Die Frauen der „Letzten Generation“Das Interview mit Carla Hinrichs, Carla Rochel und Aimée van Baalen: „Man kann uns nicht mehr ignorieren, deswegen werden wir bekämpft“ (Gesichter des Friedens, Kommentar) | Demokratie in Gefahr

Frontpage | Demokratie (und Frieden) in Gefahr - aber durch wen?

Liebe Leser:innen, heute haben wir ein besonderes Interview für Sie, das Sven Lilienström, Gründer der Initiative „Gesichter der Demokratie“ und „Initiative Gesichter des Friedensgeführt hat und das wir veröffentlichen dürfen. Drei Frauen der Klimaaktivist:innen von „Letzte Generation“ sind dabei seine Partnerinnen. Im Kommentar erläutern wir, warum dieses Interview für uns etwas Besonderes ist. Es ist ein vergleichsweise langes und sehr substanzreiches Interview, das uns die Menschen, die sich mit persönlichem Risiko und auf eine Weise, die Aufsehen erregt, für mehr Klimaschutz einsetzt.

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Die Frauen der „Letzten Generation“
Das Interview mit Carla Hinrichs, Carla Rochel und Aimée van Baalen: „Man kann uns nicht mehr ignorieren, deswegen werden wir bekämpft“

Sehr geehrter Herr Hocke,

die Klima-Aktivist*innen der „Letzten Generation“ sind omnipräsent. „Unignorierbar“, auch dank BILD, deren Redakteur*innen kohlenschaufelnd stets für ausreichend medialen Druck im Kessel sorgen und beharrlich – wenngleich unaufgefordert – stellvertretend für jeden „Klima-Kleber“ oder „Klima-Chaoten“ einen Ehrenplatz in den Gaststuben und virtuellen Stammtischen der Republik freihalten. Dort sind sie nicht nur unbequem, sie stören regelrecht. Allein schon deshalb, weil sie uns tagtäglich den Spiegel der Untätigkeit vorhalten, einen Spiegel, in dem wir unser unreflektiertes Ebenbild viel lieber schulterklopfend oder am Lenkrad unseres wohlig beheizten Zweit-SUVs thronend betrachten. Auf die Spitze treibend, bekommen wir diesen Spiegel coram publico von Frauen, schlimmer noch, von jungen Frauen, vorgehalten. Das kratzt – insbesondere am zeitlich gereiften männlichen Ego.

Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter des Friedens, sprach mit drei dieser jungen Frauen aus der ersten Reihe der „Letzten Generation“. Ausführlich und unvoreingenommen – über Hass, Hetze bis hin zu Morddrohungen. Und eines vorweg: Protest darf den Boden des Grundgesetzes nicht verlassen. Auch die Aktivist*innen der „Letzten Generation“ müssen sich an Recht und Gesetz halten. Eigentlich klar! Klar ist aber auch: Am Ende bleibt, trotz aller Aufregung und der ablenkenden Diskussion über die Legitimität der Proteste, die ernüchternde Erkenntnis: „Wir tun zu wenig!“ Aber das wussten wir ja vorher schon – eigentlich.

Hallo Ihr drei, klasse, dass Ihr Euch Zeit für ein Interview mit der Initiative „Gesichter des Friedens“ genommen habt. Apropos Frieden: Was hat Klimaschutz mit Frieden zu tun?

Carla Hinrichs: Viel! Die Wissenschaft sagt ganz klar: Wir rasen im Eiltempo auf eine Welt zu, in der wir uns um Ressourcen streiten und Milliarden von Menschen in lebensfeindlichen Regionen leben werden. Viele dieser Menschen werden zwangsläufig die Flucht ergreifen, ganz einfach, weil es in diesen Regionen nichts mehr zu essen für alle geben wird – weil dort nichts mehr angebaut werden kann. Ganz ehrlich: Ich habe Angst vor einer Welt, in der Kriege um immer knapper werdende Ressourcen zur Normalität werden. Vor einer Welt, in der für Frieden kein Platz mehr ist!

