Stephen Kings Es (Stephen King’s IT) #Filmfest 729

Filmfest 729 Zu Hause

Die Schrecken der Kindheit: Durch Besiegung der Angst können sie ein Benefit sein

Stephen Kings Es ist ein zweiteiliger FernsehHorrorfilm aus dem Jahr 1990, der auf dem Roman Es von Stephen King basiert.

Drei Stunden lang Stephen King schauen und man weiß, wann und wo es mit den Horrorclowns angefangen hat, die heute so zahlreich die Welt bevölkern. Vielleicht ist Es gar nicht tot und liefert uns diese Clowns und viele andere Inkarnationen des allgemeinen und politischen Schreckens, weil nur die Menschen, die vom Anbeginn ihrer Existenz und von Generation zu Generation Traumen mit sich schleppen und weil die Traumen immer mächtiger werden, diese Gestalten sehen können, wie sie sind. Die übrigen denken, da ist gar nichts. Alles normal. Die Clowns, die Werwölfe, das Blut im Waschbecken, alles nur für jene, die im Club der Verlierer organisiert, in jenem Ort im Osten der USA, der mehr oder weniger Stephen Kings Universum des Bösen darstellt. Doch an welchem Ort man auch lebt, man entkommt diesen Dingen nicht. Deshalb sind die Kinder aus dem Club der Verlierer im späteren Leben zwar erfolgreich, aber ihnen allen fehlt die Fähigkeit, dem Fluch von Derry zu entkommen und zum Beispiel Kinder zu kriegen. Das ist ein grober Eindruck, mehr in der -> Rezension.

Handlung (1)

Die sieben Hauptfiguren – Bill Denbrough, Mike Hanlon, Ben Hanscom, Beverly Marsh, Stan Uris, Richie Tozier und Eddie Kaspbrak – sind zwölf Jahre alt, als sie einander 1960 in der Stadt Derry kennenlernen. Bill stottert, Mike ist schwarz, Ben ist übergewichtig, Beverly ist arm und wird von ihrem Vater misshandelt, Stan ist Jude, Richie ist ein hyperaktiver Brillenträger, Eddie ist klein und wird von seiner Mutter für kränklich gehalten. Niemand von ihnen wird von anderen Kindern akzeptiert. Deswegen schließen sie sich zusammen und nennen sich Klub der Verlierer. Probleme bereitet ihnen vor allem Henry Bowers, ein 14-jähriger Junge, der gerne kleinere Kinder verprügelt und währenddessen langsam den Verstand verliert.

In Derry verschwinden Kinder oder werden ermordet, eines der Opfer ist Bills jüngerer Bruder Georgie. Die Kinder entnehmen Berichten und einem Fotoalbum von Mike, dass alle 30 Jahre in Derry Unheil passiert, das von einer Es genannten, in der Kanalisation von Derry hausenden Kreatur ausgeht. Es kann die Gestalt der angsteinflößendsten Vorstellung derjenigen Person annehmen, die Es gerade überfällt. Meist tritt Es aber in der Gestalt des Clowns Pennywise auf. Henry und Prügelfreunde von ihm folgen den Klubmitgliedern in die Kanalisation. Henrys Freunde und scheinbar auch Henry selbst werden jedoch von Es getötet.

Die Klubmitglieder verletzen Es und verlassen die Kanalisation in dem Glauben, Es getötet zu haben. Sie verlieren einander aus den Augen. Bill wird ein erfolgreicher Schriftsteller, Ben Architekt, Beverly Modedesignerin, Richie Komiker, Stan Unternehmensberater und Eddie Leiter eines erfolgreichen Chauffeur-Unternehmens. Bis auf Mike vergessen alle ihre Kindheit; Mike ist in Derry geblieben und als Leiter der dortigen Stadtbibliothek nicht so weit aufgestiegen wie die anderen.

