Endspiel – Tatort 500 #Crimetime 1086 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #RB #Endspiel #Spiel #Fußball

Crimetime 1086 – Titelfoto © RB, Jörg Landsberg

Der Ball ist nicht immer rund

Endspiel ist ein Fernsehfilm aus der Kriminalreihe Tatort der ARD und des ORF. Der Film wurde unter der Regie von Ciro Cappellari von Radio Bremen produziert und am 20. Mai 2002 im Programm Das Erste zum ersten Mal gesendet. Für Kriminalhauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) ist es der 7. Fall, in dem sie ermittelt, und für Kriminalkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) der 2. Fall, den er zusammen mit Inga Lürsen zu lösen hat.

Sport im Tatort gilt als kritisch. Liegt es daran, dass er nicht sachgerecht dargestellt wird oder daran, dass die Fans es nicht mögen, wenn ihr heiliges Hobby mit negativen Attributen versehen wird? Besonders in Sachen Fußball muss man es sich gut überlegen, ob man als Krimimacher:in auf dieses Thema einsteigt, denn bei dieser Sportart kommt hinzu, dass die Zuschauer vor den Bildschirmen es allemal besser wissena als diejenigen, die den Film inszeniert haben, die meisten wissen es sogar besser als die Trainer:innen, die jeden Tag mit den Teams zusammenarbeiten. Beim NDR hatte man sich mit Charlotte Lindholm schon an der Bundesliga versucht, in Ludwigshafen gab es auch mal einen Fußball-Tatort, Radio Bremen ist bekannt dafür, dass es mit seiner Ermittlerin Lürsen auch gewagte Gegenstände aufgriff und sie kantig darzustellen wusste. Ist die Darstellung des Milieus in „Endspiel“ gelungen? Darüber und über andere Aspekte schreiben wir in der –> Rezension.

Handlung

Der Amateurligaverein FC Bremen ist kurz vor dem Aufstieg, als der Trainer ermordet wird. Schnell wissen Hauptkommissarin Inga Lürsen und ihr Kollege Kommissar Stedefreund, dass der Trainer nicht viele Freunde im Verein hatte. Die Mannschaft ist eine Multikulti-Truppe: Polnische, bosnische, afrikanische Spieler sind günstige Neuerwerbungen für den geplanten Aufstieg. Aus seinem Rassismus machte der Trainer keinen Hehl, und sein Motivationsgenie lag allein in seinem Talent begründet, die Schwächen eines jeden einzelnen Spieler aufzudecken und diese Informationen schamlos zu nutzen. Neben den Spielern haben auch andere im Umfeld Motive für diesen Mord. Unter Profibedingungen will der neue Vereinspräsident mit seiner Frau als Vereinsmanagerin mit aller Macht und großen Plänen den Aufstieg schaffen? Sie investieren auch ihr privates Vermögen in den Verein.

Vom Platzwart bis zur Spielerfrau ? Inga Lürsen und Stedefreund nehmen den ganzen Verein unter die Lupe und stoßen dabei auf merkwürdige Verwicklungen. Mit Hilfe eines dubiosen Spielevermittlers wurden die afrikanischen Spieler ins Land geschleust und mit sittenwidrigen Verträgen an den Verein gebunden. Es geht schon lange nicht mehr nur um Fußball ? Es geht um moderne Sklaverei.

Rezension

Ich finde es bemerkenswert und bezeichnend, wenn die ohnehin kurze Handlungsangabe der ARD die Interpretation gleich mitliefert. Das entspricht nämlich auch dem Duktus der Bremen-Tatorte mit Inga Lürsen: Bloß keine Zweideutigkeiten. Keine Mühen mit dem Lesen zwischen den Zeilen. „Sie ekeln mich an“ muss deshalb unbedingt sein, anstatt dass das Publikum bezüglich des zwielichtigen Spielevermittlers selbst darüber nachdenken darf, ob seine Sichtweise ausschließlich negativ zu bewerten ist. Ja, ist sie, denn es ist Geschäftemacherei, die auf der Not von Menschen basiert, auf falschen Versprechungen, auf Ausbeutung eben, die Argumentation ist ähnlich wie bei Waffenverkäufern: Wenn wir es nicht machen, machen es andere. Aber das wäre mir auch ohne Lürsens Übersteiger, um ein wenig in der Sportsprache zu verweilen, aufgefallen. Diese Masche war aber sehr erfolgreich, Lürsen hatte sich danach mehr als 15  Jahre lang immer wieder am deutlichsten von allen Tatortkommissar:innen politisch geäußert. Erst zum Ende hin hat man es mal wieder mit dem klassischen Grundsatz: „Show, don‘ tell“ versucht und zum Beispiel Krimis über die OK gemacht, die sich sogar halb offene Enden erlauben. Am krassesten fand ich den Film, in dem sie selbst für etwas, das mir entfallen ist, demonstriert und die Trillerpfeife bedient hat. Dass mir der Grund für diese Demo-Teilnahme entfallen ist, sagt aber einiges darüber aus, wie ich die Bremen-Tatorte wahrnehme: Immer ist sie maximal gut, die gute Inga, das reicht doch eigentlich. Um was es dabei genau geht, ist weniger wichtig. Ob das schlechter ist, als seine Haltung durch komplett vorschriftswidrige Handlungen zu präsentieren, die mir wohl auf ewig in Erinnerung bleiben werden, wie z. B. im Rostock-Polizeiruf“Für Janina“, ist eine andere Frage.