Carla Rochel: Die Prognose der Wissenschaft für die nächsten Jahre zeigt ein Szenario, welches wir alle nicht wollen. Weder hierzulande, noch die Menschen, die in den Regionen des globalen Südens leben und letztendlich zur Flucht gezwungen sein werden. Dort passieren schon jetzt Grausamkeiten, die wir uns kaum vorstellen können. Manche Menschen hier in Deutschland haben Angst vor zu viel Einwanderung. Diesen Menschen muss aber klar sein: Das ist nur ein Bruchteil der Fluchtbewegungen, mit denen wir uns dann tagtäglich auseinandersetzen werden müssen! Welche Parteien werden dann gewählt? Dann wird sich zeigen, wie wehrhaft unsere Demokratie wirklich ist!

Aimée van Baalen: Es sind ja auch nicht die Menschen, vor denen wir Angst haben müssen – es ist die Ressourcenknappheit. Schon jetzt werden zunehmend Kriege um immer knapper werdende Ressourcen – wie beispielsweise sauberes Trinkwasser – geführt. Eine solche Verknappung der Ressourcen kann im schlimmsten Fall auch den Frieden in Deutschland bedrohen und – nicht zuletzt – unsere Demokratie auf eine harte Probe stellen.

Ihr engagiert Euch alle drei für den Klimaschutz – drängt auf die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels. Wie seid Ihr zur Protestbewegung „Letzte Generation“ gekommen? Was treibt Euch an und wie reagiert Euer Umfeld darauf?

Carla Rochel: Zu Beginn meines Politikstudiums haben mir meine Cousins alle gesagt: „Carla, die Studentenzeit wird die beste deines Lebens!“ Doch noch während meines Studiums habe ich gemerkt, dass ich die Klimakatastrophe einfach nur verdränge. Ich habe mir das alles ausgemalt: Unsere Bundesregierung, die gerade jeden Tag das Grundrecht bricht und uns in eine Katastrophe stürzt. Die Zeit, die verstreicht, die wir nicht mehr zurückdrehen können. Und dann kam ein Punkt im letzten Herbst, wo ich gemerkt habe, dass ich das nicht mehr aushalte. Dass ich nicht studieren und so tun kann, als sei mein Abschluss noch irgendetwas wert – in der Welt, die in Flammen steht. Dann habe ich mir einen Vortrag angehört von den Menschen, die vor dem Bundestag im Hungerstreik waren. Ich habe mich entschlossen mitzumachen und einen Monat später mein Studium abgebrochen. Jetzt engagiere mich Vollzeit für die Letzte Generation.

Carla Hinrichs: Ich bin mit einem großen Drang nach Gerechtigkeit aufgewachsen. Schon während meiner Schulzeit habe mich politisch engagiert – damals bei Amnesty International. Mir wurde dann vielfach gesagt, ich solle doch Jura studieren. Nach vier Jahren Jurastudium kamen mir jedoch Zweifel und ich habe mich gefragt: „Sorgt das jetzt dafür, dass die Welt gerechter wird?“ Eigentlich nicht. Ganz im Gegenteil: Es wird von Tag zu Tag schlimmer. Als mir dann kurz vor der Bundestagswahl 2021 klar wurde, dass es keine Partei gibt, die auch nur ansatzweise meine Interessen vertritt, wusste ich: Okay, jetzt alles oder nichts. Jetzt studiere ich nicht mehr Recht, jetzt wende ich Recht an!

