Meerjungfrauen küssen besser (Mermaids, USA 1990) #Filmfest 735

Filmfest 735 Cinema

Schwimmen können heißt, bessere Überlebensschancen haben

Meerjungfrauen küssen besser ist ein US-amerikanischer Kinofilm von Richard Benjamin aus dem Jahr 1990. Der Film basiert auf dem Roman Mrs. Flax und ihre Töchter (Originaltitel: Mermaids) der amerikanischen Autorin Patty Dann aus dem Jahr 1986.

Das Jahr 1963 war ein ganz besonderes für die Amerikaner, weil es den 23. November gab, Dallas, Texas und die Ermordung des Präsidenten. Wir sehen dieses Ereignis, wenn wir über die jüngere Geschichte der USA und der westlichen Welt nachdenken, als Wendepunkt an. Deswegen ist es immer wieder ergreifend, wenn dieses Ereignis in einem Film dargestellt wird und wie schockiert die Menschen waren; wie die Welt stillzustehen schien, in Dallas, in Massachusetts und überall, wo sich die Erwartungen und Hoffnungen eines neuen Zeitalters in dieser Person spiegelten. Ob der Film insgesamt so berührend ist und andere Aspekte klären wir in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Film spielt in den USA der 1960er Jahre. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der 15-jährigen Charlotte Flax, die mit ihrer sexuell freizügigen Mutter Rachel und ihrer achtjährigen Schwester Kate zusammenlebt und ihren Vater nie kennengelernt hat. Das große Problem und die einzige Konstante dieser Kleinfamilie ist der ständige Ortswechsel, verursacht von Mrs. Flax, die nach jeder gescheiterten Beziehung mitsamt ihren Töchtern umzieht, nur um in einer neuen Stadt den Fehler zu wiederholen.

Die Töchter haben sich ihre eigenen Fluchten aus der Realität geschaffen: Kate ist begeisterte Schwimmerin und fühlt sich unter Wasser am wohlsten, Charlotte zeigt ein großes Interesse an der katholischen Kirche, obwohl die ganze Familie jüdisch ist.

Ein erneuter Umzug führt die drei in eine Kleinstadt in Neuengland. Dort stürzt sich Mrs. Flax in eine Beziehung mit dem von seiner Ehefrau verlassenen Schuhverkäufer Lou, der sich nicht nur um sie bemüht, sondern auch für Charlotte und Kate zu einem Ersatzvater wird. Zum ersten Mal entwickelt Mrs. Flax ernsthafte Gefühle für einen Mann.

Auch Charlotte entdeckt unerwartet die Liebe, was ihr streng religiöses Weltbild reichlich durcheinanderbringt. Der Mann ihrer Träume ist der junge schweigsame Schulbusfahrer Joe. Allmählich kommen sich beide näher. Eines Abends kommt es zu einem Unglück: Charlotte lässt ihre kleine Schwester allein am Fluss spielen, während sie mit Joe Zärtlichkeiten austauscht. Kate fällt ins Wasser und verliert das Bewusstsein. Zufällig vorbeikommende Nonnen können sie retten.

Während Kate im Krankenhaus liegt, kommt es zur heftigen Auseinandersetzung zwischen der Mutter und Charlotte. Mrs Flax wirft ihrer älteren Tochter vor, dass ihre Pflichtvergessenheit fast zum Tode Kates geführt habe. Sie ohrfeigt Charlotte und fordert sie auf, ihre Sachen zu packen und das Haus zu verlassen. Doch Charlotte entgegnet ihrer Mutter, dass diese sich nie um die Bedürfnisse der Töchter gekümmert, sondern egoistisch ihre Männerbekanntschaften in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt habe. (…)

Rezension 

Doch das Leben geht weiter. Im Film und in der Realität. Die Nachwirkungen dieses Attentats sind erst aus heutiger Perspektive einzuordnen, vor allem, weil dieser Mord das erste in einer Reihe von Ereignissen war, welche aus verständiger Sicht alles infrage stellten mussten, wofür die USA nach eigener Ansicht standen.

