrscheinlich durch Corona-Impfung (berliner-zeitung.de) – Bezahlartikel

[7] Bundesländer | RKI COVID-19 Germany (arcgis.com)

[8] Corona-Zahlen: R-Wert für Deutschland (corona-in-zahlen.de)

[9] Neukölln: So erklärt Hikel die hohe Inzidenz – Berliner Morgenpost

[10] Zwischen Misstrauen und PCR-Test: Ein Ortsbesuch im Virus-Hotspot Neukölln (tagesspiegel.de) – Bezahlartikel

[11] Corona-Hotspot Neukölln: „Was wir hier sehen, gibt es bald in ganz Berlin“ (t-online.de)

[12] Corona und Schulen: Das Wunder von Neukölln (nd-aktuell.de)

[13] (3) Coronavirus in Berlin: Gesundheitsämter fahren Kontaktnachverfolgung weiter zurück – Inzidenz erstmals über 1000 – Berlin – Tagesspiegel

[14] Berlin entwickelt sich zum Corona-Hotspot | Deutschland | DW | 17.01.2022

[15] (3) Coronavirus in Berlin: Gesundheitsämter fahren Kontaktnachverfolgung weiter zurück – Inzidenz erstmals über 1000 – Berlin – Tagesspiegel

[16] Was Sie wissen müssen, bevor Sie zum „Boostern“ gehen | WEB.DE

[17] Epidemiologisches Bulletin 48/2021 (rki.de), Tabelle 1 auf Seite 5, Zusammenfassung Seite 8

[18] Charité-Forscher Sander hält vierte Impfung gegen Corona für „aktuell nicht so wichtig“ | rbb24

[19] EMA warnt vor zu häufigem Boostern – ZDFheute

[20] COVID-19: Erschöpfen zu viele Booster-Impfungen unser Immunsystem? | Wissen & Umwelt | DW | 19.01.2022

[21] DIESE Zahlen schaffen Klarheit: So viele Ungeimpfte landen mit lebensbedrohlichen Covid-Erkrankungen auf den Intensivstationen (msn.com)

[22] Omikron: Ansteckung trotz Booster-Impfung möglich | aponet.de

[23] Coronavirus: WHO – Halb Europa könnte sich bis März mit Omikron infizieren – DER SPIEGEL

[24] Christian Drosten und Karl Lauterbach geben Pressekonferenz zu Omikron | WEB.DE

[25] Nancy Faeser: „Niemand wird zwangsweise geimpft“ – WELT

[26] COVID-19-Impfpflicht – kein klares Bild in Politik und Wissenschaft (msn.com)

[27] Schutz vor allen Varianten: Lauterbach: Für Impfpflicht sind drei Dosen nötig – n-tv.de

[28] „Morning Briefing“: Lauterbach überrascht mit einer Kehrtwende bei der Impfpflicht | WEB.DE

[29] Gesundheitsminister Lauterbach stimmt die Republik auf schwere Zeit ein | WEB.DE

[30] RKI – Coronavirus SARS-CoV-2 – Fachliche Vorgaben des RKI für COVID-19-Genesenennachweise

[31] Umgang mit Corona: Politiker und Experten bereiten ein Ende der Pandemie vor – wann wird das Coronavirus endemisch? (msn.com)– via Handelsblatt

[32] COVID Live – Coronavirus Statistics – Worldometer (worldometers.info)

[33] Corona-Virus: Karl Lauterbach erwartet Höhepunkt der Omikron-Welle Mitte Februar (msn.com)

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