Alles was Recht ist – Tatort 1196 #Crimetime 1102 #DGR #Tatort #Wien #Eisner #Fellner #ORF #Recht #alles

Crimetime 1102 – Titelfoto © ARD Degeto / ORF / KGP, Sarah Meister – Die große Rezension

Im dunstigen Universum des Rechtsempfindens

Der „Tatort“ aus Österreich hat am Sonntagabend eine Topquote erreicht. Die Episode „Alles was recht ist“ schalteten ab 20.30 Uhr 9,44 Millionen (29,6 Prozent) Zuschauer im Ersten ein (Q). Alles über neun Millionen ist eine gute Quote, vor allem in diesen wechselhaften Zeiten. Also kann man sagen, über neun Millionen Menschen haben sich mit den Wiener Herzchen Moritz und Bibi zusammen auf das nebulöse Feld des Unrechts im Recht begeben. Und ich musste ein wenig in der Vergangenheit kramen und außerdem ein wenig Rechtsvergleichung betreiben. Vorweg: Ich fände es nicht gut, wenn Tatorte aus Österreich und der Schweiz mit Rechtsfiguren operieren würden, die in Deutschland zwar auch vorhanden sind, aber eine andere Bedeutung haben, denn das überwiegende Publikum der Tatorte kommt nun einmal von hier. Mehr nun aber in der –> Rezension.

Handlung 

Eisner und Fellner werden zu einem glasklaren Fall gerufen: zwei Leichen und ein Täter, der selbst die Polizei alarmiert und am Tatort auf die Ermittler wartet. Tatwaffe, Motiv und Tatsachengeständnis inklusive. Mord aus Eifersucht, ein vorgeführter Ehemann, der die Nerven verlor. Alles könnte so „gschmeidig“ laufen, hätte nicht ausgerechnet der gerissenste Anwalt des Landes die Verteidigung des Angeklagten übernommen und einen Freispruch erwirkt.

Kurz darauf landet der Anwalt selbst auf dem Obduktionstisch – und der Freigesprochene verschwindet spurlos. Zu allem Überdruss taucht auch noch Inkasso Heinzi, ein alter Bekannter von Moritz und Bibi, auf, um die Freundschaft der beiden wieder einmal auf eine harte Probe zu stellen.

Rezension

Um die großen Fragen des Lebens ging es in früheren Tatorten ebenfalls, aber sie waren meist so dargestellt, dass sie von Zuschauer:innen ohne Jura-Studium (in Österreich: Jus) verstanden wurden. In „Alles was Recht ist“ (falsch geschrieben, hinter das „alles“ gehört auch nach neuer Rechtschreibung ein Komma), wird insbesondere untersucht, wie eine tatbestandlich eindeutige Tötungshandlung am Ende zu einem Freispruch führen kann. 

Und da fangen die Probleme bereits an. Ex-Justizminister Heiko Maas wollte den Mordparagrafen § 211 StGB in Deutschland reformieren, um die rechtspolitisch schwierige  „Gesinnungstäterschaft“ rauszunehmen und nur noch auf den Taterfolg und den Vorsatz als Bedingungen auch für Mord abzustellen. Derzeit ist dies in Deutschland beim Totschlag (§ 212) der Fall und Mord gilt immer noch mehrheitlich als „qualifizierter“ Totschlag, also ein Totschlag unter Vorhandensein besonderer objektiver oder subjektiver Tatbestandsmerkmalen ausgeführt. Mich hatte gewundert, dass im Film der Begriff „Mord“ verwendet wird, ohne dass auf die Tatumstände näher eingegangen wird, denn schon diese wären in Deutschland ein Kampffeld geworden, hätte die StA (die Staatsanwaltschaft) den W. (Weingartner) wegen Mordes angeklagt. Zum Vergleich die beiden Paragrafen:

§ 211 StGB

(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.
(2) Mörder ist, wer
aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder
um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,
einen Menschen tötet.

§ 75 ÖStGB

Wer einen anderen tötet, ist mit Freiheitsstrafe von zehn bis zu zwanzig Jahren oder mit lebenslanger Freiheitsstrafe zu bestrafen.