Es ist aber bezeichnend für einen Film, wenn der emotionale Höhe- oder Tiefpunkt dieses Ereignis ist, und nicht in der Handlung und den Figuren. Dazu kommt, dass die 1960er in „Meerjungfrauen“ nicht sehr lebendig werden, wenn man von einigen Musikeinspielungen absieht, die jenes Aufnehmen des Zeitgeistes eher vortäuschen als etablieren und die recht beliebig wirken. So viele amerikanische Filme beziehen sich auf die 1950er oder 1960er, dass man das alles bereits kennt und auch vergleichen kann, in welchen dieser Retrospektiv-Fiktionen das Zeitkolorit am besten zutage gefördert wird.

Sicher hat es auch mit Cher zu tun, dass die Authentizität nicht auf höchster Stufe angesiedelt ist. Sie spielt die Mrs. Flax und wirkt seltsam unecht als Frau der frühen 1960er. Ein wenig scheint ihre Figur, am meisten ihre Frisur, von Peggy Bundy beeinflusst, wenn man von Chers unüberwindbarer Eigenpersönlichkeit absieht, die den Film klar dominiert und nie in der Rolle verschwindet, die sie innehat. Vielleicht ist das auch nicht notwendig, denn wenn die Art von Frau, die sie darstellt, mit ihrer großen Unruhe und mit dem starken Hang zum Egoismus, eine Selbstreflektion der Darstellerin ist, dann könnte ja gerade dadurch etwas Echtes entstehen.

In gewisser Weise ist das so, auch wenn man Cher eben nicht mit den frühen 1960ern assoziiert, sondern mit dem Wandel hin zur Hippie-Kultur und dem persönlichen Karrierebeginn im Jahr 1965 mit „I’ve Got You, Babe“, den sie zusammen mit ihrem damaligen Gesangspartner Sonny Bono einspielte. Cher ist so hochdekoriert, so erfolgreich (sie gilt mittlerweile als vermögendste Künstlerin der Welt), dass sie trotz Oscarprämierung für ihre Rolle in „Mondsüchtig“ eher als Ikone durch „Meerjungfrauen“ wandelt, denn dass man sie als Mutter aus der unteren Mittelschicht wahrnimmt, die zwei Mädchen durch ihre Welt der vielen Fluchten mitschleppt. Etwas in uns sperrt sich gegen die Annahme, dies sei eine realistische Person, optisch und verhaltsensseitig, aus dem Jahr 1963.

Vielleicht ist das ungerecht, aber der Unterschied zu den anderen Darstellerin ist deutlich. Winona Ryder zum Beispiel spielt die 15-jährige Charlotte als 19jährige sehr glaubhaft, auch als Gegenpart zur offensiven Mutter, gibt das Mädchen, das sich in einen vollkommen unhinterfragten Katholizismus stürzt, um sich zur sündigen Mutter abzugrenzen, die es ganz offensichtlich versäumt hat, ihre Tochter sexuell aufzuklären. So, wie sie vieles versäumt hat und ihrer kleinen Familie ein höchst unruhiges Leben beschert hat, aus egoistischen Motiven. Auch hier gibt es wieder Parallelen, die Ryders einfühlsame Darstellung erklären – sie stammt tatsächlich aus einer Form von Hippie-Familie und war in ihrer Schulzeit so sehr Außenseiterin, dass sie vom College genommen und privat unterrichtet wurde. Der Sensibilität und dem Einfühlungsvermögen schadet es sicher nicht, wenn man nicht jeden Tag im Überlebenskampf gegen die Dummheit der Masse steckt, sondern sich freier entwickeln darf.

Für uns ist ihre Darstellung die beste in „Meerjungfrauen“, sie gibt das Mädchen, das schüchtern, etwas seltsam, aber auch von ganz natürlichem Verlangen getrieben ist, sehr differenziert und jederzeit nachvollziehbar, während Chers Mrs. Flax sich nie vollkommen erschließt. Natürlich muss man nicht jede Macke hergeleiten, wie etwa Mrs. Flax‘ Hang zu overstyltem Essen, die Art, Annäherung und Distanz miteinander zu kombinieren, dass sie manchmal so kalt wirkt, wie es der ernsthaft an ihr interessierte Schuhladenbesitzer Lou Landsky (Bob Hoskins) ausdrückt. Nicht sie wird erklärt, sondern ihr Verhalten anhand ihrer Töchter, also dem, was diese durchmachen, indem sie mit ihrer Mutter bisher 18-mal den Ort gewechselt haben, weil dieses sich jedes Mal in Affären verstrickt, aus denen nur das Weiterziehen der Ausweg zu sein scheint. Dagegen rebelliert Charlotte am Ende des Films.

