… und dann ist Zahltag – Tatort 65 #Crimetime 1097 #Tatort #Hannover #Heiligenhafen #Brammer #Hesse #NDR #Zahltag

Crimetime 1097 Titelfoto © NDR

Ich weiß es nicht mehr

… und dann ist Zahltag ist ein Fernsehfilm aus der Fernseh-Kriminalreihe Tatort der ARD und des ORF. Der Film wurde vom NDR produziert und am 15. August 1976 zum ersten Mal gesendet. Er ist die 65. Folge der Tatort-Reihe, der dritte mit Kommissar Brammer. Das Drehbuch entstand nach dem Kriminalroman Der Zahltag von Joachim Jessen und Detlef Lerch.

Ein Brammer-Tatort kann auch einer sein, in dem dieser nur zu Beginn vorkommt, dann nach Mallorca fliegt, was offenbar damals schon ein Grund für soziales Bashing war, wohingegen ein Polizist die Ermittlungen übernimmt, der in Heiligenhafen Strandurlaub macht. Und wie sind die Ermittlungen im vorletzten Fall von Brammer, der ihm aber nur sehr knapp zugerechnet werden kann?

Handlung (1)

Vor sechs Jahren überfielen Ewald Merten und Otto Wollgast den Geldboten des Schürmann Supermarktes. Als Wollgast zur Waffe griff, vereitelte Merten den Überfall. Merten bekam nur eine kurze Strafe und wurde von Schürmann als Chauffeur eingestellt. Wollgast kommt nun nach Jahren aus dem Gefängnis. Die Polizei vermutete, dass die beiden einen gut informierten Hintermann hatten. Diesen kontaktiert Wollgast und bricht in Schürmanns Villa in Hannover ein. Nachdem er nur einen leeren Tresor vorfindet, schlägt er den Hauswart nieder, der ihn kurz vor der Flucht entdeckt hat.

Schürmann, der gerade in Heiligenhafen an der Ostsee weilt, wird von Brammer über den Vorfall informiert. Jedoch scheint es den Senior nicht sonderlich aufzuregen. Wollgast derweil hat es auch nach Heiligenhafen verschlagen, wo er seine Informationsquelle per Telefon kontaktiert. Er versucht von dem dort jetzt wohnenden Merten Geld zu leihen. Merten blockt ab und wünscht keinen Kontakt mit ihm. Ein Liebespaar, das Wollgast beim heranschleichen an die Villa aufgeschreckt hat, erkennt ihn in Brammers Vorbestraftenkartei wieder. Da Kommissar Brammer in den Urlaub fährt, bittet er seine Kollegen, den im Urlaub in Heiligenhafen weilenden Polizeiobermeister Hesse zu kontaktieren.

Hesse befragt Schürmann Senior und Junior. Zuvor jedoch hat der Junior von seinem Vater erfahren, dass er pleite ist und nichts im Tresor war. Dennoch will der Senior dabeibleiben, dass seine Werte gestohlen wurden, die er aber aufgrund seiner finanziellen Schieflage längst verkauft hat. Schürmann Junior bewohnt zurzeit ein unfertiges Apartmenthaus und drängt den Vater, bei der Wahrheit zu bleiben.

Indessen hat sich Hesse mit der Familie Merten angefreundet. Doch plötzlich wird Mertens Tochter Angelika von einem Unbekannten entführt. Merten hat Wollgast in Verdacht. Der Entführer fordert, dass Merten am nächsten Tag die Kreissparkasse überfallen und das Geld an einem Treffpunkt abgeben soll. Erst dann wird seine Tochter wieder freigelassen. Um das Leben seiner Tochter bangend, überfällt er die Sparkasse, doch diese wird schnell von der Polizei umstellt. Zur gleichen Zeit überfällt ein Unbekannter die Vereinsbank einige Straßen weiter und entkommt mit 200.000 DM. Er entpuppt sich als Schürmann Junior, der Wollgast und Merten den Tipp beim Supermarkt-Überfall vor sechs Jahren gab. Er lässt Angelika frei und kehrt in den Apartmentbau zurück. Dort überrascht ihn Wollgast, der ihn Jahre lang erpresst hat. Er fordert nun die ganze Raubsumme. Es entbrennt ein Streit zwischen den beiden Männern, wobei Schürmann zu flüchten versucht.

