Corona, Klimawandel und Krieg verschärfen den Welt-Hunger (Statista + Kommentar) | Frontpage | Wirtschaft | Aktuelle Zunahme des Hungers macht alle Anstrengungen von Jahrzehnten zunichte

Frontpage | Wirtschaft | Hunger auf der Welt nimmt dramatisch zu

Es ist ohnehin alles miteinander verwoben, aber in den letzten Tagen greifen die Themen, die wir besprechen, so ineinander, dass wir selbst verblüfft sind. Kaum haben wir publiziert, wie sehr wir uns über die Explosion der Lebensmittelpreise ärgern, veröffentlicht beispielsweise Statista eine Grafik zum Hunger in der Welt und Civey fragt, ob wir einen Gas-Totalausfall befürchten oder wie wir zu den Autobahnblockaden wegen des Klimawandels stehen.

Wir kommen aktuell kaum noch nach mit der Veröffentlichung relevanter Umfragen, die den politischen Blick schärfen oder wichtiger Grundinformationen, die eine gute Basis zum Vertiefen und Weiterdenken darstellen. So wie die heutige Statista-Grafik zur weltweiten Ernährungslage:

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0  erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Bis zu 828 Millionen Menschen könnten laut einem aktuellen Bericht der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) von Hunger betroffen sein. Das entspricht einem „Anstieg von 46 Millionen seit 2020 und von 150 Millionen seit dem Beginn der COVID-19 Pandemie.“ Nirgendwo hat das Probleme größere Dimensionen als auf dem afrikanischen Kontinent. Der FAO zufolge sind dort rund 58 Prozent der Bevölkerung von mäßiger (34,4 Prozent – u.a. nicht ausreichend Geld für gesunde Ernährung, Selbstversorgungsprobleme, Mahlzeiten müssen ausgelassen werden) oder schwerer (23,4 Prozent – u.a. keine Lebensmittelvorräte, ganze Tage ohne Essen) Ernährungsunsicherheit (Definition der FAO) betroffen. Das entspricht einem Zuwachs von 5,4 Prozentpunkten gegenüber dem letzten Vor-Corona-Jahr. Nur in einer Weltregion fällt das Wachstum noch deutlicher aus. In Lateinamerika und der Karibik wuchs der betroffene Bevölkerungsanteil um fast neun Prozent. Verantwortlich für die Entwicklung ist neben Konflikten, Klimawandel und Corona auch der russische Angriff auf die Ukraine.

Selbst in Nordamerika und Europa sind acht Prozent der Menschen von „Ernährungsunsicherheit“ betroffen. Ist das ein Witz? Wozu beuten wir schließlich die übrige Welt aus? Damit wir wenigstens selbst genug zu essen haben. Aber die Politik kriegt es nicht einmal mehr hin, dies zu gewährleisten.

Die immer schneller steigenden Preise der letzten Wochen sind selbstverständlich noch nicht in dieser Grafik als weiterer Faktor, der mit Sicherheit auch bei uns einen Anstieg der Ernährungsunsicherheit mit sich bringen wird, enthalten. Wir werden auch in Europa bald zweistellige Zahlen für die „Ernährungsunsicherheit“ sehen. Besonders in Deutschland, wo Preiskontrollen unter dem neoliberalen Einfluss der Grünen und der FDP tabu sind. Während woanders in Europa längst der Staat in die Energiepreise eingreift, dürfen wir mit dreifach höheren Gasrechnungen kalkulieren als vor einem Jahr. So wird Putin in der Tat gewinnen, um eine Schlagzeile des Tages zu zitieren. Und so werden die Armen ihren Zugang zu Lebensmitteln verlieren.

Obwohl es auch hier immer enger wird, werden wir mit Sicherheit mehr Geflüchtete zu erwarten haben, die vor der Zerstörung ihrer Lebensräume fliehen und weil sie schlicht nichts mehr zu beißen haben. Wir könnten das hier derzeit noch stemmen, denn einen Unterschied gibt es zu Afrika: Dort sind fast alle arm, während hier ein obszöner Reichtum für eine Ungleichheit sorgt, die wirklich atemberaubend ist. Die hiesige, hochtourige Wirtschaft, in der viele von uns hohe Wertschöpfungsleistungen erbringen, sorgt in der Tat, dass noch Platz im Sinne von verteilbaren Mitteln da ist. Aber nicht, wenn die Reichen, nicht auch mal etwas beitragen, sondern wenn Zugänge aus anderen Ländern auf Kosten der Armen ausgetragen werden, die schon hier sind. Die Politik sammelt hier einen sozialen Sprengstoff an, als wolle sie geradezu provozieren, dass ihr und uns allen der Laden um die Ohren fliegt.

