Russland in Wirtschaftszahlen: Hohe Reserven, wenig Exzellenz, kaum Progress +++ Putins Weltmachtträume und wirtschaftliche Realitäten +++ Nationalismus als Droge | Frontpage | Weltpolitik, Weltwirtschaft | Gold- und Devisenreserven, Kriegsvorbereitungen, Handelspartner

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Liebe Leser:innen,

um Russland und die Ukraine kommen wir im Moment nicht herum. Wir hätten lieber andere Themen in den Vordergrund gestellt, das dürfen Sie uns glauben. Jetzt denken wir darüber nach, ob wir, nach dem Vorbild des Wahlberliner-Corona-Reports und des neuen Wohn-Bau-Reports, auch die Geschehnisse rund um den Ukraine-Krieg auf diese Weise zusammenfassen und vertiefen. Allerdings würde das dann wohl in einem Rahmen geschehen müssen, der sich generell mit Geopolitik und auch mit ökonomischen Aspekten dieser Politik befasst. Denn das, was wir aktuell sehen, steht zwar wie der Elefant, aber nicht isoliert im Raum. Es ist unmöglich, es ohne eine größere Einordnung zu analysieren. Wir bringen heute gleich zwei Beispiele dafür, die sich mit wirtschaftlichen Belangen befassen. 

Die hohen Währungsreserven Russlands sind schon länger ein Thema für Analysten und auch für Putin-Fans. Nun fragt Statista in der Überschrift seiner Grafik, ob Putin sich mit der Erhöhung der Gold- und Devisenreserven seit Jahren gezielt auf einen Krieg vorbereitet hat. 

Grafik von Statista unter CC-BY-ND lizenziert

Ob Russlands Präsidenten Wladimir Putin die Landesfinanzen schon seit geraumer Zeit auf den Kriegsfall vorbereitet, ist nicht bekannt. Ganz sicher aber zeigen die Daten der Zentralbank der Russischen Föderation, dass die Gold- und Devisenreserven des Landes seit geraumer Zeit zunehmen. Waren es Anfang 2018 fast 448 Milliarden US-Dollar, sind es aktuell rund 630 Milliarden US-Dollar – das entspricht einem Wachstum von 41 Prozent. „Das würde reichen, um für ein Jahr alle Importe zu bezahlen, ohne dass Russland etwas exportieren müsste“, so Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer in einem von tageschau.de zitierten Artikel der Süddeutschen Zeitung. Krämer ist nicht der einzige Experte, der skeptisch ist, ob Wirtschaftssanktionen kurzfristig ernsthafte Auswirkungen haben können. In diesem Zusammenhang sagte der Russland-Kenner Vasily Astrov dem Handelsblatt, dass Russland sei kaum auf Gelder aus dem Ausland angewiesen sei. Das Land habe eine extrem niedrige Staatsverschuldung und könne sich Geld von den eigenen Banken leihen.

Dass diese Aufstellung, die Putinfreunde feiern, auch mit Einsparungen im ohnehin sehr niedrig bemessenen Sozialhaushalt des Landes einhergehen, wird von diesen geflissentlich verschwiegen. Die russische Wirtschaft läuft schon seit Jahren nicht mehr rund. Man kann auch sagen, seit Putin sich wieder vor allem auf imperialistische Ziele konzentriert. Dazu ist er auf die Absicherung durch die Superreichen, die ihm verpflichtet sind, mehr angewiesen als auf ein Volk, dessen Lebensstandard sich zuletzt kaum noch erhöht hat und dessen Pro-Kopf-BIP weiterhin nur ein Viertel des deutschen Wertes aufweist und nicht einmal ein Fünftel des US-amerikanischen. Würde der Rohstoffreichtum des Landes gerecht verteilt, gäbe es eine wesentlich breitere MIttelschicht. So aber weist Russland einen der höchsten Vermögens-Gini-Werte (misst die Gleichheit bzw. Ungleichheit einer Gesellschaft) der Welt auf.