Angelika ist von Hesse aufgefunden und nach Hause gebracht worden. Da entdeckt er gelbe Farbe an dem Stofftier der Kleinen. Ihm wird sofort klar, dass diese von Schürmanns Baustelle stammt. Mit den örtlichen Beamten macht er sich sofort dorthin auf. Sie kommen jedoch zu spät. Schürmann hat Wollgast während der Prügelei im Wasser vor dem Bau ertränkt. Als Hesse ihn fragt, warum er den Raub beging, gibt er zu, von Wollgast erpresst worden zu sein. Wozu er das Geld benötigte, wisse er nicht mehr.

Rezension

Das ist manchmal das Beste: Wenn man das Motiv für eine Tat vergessen hat. Insbesondere bei Kapitalverbrechen kann das den Ausschlag für die Zurechnung von Mord oder Totschlag geben. Bei Vermögensdelikten reicht normalerweise aber Vorsatz aus, und niemand handelt in diesem Film unvorsätzlich. Um es an dieser Stelle schon zu verraten: Der letzte „Brammer“-Krimi, der den Namen „Das stille Geschäft“ ist wesentlich dynamischer und vom Plot her runder als „… und dann ist Zahltag“. Habe ich schon angemerkt, dass mich Titel nerven, die mit drei Auslassungszeichen beginnen? Was schon so anfängt, ist meist kein Beispiel für einen perfekten Plot und eine ebensolche Inszenierung. Auch der Krimi mit den beiden Banküberfällen zum selben Zeitpunkt hat seine Highlights, zum Beispiel die Banküberfälle. Was in der Kreissparkasse vor sich geht, ist schon beinahe Klamauk, der andere Überfall läuft deshalb umso reibungsloser. Das Beste aber sind die Schaulustigen vor der Sparkasse, denen die Sensationsgier ins Gesicht geschrieben steht und die teilweise Bemerkungen wie: „Der gehört aufgehängt“ oder „Kopf ab!“ machen. Richtige Demokraten waren die Deutschen im Jahr 1976, das merkt man sofort und das soll auch ausgedrückt werden.

Routinier Jürgen Roland, der bei mehreren Brammer-Fällen die Regieposition innehatte, ist schon ein guter Beobachter, der auch gut zuspitzen kann. Dieses Knackige, Menschen in all ihrer inneren Hässlichkeit zu zeigen, wird in „… und dann ist Zahltag“ gekontert durch eine sehr lässige Abhandlung des Plots. Diese lässt viel Raum, um die Figuren zu beleuchten und das gelingt auch, aber der Fluss der Handlung ist eher träge. Sehr gelungene Einzelszenen werden zu sehr ausgewalzt, daran sind auch die besonders alltagsnahen Dialoge schuld, die zwar weitgehend authentisch wirken, aber nicht literarisch verdichtet sind. Vater und Sohn Schürmann, ein klassischer -Fail zwischen Kriegs- und Wiederaufbau-Generation und den rebellierenden Nachkommen, die Ältere damals für überwiegend arbeitsscheu hielten. Das stimmte in den meisten Fällen gar nicht, aber sie wirkten eben anders als die Altvorderen mit dem zurückgekämmten Silberhaar, fuhren Motorrad anstatt S-Klasse, aber dieses Mal ist es der Alte, der sich mit dem Bau einer Appartementanlage übernimmt und den Jüngeren zu einem Versicherungsbetrug überreden will. Und dann ist da noch der Räuber und Einbrecher, ein traditioneller Gaunertyp, wie er in den 1970ern in Tatorten häufig gezeigt wurde. Anders als heute, denn mittlerweile stehen längst Normalbürger:innen im Mittelgrund, deren Leben entgleist, als dass man klassische Räuberpistolen erzählt.

