Chaplin (USA 1992) #Filmfest 789

Filmfest 789 Cinema

Wenn ein Tramp spricht

Chaplin ist eine britisch-US-amerikanisch-französisch-italienische Filmbiografie von Richard Attenborough aus dem Jahr 1992. Das Drehbuch beruht auf dem Buch Chaplin: His Life and Art (Chaplin. Sein Leben, seine Kunst) von David Robinson und der 1964 veröffentlichten Autobiografie von Charlie Chaplin. Die Hauptrolle spielte Robert Downey Jr.

Cops auf der Suche nach einem Typ, der von seiner Frau verklagt wird. Alles rennt, stößt zusammen, fällt übereinander, und mittendrin eine alte, verhüllte Frau im Rollstuhl. Natürlich sind die Cops zu blöd um zu bemerken, dass diese alte Frau derjenige ist, den sie suchen. Er heißt Charles Chaplin und soll seinen neuesten Film herausgeben, „The Kid“, weil er im Scheidungskrieg mit seiner Frau Mildred Harris zu einer Abfindung gezwungen werden soll. Deren Anwälte hatten den richtigen Riecher: „The Kid“ wurde mit einem Einspielergebnis von 2,5 Millionen Dollar das bis dahin erfolgreichste Werk der Filmgeschichte. Mehr zu dieser Filmbiografie in der –> Rezension.

Handlung (1)

Chaplin erzählt, wie er im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal auf der Bühne auftritt, als seiner Mutter die Stimme versagt. Mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder Sydney wächst er in ärmlichen Verhältnissen in London auf. Sein Vater stirbt an den Folgen von Alkoholmissbrauch. Sein Bruder verschafft ihm Auftritte in Fred Karnos Varieté, wo er erfolgreich wird. Später reist Chaplin in die USA, wo er Karriere in den Filmkomödien unter der Regie von Mack Sennett macht. Seine Auftritte als „Tramp“ sind beliebt, und er macht sich bald als Regisseur und Hauptdarsteller selbstständig. Chaplin wird noch vor seinem 30. Lebensjahr Millionär. Zusammen mit Douglas Fairbanks und Mary Pickford gründet er im Jahre 1919 die United Artists.

Seine Kunst wird hoch gelobt, doch seine politischen Ansichten bringen ihn in Konflikte mit dem späteren FBI-Chef J. Edgar Hoover. Chaplin heiratet die jugendliche Mildred Harris, von der er eine kurze Zeit später geschieden wird. Da der Anwalt seiner Ex-Frau den fast fertigen Film The Kid als Vermögensgegenstand beschlagnahmen lassen will, schneiden ihn Chaplin und seine Freunde versteckt in einer Provinzstadt. Sie werden entdeckt und fliehen vor der Polizei, was in der Konvention der Slapstick-Filme gezeigt wird.

Der gealterte Charlie Chaplin lebt in der Schweiz und bearbeitet mit seinem Verleger George Hayden seine Autobiographie. George Hayden fallen Ungenauigkeiten auf und er fordert Chaplin auf, ihm genau zu erzählen, wie sein Leben verlaufen ist. Die Gespräche zwischen Chaplin und Hayden bilden während des Filmes die Rahmenhandlung für chronologisch erzählte Episoden aus dem Leben Chaplins.

Es folgen weitere Filme, Affären und Ehen, von den nur die letzte mit Oona O’Neill lange hält. Als er 1952 nach England reist, wird ihm die Rückkehr in die USA verweigert. Chaplin zieht in die Schweiz und darf erst 1972 zur Verleihung des Ehrenoscars in die Vereinigten Staaten zurückkehren. In der letzten Szene bereitet er sich auf die Dankesrede vor und schaut sich die Ausschnitte seiner alten Filme an, die den Gästen vorgeführt werden.