Trotzdem sind diese 630 Milliarden Dollar so viel nicht. Andere Länder sind weniger auf solche Reserven angewiesen, weil sie nicht gedenken, aus der internationalen Gemeinschaft auszuscheren und sich Sanktionen auszusetzen, sie weisen auch höhere Staatsschulden auf als Russland, aber viele von ihnen haben eine wesentlich bessere Bonität und können sich, wie Deutschland, derzeit quasi zum Nulltarif refinanzieren. Sprich, diese Reserven wären für stark international eingebundene, funktionierende Volkswirtschaften mehr oder weniger totes Kapital. Wichtiger ist es, dass die hiesigen Banken ihre Eigenkapitalquoten stärken, als dass der Staat Billionen, die den Bürger:innen nicht zur Verfügung stehen, die im Geldkreislauf nichts bewirken können. Und es müssten bei den wirklich großen Volkswirtschaften Billionen sein, im Vergleich zu der russischen Größenordnung. Deutschland zum Beispiel müsste, um eine in Relation zur Größe der Volkswirtschaft ähnliche Bevorratung abzubilden, mehr als eine Billion Euro an Reserven lagern. Wozu, unter der Ägide einer international kompatiblen Politik? Sollte es hingegen zu einem fundamentalen Wirtschaftscrash kommen, der die Leitwährung Dollar und den Euro zerstört, was man nie auszuschließen sollte, wären die Devisenreserven nur noch wertloses Papier; allenfalls mit den Goldreserven könnte man dann noch etwas anfangen. Dies ebenfalls nur, sofern es noch Abnehmer gäbe, die bereit wären, mehr als einen Ausverkaufspreis zu zahlen. Am besten dann in Naturalien.

630 Milliarden sind, auch das wissen die Putinfreunde auswendig, weniger, als die USA in einem einzigen Jahr für Rüstung ausgeben. Langfristig wird das nicht reichen, um Russland mitlitärisch und ökonomisch über Wasser zu halten. Viel wichtiger ist der Zugang zu Kapital weltweit. Und da hat sich heute etwas ergeben, was wir für sehr viel signifikanter halten als diese russischen Staatsreserven: Die Schweiz hat erklärt, sich an Sanktionen gegen Russland aufgrund ihrer Neutralität nicht zu beteiligen. Sprich: Das Land, über das Russland schon länger den überwiegenden Teil seines Auslandszahlungsverkehrs abwickelt, gewährt weiterhin freien Zugang zu seinem Bankensystem. Woran uns das erinnert ,dürfte klar sein: Die Schweiz hat schon Hitler dabei geholfen, seinen Krieg weiter fortführen und finanzieren zu können. Auf besonders krude Weise dadurch, dass via Schweiz Beutekunst in großem Stil ins Ausland abgesetzt wurde.

Die Schweiz würde auch Russland nicht fragen, wo die Schätze herkommen, die diese in einem Angriffskrieg befindliche Nation veräußern will. Solange es Länder wie die Schweiz gibt, sind ernsthafte Sanktionen gegen einen Aggressor zwar nicht wirkungslos, weil sie nicht nur den Zahlungsverkehr betreffen, und das Bunkern von gerafftem Oligarchenvermögen geht dort traditionell und wird immer möglich sein. Die Schweiz beherbergt(e) als sicherer Hafen, der nach dem vollkommen politisch neutralen Prinzip „pecunia non olet“ funktioniert, mehr Blutgeld von Diktaturen als jedes andere Land der Welt. Zusammen mit einigen Steueroasen sorgt die Schweiz bis heute dafür, dass Frieden auf der Welt niemals hergestellt werden kann, solange Länder nicht militärisch komplett besiegt sind, sondern, wie Russland, als Sicherheit für weitere Finanzierungen z. B. ihre Rohstoffe anbieten können. Oder eben ihre Devisenreserven. In der Schweiz freut man sich vermutlich schon über den Krieg, denn zuletzt ließ der Zustrom an Geld, das unbedingt in die Schweiz musste, weil es woanders nicht mehr sicher war, doch etwas nach. Nicht, dass weniger abgezweigt wird, aber z. B. ist die Konkurrenz zwischen den Steuervermeidungsterritorien nicht kleiner geworden.

Ach ja. In Europa gibt es ein Land, das nur knapp 9 Millionen Einwohner aufweist und noch größere Devisenreserven als Russland hortet. Es fängt mit „S“ an. Schweden, Spanien, Slowenien oder Serbien ist es nicht.

Die zweite Grafik, die wir Ihnen zeigen, stellt die wichtigsten Handelspartner Russlands dar:

Grafik von Statista unter CC-BY-ND lizenziert

Deutschland ist für Russland der drittgrößte Exportmarkt. Das zeigt die Statista-Grafik auf Basis von Daten der World Integrated Trade Solution (WITS), einer Handelssoftware der Weltbank. Der mit Abstand wichtigste Exportpartner Russlands ist dagegen China mit einem Anteil von 13,4 Prozent an allen Exporten. Auf dem zweiten Rang folgen die Niederlande. Dies liegt mutmaßlich am sogenannten Rotterdam-Effekt. So erscheint etwa Rotterdam als größter europäischer Hafen in vielen ausländischen Statistiken als Zielort, selbst wenn die Ware dort lediglich umgeladen wird und dann den Rhein hinauf nach Deutschland oder über den Ärmelkanal nach England weiterbefördert wird.