Den Hunger in Afrika gab es leider schon lange. Zumindest seit dem Beginn der Teilung in „Entwicklungsländer“ und „Erste Welt“ ist er ein großes Thema. Er könnte derzeit abgewendet werden, wenn die reichen Länder sich etwas kooperativer verhalten würden. Aber der „Markt“, also die Spekulation, regiert, auch die mit Lebensmitteln und an jedem Desaster verdienen gewissenlose Personen Unsummen. Und nicht der Gedanke, dass niemand auf der Welt hungern sollte.

Aus ökologischen Gründen müssen wir aber auch auf etwas hinweisen, was uns nicht leicht fällt: Die Länder mit besonders hohen Geburtenraten müssen endlich etwas dagegen tun. Egal, wie sie das anstellen.

Die Geburtenraten in einigen Teilen der Welt sinken überhaupt nicht, schon gar nicht auf ein vernünftiges Niveau. Das bedeutet, dass die Bevölkerung dort immer schneller wächst. Es ist ähnlich wie mit dem CO₂-Ausstoß. Was nützen, global betrachtet, kleine Erfolge bei der Reduktion in Europa, wenn China sie im Alleingang zunichtemacht?

Einige afrikanische Länder weisen ein Durchschnittsalter der Bevölkerung von 20 bis 25 Jahren auf, während ein gutes Mittelmaß bei ca. 40 Jahren liegt. Auch diese rasche Bevölkerungszunahme trägt nicht zur Verbesserung der Ernährungssituation bei und es wird zunehmend unmöglich werden, dass Europa da mit „wir haben Platz“ aushilft. Das gilt jetzt noch, wie wir oben geschrieben haben, unter der Voraussetzung, dass die Fluchtbewegungen nicht rasant weiter anwachsen, aber nicht mehr, wenn sich mehrere Faktoren weiterhin gleichzeitig in eine negative Richtung entwickeln.

Wir sehen aktuell eher die Folgen für das Klima und die bereits wirksamen Folgen des Klimawandels im Vordergrund. Zum Beispiel, dass immer mehr Flächen versanden und gleichzeitig immer mehr Fläche benötigt wird, um die Bevölkerung mit Agrarprodukten zu versorgen. Es gibt Modelle, die besagen, dass die Erde etwa 12 Milliarden Menschen tragen, ohne dass sie ökologisch zugrunde geht und ohne, dass es Hunger geben muss. Dazu ist aber eine fundamental andere Verteilungspolitik notwendig und. Wir halten diese Zahl einerseits für recht großzügig bemessen, zum anderen wird sie in wenigen Jahrzehnten erreicht sein, wenn die Bevölkerung in einigen Regionen so weiterwächst wie derzeit. Ob dieses Wachstum dann nicht am weiter zunehmenden Hunger scheitert? Hoffentlich kommt es nicht so weit. Wir sind mit dafür verantwortlich, dass Entwicklung auch bedeutet, Perspektiven zu schaffen, die sich nicht lediglich auf Kinderreichtum gründen, was ohnehin keine echte Perspektive ist, wenn keine Wirtschaft vor Ort vorhanden ist, um ihnen gute Arbeit zu ermöglichen.

Vom Westen aus so etwas zu schreiben, ist wegen der hiesigen Politik und unserer Konsumgewohnheiten, wegen der immer noch kolonialistischen Einstellung vieler Menschen problematisch, das ist uns sehr wohl bewusst. Deswegen sind wir auch der Meinung, dass die Bessergestellten und die Staaten der reichen Länder viel mehr in die Verantwortung müssen. Dies vor allem anderen. Milliarden im Jahr leistungslos verdienen, während Milliarden hungern oder sich nicht gut ernähren können, das muss endlich aufhören.

Daneben gibt es Zahlen, die nicht verdrängt werden dürfen, und die man nur in die Zukunft projizieren muss, um sich darüber im Klaren zu sein, dass die Verantwortung alle angeht, wo immer sie auch leben. Diese Verantwortung ist global. Es sind z. B. auch die Regierungen von Ländern gefordert, die nichts gegen die Bevölkerungsexplosion unternehmen, sondern offenbar die Linie verfolgen, dass man mit einer großen Bevölkerung großen politischen Druck ausüben kann. Anstatt, dass sie ihre Wirtschaft weiterentwickeln, damit mehr Zukunftssicherheit für die Menschen sich durchsetzt und die Regierungen dadurch mehr Einfluss in der Welt gewinnen. Die Rechnung stimmt trotzdem. Leider, weil diese Methode nicht dabei hilft, die Lage in den Griff zu bekommen, den Klimawandel zu bremsen, den Hunger zu besiegen.

TH

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