So einfach geht es, aber wo kämen wir in Deutschland hin, wenn mal etwas einfach wäre. Schlimmer noch: Ohne, dass dies an der Absatzgestaltung erkennbar wäre, beinhaltet die deutsche Norm subjektive Tatbestandsmerkmale wie „Mordlust“ und objektive wie „grausame Begehungsweise“, die jeweils zum objektiven oder zum subjektiven Tatbestand hinzutreten müssen, damit Mord bejaht werden kann. 

Erster Tipp beim Anschauen des Films: Nicht davon irritieren lassen, dass hier von Mord gesprochen wird, aber die in Deutschland zu dessen tatbestandlicher Erfüllung wichtigen besonderen Mordmerkmale nicht ein einziges Mal erwähnt werden. Das modernere österreichische Strafrecht kennt diese komplexe Unterscheidungstechnik, die auch zu vielen Fehlurteilen und zu einem „Gesinnungsstrafrecht“ führt bzw. Überbleibsel desselben ist, nicht (mehr).  Beibehalten wurde aber auch in Österreich der grundsätzliche Aufbau, der einen Allgemeinen und einen Besonderen Teil kennt (in Österreich wird auch von zwei Besonderen Teilen, den Kapital- und den Vermögensdelikten, gesprochen).

Die sogenannte Zurechnungsfähigkeit als ein Schuldausschließungsgrund wird erst ganz am Ende eine einer Deliktsprüfung wichtig, wenn der Tatbestand erfüllt ist und keine Rechtfertigungsgründe vorliegen (etwa Notwehr). Das wird im 1102. Tatort durchgewinkt, damit man sich auf dies konzentrieren kann:

ÖStGB § 11

 Wer zur Zeit der Tat wegen einer Geisteskrankheit, wegen einer geistigen Behinderung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen einer anderen schweren, einem dieser Zustände gleichwertigen seelischen Störung unfähig ist, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, handelt nicht schuldhaft.

StGB § 20 Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen

Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen einer Intelligenzminderung oder einer schweren anderen seelischen Störung unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.

Man erkennt schon auf den ersten Blick, dies sind Regelungen des jeweiligen „AT“, die sich auf alle oder viele Delikte beziehen und sie sind glücklicherweise noch immer weitgehend gleich formuliert, im Grunde unterscheidet sich lediglich die Satzstellung. Dieser wichtige Schuldausschließungsgrund der Unzurechnungsfähigkeit hat also die Zeiten überdauert, in Deutschland hat man sogar kürzlich „Schwachsinn“ in „Intelligenzminderung“ umformuliert. Kein Kommentar dazu, wie Rechtsreformen bei uns und wie sie in anderen Ländern, in denen mehr ganzheitlich gedacht wird, ausschauen. Okay, also doch: Bei uns wird mit Begriffen  hantiert, wo andernorts neue Erkenntnisse der Psychologie, des Gesellschaftsbildes und der Kriminalistik zu Generalreformen führen, in Österreich hat man z. B. auch die Kapitalverbrechen und die Vermögensdelikte in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt, was bei uns ebenfalls seit Langem gefordert wird, aber bisher nicht umgesetzt wurde. Ob das in der Praxis nun eine Verschärfung oder gar Simplifizierung im Sinne der neueren konservativ-rechtsgerichteten Regierungen dort bedeutet, kann ich nicht beurteilen, wir machen hier schon genug Rechtsvergleichung, obwohl das auf dem Niveau problematisch ist. Man muss bestimmte Unterschiede aber kennen, sogar um feststellen zu können, dass man sich im Film auf die Unzurechnungsfähigkeit konzetriert hat und damit auf etwas, das wohl im deutschsprachigen Raum nach wie vor eine sehr ähnliche Rechtsfigur darstellt. Zudem eine, die immer wieder in die Diskussion gerät, wenn es eben zu Freisprüchen wegen Unzurechnungsfähigkeit kommt, wie in diesem Film.

