Bill McKay – Der Kandidat (The Candidate, USA 1972) #Filmfest 733

Filmfest 733 Cinema

Vorbild für einen Wahlkampf aus aussichtsloser Position

Bill McKay – Der Kandidat (Originaltitel: The Candidate) ist ein US-amerikanisches Filmdrama von Michael Ritchie aus dem Jahr 1972.

„Der Kandidat“ war für mich eine echte Überraschung – er ist einerseits so schön zeitgebunden und die Mode, die Autos und Robert Redford, als er auf dem Weg zum Superstar war, in der Hauptrolle, das ist Nixons Amerika. Die Art, wie Wahlkampf gemacht wird, die Themen, die verhandelt werden, das gesamte Wesen der Politik, das war auch Nixons Amerika – aber es sieht so verdammt nach heute aus. So schmutzig wie der aktuelle US-Präsidentschaftswahlkampf Clinton vs. Trump geht es in dem Film nicht zu, die Tricks der Gegner sind auf einem Niveau und von einer Art, die nicht dem deutschen Politikstil entsprechen, aber nie unter der Gürtellinie. Wir haben den im Herbst 2016 verfassten Text für die Veröffentlichung im Jahr 2022 in der Folge nicht geändert, wiewohl die benannte Wahl bereits Geschichte ist und der aktuelle Präsident der USA Joe Biden heißt. Mehr zum Film in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Demokratischen Partei in den USA droht in Kalifornien ein weiteres Wahlfiasko. Der amtierende Senator Jarman scheint unschlagbar zu sein. Keiner der etalbierten Politiker will sich gegen Jarman aufstellen lassen, weshalb die Demokraten zu einem neuen, unbekannten Gesicht greifen müssen – dem liberalen Anwalt Bill McKay, dessen Vater John J. McKay früher als Gouverneur amtuerte. McKay lässt sich überreden und aufstellen. Seine einzigen Bedingungen: Er will sagen können, was er für richtig hält und zudem seinen Vater aus dem Wahlkampf heraushalten. Die Wahlkampfmanager sagen zu, da sie ohnehin kaum eine Chance für McKay sehen. Dennoch ist das Wahlkampfprogramm hart: mit Kindern Baseball spielen, Diskussion mit Farbigen und immer wieder TV-Auftritte. Langsam aber sicher scheint die Wählergunst bei McKay zu liegen, bis es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Senator Jarman kommt. Am Ende holt Bill McKay den Wahlsieg, doch wirkt er zu erschöpft, um diesen zu genießen zu können. Er fragt seinen Wahlkampfmanager, wie es nun weitergehen soll, doch bekommt er keine Antwort, da die Menschenmassen ihn umspülen.

Ein 2011 erschienener Film mit ähnlicher Thematik, in dem George Clooney einen Präsidentschaftskandidaten spielt, ist The Ides of March – Tage des Verrats.

Rezension

Ganz sicher war dieses Wahlkampfspektakel ein persönliches Projekt von Robert Redford und auch das ist typisch für das New Hollywood jener Zeit. Immer noch sind die meisten Stars liberal im amerikanischen Sinn, böse Zungen nennen es deshalb auch „left-wing“, sie sind, und das gehört sich für Menschen mit sehr viel Geld, den sozialen Problemen zugeneigt. Ich bin durchaus der Meinung, dass dies keine Attitüde ist, heute nicht und ganz sicher war es das nicht kurz nach dem Summer of Love und mitten in der Epoche, als die Watergate-Affäre hochkochte, die zur bislang einzigen Amtsaufgabe eines US-Präsidenten wegen eines politischen Skandals geführt hat, nicht während den Zeiten des Vietnamkriegs und nach der Bürgerrechtsbewegung. So gesehen, sind die Methoden, die in „Der Kandidat“ angewendet werden, vor allem legal, das zeichnet sie aus. Redford hat dann mit Dustin Hoffman in „Die Unbestechlichen“ einen hierzulande sehr viel bekannteren Politthriller gemacht (1977), in dem es tatsächlich um Watergate geht und die beiden haben die Enthüllungsjournalisten gespielt, die Nixon politisch das Genick brachen.

Heute äußert sich zwar der oben erwähnte George Clooney dankenswerterweise zu den aktuellen Präsidentschaftsbewerbern, aber das Schauspielerei und Politik auf höchster Ebene eine Allianz bildeten, ist schon fast dreißig Jahre her, der Akteur hieß Ronald Reagan und wurde als Präsident viel bekannter denn als Schauspieler, der vor allem in den 1940ern aktiv war. In Kalifornien, das im Film der Platz des Wahlkampfes ist, wurden noch einmal Schauspielerei und Politik vereint, als Arnolds Schwarzenegger dort das Gouverneursamt errang. Man sollte gar nicht meinen, dass dieser progressive Staat, in dem es ein San Francisco, ein Silicon Valley, eine weltweit führende Unterhaltungsindustrie gibt, konservative Politiker bevorzugt. Aber dass dies möglich ist, wenn man gleichzeitig einen progressiv-grünen Anstrich vermittelt, hat u. a. Schwarzenegger bewiesen, insofern ist das Szenario des Films realistisch.

