Das Rußland-Haus (The Russia House, USA 1990) #Filmfest 710

Filmfest 710 Cinema

Das Rußland-Haus (The Russia House) ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1990 mit Sean ConneryMichelle PfeifferKlaus Maria BrandauerRoy Scheider und James Fox. Die Regie führte Fred Schepisi. Die literarische Vorlage für den Film bildete der gleichnamige Roman von John le Carré. Der Titel des Films bezieht sich auf den internen Spitznamen Russia House des Secret Intelligence Service für die Abteilung Sowjetunion.

Die deutsche Rechtschreibung ist richtig insofern, als der Film noch vor der Reform erschien und die Wikipedia hat ihn nicht angepasst. Manches hat sich seit 1990 mehr verändert als die mehr oder weniger eklektischen Retuschen an der deutschen Orthografie, dazu gehört auch das Verhältnis des Westens zu Russland. Vom Kalten Krieg, der damals gerade zu  Ende war, kündet der  Film, aber auch davon, dass er zu Ende war. Dass er wiedererstehen würde, so, wie es derzeit aussieht, glaubte indes niemand. Es ist nicht das Gleiche, weil die Systemkonkurrenz nicht fehlt und nur der Imperialismus die Dinge auf eine ungute Weise vorantreibt, aber ein Blick zurück in das Jahr, in dem sich alles zum Guten zu wenden schien, lohnt immer. Wir tun das in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Londoner Verleger Bartholomew Scott Blair ist anlässlich einer Moskauer Buchmesse auf einer Datscha in Peredelkino eingeladen, in der sich Künstler, Literaten und Dissidenten treffen. Blair, der viel getrunken hat, läuft zu großer Form auf, improvisiert auf einem Kamm Jazzmusik und hält große Reden, in denen er sich für Frieden, Abrüstung und Menschenrechte einsetzt. Unter den Gästen ist ein stummer Zuhörer, der Blair aufmerksam beobachtet. Die Datscha befindet sich in einem Waldstück, in dem sich auch das Grabmal Boris Pasternaks befindet, und zu dem Blair zu einem Spaziergang aufbricht. Der Unbekannte, man nennt ihn Dante, folgt ihm, zieht ihn ins Gespräch und bittet ihn, ein Buch mit brisanten Informationen, das er geschrieben hat, in den Westen zu schmuggeln und zu veröffentlichen. Blair zögert zunächst, gibt aber schließlich per Handschlag eine Zusage.

Als Blair das nächste Mal auf der Moskauer Messe erwartet wird, dort aber nicht auftaucht, kommt die russische Verlagsangestellte Katya Orlova an seinen Stand. Sie möchte ihm ein wichtiges Manuskript persönlich übergeben. Blair ist aber nicht aufzutreiben, und sie gibt das Manuskript stattdessen einem britischen Kollegen Blairs. Da Blair weiterhin nicht aufzufinden ist, gibt dieser das Skript bei der britischen Botschaft ab, und so landet es in den Händen des MI6. (…)

Rezension: Anni und Tom über „Das Russland-Haus“

Anni: Kanntest du vorher den Regisseur Fred Schepisi? Ich nicht.

Tom: Ich auch nicht. Und „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (1966) bleibt meine Lieblings-Verfilmung eines Romans von John le Carré. Trotz Michelle Pfeiffer und Sean Connery in „Das Russland-Haus“. Der Film war mir denn doch ein wenig zu kontemplativ.

Anni: Jetzt regen wir uns jedes Mal auf, wenn ein US-Film fast nur aus Gewalt besteht … 

Tom: Du regst dich auf.

Anni: … selbst wenn es ein anerkannter Film ist, wie zuletzt „L. A. Confidential“ (1997), aber wenn es mal ruhiger und vermutlich auch realistischer zugeht, ist es auch wieder nicht richtig. Ich fand diese Erzählweise gut und ich mochte alle Darsteller. Okay, für einen Agentenfilm ist es etwas seltsam, dass es keine echten Bösewichte gibt. Aber vielleiht lag’s am Tauwetter. Am politischen. Der Film ist ja wirklich genau in der Wendezeit entstanden, wurde in Deutschland ein halbes Jahr nach der Wiedervereinigung uraufgeführt. Und erzählt von Russen, die so liebenswert sind, so tolle Leute, die sich so anstrengen, und doch ist das Land so rückständig. Beinahe zum Heulen.