Die Tat wird uns nicht direkt gezeigt, glücklicherweise. Vielleicht ist das bei der immer erst im Spätfernsehen gezeigten „Langversion“ (93 Minuten) anders, die mittlerweile mehr oder weniger stillschweigend von allen Tatorten erstellt wird und regelmäßig ein paar Grausamkeiten beinhaltet, die man dem 20:15-Uhr-Publikum nicht zumuten darf. Falls es diese Darstellung gibt, dann muss sie so abgefasst sein, dass sie die Möglichkeit eines Freispruchs nicht infrage stellt. Damit kommen wir zu einem Problem des Films, das existiert, falls uns nichts Wesentliches in dieser ziemlich verschwurbelten Darstellung der letzten halben Stunde entgangen ist: Wieso hat der W. den Anwalt einfach machen, sich von ihm vertreten lassen, wenn er doch sühnen wollte? Ich hätte das verstanden, wenn seine neue Liebe, Frau S., ihm den Mann aufgedrängt hätte, damit W. freikommt und aus der Love per Letter eine reale Beziehung werden kann. Aber er lernt ihn ja durch Bibis besonderen Freund, den Inkasso-Heinzi kennen, dieser und der W. sitzen zusammen in der JVA ein, wie es der große Zufall will, der auch sonst stark gefordert ist, um die komplexen Relationen zwischen Personen zu erstellen, die in einer so großen Stadt wie Wien niemand vermuten würde. Es ist fast wie dort, wo ich herkomme: Jeder kennt jeden oder wenigstens jemanden, der jeden kennt, der wichtig werden könnte. Aber schon dort handelt es sicher eher um ein Klischee, die darauf gründen, dass es einmal großindustrielle Großmilieus gab, nicht auf kleinräumiger Dörflichtkeit. Kleinere Familien und eine immer mehr sich ausdifferenzierende Lebenswirklichkeit machen solche Konstruktionen im Grunde immer unwahrscheinlicher, aber wo sollten sonst die Motive für einen Krimi herkommen, wenn sie halbwegs sinnvoll gestaltet sind?

Ein weiterer Knackpunkt ist, dass die Staatsanwaltschaft schön dem Gutachter über den W. zuhört und das, was dieser sagt, so einfach hinnimmt. Vielleicht macht man in Österreich tatsächlich vergleichsweise kurzen Prozess, der Mord ist ja auch viel kürzer formuliert als in Deutschland, aber ich hätte als Staatsanwalt ein Gegengutachten beantragt. Obwohl es nicht thematisiert wird: Der Gutachter wird von der Verteidigung bestellt und es könnte, gerade angesichts der so deutlich hervorgehobenen Windkeit des Anwalts, sich um eine zu große Nähe zwischen den beiden handeln, die eine Gefälligkeit zumindest nicht vollkommen abwegig erscheinen lässt. Immerhin sind zwei Frauen auf eine Weise umgebracht worden, die man, natürlich wieder in Deutschland, als Femizid bezeichnen kann. Denn die Frage bleibt im Raum: Hätte das den W. beleidigende oder diskriminierende Gespräch zwischen zwei Kumpels stattgefunden und hätte die Ehefrau durchgedreht und sie beide ermordert? Ich glaube, das wäre eine absolute Ausnahme gewesen, denn die Tendenz zur „Auflösung“ einer Situation durch physische Gewalt dem anderen Geschlecht gegenüber ist Männern eben doch mehr eigen. Psychoterror seitens der Frau hingegen wäre nur dann anzunehmen gewesen (psychische Gewalt in der Ehe), wenn diese so gesprochen hätte, obwohl sie von der Anwesenheit ihres Mannes wusste und dass dieser mithören konnte. Dass Ehepartner mit Dritten zusammen gerne ablästern, ist zwar unangenehm, aber kein Verbrechen, auch kein Tatbestand, der sich mildernd auf die Umstände einer Gewalthandlung auswirken; selbst dann ist dies nicht der Fall, wenn demjenigen, über den gelästert wird, dies von einer anderen Person oder gar von dem Gesprächspartner, der nicht Teil der Ehe ist, hinterbracht wurde.