Auch die jüngere Tochter Kate (Christina Ricci in einer Kinderrolle) hat sich ihr eigenes Ding gesucht, indem sie ihr Schwimmtalent nutzt. In der Anfangsszene und später noch einmal sieht man sie im Becken, wie sie im Delphinstil schwimmt. Besonders wenn man diese Lage in so jungen Jahren schon trainiert, ist sie das, was man sich unter maximaler Anstrengung beim Schwimmen vorstellt. Auch der Versuch, einen Tauchrekord in der Badewanne aufzustellen, fällt unter dieses Phänomen der Selbstkonzentration unter Ausblendung verwirrender Umwelteinflüsse. Jeder Sportler, der sich ständig selbst übertreffen will, der andere übertreffen muss, um sich zu beweisen und zu fühlen, äußert damit einen Ehrgeiz, der möglicherweise aus einem emotionalen Defizit resultiert. Nicht umsonst sind besonders verbissene Typen in technischen Disziplinen oft herausragend. Allerdings sollte man die Interpretation der Figur Kate nicht zu weit treiben, denn andere Einflüsse wie ehrgeizige Eltern fehlen hier vollkommen. Im Gegenteil, von ihrer Mutter oder auf deren Wunsch hin erwächst das Engagement des Kindes sicher nicht.

Dass sie am Ende beinahe im Wasser den Tod findet, ist ebenso symbolisch, durch ihr Schicksal wird das Beinahe-Scheitern im Überlebenskampf des gesamten Dreispanns Flax inszeniert, aber da sie überlebt, geht es auch für die Familie insgesamt gut aus, denn dieses Mal sind die Koffer auf dem Dach des pinkfarbenen Kombis kein Zeichen für Ortswechsel. Doch, aber nur in dem Sinn, dass die drei aus ihrem etwas schäbigen kleinen Haus zu Lou ziehen.

Anfangs besticht „Meerjungfrauen küssen besser“ Film mit schöner Schnitttechnik, dieses Element verliert sich allerdings im Verlauf, wie auch die Handlung immer mehr Züge einer typischen Hollywood-Tragikomödie annimmt, wie sie in jenen Jahren typisch war. Es gibt immer einen Zeitstil, und der nostalgische Rückgriff auf die Zeit, die durch die vorherige oder die vorvorherige Generation geprägt worden war und die jene Generationen geprägt hat, hatte in den späten 1980ern und frühen 1990ern außerordentliche Konjunktur (ausgelöst im Wesentlichen durch den Erfolg von „Zurück in die Zukunft“, 1985). Instinktiv hat man wohl erfasst, dass diese Zeit unwiderbringlich verloren war.

Finale

Leider fehlt dem Film ein wenig die ingeniöse Verbindung der Elemente, die ihn durchaus reichhaltig wirken lassen. Der Kennedy-Mord steht ziemlich für sich allein, ebenso die religiöse Symbolik, über deren Verwendung man nur dann etwas schreiben müsste, wenn das Witzeln der jüdischen Filmemacher, die hier eine jüdische Familie zeigen, tatsächlich in die Richtung tendieren würde, dass Kennedy als Katholik eine Chimäre mit dem Versprechen einer wunderbaren Welt darstellte, die ebenso wenig den Schritt ins Erwachsenenleben einer Nation übersteht wie der Glaube an die jungfräuliche Geburt die Erkenntnis darüber, wie Kinder zustande kommen. Das wäre vielleicht doch zu zynisch, und bei aller Witzelei über den Katholizismus, die hier durchaus zu beobachten ist, zynisch ist der Film am Ende nicht, und hätte er es zwischenzeitlich sein wollen, wäre er an seiner Inkonsequenz gescheitert. So ist er eine Tragikomödie, die ihre Momente hat und durch die straffe Handlungsführung nicht langweilt, aber er ragt nicht über das hinaus, was die Beteiligten in anderen Produktionen gezeigt haben, sondern zeigt nicht alles, was Cher, Ryder und Hoskins schauspielerisch können.

69/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Richard Benjamin
Drehbuch June Roberts
Produktion Lauren Lloyd
Wallis Nicita
Patrick J. Palmer
Musik Jack Nitzsche
Kamera Howard Atherton
Schnitt Jacqueline Cambas
Besetzung





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