„… und dann ist Zahltag“ ist eine ebensolche Räuberpistole. Es wird auch geschossen. Aber, bemerkenswert: Es gibt keinen Mord, wie auch im erwähnten „Das stille Geschäft“. Dort endet alles tragisch, mit einem Suizid, hier nicht. Dem sympathischen ehemaligen Kleingauner und Aussteiger Merten wird eine sehr bedrückende Nötigungslage als Rechtfertigungsgrund für seinen Banküberfall zugerechnet und da ganz knapp niemand zu Schaden kam, kommt er davon. Ob das in der Realität tatsächlich von einem Gericht so bewertet würde? Da bin ich mir nicht sicher, aber logisch ist es durchaus. Das Drehbuch für den 65. Tatort basiert nicht auf einem realen Fall, was es auch immer wieder gab und gibt, sondern auf einem Roman.

Das Setting ist wieder einmal grandios. Ich rieche geradezu den Nordseeurlaub mit meinen Eltern aus jenen Jahren, in denen der Film entstand und die 1970er werden wieder einmal sehr lebendig. Vielleicht gab es Terminprobleme, vielleicht wollte der NDR aber auch sein Sendegebiet ausnutzen und neben der Hafenstadt Hamburg, damals das Revier von Kommissar Trimmel, eine der neuen Ferienhochburgen an der Nordsee präsentieren. Die Hotels und Ferienwohnungen in Heiligenhafen waren damals gerade erst gebaut worden, das sieht man deutlich, und an dem Boom wollte eben auch der Supermarktbesitzer Schürmann teilhaben. Wer, der sein Vermögen in obskuren Ferienanlagenprojekten überall in Südeuropa verbuddelt hat, kennt dieses Gefühl nicht. unbedingt an einem Bau-Hype teilnehmen zu wollen? Gerade im Moment haben wir ja auch wieder so eine Phase, in der das Immobiliengold, das Betongold, auf der Straße zu liegen scheint. Allerdings war die wirtschaftliche Basis für solche Haussen in den 1970ern noch gesünder, die Menschen verdienten mehr und konnten häufige in Urlaub fahren, es wurde also mit solchen Anlagen durchaus ein realer Bedarf gedeckt.

Finale

Gaunertum trifft auf Familienkonflikt, könnte man „… denn sie wissen nicht, was sie tun“, sehr kurz zusammenfassen. Als emotionaler Aufhänger dient ein kleines Mädchen, das entführt wird. Mit dieser Entführung soll eine gewagte Konstruktion umgesetzt werden. Ein Banküberfall wird gefordert, dessen Missglücken für den Ausgang der Absichten des Erpressers gar keine Rolle spielt, denn er überfällt gleichzeitig eine andere Bank und macht das hinreichend professionell, um mit der Beute zu entkommen. Um die brachliegenden Arbeiten an den Appartements wiederaufzunehmen bis zur Fertigstellung der Bauten, reicht die erbeutete Summe von 200.000 DM wohl nicht. Aber vielleicht für einen Neuanfang, irgendwo im Nirgendwo. Weit weg von dem Vater, der immer garstig war und außerdem pleiteging.

Wenn man Filme mit viel 70er-Atmosphäre und Strände mit Muscheln und Seetang mag, ist man in „… und dann ist Zahltag“ richtig, Irgendwie schien die Sonne damals heller und brave Menschen, die Reue zeigten, bekamen Jobs bei Kapitalisten und durften deren Schlitten steuern. Diese Gnade der herrschenden Klasse ist auch ein Narrativ aus den goldenen 1970ern, nicht die Wirklichkeit der heutigen Arbeitswelt. Okay, war es damals auch nicht oder selten, aber man stellt sich vor, dass einfach noch mehr möglich war und Schicksale überraschende Wendungen nehmen konnten.

6/10

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)

Regie Jürgen Roland
Drehbuch Werner Jörg Lüddecke
Produktion Rüdiger Humpert
Kamera Frank A. Banuscher
Schnitt Inge Bohmann
Besetzung

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