Im Jahr 1990 scheint Es wieder aufgetaucht zu sein. Als in kurzer Zeit erneut vier Morde geschehen und Mike beim vierten Mord neben dem Opfer ein Foto von Bills jüngerem Bruder Georgie findet, ruft er die restlichen Klubmitglieder an, um sie zur Vernichtung von Es zusammenzurufen. Stan begeht nach Mikes Anruf Selbstmord, indem er sich in einer Badewanne die Pulsadern aufschneidet. Die verbleibenden Klubmitglieder kommen nach Derry, werden dabei aber von bruchstückhaft einschießenden Kindheitserinnerungen gepeinigt. Wie sich herausstellt, lebt Henry noch. Er hat die Schuld für die Morde in Derry aus dem Jahr 1960 auf sich genommen, gilt als unzurechnungsfähig und ist in einer entsprechenden Einrichtung untergebracht. Dort sucht Es Henry in Gestalt eines früheren Freundes auf, welcher in der Kanalisation umgekommen ist, bewegt Henry dazu auszubrechen und sich am ‚Klub der Verlierer‘ zu rächen, da Es von allein mit der Gruppe nicht fertig wird.

Die lebenden Mitglieder des Klubs treffen abends in einem Hotel zusammen, trinken und feiern ihr Wiedersehen. Sie wollen Es am nächsten Tag töten. Mike wird jedoch in seinem Zimmer von Henry angegriffen. Ben und Eddie kommen zur Hilfe und Henry wird getötet. Mike muss ins Krankenhaus. Nach dem Vorfall wollen die Freunde aufgeben, aber Bill bittet sie, ihm wie 30 Jahre zuvor beizustehen. Zusammen suchen sie in den Abwasserkanälen nach Es. Dort erscheint Bills jüngerer Bruder Georgie erneut in dem Papierboot, das ihn einst in die Fänge von Pennywise führte, und geleitet die zunächst verbliebenen fünf Klubmitglieder tiefer in die Kanalisation.

Vor einer kleinen Holztür, die zu Es führt, erklärt Eddie, keinen Menschen je so geliebt zu haben wie die Gruppe der Klubmitglieder. Gestärkt betreten die fünf eine Höhle, in der die Opfer von Es in Spinnenweben an der Decke hängen. Es erscheint als riesige Spinne. Die Gruppe besiegt Es endgültig, indem Beverly einen alten Ohrring aus Silber in den Bauch der Kreatur schießt und sie schwächt, so dass die Gruppe Es umwerfen und sein Herz herausreißen kann. Eddie kommt hierbei ums Leben. Bill kann seine Frau befreien, welche entführt und gefangen gehalten wurde. Mike erholt sich im Krankenhaus, Richie wird erfolgreicher Schauspieler. Ben und Beverly heiraten eine Woche später und werden in der Folge Eltern.

Rezension

Der Film wird aus der Perspektive der Figur Bill Denbrough gespielt, er ist der erste und der letzte der fantastischen Sieben, die wir sehen. Er wird gespielt von Richard Thomas, Kennern des historischen amerikanischen Fernsehgeschehens bekannt durch seine Rolle als John-Boy Walton. John-Boy wird später Schriftsteller. Aus dem stotternden Bill Denbrough wurde ein berkannter Schriftsteller und außerdem dürfte er das alter ego von Stephen King im Buch und im Film sein. So findet alles recht gut zueinander. Und die Fahrrad-Therapie werden wir uns merken. Sie basiert darauf, dass man einen schwer traumatisierten Menschen, vorzugsweise eine Frau, die zuvor in einem wahrhaftigen Gespinst von „Es“ gefangen war, vor sich auf die Stange setzt und mit ihr so über die Hauptstraße eines Ortes räubert, dass alle paar Sekunden ein Unfall stattfinden würde, wäre diese Szene nicht in einem Roman von Stephen King angesiedelt, sondern im wirklichen Leben. Wobei ich „Es“ als Buch nicht kenne und deshalb die Rezensionszeit zum Glück der Leser:innen nicht damit zubringen kann, alle Unterschiede zwischen diesem und der zweiteiligen Fernsehverfilmung aus dem Jahr 1990 herauszuarbeiten.