Rezension

Mittlerweile, nach dem Erstellen des Entwurfs zu diesem Artikel, haben wir uns viele alte Chaplin-Filme angeschaut, Beihilfe hat Arte mit „The Chaplin Mutual Project“ und „The Chaplin Essanay Project“ geleister und wir haben uns vorgenommen, Chaplin ganz von vorne zu starten, um an seiner stürmischen Entwicklung teilzunehmen. Denn es kam nichts von nichts, sondern war das Ergebnis vieler kurzer Filme, die er in mit der Zeit länger werdenden Abständen drehte und die 1921 in „The Kid“ als erstem Spielfilm von ihm mündeten, der etwas eine Stunde Spielzeit aufwies.

Die eingangs erwähnte, für Chaplins Leben geradezu prototypische Sequenz, in der Chaplin Hollywood verließ, die Negative von „The Kid“ fluchtartig nach Salt Lake City geschafft wurden, wo der Rohschnitt des Films entstand ist die einzige dieser Biografie von Richard Attenborough, die auch im Stil des Meisters in seiner Zeit gefilmt wurde, beschleunigt, ganz auf  Slapstick ausgerichtet. Sie wird gespiegelt von einem frühen Moment aus Charlies Leben, als er nach dem Nervenzusammenbruch seiner Muter ins Waisenhaus kommt und dort die Aufseher narrt. Dadurch wirkt es, als sei alle Cop-Komik der Welt durch dieses prägende Erlebnis des damals 6jährigen Kindes Charlie entstanden.

Beide Szenen gehören zu den besten im Film, aber letztere macht auch ein Problem deutlich, das alle Biopics mehr oder weniger haben, besonders aber eines, das schon deshalb hochgradig ambitioniert ist, weil es in zwei Stunden eines der komplexesten Leben der Filmkunst zum Essentiellen hin verdichten muss. Welchem Konzept folgt man, wenn man Chaplin lebendig werden lassen will, die Zuschauer nicht mit Fakten überladen möchte, gleichwohl das zeigen, was diesen Ausnahmekünstler letztlich so besonders gemacht hat?

Wir arbeiten derzeit auch am „Chaplin-Projekt“, angeregt durch das „Mutual-Projekt“ von ARTE, das alle Filme zeigt, die Chaplin 1916-1917 bei der Mutal Film Corp., seiner dritten Station nach Sennett und Essanay gemacht hat. Ein derzeit einmaliger Vorgang im deutschen Fernsehen, der an die großen Zeiten der dritten Fernsehprogramme der ARD erinnert, als diese noch Werkschauen organisierten, die den Namen verdienten.

Unser Schreiben über Chaplins Film hat mittlerweile ein Grundwissen entstehen lassen, das eine Erwartungshaltung an eine Biografie schürt, die des für einen solchen Film nicht einfach macht. Wir haben ein Bild von diesem Mann gewonnen, sind außerdem immer wieder aufs Neue verblüfft von seinen kreativen Fähigkeiten. Unwillkürlich wollen wir eine ähnliche künstlerische Gestaltungshöhe auch bei einer filmischen Beschreibung seines Lebens sehen, und das ist utopisch. Auf einer rationalen Ebene nehmen wir uns deshalb wieder zurück und versuchen, einen Film zu ehren, der einen ehrenwerten Versuch darstellt, Chaplin zu erfassen.

Trotzdem oder gerade deswegen, damit wir’s hinter uns haben, beginnen wir mit dem, was wir an „Chaplin“ nicht gut fanden.