Aimée van Baalen: Als ich das allererste Mal von der Klimakrise gehört habe, war ich in der sechsten Klasse. Wir haben einen Film mit unserer Geographie-Lehrerin geschaut. Ich sah, wie dieses schwarze Öl aus dem Boden gesprudelt ist und sich dann wie ein Tuch über das Meer gelegt hat. Ich weiß noch, dass ich dasaß und mir dachte: „Wie krass, das sind viel größere Probleme, als diejenigen, die ich bis dahin in meiner kleinen Welt wahrgenommen habe.“ Zehn Jahre später habe ich festgestellt, dass sich kaum etwas verändert hat. Wir machen das noch immer so. Niemand hat die Verantwortung übernommen. Niemand hat sich darum gekümmert, dass diese großen Probleme aus der Welt geschafft werden. Das Traurige daran ist: Es mangelt nicht an Erkenntnissen, sondern am politischen Willen. An diesem Punkt wusste ich, dass ich nicht noch zehn Jahre warten kann. Ich habe dann meinen Job in einem Tattoo-Studio gekündigt. Es ist besser keinen Job mehr zu haben als keine Zukunft!

Zwischenfrage: Aber Ihr müsst ja von irgendwas leben, die Miete muss bezahlt werden. Wie funktioniert das? Über Spenden?

Carla Hinrichs: Ich habe das große Glück, dass meine Eltern mich unterstützen. Sie verstehen, dass ich gerade nicht am Schreibtisch sitzen kann. Außerdem bekomme ich Unterstützung durch Spendengelder, um meine Miete zu bezahlen und ein Mindestmaß an Lebensstandard zu haben. Dennoch machen sich meine Eltern natürlich auch große Sorgen. Wir begeben uns in Situationen, die nicht ungefährlich sind. Meine Mutter checkt, wenn ich auf der Straße bin, im Minutentakt unseren Instagram-Account und schaut, ob sie irgendetwas von mir findet. Möglich, dass wir dafür auch länger ins Gefängnis müssen – das wird sich zeigen.

Carla Rochel: Meine Eltern waren am Anfang ziemlich schockiert darüber, dass ich da mitmachen möchte. Inzwischen unterstützen sie das aber auch. Sie verstehen, warum wir das machen. Das Schlimmste für mich war aber zu sehen, wie die Träume meiner Eltern zerplatzen. Die Träume, die sie für mich und meine Zukunft hatten. Auf der anderen Seite sind sie aber auch verzweifelt, weil sie Angst um mich und meinen Bruder haben, wenn wir – was die Erderwärmung angeht – so weitermachen. Und auch um ihr eigenes Leben!

Aimée van Baalen: Ich kann da voll mitgehen. Meine Eltern machen sich auch viele Sorgen. Ich glaube, am meisten verletzt sie aber, dass ihre Tochter gerade all ihre Zukunftspläne, all ihre Träume aufgeben muss. Dass das Leben ihrer Tochter jetzt zum Teil fremdbestimmt wird, weil die Politik nicht macht, was sie eigentlich machen sollte. Und all das für ein Problem, welches nicht maßgeblich durch ihre – also meine – Generation verursacht wurde. Das tragen sie ganz schön mit sich rum.

In vielen Ländern stehen Frauen an der Spitze der Klimabewegung – auch bei Euch. Warum ist das so? Wie divers sollte eine politische Bewegung Eurer Meinung nach sein? Sind Frauen gar die besseren Klimaschützer?

Aimée van Baalen: Wenn wir uns die gesamthistorische Bedeutung des Widerstands anschauen, haben Frauen auch in der Vergangenheit eine essentielle Rolle gespielt – auch in den Führungsriegen der Widerstandsbewegungen. Sie wurden jedoch häufig nicht so wahrgenommen, wie ihre männlichen Mitstreiter. Hinzukommt, dass Frauen am stärksten von der Klimakrise betroffen sein werden. Daher ist es sehr wichtig, dass – gerade auch bei zivilem Widerstand – die Frauen gesehen werden. Aber natürlich haben auch Männer dieselbe Bedeutung im Widerstand. Wir stehen schließlich für Gleichberechtigung!