Nun sehen wir also Stedefreund auch in seinem zweiten Einsatz. Nils heißt er übrigens, zumeist wird das nicht erwähnt. Seinen ersten Fall, „Eine unscheinbare Frau“, habe ich noch nicht angeschaut. Zuvor hatte Lürsen verschiedene Ermittlungspartner und irgendetwas flüstert mir ein, diese waren zu prägnant, um hinter sie als Leitende zurückzutreten und wurden daher ausgetauscht. Stedefreund hat hingegen muss von Beginn an damit  kämpfen, dass Inga Alleingänge macht und und ihn an ihren Überlegungen zum Fall nicht gerne teilhaben lässt. Ein erstes Auftreten der mittlerweile in voller Entwicklung zu bestaunenden psychischen Krankheit namens Morbus Brasch oder das „Magdeburger Phänomen“. Diese Unwucht wird ebenso zum Dauerthema werden wie Lürsens gut gemeinten politischen Anmerkungen. Aber Stedeufreund akzeptiert die Rolle als Nummer zwei, weil sein Darsteller Oliver Mommsen zum Zeitpunkt des Einstiegs in den Tatort noch recht unbekannt war, derweil die beiden markanten Linien in Mundwikelnähe im Laufe der Jahre immer tiefer werden. Es ist wie im wirklichen Beamtenleben: Gerade dann, wenn alles glattläuft, kommt man an denen, die von Beginn an eine höhere Rangstufe hatten, nicht vorbei.

Das Fußballthema hingegen zeugt von Chaos in Köpfen, vielleicht auch bei jenen, die den Film entworfen haben. Es ist stressig, immer bei allem vorne dabei zu sein: Die Vermarktungsmaschinerie Fußball auszumalen, hat nicht gereicht, das Thema homosexueller Spieler und Outing musste auch noch sein. Keine Frage, dass es Relevanz hat, weil es auf den Sport ein schiefes Licht wirft, wie wir gerade wieder anlässlich der „EM 2020“, die aber 2021 stattfindet, sehen. Es wird auch heute noch allgemein nicht empfohlen, sich zu outen und das Thema einer „Scheinfreundin“ dürfte deshalb eine große Rolle spielen. Besonders in den beiden  höchsten Spielklassen, in denen klotzig verdient wird. Es wirkt dort ungewöhnlich, wenn sie ein nett aussehendes Groupie nicht auch als Partnerin oder, im Fall von Homosexualität, als Fassade rekrutieren lässt. Nur wenige Spieler in den Topligen haben Partnerschaften, die gewachsen sind, bevor sie berühmt wurden. Bei den Frauen ist dieses Phänomen begreiflicherweise weniger ausgeprägt, denn in diesem Fall besteht der Gender Pay Gap zu Recht, sofern man der Maxime folgt, dass der Marktwert einer Profisport ausübenden Person über das Einkommen bestimmt und nicht die sportliche Leistung.