Der eindeutigste Kritikpunkt ist die starke Verkürzung, teilweise Verdrehung von Fakten aus seinem Leben. Vor allem um das Jahr 1925 herum kommt der Film ziemlich ins Schwimmen. In „Goldrausch“ sollte zwar seine damalige, erst 15jährige Frau Lita Grey die weibliche Hauptrolle spielen, diese wurde aber schwanger, und Georgia Hale sprang ein. In „Chaplin“ wirkt es, als sei Lita Grey tatsächlich die Frau, die wir in Chaplins berühmtem Film sehen. Außerdem wird über „Goldrausch“ berichtet, nachdem Chaplin und sein Freund Douglas Fairbanks jr. an den legendären Buchstaben „Hollywoodland“ sitzen und über den Tonfilm philosophieren, dem Chaplin bekanntlich nichts abgewinnen konnte. Das haben sie aber wohl kaum schon zu einem Zeitpunkt getan, als der Tonfilm noch nicht abzusehen war, so visionär sie als Künstler auch gewesen sind.

Mit dem Ton wurde fast von Beginn des Kinos an experimentiert, aber es kam nie etwas Brauchbares dabei heraus. Auch in den 1920ern verlief die Entwicklung zunächst langsam. Erst „The Jazz Singer“ von Warner Bros. brachte die Wende – und der lief zwei Jahre nach „Goldrausch“ an. Der Erfolg des Tonfilms kam für fast alle überraschend und es gibt legendäre Bücher und Filme über die dramatische Wende vom silent Film hin zum All talking Picture. Richtig wird im Film dargestellt, wie und vielleicht auch, warum Chaplin sich so lange gegen diese technische Erweiterung des Mediums sperrte: Der Tramp, wenn er spricht, hat nichts mehr zu sagen. Folgerichtig tritt er in einer tramp-ähnlichen Rolle zum letzten Mal in „The Great Dictator“ auf, dem ersten komplett vertonten Film von Charles Chaplin (1940).

Chaplins Anfangszeit beim Film lag in den Händen von Mack Sennett, dessen berühmteste Komödien-Serie die burlesken Keystone-Cops waren, denen Chaplin zu Beginn seiner Tätigkeit ebenfalls angehörte. Nachdem er schon im Vaudeville gearbeitet hatte, lernte er dort den Film-Slapstick, und bei aller Cokney-Herkunft ist eher davon auszugehen, dass er durch seine täglich Arbeit zunächst im Theater, dann beim Film lernte, wie man menschliche Pannen und Tortenschlachten so organisiert, dass die Leute darüber lachen – und nicht so sehr durch ein Einzelerlebnis als Kind in einer Anstalt, in der die Aufseher vermutlich eher furchteinflößende als komische Figuren waren.

Die wichtigen Jahre zwischen Sennett und den United Artists, die Chaplin schließlich mit Fairbanks jr.  und Mary Pickford gründet, werden auf eine wirklich atemberaubende Weise gerafft – es wirkt so, als ob Chaplin direkt nach der kurzen Zeit bei Sennett (1913-1914) ein eigenes Studio zur Verfügung gehabt hätte, inklusive aller Auswertungsvorgänge, wie die damals in der Entstehung begriffenen Hollywood-Giganten. Dem war keineswegs so, erst bei seiner dritten Station, der erwähnten Mutual, bekam er die Freiheit, im eigenen Studio zu drehen. Die Auswertung im Sinn von Vertrieb aber oblag jener Mutal, die also an seinen Werken erheblich mitverdiente, die UA wurden erst später gegründet und selbst während diese schon bestanden, fertigte Chaplin noch vertragsgemäß Filme für andere Firmen (hier die First National, für die u. a. „The Kid“ entstand).

Im gebührt zusammen mit den beiden Kollegen das Verdienst, dass erstmalig die Kreativen auch das Sagen in einer Filmfirma hatten, was erst in den 1950ern wieder der Fall sein würde. Das stellt Attenboroughs Biografie heraus, aber der nicht finanziell, aber wegen schauerlicher Wirkungen von Chaplins Privatleben auf seine Filmarbeit beschwerliche Weg dorthin wird beinahe weggelassen. Wie es dazu kam, dass Chaplin schließlich aus den USA ausgewiesen wurde (1952), wird ausführlich dargestellt – eine Mischung aus persönlicher Haltung, einigen Filmszenen, die „links“ gedeutet wurden, seinem heftig diskutierten Privatleben und einer persnlichen Feindschaft mit J. Edgar Hoover, dem ersten FBI-Chef, sorgten dafür, einehergehend mit der Kommunistenhetze unter Senator McCarthy zu Beginn der 1950er Jahre. Mit dieser Bezeichnung gab es das FBI allerdings noch nicht, als Hoover und Chaplin sich Anfang der 1920er kennenlernten, auch da spiegelt der Film etwas anderes vor, ebenso glauben wir nicht, dass Chaplin damals im Restaurant schon den Brötchentanz aus „Goldrausch“ vorführte und damit Hoover brüskierte.