Carla Rochel: Natürlich ist uns bewusst, dass wir viel in der Öffentlichkeit stehen. Und, dass es noch immer keine wirkliche Gleichberechtigung gibt. Die Menschen, die gerade auf die Straße gehen, kommen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten: Schüler*innen, Rentner*innen oder Menschen, die mitten im Berufsleben stehen. Auf der Straße sind wir verschieden in Alter oder Geschlecht, aber gleich in der Sache, für die wir eintreten.

Carla Hinrichs: Wir versuchen ein möglichst diverses Bild nach außen zu vermitteln und Frauen aktiver in den Vordergrund zu stellen. Das gilt auch für Talkshows – wie beispielsweise „Markus Lanz“. In der Sendung saß ich – wohlgemerkt als junge Ex-Studentin – neben dem Justizminister und habe ihm erstmal die Rechtslage erklärt. Das ist natürlich eine Stärke in der Position dann!

Laut den Vereinten Nationen sind Frauen und Mädchen von der Klimakrise besonders hart betroffen. Brauchen wir dann nicht auch eine geschlechtergerechte Klimapolitik – sprich, mehr Frauen auf Entscheider-Ebene?

Carla Rochel: Unbedingt! Nicht nur in Sachen Klimaschutz und Klimapolitik. In allen Bereichen ist es wichtig, dass Frauen mitbestimmen und dasselbe Gehör finden wie die Männer. Aber von der Klimakatastrophe sind Frauen – insbesondere im globalen Süden – eben stärker betroffen als Männer. Dennoch haben sie weniger mitzureden. Ganz offensichtlich ist das ungerecht!

Aimée van Baalen: Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass jetzt die nötigen Entscheidungen getroffen werden. Und wenn diese Entscheidungen von Männern getroffen werden, bin ich auch fein damit. Aber grundsätzlich müssen wir natürlich über Geschlechtergerechtigkeit sprechen und darüber, dass diese Gesellschaft eben noch nicht gleichermaßen durch die Entscheidungsträger*innen repräsentiert wird. Das ist leider bislang ein großes Defizit.

Carla Hinrichs: Fakt ist, dass das Problem des menschengemachten Klimawandels maßgeblich von Männern verursacht ist. Schon allein deshalb, weil in den letzten Jahrzehnten seit der Industrialisierung deutlich mehr Männer Entscheidungspositionen innehatten. Große Konzerne wurden von Männern geführt – und werden es größtenteils noch. Das bedeutet: Wir müssen massiv etwas ändern. Dazu kann sicherlich auch die Stärkung von Frauen beitragen. Frauen, die in den letzten Jahrzehnten zu wenig hör- und sichtbar waren!

Was nicht legal ist, kann legitim sein. Dennoch: Wie radikal darf – und vielleicht muss – Klimaaktivismus noch werden? Was, wenn trotz Protestaktionen für Euer Dafürhalten zu wenig passiert? Wo liegen Eure Grenzen?

Carla Hinrichs: Wir haben schon jetzt erreicht, dass über uns gesprochen wird. Ich bin davon überzeugt, dass es wenige festlich gedeckte Tische am Weihnachtsabend geben wird, an denen wir nicht thematisiert werden und an denen dadurch nicht auch über die Klimakrise gesprochen wird. Jeden Tag tragen wir die Dringlichkeit zu Handeln in der Öffentlichkeit. Wird gehandelt, sind wir nicht mehr auf den Straßen. Passiert nichts, werden wir auf den Straßen bleiben. Dabei werden wir friedlich bleiben und die Grenze der Gewaltfreiheit nicht verlassen. Das bedeutet aber nicht, dass wir keine Grenzen mehr überschreiten werden. Denn das werden wir, auch wenn wir dafür ins Gefängnis gehen!

Carla Rochel: Ich glaube, wir müssen als Gesellschaft einen Schlussstrich in der Debatte über die Art und Weise unseres Protests ziehen. Vielmehr müssen wir uns jetzt darauf konzentrieren, wie wir es schaffen, in der nächsten zwei bis drei Jahren einen wirklichen Wandel anzustoßen. Natürlich können wir unsere Zeit auch damit vergeuden, über Protestformen zu reden und darüber, welchen Sekundenkleber wir benutzen. Aber die Zeit haben wir nicht, sie rennt uns davon!