Als nächstes muss man sich mit der rechtspolitischen Aussage des Films befassen. Ist sie dahingehend zu verstehen, dass die Schuldausschließungsgründe hinterfragt werden sollen? Diese Tendenz zeigen viele Krimis, weil das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen diese Idee kaum zulässt. Dabei ist sie eine der modernsten Einrichtungen im rechtsstaatlich ausgeführten Strafrecht. Und Freisprüche deswegen gibt es tatsächlich auch bei uns, gab es auch in jüngster Zeit, nach dem Dreh des Wien-Tatorts:

Das Landgericht München I hat am Freitag einen 83 Jahre alten Angeklagten wegen Schuldunfähigkeit vom Vorwurf der Tötung der Ehefrau freigesprochen. Die Strafkammer habe nicht ausschließen können, dass die Steuerungsfähigkeit des Mannes bei der Tat aufgrund einer Depression aufgehoben war, sagte ein Gerichtssprecher. (Q)

Eine Intelligenzminderung kann man beim leitenden Finanzbeamten W. wohl ausschließen, aber depressiv wirkt er schon, oder? Wenn jemand einfach nur durchdreht, wird das bei uns durch den minder schweren Fall des Totschlags (§ 213 StGB) teilweise aufgefangen, der auf einen geringeren Strafrahmen hinausläuft:

StGB § 213: Totschlag in einem minder schweren Fall

War der Totschläger ohne eigene Schuld durch eine ihm oder einem Angehörigen zugefügte Mißhandlung oder schwere Beleidigung von dem getöteten Menschen zum Zorn gereizt und hierdurch auf der Stelle zur Tat hingerissen worden oder liegt sonst ein minder schwerer Fall vor, so ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren.

Nach allem, was der Film zeigt, wäre eine Verurteilung nach § 213 beim W. bei uns wahrscheinlicher gewesen als ein Schuldausschluss. Aus Gründen wird das Gutachten über den W. wohl auch sehr knapp dargestellt. Problem: Die Unzurechnungsfähigkeit gerät immer wieder dadurch in den Misskredit der Volksmeinung, weil geglaubt wird, sie sei recht einfach „zu kontruieren“, wenn der richtige Rechtsverdreher in Person des Verteidigers und der richtige Psychiater des Teufels zusammen eine solche aushecken. Das stimmt aber nicht, die Zahl von Urteilen dieser Art ist sehr gering. In Wien scheint es gemäß der Darstellung in „Alles, was Recht ist“ auch nur einen Anwalt zu geben, der so ein Rechtsverdreher ist, bei dem sogar diejenigen freikommen, die es gar nicht wollen, sondern sich selbst eine Schuldlosigkeit per Unzurechnungsfähigkeit gar nicht zurechnen. Umso schwerer wiegt das Problem, dass der W. diesen Rechtsbeistand in Anspruch genommen hat.

Denn er hat Gottes Plan durchkreuzt, nicht nur den des W., nach Ansicht des W. Seine neue Freundin hat da einen guten Einfall: Warum nicht auch dieses Urteil als von Gott gewollt annehmen? Wenn Gott verzeiht, warum dann der Mensch sich selbst nicht? Wie sollte andes auch die Beichte funktionieren? Das ist kluger Katholizismus, während der W. wie ein besonders sinistrer Protestant wirkt, der immer und immer auf sich selbst zurückgeworfen ist und immer in denselben Gedankenkreisel einsteigt, wenn es für ihn schwierig wird. Deswegen hier ein weiterer Tipp: Falls Depressionen oder die Tendenz zur Schwermut bei Ihnen in der Familie liegen und Sie überhaupt das Christentum fortleben lassen wollen, lassen Sie Ihr Kind katholisch sein. Das macht das Leben wirklich einfacher. Vielleicht nicht das Leben von Kindern, die katholischen Priestern zum Schutz anbefohlen sind, aber man kann den gefährlichen Zölibat nicht mit der sonnigen Exkulpierung per Ohrenbeichte verrechnen. Die gilt übrigens auch für Mörder. Ich wüsste zu gerne, was der Beichtvater jemandem als Buße auferlegt, der ihm gerade den Doppelmord an seiner Frau und deren Freundin mitgeteilt hat. Sich zu stellen? Schön möglich, wenn man das Instrument der Beichte einigermaßen ernst nimmt. Aber das Geheimnis bleibt und der W. stellt sich ja auch bzw. bleibt gleich am Tatort auf dem Sofa des altbürgerlichen Wohnzimmers sitzen, diesem  Ort, an dem eine dysfunktionale Familie sich in Blut aufgelöst hat.