Chaplins wohl größtes Projekt, „Der große Diktator“, hätte mehr hergegeben als nur, Chaplins humanistische und demokratische Grundhaltung darzustellen, die von den Amerikanern zu verschiedenen Zeitpunkten so missachtet wurde – in „Der Tramp und der Diktatur“ wurde herausgearbeitet, dass Hitler und Chaplin mehr gemeinsam hatten als nur das Geburtsjahr und – beinahe – das Geburtsdatum im selben Sternzeichen und eine optische Ähnlichkeit, zumindest mit Schnurrbart. Wie nahe man im Licht und im Schatten einander auch als Persönlichkeit kommen kann, beschreibt ausführlich die Dokumentation „Der Tramp und der Diktator“,  die wir ebenfalls fürs Chaplin-Projekt des Wahlberliners rezensieren werden.

Finale

Robert Downey jr., einer der talentiertesten Schauspieler im Hollywood der frühen 1990er, spielt Chaplin so gut, wie man Chaplin spielen kann, wenn man nicht Chaplin ist. Im Grunde ist eine solche Rolle undankbar, denn mehr als bei allen anderen Stars der klassischen Hollywood-Ära verbinden wir heute noch mit Chaplin eine bestimmte Persönlichkeit, selbst, wenn wir hinter den Tramp geblickt haben. Dieser Persönlichkeit in einem einteiligen biografischen Film gerecht zu werden, ist beinahe aussichtslos. Downey hat das Mögliche dazu beigetragen, wohingegen alle anderen Wegbegleiter Chaplins, insbesondere die Frauen, als Menschen wenig greifbar bleiben. Mag sein, dass es an Chaplins selektiver Art liegt, über sein eigenes Leben zu schreiben, denn eine der beiden Hauptquellen des Films ist seine Autobiografie „Abroad“, die andere ist David Robinsons Buch „Chaplin: His Life and Art“ (1964). Mit Robinson gestaltet der Film auch die Rahmenhandlung. Er interviewt Chaplin über bestimmte Themen, die ihm in dessen Selbstbeshreibung zu kurz gekommen scheinen, arbeitet geradezu mustergültig eine Agenda mit dem alternden Jahrhundertstar ab. Dabei erhält er mal mehr, mal weniger befriedigende Antworten. Durch diese Rahmenhandlung, in die der Film immer wieder hinaustritt, entsteht eine epische Distanz zu den 1910er, 1920er und 1930er Jahren, die hauptsächlich gezeigt werden, die einen vergleichsweise nüchternen Chaplin-Film befördert. Instinktiv lässt sich schnell sagen: Das hätte man anders, weniger steif machen können, aber wie, bei so vielen Aspekten eines außergewöhnlichen Lebens?

Vermutlich doch nur  mit einer Serie bzw. einem Mehrteiler. Nach unserer Ansicht ist dies die einzige Möglichkeit, Chaplin als Mensch und Künstler gerecht zu werden. Und genau darauf wartet die Filmwelt und warten seine stets zahlreichen Fans noch heute, beinahe 40 Jahre nach seinem Tod. Trotzdem ist „Chaplin“ bereits wieder ein Zeitdokument, schon aufgrund seiner herausragenden Besetzung bis in Nebenrollen hinein.

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© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

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