Jedenfalls, am Ende ist Bills Freundin geheilt, weil der Überlebenswille vermutlich doch größer war als die bis dahin anhaltende Schockstarre, die durch die Gefangennahme in der Höhle von „Es“ ausgelöst wurde. Man hebe eine Lebensgefahr durch eine andere auf, wie bei Menschen, die unter Klaustrophobie leiden, das häufige Fahren mit Aufzügen inklusive zeitweiligem Steckenbleiben bei Stromausfall wahre Wunder wirken soll.

Humor hat der Film durchaus, das wir ihm auch bescheinigt. Ob dieser immer beabsichtigt ist, da bin ich mir nicht so sicher. Ich hatte mich beim Anschauen nicht ein einziges Mal gegruselt, was auch daran liegen mag, dass die Special Effects sparsam eingesetzt werden und nicht darauf ausgerichtet sind, neben Bills Freundin noch die Zuschauer:innen in Höllenängste zu versetzen. Kritisch war es, als einer der sieben Freunde sich schon wegen der Idee umbringt, noch einmal gegen Es antreten zu müssen. Das fand ich beinahe antisemitisch. Haben tatsächlich besonders rational denkende Menschen, die alles ordnen, kategorisieren, katalogisieren und das Meiste auch erklären können, die größte Angst vor dem Unbekannten, ist ihr Verhalten lediglich eine Abwehr gegen Fantasie und das Zulassen des Unwägbaren, Unkontrollierbaren? Ist es ein Rekurs auf ewige Diskriminierung, die zu eine disziplinierten und distanzierten Umgang mit der gesamten Außenwelt geführt hat?

Auf der Ebene des Nachdenkens über die Figuren funktionierte der Film im Laufe der Zeit für mich weitaus besser denn als Horrorspektakel, was er definitiv nach heutigen Maßstäben kaum ist. Ich meine, ohne das Buch, siehe oben, dass Es unsere Urängste symbolisiert und sich jene zu greifen wünscht, die sich zu sehr von ihnen beherrschen lassen oder auch jene, in denen viel Angst, aber auch viel Talent und ebenjene Fantasie schlummert, die so vielen anderen sich nicht erschließt. Aus der Überwindung der Angst erwächst jener Mut, der die Sieben zusammenführt, zusammenschweißt und im zweiten Anlauf offensichtlich das Es besiegen lässt. Im Buch, das habe ich aber in der Wiki nachgelesen, kam das Es quasi mit dem Leben in die Welt, ist demgemäß so alt, viel älter als die Menschheit, und etwas, dem wir uns immer wieder zu stellen haben. Leider wird es am Ende in Form einer Spinne verkörpert, die aussieht wie vom seligen Ray Harryhausen animiert, ein wenig wie Tarantula, aber nackt und in Farbe. Kein Wunder, dass man sie einfach anschieben kann wie einen liegen gebliebendenen Minitruck und sie kippt und erlaubt es, ihr mit Silberkugeln in den Bauch zu schießen, worauf das Licht des Bösen auf immer verlischt. 

Ich hätte es besser gefunden, das Böse unter diesen Umständen gar nicht in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Im Buch heißt es dazu, die Spinne sei nur die gerade noch erfassbare Gestalt des eigentlich Unbeschreibbaren. Pünktlich fast 30 Jahre später wurde „Es“ neu verfilmt, weil alle 30 Jahre … Sie wissen schon. Es würde mich interessieren, ob man dieses Mal vollständig auf die nicht wunderbaren, sondern sehr rational gestalteten Kräfte der CGI gesetzt hat, um die Menschen vor den Bildschirmen maximal zu erschrecken, oder ob man etwas mehr im Symbolischen zu bleiben vermochte, als man es in dieser Erstadaption getan hat, die man mit etwas bösem Willen  als plain bezeichnen kann.

