UPDATE: Kernkraftwerke länger laufen lassen? +++ Folgekosten von Atomstrom am höchsten | Wirtschaft, Umwelt, Klima | Energieträger zur Stromerzeugung und ihre gesamten Folgekosten

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Liebe Leser:innen, Sie hätten wohl vermutet, was die Grafik am oberen Ende zeigt, oder? Das muss man berücksichtigen, wenn man Atomkraftwerke länger laufen lassen will als geplant. Zunächst kam diese Diskussion wegen des Klimawandels und des hohen deutschen CO²-Ausstoßes auf, jetzt ist der Ukrainekrieg und ist die Energiesicherheit hinzugekommen.

So schrieben wir am 14.04.2022, als der Ursprungsartikel veröffentlicht wurde (alle Ergänzungen in Blau). Heute trenden bei Twitter #Energiekrise und #KlimawandelIstJetzt. Damit ist das Dilemma schon beinahe beschrieben.

Diese Statista-Grafik ist unter einer Lizenz  CC-BY-ND erstellt worden und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Und hier der Begleittext dazu, unser Kommentar folgt, wie immer unterhalb:

von Matthias Janson,12.04.2022

Die steigenden Energiekosten lassen in Deutschland die Rufe nach einer Laufzeitverlängerung der verbliebenen Atomkraftwerke laut werden. Wie die Statista-Grafik auf Basis einer Untersuchung des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (PDF-Download) zeigt, sind die gesamtgesellschaftlichen Folgekosten bei Atomstrom so hoch wie bei keiner anderen Stromerzeugungsart. Bei diesen Gesamtkosten sind neben dem Marktpreis und staatlichen Förderungen auch Folgekosten wie Umwelt-, Klima- und Gesundheitsschäden mit eingepreist. Neben der Atomenergie sind auch die Stromerzeugungsarten aus Stein- und Braunkohle mit deutlich mehr gesamtgesellschaftlichen Kosten verbunden als die Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie. Bei der Nutzung von Windenergie etwa fällt nur ein Drittel der gesamtgesellschaftlichen Kosten an, die die Braunkohle verursacht.

Nachdem vergangenes Jahr drei Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet wurden, sind derzeit noch drei Kraftwerke in Betrieb. Gemäß Atomgesetz werden die drei jüngsten Reaktoren spätestens Ende 2022 abgeschaltet. Allerdings wird bereits seit Januar dieses Jahres eine Debatte dadurch geführt, wie nachhaltig Strom aus Atom- und Gaskraftwerken ist. Hintergrund: Die EU-Kommission hatte am Neujahrstag einen Entwurf für Nachhaltigkeitskriterien bei Investitionen vorgelegt. Demnach sollen Investitionen in neue Atomkraftwerke dann als grün klassifiziert werden können, wenn die Anlagen neusten technischen Standards entsprechen und wenn ein konkreter Plan für den Betrieb einer Entsorgungsanlage für hoch radioaktive Abfälle ab spätestens 2050 vorgelegt wird.

Trotz möglicher Energieversorgungsengpässe wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine haben sich Wirtschaftsminister Robert Habeck und Umweltministerin Steffi Lemke bereits vor einem Monat gegen eine Laufzeitverlängerung der verbliebenen drei Atomkraftwerke ausgesprochen. Diese würden frühestens ab Herbst 2023 nach Befüllung mit neu hergestellten Brennstäben Strom produzieren können. Ein Weiterbetrieb wäre zudem mit einer umfangreichen Sicherheitsprüfung und mit der Schulung von Personal für jedes der drei Atomkraftwerke verbunden.

Dass Atomstrom teuer ist und gewisse Politiker in gewissen anderen Ländern, die sich so gerne über die teure deutsche Energie lustig machen, ihre Atomkraftwerke massiv subventionieren, damit der Strom für die Verbraucher billig bleibt, ist keine Randnotiz. Es entscheidet mit über die Energiepolitik der EU, wie aus dem obigen Text von Statista hervorgeht. Aber man könnte natürlich auch bei uns mehr investieren und mehr subventionieren, dann aber für die Erneuerbaren. Einen sehr großen Unterschied zwischen den Kosten von Steinkohle und von Sonnenenergie konnten wir nicht entdecken, und das hat uns doch etwas verwundert. Vor allem, dass Kohle offenbar kaum mehr Gesamtkosten verursachen soll, obwohl der CO²-Ausstoß so hoch ist.

Der Wind hingegen! Vor allem die günstige Onshore-Förderung, also dort, wo alle Nimbys sich zusammenfinden und auf keinen Fall ein Windrad in Sichtweite haben wollen. Wir haben gut Reden, in unserem Hof in der Stadt wird sicher keines aufgestellt werden. Die Entwicklung der Technik für neue Energieträger wird weitergehen, davon sind wir überzeugt. Das letzte Wort in Sachen Effizienz und vor allem bezüglich der Speichertechnik ist auch bei den „klassischen“ Renewables, Sonne und Wind, noch lange nicht gesprochen. Außerdem müssen wir auf die Klassifizierung „oberer Schätzwert“ hinweisen. Wenn wir die Grafik richtig interpretieren, gelten die zwei Sterne nur für die Atomkraft. Das würde möglicherweise bedeuten, dass nicht unbedingt fair verglichen wird, außerdem ist so vieles leider eine Frage der Darstellung ebenso wie der Modellierung. Nur eines ist sicher: Der CO²-Ausstoß muss reduziert werden. Nicht „egal, wie“, also nicht mit ungelösten Lagerungsfragen in Bezug auf die Kernbrennstäbe und den sonstigen Risiken der Kernkraft, aber die Frage bleibt für uns offen, ob es Sinn ergibt, hierzulande diese Gefahren im wörtlichen Sinne abzuschalten und so zu tun, als wären wir damit sicher, während uns um herum sogar neue Meiler gebaut werden. Zumindest muss man erwähnen, dass man innerhalb nationaler Grenzen Entscheidungen trifft, deren Vorteile sehr wohl durch das Geschehen außerhalb dieser Grenzen zunichtegemacht werden können.