Mir hat „Der Kandidat“ auch als Film gefallen. Wie die Story mit Cliffhanger-Schnitten erzählt wird, das war damals relativ neu und ist ein Stilmittel, um immer Spannung zu erzeugen und die Reaktionen von Menschen unberechenbar erscheinen zu lassen. Dabei handelt es sich um eine Technik, die Szenen unterbricht, bevor sie auserzählt sind. Man sieht also, wie sich eine Situation entwickelt, aber kurz bevor sie entschieden wird, wechselt die Einstellung und man sieht das Ergebnis der vorangegangenen Aktion – nicht immer. Manchmal muss an es sich dazudenken. Wäre also A nicht passiert und B nicht passiert und dadurch C nicht eingetreten, wäre D in der nächsten Szene nach gängigen Konventionen unlogisch oder psychologisch sehr fragwürdig. C also oft nicht gezeigt und das gibt dem Film etwas Dynamisches und Dokumentarisch-Ausschnitthaftes. Diese Methode funktioniert nicht immer perfekt, es gibt zwei drei Momente, die recht krytpisch bleiben, aber die Frage ist denn auch, ob man dabei von Malfunction sprechen kann. Ich mochte diese eher stillen Augenblicke, in denen nur gezeigt, nicht erklärt wird und dann geht es weiter.

Der Film war für erwachsenes Publikum gemacht und konnte sich daher kognitive Anforderungen leisten, die über die heute übliche Narren- und Kindersicherheit hinausgeht, auch das macht ihn zu einem typischen Kind seiner Zeit, in der viel experimentiert und Neues gewagt wurde, ohne dass der US-Film deswegen ins Elitäre abgedriftet wäre, wie etwa der frühe deutsche Autorenfilm.

Selbstverständlich spielt bei der positiven Bewertung eine Rolle, dass man verblüfft feststellt, dass die sozialen und wirtschaftlichen Fragen sich kaum geändert haben, dass Arbeitslosigkeit schon vor der ersten Ölkrise (1973) ein Thema in den USA war, dass sogar die Umweltthematik beginnt, in der Agenda der Politiker eine Rolle zu spielen. Kalifornien hat heute bekanntlich weltweit mit die strengsten Umweltauflagen, ohne dass es dazu der Etablierung einer grünen Partei bedurft hätte. Das sagt viel darüber aus, dass die US-Politik bei all ihren Problemen eine hohe Erneuerungskraft und die Fähigkeit besitzt, sich sehr wohl vom Lobbyismus ein Stück weit frei zu machen, um Dinge für alle zu verwirklichen. Freilich, gerade dabei kommt dem Staat an der Pazifikküste zugute, dass er keine Schwerindustrie hatte, kaum Ölförderung, auch die Finanzwirtschaft ist eher im Osten des Landes angesiedelt, dass also die konservativen, beharrenden Kräfte in Kalifornien nicht die Macht hatten wie in vielen anderen Staaten der USA. Selbst der oben erwähnte Arnold Schwarzenegger hat die grundsätzliche Linie, den Californian Way of Life, der sich erheblich vom durchschnittlichen American Way of Life unterscheidet, nie angetastet.

Interessant ist auch der Ton des Films. Vom engagierten Verbraucherschützer-Rechtsanwalt, Sohn eines Gouverneurs, der es sich leisten kann, sich mit Herzensangelegenheiten zu befassen, wandelt sich Bill McKay in kurzer Zeit, nämlich während eines einzigen Wahlkampfes, zum Politiker, der anfängt, neben sich zu stehen, sich von seinem Management, seiner Entourage, die von einem alten Alumni angeführt wird, Vorgaben machen zu lassen. Alles ist nicht Erfolg, aber am Ende eben doch. Da Bill McKay zunächst keine Chancen eingeräumt werden, kann er frei von der Leber weg sprechen, doch als er mit seiner sympathischen, jugendlichen und notabene gutaussehenden Art gegenüber dem als unschlagbar geltenden Platzhirsch in den Poll Punkt um Punkt gutmacht, da wird eben aus dem, der alles darf, derjenige, der einiges will. Manchmal entgleitet er sich selbst, aber auch das schadet ihm nicht und er wird das junge Gesicht einer jungen Politik.