Allerdings gilt diese Zuschreibung, so man sie eben treffen möchte, vor allem für den ersten Teil und für einige Merkwürdigkeiten des Plots. Die Riesenspinne frisst zum Beispiel ihre Opfer. Wieso werden dann in Gärten Kinderleichen gefunden, wie offenbar zu Beginn? Es dürfte nur zu Vermisstenanzeigen kommen, allenfalls zu Spuren. Und wieso hinterlässt Es am Tatort seines ersten Mords in den 1980ern ein Bild von Georgie, dem getöteten Bruder von Bill? Weil es Lust hat, die Sieben auf seine Fährte zu locken und sich mal wieder mit ihnen messen will? Weil es Hunger hat und keine Lust, wieder selbst auf Jagd zu gehen und lieber eine Art Einladung zum letzten Festessen ausspricht? Sofern  man sich nicht zu sehr an letztere Frage klammert, ist das Szenario  beinahe humanistisch, denn wie sollten sie ihre Dämonen der Vergangenheit anders überwinden als dadurch, dass sie diesen finalen Kampf ausführen? Im Grunde müssen sie gewusst haben, dass sie Es im ersten Anlauf nicht erwischen konnten, sonst hätten sich ihre Traumata damals schon gelöst und sie wären nicht nur beruflich erfolgreich geworden, sondern auch frei von Drogen, von unerfüllten Träumen und was es noch alles gibt, was bei auf den ersten Blick gut aufgestellten Menschen dazu führt, dass sie trotzdem nicht sind, was manals glücklich bezeichnen kann.

Was Stephen King alles in seinen Büchern verwebt wie eine große, gefräßige Spinne, was er verbuddelt, damit unser Unbewusstes darauf anspringt, um sich davon magisch angezogen zu fühlen, das kann diese Art von Verfilmung nicht vollständig wiedergeben, aber auch die King-Adaptionen, die als besonders gelungen gelten, wie „Se7en“, dieses Mal nicht als Symbol für eine 7er-Rasselbande, sondern wegen eines Mörders, der sich an den sieben Todsünden abarbeitet, müssen mit erheblichen Verkürzungen arbeiten und es ist dann vielleicht besser, künstlerisch Eigenständiges zu entwickeln, als einfach nur viel wegzulassen, und damit die Basis der Romane ganzheitlicher zu erfassen.

Finale

Stellenweise fand ich die Verfilmung geradezu langatmig. Sicher hat es auch damit zu tun, dass sie als Zweiteiler für zwei Abende angelegt ist, weniger um drei Stunden lang ein Mini-Binge-Watching mit beiden Teilen durchzuführen. Ich bin aber froh, es trotzdem auf diese Weise angegangen zu sein, denn wie immer habe ich einen Riesenstapel von Filmen, die zu sichten sind, im Hinterkopf, wenn ich mich vor den Fernseher oder an den Computer setze oder (derzeit nicht) ins Kino. Ich warte schon darauf, dass Es seine Spinnenfinger aus dem Abfluss des Waschbeckens streckt oder mir einen Luftballon schickt, der beim Platzen tausend Blutspritzer verursacht, um mich daran zu erinnern, auf welch unterschiedliche Art Kindheitstraumen im späteren Leben zu Fehlstellungen führen können. Zum Beispiel dazu, dass man andauernd über Filme schreibt, weil die Eltern den Fernsehkonsum nach eigenem Empfinden zu sehr reguliert haben und ansonsten mindestens eines der Problem hat, die auch den sieben Tapferen in „Es“ nicht fremd sind. Von ihnen überleben immerhin sechs und fünf von ihnen bleiben bis zum Ende zusammen.  

70/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie

Tommy Lee Wallace

Drehbuch

Lawrence D. Cohen
Tommy Lee Wallace

Produktion

Mark Bacino

Musik

Richard Bellis

Kamera

Richard Leiterman

Schnitt

Robert F. Shugrue
David Blangsted

Besetzung

Erwachsen

Jugendlich







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