Aufgrund des Doppelthemas werden einzelne Aspekte nicht konsquent ausgespielt. So wird zum Beispiel die Tatsache, dass Forian das Sportinternat von Werder Bremen verlassen musste, nur angedeutet, sodass wir darauf angewiesen sind, zu vermuten, dass dort seine Homosexualität aufgedeckt wurde. Auch wenn die Rollen okay gespielt sind, insbesondere die der beiden afrikanischen Fußballspieler, die beim fiktiven FC Bremen kicken, ist mir nach langer Zeit wieder etwas passiert, was ich gerne verschweigen würde, aber es ist ja wichtig für die Bewertung: Ich bin nach etwa einer Stunde „Endspiel“ eingeschlafen, und das ist mir zuvor während eines Endspiels nie passiert. Vielleicht auch, weil ich mir recht wenige Endspiele angucke. Am folgenden Abend habe ich dann nicht von vorne angefangen, sondern dort weitergemacht, wo ich in etwa ausgestiegen bin. Dadurch wirkt der Film auf mich vielleicht fragmentarischer, wenig zentrierter, langweiliger, als er ist. Aber wie konnte das bei diesen interessanten Themen passieren? Ein Aspekt dürfte die Vorhersehbarkeit gewesen sein, ein weiterer ist eindeutig die flache Dramaturgie des Films. Manchmal fällt mittendrin ein Mensch auf höchst unglaubwürdige Weise vom Himmel, am Ende kommt es zu einer Rückblende, die aufklärt, dass der fiese Trainer seinen Musterschüler mit dessen sexueller Ausrichtung unter Druck setzte, obwohl er diese nur vermutete, außerdem verletzte er in Bezug auf Jesiah, der von allen gebasht wird, besonders vom Trainer, das Gerechtigkeitsgefühl des Freundes.

Finale

Man wollte für den Jubiläumstatort etwas Brisantes konstruieren, die Ambition merkt man „Endspiel“ deutlich an. Als Kritiker muss man sich entscheiden, ob man mehr diese Ambition, ein damals noch keineswegs breit in der Öffentlichkeit diskutiertes Thema in den Vordergrund rückt und sagt, die Bremer, wie ich sie von neueren Tatorten kenne, sind hier schon gewillt, ein heißes Eisen fest anzufassen, oder ob man die Ausführung als zu wenig packend bewertet. Der Stil dieses Films ist typisch 1990er, aber zum Ende des Jahrzehnts hin gab es schon deutliche Fortschritte u. a. bei der Bildgestaltung und bei der Handlungsführung, während „Endspiel“ noch die sehr nüchterne Anmutung hat, die wir vom Beginn des Jahrzehnts kennen. Das waren jene Jahre, in denen man bei ARD und ZDF gegenüber den „Privaten“ in die Defensive geraten war und als der Tatort Abnutzungserscheinungen zeigte, trotz zahlreicher neuer Teams, die später zu Legenden wurden.

Einerseits ist „Endspiel“ also progressiv, aber gleichzeitig wirkt er sehr konventionell und etwas heruntergenudelt. Letzteres ist bei den Bremer Tatorten der Lürsen-Ära nicht so häufig zu beobachten gewesen und so enden meine Gedankengänge in einer gewissen Ratlosigkeit. Es ist nichts ganz falsch an dem Film und im Richtigen muss ja nicht alles perfekt sein, aber es fehlt das, was mich richtig hineingezogen hätte. Kein Schicksal konnte mich berühren, und ich bin nach wie vor gerne bereit, emotional mitzugehen, daran hat sich nichts geändert. Ursprünglich wollte ich noch niedriger gehen, aber dann nicke ich doch dem vom Ansatz her doch beherzten Versuch, gleich zwei damals noch frische Themen zu bearbeiten, noch eimal zu und komme heraus bei

6/10.

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Kommissar Stedefreund – Oliver Mommsen
Helen, Ingas Tochter – Camilla Renschke
Dr. Heitmann, Ingas Chef – Hubert Mulzer
Jesiah Kumono, Spieler FC Bremen – Eric Baokye
Florian Hinderksen, Stürmer FC Bremen – Florian Heiden
Dirk Hinderksen, Präsident FC Bremen – Michael Brandner
Christine Hinderksen, Dirks Frau – Nina Franoszek
Kathi, Florians Freundin – Anne Kanis
Gregor Baumann, Yesiahs Manager – Axel Pape
Detlev Günther, Trainer FC Bremen – Uwe Rohde
Hänschen Schmidt, Platzwart FC Bremen – Thierry von Werveke
Wirtin von Ingas Stammkneipe – Cornelia Schmaus
Müller, Gerichtsmediziner – Christoph Krix
Karlsen, Kriminalassistent – Winfried Hammelmann
Frau Zeh – Ina Holst
Buch – Britta Stöckle
Regie – Ciro Cappellari
Kamera – Sorin Dragoi (BVK)
 

 

 

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