Sehr schön gemacht ist das Visuelle des Films, das solche Ort wirklich gruselig wirken lässt, egal, ob dort etwas passiert ist oder nicht. Die Kameraperspektive, wenn bestimmte Personen bestimmte Sachen zu besprechen haben, die Kälte und leichte Vernebelung vieler Szenen wirken in ihrer Art klarer als der Plot: Es geht um die Unfassbarkeit der Moralität in einer Welt, in der diese am Ende sich in herzzerreißender Einsamkeit auflöst. Atmosphärisch ist der Film also ebenfalls sehr gut gemacht, nicht etwa ansprechend, denn das, was wir sehen, ist nicht ansprechend und in unserer Gesellschaft sicher auch eher selten. Mörder, die sich jedwede Rechtfertigung für ihr Tun ausdenken, also Täter nach dem deutschen § 211, sind genau gegenteilig drauf: Irgendeine sachliche, persönliche oder auch religiös hinterlegte Ausrede gibt es fast immer. Vielleicht ist das aber auch eine Ansicht meinerseits, die auf der Art von Morden beruht, wie sie in Berlin am häufigsten vorkommen. Im Vergleich zu dem, was wir im Film sehen, wirkt das alles so banal und eindeutig: Die Täter finden es okay, die hiesige Rechtsordnung ist anderer Ansicht, schwierig ist eher der eindeutige Nachweis.

Finale

Auf einige Aspekt von „Alles, was Recht ist“ können wir nur noch kurz eingehen. Bibi und Moritz spielen vergleichsweise zurückgenommen, vor allem zu Beginn, als ob sie sich erst ein wenig neu eingrooven müssten, Inkasso-Heinzi als lebendiger Schmierstoff für die manchmal etwas kantige Handlungsführung habe ich neutral aufgefasst. Immerhin erfahren wir, was die Bibi und den Heinzi miteinander verbindet. Die Eifersucht steht dem Grantler Moritz gut, aber vorwiegend deshalb, weil die beiden Darsteller Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser doch so gut aufeinander eingespielt sind, dass es nicht peinlich wirkt, wenn Moritz den Heinzi nicht in Bibis Nähe wissen will, nachdem er selbst schon zwölf Jahre professionelle Distanz zu ihr gewahrt hat. Sie machen das so, dass man sich als Zuschauer damit klarfinden kann. Einen Film, in dem diese Distanz ganz aufgelöst wurde, ist mir jedenfalls nicht bekannt oder ich erinnere mich nicht mehr daran. Hm. Für mich ist ein wenig im Nebel geblieben, was man mit diesem Film mit der leicht beschlagenen Optik nun wirklich wollte. Für mich bleibt er die Darstellung eines tragischen Einzelfalles, der bei allem guten Spiel und trotz der Tragik auch recht konstruiert wirkt und einige zweifelhafte Wendungen beinhaltet. 

6,5/10

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Finden Sie nicht auch, dass Bibi und Moritz auf dem Bild gucken, als wenn schon Krieg wär? Der Film wurde aber schon im September und Oktober 2021 gedreht. 30 Tage hat’s gedauert, vom 6. September bis zum 5. Oktober 2021, was nebenbei belegt, dass die Österreicher sich auch etwas mehr Zeit für die Erstellung eines Tatorts lassen. In Deutschland liegt der Durchschnitt für einen Dreh mittlerweile nur noch bei ca. 23 Tagen. 

Hierzulande wird eben alles hirnlos kaputtgespart, was gut ist und daher nicht urbillig sein kann. Aber der Rechtsstaat ist überall in Gefahr und beim ORF wird das oft auch recht deutlich gezeigt. Handelt es sich hier um einen von jenen Krimis, in denen der Rechtsstaat es schon gegen die Politik schwer hat, oder doch gegen die Justiz?