Wie diese Statista-Grafik zeigt, exportierte Russland zuletzt vor allem Erdöl und Erdgas im Wert von 19,4 Milliarden Euro nach Deutschland – das entspricht einem Anteil von 59% an allen deutschen Einfuhren aus Russland. Außerdem lieferte Russland Metalle, Mineralöl- und Kokereierzeugnisse und Kohle nach Deutschland.

Weitere wichtige Exportmärkte Russlands sind Weißrussland, die Türkei, Südkorea, Italien und Kasachstan. Der Anteil der russischen Exporte ins Vereinigte Königreich und in die USA liegt dagegen nur bei 3,1 Prozent. Wie stark welche Handelssanktionen des Westens die russische Wirtschaft am härtesten treffen würden, zeigt diese Statista-Grafik auf Basis aktueller Berechnungen des Instituts für Weltwirtschaft Kiel. Demnach hätte ein Handelsstopp mit Erdgas die schwerwiegendsten Auswirkungen.

Schauen Sie sich bitte gerne die verlinkten Grafiken zur Vertiefung an, wir werden sie im Fortgang des Reports auch noch besprechen. Haben Sie unter den genannten wichtigsten Ausfuhrgütern Russlands nach Deutschland irgendetwas Technisches entdeckt, komplexe Fertigprodukte? Wir nicht. Fragen Sie uns im Moment bitte noch nicht, warum Russland das auch 30 Jahre nach der Wende noch nicht schafft, Dinge zu produzieren, die auf der Welt nachgefragt sind. Wir möchten nicht zu rasch urteilen. Eines zeichnet sich anhand dieser Gewichtung aber ab: Russland ist hochgradig anfällig für wirtschaftliche Schwierigkeiten, wenn es keine Rohstoffe exportieren kann. Das Portfolio an Gütern, das nach China geliefert wird, dürfte kaum anders aussehen. Möglicherweise ist Russland sogar eines der wenigen Länder, das gegenüber China eine positive Handelsbilanz ausweist, weil im Gegenzug nicht genug Technik und Konsum-Klimbim importiert werden kann, um sie ausgeglichen zu gestalten. Die Russ:innen, sofern sie sich diese leisten können, stehen ohnehin eindeutig mehr auf europäische und amerikanische Marken.

Die russische Abhängigkeit von China sieht mit 13 Prozent der Exporte noch nicht so gigantisch aus, aber sie wird sich in Zukunft steigern. Vor allem gibt es mittlerweile Berichte, die darauf hinweisen, dass europäische und asiatische Firmen sich aus China zurückziehen. Leider sind darunter noch nicht die wichtigen Konzerne der Auto- und Maschinenbauindustrie, die bisher immer noch überwiegend Vorteile darin sehen, diesen Riesenmarkt bedienen zu dürfen, auch wenn sie dabei eine Hochrisiko-Technologietransfer-Politik betreiben müssen, weil der chinesische Staat es so vorschreibt. Aber da geht es um den Kampf wirtschaftlicher Giganten um die ökonomische Vorherrschaft, um die wahren Imperien, die auch die Ressourcen haben, über lange Strecken zu gehen, solange der Kapitalismus noch so passabel funktioniert, dass die Reichen und Mächtigen den Imperialismus am Laufen halten können. Bei diesem Spiel kann Russland im Grunde nicht mitspielen und deswegen wirkt Putins imperialistisch-reaktionäre Haltung im Grunde lächerlich. Sofern er den Atem hat, sie mit Waffengewalt voranzutreiben, kann er aber weitere Scheinerfolge verzeichnen, die dazu führen, dass seine Administration noch mehr wirtschaftliche Not zu bewältigen hat, wie zum Beispiel durch die Integration der Ukraine in dieses Imperium. Schon die Investitionen auf der Krim, heißt es, hätten wichtige Gelder aus anderen Regionen Russlands abgezogen, in denen ebenfalls dringender Modernisierungsbedarf herrscht. Es kommt eben nichts von nichts und Weltmachtträume, die nur auf militärischer Stärke, aber nicht auf substanziellem Wohlstand beruhen, können langfristig nicht mit Leben erfüllt werden. Hingegen sind solche Länder wegen ihrer unausgewogenen Aufstellung besonders gefährlich, weil Nationalismus individuelle Lebenszufriedenheit ersetzen muss und daher von manipulativen, propagandastarken Regimen wie dem Putinschen nach Kräften gefördert wird.

Es ist kein Zufall, dass nicht in dem Moment, als Russland am Tiefpunkt seiner realen Weltstellung angekommen war, Mitte der 1990er, sondern, seit es wirtschaftlich nicht mehr so richtig gut läuft, im Sinne der ewigen Aufholjagd, seit ein paar Jahren eben, die Töne aus dem Kreml immer schriller werden. Jetzt sind die Töne zu Handlungen eskaliert.

TH

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