Tom: Als der Film gedreht wurde, gab es die Sowjetunion schon nicht mehr, der Vertrag zur Unabhängigkeit der Sowjetrepubliken wurde am 11. März 1990 unterzeichnet. Die GuS, die Gemeinschaft unabhängiger Sowjetrepubliken, entstand aber erst am 21.12.1991, es war also wirklich eine Zwischenphase. Vielleicht spielt der Film aber etwas früher, denn es ist zwar von Glasnost und Perestroika die Rede, aber eben noch nicht vom Ende der Sowjetunion. „Das Russland-Haus“ spiegelt  die Zeit „davor“ bzw. „knapp davor“. Und insofern ist er doch ein Zeitdokument, obwohl kein einziger russischer Schauspieler eine wichtige Rolle darin hatte.

Anni: Und es war der erste westliche Film, der tatsächlich in Moskau und Leningrad gedreht werden durfte, es gab eine Genehmigung für fünf Wochen. Dadurch hat er wirklich auch dokumentarischen Wert, frühere Filme wie „Gorky Park“ (1983), den wir vor einiger Zeit gesehen haben, wurden z. B. in Finnland produziert und es fuhren nur Ladas dort. Der Film war allerdings exzentrischer und kryptischer als „Das Russland-Haus“ und nicht so auf edel gemacht.

Tom: „Das Russland-Haus“ verkörpert schon ein wenig den Hochglanz-Stil der 1990er, aber Russland evoziert immer eine Grau-Tönung, zumindest in westlichen Filmen. Die Handlung finde ich sehr logisch aufgebaut, aber halt auch sehr langsam. Und Roger Ebert hat Recht, selten war ein Agentenfilm so langweilig, weil realistisch.

Anni: Das hat Roger zwar so nicht wörtlich geschrieben, aber die Tendenz seiner Rezension ist so. Ich hab mich nicht gelangweilt.

Tom: So etwa gegen Ende des zweiten Drittels hat es bei mir gekribbelt, und das kommt bei spannenden Filmen im Moment nicht vor, dafür haben wir ja eine Rezensionspause gemacht, ich bin also nicht überreizt durch zu viele Filme.

Anni: Ich dachte, wenn Michelle Pfeiffer auftritt, bist du immer hin und weg.

Tom: Wegen ihr bin ich ja auch nicht ganz weggedämmert.

Anni: Und mir war schnell klar, warum Sean Connery noch in hohem Alter zum Sexiest Man Alive gewählt wurde. Das war nach „Das Russland-Haus“.

Tom: Okay, die Sticheleien …

Anni: Ich bemerke an der Art dieser Konversation schon, dass es über den Film vielleicht nicht so viel zu sagen gibt, wie es über einen Film an der Wende zwischen kaltem Krieg und Tauwetterperiode zu sagen geben müsste. Sie haben den Roman, der 1989 erschien, jedenfalls sehr schnell verfilmt, um einigermaßen am Ball zu bleiben und als er rauskam, gab es ja die SU wirklich noch. Da war vielleicht nicht einmal absehbar, dass sie so schnell zerfallen würde und es ist auch noch nicht von der offenen Berliner Mauer die Rede.

Und dann die Kriegsmaschinerie. Ich fand es gut dargestellt, wie die Abrüstung von der Waffenlobby torpediert wird und die Infos von Dante, dass die Atomwaffen der SU gar nicht einsatzbereit seien, dieser Lobby nun gar nicht in den Kram passen konnten. So, und damit sind wir schon im Hier und Heute.

Tom: Das eher doziert als dargestellt. Woran man aber sieht, dass der Film in die richtige Richtung kritisiert und zudem diesen Murmeltier-Effekt auslöst, wenn man sich politisch eh immer wieder mit Frieden und Krieg und der kapitalistischen Kriegstreiberei beschäftigt. Dann passiert es aber wieder, dass man sich zwar bestätigt fühlt, aber erstens das, was hier erzählt wird, ein alter Hut ist und zweitens fängt man an, genau hinzuschauen: Wie wird welche Nation dargestellt. Da kommen die Briten recht gut weg, immerhin ist es ja ein US-Film.

Anni: Ja, aber im Prinzip ist die Kumpanei ähnlich wie in den James Bond-Filmen, was ja auch irgendwie passt. Fällt mir jetzt erst auf. Weil ja Sean Connery hier mehr als zwanzig Jahre nach seinen Einsätzen im Dienst ihrer Majestät eine Art Anti-Bond spielt, keinen Profi, sondern einen Verleger – schmelz! – der sein Land verrät. Bei Bond undenkbar, zumindest bis zu den Konflikten, die der neueste Darsteller Daniel Craig manchmal aushalten muss. Kriegt aber selbstverständlich immer die Kurve hin zum patriotischen Akt. Naja. Dass er und Katjya am Ende so davonkommen und sein britischer …

Tom: Führungsoffizier.