„Wie ist es in einem Rechtstaat möglich, dass ein geständiger Mörder freigesprochen wird? Stefan Weingartner hat seine Frau und deren beste Freundin auf dem Gewissen, doch dank seines gewieften Verteidigers Thomas Hafner muss er für diese Tat nicht ins Gefängnis. Als der umstrittene Staranwalt kurz darauf selbst tot aufgefunden wird, ist die Ratlosigkeit bei Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) noch größer (…).“ – Tatort Fans, Redaktion

Als wir letzte Woche die Kölner so gehypt haben, dürfen wir heute nicht vergessen, dass für uns der Eisner und die Fellner knapp dahinter kommen, wenn es rein darum geht, wen würden wir am meisten vermissen, wenn das Team Schluss machen würde? Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass Österreicher:innen der nächsten Generation noch diesen grantigen Charme haben wie die beiden. Naja, in Wean wean’s schon welche finden, die sich nicht ins paneuropäische Einheitsprofil des konturlos-scheinfreundlichen Jasagers haben einfinden können. Aber noch sind sie da, die zwei Unverwechselbaren,  und wie kommen sie durch den neuesten Fall?

„Ein Biedermann als Mörder, der um seine gerechte Strafe geradezu bettelt, die ihm von einem gerissenen Anwalt verwehrt wird, der schließlich selbst zum Mordopfer wird – das Setting dieses Tatorts ist durchaus reizvoll, und der von morbidem Charme geprägte Auftakt weckt hohe Erwartungen. Doch so recht will der Funke nicht überspringen. (…) Natürlich menschelt es zwischen den beiden mal wieder sehr, und der ganze Film wird zu einem guten Teil von der Dreiecksbeziehung zwischen Eisner, Fellner und Inkasso Heinzi getragen, aber das fehlende Spannungsmoment können auch sie nicht ausgleichen. Insgesamt ein solider Durchschnittskrimi, aber eigentlich erwartet man mehr aus Wien.“ – Tatort-Fans, a. a. O.

Dass man von den beiden mehr erwartet, hat auch mit den Spitzenkrimis ihrer gemeinsamen Anfangszeit wie „Kein Entkommen“ zu tun. Und vielleicht damit, dass es in den letzten Jahren zu einigen respektablen Filmen und vielleicht sogar zu Weiterentwicklungen des Formats gekommen ist. So genau weiß ich das nicht, wir haben ja immer noch einen profunden Rückstand, seit Sommer 2020, obwohl wir mittlerweile wieder direkt  nach der Premiere rezensieren, also, bevor dann wieder die nächste Premiere stattfindet. Gehen wir die Meinung der üblichen Verdächtigen weiter durch:

„Wenn beim Fremdgehen was schief geht, kann schon mal ein Mord bei rumkommen. Der Tatort Wien könnte schnell aufgeklärt sein, wenn nicht zufällig …“ 

Ja, was?

„Das alles ist echt eine Herausforderung, selbst für mich, der die Tatorte aus Österreich sehr gerne mag. Zur komplexen Geschichte kommt ein krasser österreichischer Dialekt oben drauf, gemischt mit Kungelei und Justizskandalen, wie das oft so ist im Österreichischen Krimi. Aber: Wenn man wirklich gut genug aufpasst, ist der Tatort sogar recht spannend. Für eine gute Bewertung ist das leider zu wenig. Als Zuschauer und als kleiner Fan der beiden Hauptdarsteller fühle ich mich zu sehr abgehängt.“ – SWR3-Check, Stefan Scheurer

Obwohl man doch gut aufpassen könnte, reicht es nur zu zwei von fünf Elchen (letzte Woche gab es für den Köln-Tatort „Hubertys Rache“ vier). Dabei gibt es sie ja wieder, diese Geschichte vom unsauberen Staat. Wir haben dann 8/10 vergeben und ich hoffe, es gibt dieses Mal nicht die Hälfte. Das kommt aber sehr selten vor, wir gehen nicht linear nach unten. Ich müsste mal nachschauen, aber ich glaube, 5,5/10 waren unser bisher schwächstes Ergebnis für die Wiener.