Aimée van Baalen: Wir können uns doch überhaupt nur darüber unterhalten, was legitim ist und was nicht, denn dieses Land hat die Folgen des Klimawandels bislang nicht ansatzweise zu spüren bekommen. Abgesehen davon, ist die Anwendung von Gewalt vollkommen irrsinnig. Das wird definitiv nie passieren – zumindest nicht von uns ausgehend. Gewalt ist strategisch gesehen nicht zielführend. Sie hat keinen Platz in einer Welt, wie wir sie uns vorstellen. Eine Welt, die sozial gerecht und sicher ist. Dennoch: Solange nicht gehandelt wird, müssen wir kreativ bleiben und Grenzen überschreiten.

Einige Medien bezeichnen Euch als „Klima-Chaoten“ oder „Irre“. Empfindet Ihr es als respektlos, junge Frauen – aber auch Menschen generell – so zu titulieren? Wie reagiert Ihr auf Hasskommentare, Hater und Bedrohungen?

Carla Rochel: Die Nachrichten und Kommentare auf Twitter und Instagram sind schon ziemlich heftig. Da sind auch einige Morddrohungen dabei. Ich für meinen Teil schaffe es nicht mehr, mir das anzuschauen. Begrifflichkeiten wie Klima-Chaoten oder Klima-Kleber sollen davon ablenken, dass unser Protest legitim ist. Dass unser Anliegen überhaupt nicht diskutiert werden muss. Diese Ablenkdebatte zu führen kostet Zeit, die wir nicht haben. Wer sitzt denn mit uns auf der Straße: Alte Menschen, die eigentlich behütet zu Hause sein sollten und nicht bei Kälte und Regen auf einer Straße sitzen. Oder junge Frauen, die gerade studieren, eine Ausbildung machen oder einfach Zeit mit Freunden verbringen sollten. Schon allein daher sind diese Titulierungen völlig daneben.

Carla Hinrichs: Es gehört dazu, auf dem Weg zum Ziel erst ignoriert und dann bekämpft zu werden. Wir sind mittlerweile „unignorierbar“ geworden. Könnte man uns ignorieren, würde man es auch tun. Aber man kann uns nicht mehr ignorieren, deswegen werden wir bekämpft. Wir stören jeden Tag genau da, wo wir eben nicht mehr ignoriert werden können. Dafür, dass diese Krise – die viele so gerne aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden lassen würden – jeden Tag auf den Tisch kommt. Mich bestätigt das. Wenn ich sehe, wie die Wut steigt, wie die Menschen teilweise so wütend auf mich sind. Ich bin eigentlich eine friedfertige Person. Aber ich habe noch mehr Angst davor, wie die Menschen sein werden, wenn sie sich um Ressourcen streiten werden. In einer Welt, in der schon wegen einem Stau so viel Hass und Wut freigesetzt wird, in dieser Welt will ich nicht leben, wenn es dann nicht genug Wasser für alle gibt!

Aimée van Baalen: Ich denke, die Medien machen es sich ziemlich leicht. Sie versuchen zu verallgemeinern, indem sie eine stark verkürzende und möglichst hippe Wortschöpfung für die vielen individuellen Schicksale verwenden. Schicksale, die sich ohnehin tagtäglich fragen: Was haben wir für eine Wahl? Abwarten, bis diese Krise schlimmer wird und weiter eskaliert? Bis alles über uns zusammenbricht? Die Antwort – ob es uns gefällt oder nicht – ist, wir haben keine Wahl. Daher sind wir bereit, die Last auf uns zu nehmen, die in Teilen mediale Kritik und Diffamierung zu schlucken und sogar mit Morddrohungen „klarzukommen“.