Ganz gewiss reflektiert der Film auch die Zeit in den USA, als John F. Kennedy sich auf den Weg machte, er hofft auf eine Wiederholung, die das Land aus dem Sumpf des Vietnamkrieges und der Korruption, des Verbrechens und einer schon etwas wackeligen Wirtschaftslage befreien soll. Man muss bedenken, dass seit dem Mord an JFK erst neun Jahre vergangen waren, als „Der Kandidat“ gedreht wurde, die Erinnerungen und das Trauma waren noch sehr frisch, und wie es dann weiterging, mit den Bürgerrechten, mit den weiteren politischen Morden an Martin Luther King und an JFKs Bruder Robert, der in dessen Fußstapfen treten wollte, das alles lag erst wenige Jahre zurück.

Ob Kennedy auch solche satirisch-zynischen Anwandlungen hatte, als er in die Politik ging und merkte, wie einfach es ist, mit schönen Worten zu manipulieren, wissen wir nicht – ich weiß es nicht, eine profunde Biografie über ihn habe ich nie gelesen – aber das gehört auch zum Ton des Films. Dass ich einerseits auf dem Höhepunkt seiner Wahlkampfauftritte, als er seine Grundsatzrede hält, echte Begeisterung und Rührung empfand, obwohl die Aussagen sehr simplifiziert waren, dass ich dann aber auch sehen konnte, wie der Kandidat das alles reflektiert und sich selbst fremd vorkommt in seiner politischen Rolle. Nicht umsonst fragt er: Und jetzt?, als er die Wahl gewonnen hat, denn er hat keine blasse Ahnung vom Politikbetrieb und was er mit einem Mandat, das er nie glaubte gewinnen zu dürfen, nun anfangen soll. Das unterscheidet ihn gewiss auch von Mitgliedern politischer Dynastien in den USA wie den Kennedys, wo gewiss niemand eine solche Frage stellen musste, seit Vater Joe, der erfolgreiche Börsenmakler, in die Politik ging. Aber die Sympathie für den Kandidaten McKay resultiert eben auch daraus, dass er einfach mal loslegt, als Fast-Amateur.

Dass er als Rechtsanwalt und Vertreter von Verbraucherinteressen, was in den USA ein richtiges Genre ist, gut ankommt, merkt er mit seinem scharf analysierenden Verstand allerdings sehr schnell und da gibt es Stellen, wo er dem Zuschauer eine Distanz nahelegt und darüber nachzudenken, was Erfolg aus uns allen machen kann – umso mehr, wenn er so plötzlich kommt.

Finale

Diese Rezension wird vermutlich nach der US-Präsidentschaftswahl 2016 erscheinen, es sei denn, wir ziehen sie wegen der Wahl vor, aber in diesem Zusammenhang und zum allgemeinen Politikverständnis kann sie einiges Beitragen, um auch die aktuelle Situation zu bewerten, denn die Innensicht ist eben doch immer noch viel authentischer als alles, was bei uns über die USA und deren Politik kommentiert und teilweise schwadroniert wird. Für an Politik überhaupt nicht interessierte Menschen, also für die Mehrzahl, finde ich den Film trotzdem geeignet, weil er allgemeinmenschliche Dinge gut veranschaulicht. In jedem Lebensbereich, im Kleinen wie im Größeren, wird um Stimmen, um Zustimmung, um Anerkennung gekämpft und die Methoden sind nicht immer die saubersten. In jeder Familie gibt es Platzhirsche und junge Herausforderer, Sympathisanten und Gegner.

Ein wenig übers Medienbusiness und wie Menschen sich gut verkaufen lassen, lernen wir ebenfalls, aber da heute jeder bei Facebook Selbstvermarktung mit unzähligen Selfies betreibt, haben wir da mittlerweile einen wesentlich mehr aufs Mitmachen ausgerichteten Zugang zu den Medien, die Geheimnisse der Fernsehdemokratie sind jetzt doch schon ein etwas älterer Hut. Trotzdem, die Gedanken des Wahlkampftrosses und auch die persönliche Interaktion kommen sehr gut rüber.

Kein Wunder: An dem Film waren erfahrene Wahlkampfmanager beteiligt und zusätliche Authentizität erhält er durch viele Größen seiner Zeit, die sich selbst spielen – die Schauspielerin Natalie Wood („West Side Story“) wird dabei nicht nur erwähnt, sondern hat eine kleine Sprechrolle und äußert sich dabei auch politisch im Sinn von McKay. Statements dieser Art gehören in den USA zum guten Ton, auch das ist in Deutschland eher selten. Von den meisten hiesigen Schauspielern weiß ich nicht einmal, wie sie politisch ticken – gehe aber davon aus, dass sie, ähnlich wie die berühmteren Kollegen und Kolleginnen in den USA eher progressiv sind – Musiker wagen sich da schon etwas mehr aus der Deckung.

80/100

© 2022 Der Wahlberliner (Entwurf 2016)

Regie Michael Ritchie
Drehbuch Jeremy Larner
Produktion Walter Coblenz,
Nelson Rising
Musik John Rubinstein
Kamera Victor J. Kemper,
John Korty
Schnitt Robert Estrin,
Richard A. Harris
Besetzung

 

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