Anni: Genau. Dass der ihm dann viel Glück wünscht, ist schon sehr freundlich erzählt. Aber in der Epoche, vor 25 Jahren, war eben Happy-End-Time. Für den Satz: „Mein Land bist nur noch du“ gegenüber Katya werde ich Sean Connery ewig lieben. Allein dafür kriegt der ganze Film eine hohe Punktzahl von mir, dass du das schon weißt. Und bitte merk dir den Satz für eine besondere Stunde, da darfst du ihn mit meiner ausdrücklichen Genehmigung auspacken, auch wenn er geklaut ist.

Tom: Hoffentlich verpasse ich nicht den Einsatz. Aber es ist schon deshalb romantisch, weil es neoliberal ist. Voll individualistisch. Kein nationales Gefühl und keine internationale oder klasseninterne Solidarität, nur noch zwei Menschen. Eigentlich furchtbar. Ich habe Sätze und Filme wie diesen immer im Verdacht, sie wollen alles dekonstruieren, was den einen und den anderen lieb und teuer ist.

Anni: Das gilt für alle Liebesfilme, und ein Liebesfilm ist „Das Russland-Haus“ auch. Dann darfst du nur noch Revolutionsfilme machen, in denen Massen bewegtund Individuen nicht kenntlich werden, wenn du das so siehst. Nein, die übliche Hollywood-Dramaturgie, die hier voll eingehalten wird, kann man auch für gute Zwecke nutzbar machen, und „Das Russland-Haus“ ist doch eher völkerverständnisvoll – und steht nach meinem Gefühl sogar eher auf russischer Seite, sonst wäre nicht vor allem der kleine, dicke Ami mit Brille so unsympathisch dargestellt worden, der die Schwäche der SU gnadenlos ausnutzen will. Der Falke. Auch gut, übrigens: „Die Falken und die Tauben können aufhören, mit den Flügeln zu schlagen“, weil die SU eh totgerüstet ist. Welch ein Unterschied zu heute. Ich meine nicht Russland, sondern die NATO.

Anni: Ich  diese Frau an der Schwelle zwischen zwei Systemen, die noch so einen scheuen, wohlerzogenen Charme hat, von der Pfeiffer wirklich gut rübergebracht. Und ich bin überwiegend mit der Tendenz des Films einverstanden, auch wenn er zwischen den  Zeilen doch etwas herablassend gegenüber Russland ist. Allein dieses High-Tech-Gedöns in Langley bei der CIA gegenüber den nicht funktionierenden Waffen in der SU. Wozu brauchen die einen Weltklasse-Wissenschaftler wie Dante, wenn doch nichts funktioniert? 

Tom: Was ich am Plot etwas schräg fand: Dass die westlichen Geheimdienste nicht einschätzen können, ob Dante Fake News liefert. Natürlich kann er eine Topquelle sein, die detaillierter berichtet als alle Quellen bisher, aber dass die vor ihm noch gar nichts davon haben läuten hören, dass die Bedrohnung aus dem Osten vielleicht gar nicht so groß ist, wie vermutet wurde, wirkt sehr steril und abgeschottet. Schließlich hat man mit der Hochrüstung (NATO-Doppelbeschluss) der 1980er genau das bezweckt, also wird man in der SU doch mal nachgeschaut gehabt haben, ob es Anzeichen gibt, die eine solche Entwicklung entweder bestätigen und damit den Erfolg der Aufrüstung – oder eben nicht. Eine Verifizierung im Groben wäre in der Realität sicher möglich gewesen.

Anni: Und bei den historischen Daten haben wir vergessen, dass am 31.07.1991 der START-Vertrag zur Abrüstung zwischen den USA und Russland unterzeichnet wurde, also sich die Hoffnungen der guten Menschen im Film erst einmal erfüllten. Zumindest war ein Anfang gemacht. 1992 bis 1994 traten die Ukraine, Weißrussland und Kasachstan dem Abkommen bei und verzichteten komplett auf Atomwaffen und halten sich daran bis heute.AnnI

Anni: Also, ich gebe 8/10. Inklusive Bonus für den berühmten Satz.

Tom: 6,5/10. 

73/100

© 2022, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Fred Schepisi Drehbuch Tom Stoppard Produktion Paul Maslansky Fred Schepisi Musik Jerry Goldsmith Kamera Ian Baker Schnitt Beth Jochem Besterveld Peter Honess

Besetzung Sean Connery: Bartholomew Scott Blair („Barley“) Michelle Pfeiffer: Katya Orlova Roy Scheider: Russell von der CIA James Fox: Ned Klaus Maria Brandauer: Jakow Jefremowitsch Saweljew („Dante“) John Mahoney: Brady Ken Russell: Walter J.T. Walsh: Oberst Quinn Michael Kitchen: Clive Ian McNeice: Merydew Christopher Lawford: Larry Colin Stinton: Henziger Martin Clunes: Brock

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