Vor der Ergänzung unseres Kommentars zunächst die Umfrage, die wir ins Update einbinden:

Sollten die letzten deutschen Atomkraftwerke wie geplant bis Ende 2022 abgeschaltet werden oder länger am Netz bleiben?

Mittlerweile fließt das Gas nur noch spärlich durch Leitungen nach Deutschland und die Politik, die sich selbst in eine absurde Situation gebracht hat, zittert davor, dass Wladimir Putin das Gas ganz abdrehen könnte. Sicher lässt sich Gas nicht kurzfristig an neue Abnehmer umleiten, eine dafür geeignete Schiffsflotte gibt es nicht und neue Leitungen zu bauen, dauert Jahre. Aber Gleiches gilt für den Umstieg Deutschlands von russischem Gas auf Erneuerbare. Die Situation ist sehr ernst geworden und viele sagen: selbstverschuldet. Erst die falschen Akzente beim Energiemix und bei den Lieferstaaten setzen und jetzt die dadurch entstandene Situation vollkommen falsch einschätzen und noch über die Ausweitung von Sanktionen fabulieren, während die andere Seite am längeren Hebel sitzt. Das muss man erst einmal schaffen. Aber wie soll die Energieversorgung im nächsten Winter nun sichergestellt werden?

Für uns sind es überwiegend und politisch gesehen die Falschen, die das fordern, aber die Forderung ist gegenwärtig nachvollziehbar: Die Atomkraftwerke etwas länger laufen zu lassen, die noch am Netz sind. Es sind sowieso nur noch drei. Die Quadratur des Kreises, maximal ökologisch und gleichzeitig maximal druckvoll gegenüber Russland im Ukrainekrieg zu handeln, ist nicht möglich. Die Versäumnisse und Fehler der Vergangenheit werden uns noch in anderen Bereichen beschäftigen, aber hier sieht man einen, den wir immer schon kritisiert haben, at Work: keine strategische Wirtschaftspolitik zu betreiben, die eine gewisse Autonomie im Rahmen der weltweiten Handelsordnung aufbaut und zu große Abhängigkeit von einzelnen Marktteilnehmern vermeidet. Gelernt wird aus der aktuellen Situation ohnehin nicht werden. Die technologische Abhängigkeit von China ist eines der nächsten geostrategischen Großprobleme, über die nicht nur Deutschland, sondern der gesamte Westen stolpern wird. Seit mehr als zehn Jahren warnen wir vor einer solchen Situation. Jetzt, wo eine neue Weltordnung langsam Konturen annimmt, zeigt auch das Ausmaß der strategischen Fehler erste Umrisse. Was wir sehen, ist eine gigantische Fehlkonstruktion zulasten der Demokratien und der Freiheit zugunsten der größten Diktatur der Welt und keine Lösung in Sicht.

Wir haben übrigens für länger laufen lassen gestimmt, einig mit zwei Dritteln derer, die an der Umfrage teilgenommen haben. Nur ca. 27 Prozent waren für „abschalten, egal, wie die Situation am Energiemarkt gerade ist und ob die Versorgungssicherheit gewährleistet ist“, denn so muss man das Festhalten am ursprünglichen Zeitplan ausformulieren. Besonders die Grundlastsicherheit muss erhalten werden, und dazu braucht es Energie, die einigermaßen gleichmäßig zur Verfügung steht. So weit sind wir mit den Erneuerbaren noch nicht. Wir bedauern das jeden Tag, aber man kann die Situation, wie sie ist, nicht einfach ignorieren.

Falls der Notfallplan Gas tatsächlich in Kraft gesetzt werden muss, weil Russland den Hahn zudreht, wird sich Zahl derer, welche die Kernkraftwerke vorerst am Netz lassen wollen, noch einmal sprunghaft erhöhen, dessen sind wir uns sicher. Denn so grün, ohne sicheren Strom und jederzeitig mögliche Heizung durch den Winter kommen zu wollen, werden nur die wenigsten sein. Falls Putin nach dem Ende der Wartungsarbeiten, das für den 21.07. geplant ist, Nord Stream 1 nicht wieder komplett fluten lässt: Wir sind schon gespannt darauf, wann der grüne Wirtschaftsminister Habeck offiziell die Kehrtwende verkündet. Die Folgekosten dieses politischen Hoax als Resultat von Jahrzehnten saumseliger Politik sind hoch, aber nicht so hoch wie die Kosten eines Downfalls der Energieversorgung. Zum Glück ist es uns noch nie in den Sinn gekommen, Angela Merkel als „Klimakanzlerin“ zu apostrophieren. Das tun aber manche der „Leitmedien“ noch heute, und zwar ohne Anführungszeichen.

TH

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