Das Beste vorweg: Inkasso Heinzi ist wieder da! Der Wiener Stritzi kehrt nach vier Jahren Pause zurück. Im „Tatort – Alles was Recht ist“ (ORF / KGP Filmproduktion) sitzt er im Knast, ist aber in gewisser Weise mit dem aktuellen Fall von Bibi Fellner und Moritz Eisner verknüpft. (…) Ein scheinbar glasklarer Fall bekommt bereits nach kurzer Zeit eine völlig überraschende Wendung: Der geständige Mörder wird von einem gefürchteten Staranwalt verteidigt und freigesprochen. Wenig später wird der Anwalt erschossen und der Freigesprochene ist spurlos verschwunden. Weitere überraschende Wendungen folgen. Das 28. Krassnitzer-Neuhauser-Doppel ist ein packender und bildstarker Krimi mit fein dosiertem Witz und Tiefgang. – Tittelbach-TV, Volker Bergmeister

Da schau her, 28 Filme haben die beiden zusammen schon gemacht. Für Eisner sind schon 51, da haben wir also beim letzten Mal wohl das Gratulieren verpasst? „Nie wieder Oper“ hieß der erste Tatort mit ihm, das ist schon weit über 20 Jahre her. 

Inkasso-Heinzi ist zurück. Wien liebt seine Luden und Leichen: Im neuen »Tatort« werden die Toten mal wieder besonders schön drapiert. Mittendrin im nekromanen Treiben: der sympathische Strizzi Inkasso-Heinzi.

Wieso nennen alle den Strizzi? Der Titel ist für die Verhältnisse von Christian Buß heute ziemlich schlicht geraten, hoffen wir mal, dass das nicht schon auf eine gewisse Lustlosigkeit und damit auf eine schwache Bewertung hinweist. Das wäre jedenfalls eine Fehlinterpretation:

„Ein Zuhälter als komischer, herzerwärmender Sidekick – eine solche Wendung gelingt auch nur im Wien-»Tatort«, der in seinen besseren Momenten ja wie ein sarkastischer Seiltanz daherkommt. Funktioniert auch diesmal wieder ohne größere Abstürze.“ – Der Spiegel, Christian Buß

Und es gibt 8/10 dafür, dass kein größerer Absturz zu verzeichnen ist. Das hätten wir wieder mal geschafft. Nicht mit so einem unguten Gefühl an den neuen Wien-Tatort heranzugehen, als sei der vielleicht nicht super. Wir werden ihn morgen zumindest aufzeichnen und die Rezension kommt in den nächsten Tagen. 

TH

Handlung, Besetzung, Stab

Eisner und Fellner werden zu einem glasklaren Fall gerufen: zwei Leichen und ein Täter, der selbst die Polizei alarmiert und am Tatort auf die Ermittler wartet. Tatwaffe, Motiv und Tatsachengeständnis inklusive. Mord aus Eifersucht, ein vorgeführter Ehemann, der die Nerven verlor. Alles könnte so „gschmeidig“ laufen, hätte nicht ausgerechnet der gerissenste Anwalt des Landes die Verteidigung des Angeklagten übernommen und einen Freispruch erwirkt.

Kurz darauf landet der Anwalt selbst auf dem Obduktionstisch – und der Freigesprochene verschwindet spurlos. Zu allem Überdruss taucht auch noch Inkasso Heinzi, ein alter Bekannter von Moritz und Bibi, auf, um die Freundschaft der beiden wieder einmal auf eine harte Probe zu stellen. 

Moritz Eisner Harald Krassnitzer
Bibi Fellner Adele Neuhauser
Meret Schande Christina Scherrer
Dr. Kreindl Günter Franzmeier
Ernst Rauter Hubert Kramar
Inkasso Heinzi Simon Schwarz
Maria Gavric Ines Miro
Stefan Weingartner Johannes Zeiler
Johanna Weingartner Noemi Krausz
Helene Schmiedinger Marion Mitterhammer
Irene Weingartner Eva Maria Marold
Paul Tuxer Morteza Tavakoli
Thomas Hafner Julian Loidl
Katja Berger Doris Schretzmayer
Hubert Novotny Deniz Cooper
Willibald Lehner Alexander Lutz
Jelica Gavric Anja Struc
Bojana Antic Caro Scheicher
Musik: Markus Taxacher
Kamera: Gero Lasnig
Buch: Karin Lomot
  Robert Buchschwenter
Regie: Gerald Liegel

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