Nur noch wenige Tage, dann beginnt das neue Jahr. Welche Vorsätze habt Ihr Euch ganz persönlich für 2023 vorgenommen? Wie geht es im nächsten Jahr mit der „Letzten Generation“ weiter?

Aimée van Baalen: Ich habe mir für das Jahr 2023 gar nichts vorgenommen. Ohnehin ist mein Leben derzeit absolut nicht planbar. Wenn ich einen Wunsch formulieren müsste, würde ich mir wünschen, dass ich wieder Zeit habe, mich mit mir und meinen Bedürfnissen auseinanderzusetzen und nicht gezwungen bin, weiter zivilen Widerstand zu leisten. Aber solange ich im Widerstand bin, kann ich keine guten Vorsätze fassen – außer natürlich, dass wir Erfolg haben werden!

Carla Hinrichs: Der Widerstand hört nicht auf, nur weil ein neues Jahr beginnt. Ich wünschte, wir könnten das neue Jahr mit ernsthaftem Klimaschutz starten und einer Regierung, die Verantwortung übernimmt. Aber solange das nicht passiert, werde ich auch im nächsten Jahr so viel Widerstand wie möglich leisten. Ich kann nur hoffen, dass ich Ende des Jahres 2023 nicht im Gefängnis sitze. Hoffen, dass mein Widerstand nicht mehr notwendig ist und ich wieder Träume und Ziele haben kann.

Carla Rochel: Als ich angefangen habe, mich bei der Letzten Generation zu engagieren, war ich voller Hoffnung und Zutrauen. Ich dachte, dass die Politiker*innen ihre Verantwortung kennen und wir nur einmal Klartext reden, nur einmal „auf den Tisch hauen“ müssen. Meine ganze Hoffnung setze ich im nächsten Jahr in all die Menschen, die nicht mehr tatenlos zuzusehen, sondern sich diesem mörderischen Kurs in den Weg stellen wollen. Das ist es, was mich ins nächste Jahr trägt. Das ist es, was mich auch im zivilen Widerstand immer weiterträgt. Erst heute hat mir ein Vater von einem Gespräch mit seinem ältesten Sohn erzählt. Sein Sohn meinte, es wäre wohl besser, wenn die Menschheit einfach aussterben würde. Der Vater hatte spontan den Reflex zu antworten: „Mach dir keine Sorgen. So schlimm wird es schon nicht werden.“ Doch es ist ihm nicht über die Lippen gekommen. Er konnte es nicht sagen und seinem Sohn dabei in die Augen schauen.

Vielen Dank für das Interview!

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Uns hat dieses Interview berührt und zugleich nachdenklich gemacht. Da ist so vieles, was uns durch den Kopf geht: Dass wir immer wieder spüren, dass wir die Menschen von „Letzte Generation“ verteidigen müssen, zumindest mit unseren Artikeln. Zuletzt haben wir uns damit einig mit der Mehrheitsmeinung der Autor:innen des Verfassungsgblogs gewusst. Dort tut man nichts anderes, als sich mit den Möglichkeiten und den Grenzen der Verfassungen der Staaten zu beschäftigen, vor allem natürlich mit dem Grundgesetz und immer auf der Seite dieses Gesetzes.

 „Zeitenwendekreise“ (Verfassungsblog) +++ Ein ganzes Jahr aus verfassungsrechtlicher Sicht und eine Betrachtung darüber hinaus (Verfassungsblog + Leitkommentar) | Briefing 82 | Recht und Gesellschaft – DER WAHLBERLINER

Und die Tendenz geht dahin, dass man sagt: Bisher ist der Protest der „Letzten Generation“ nicht nur legitim, sondern auch legal und gewinnt seine Legalität aus der Legitimität. Ebenso wie diese Autor:innen sind wir derzeit in Deutschland in der Minderheit, aber sie können ihre Ansichten sehr gut begründen und wenden sich gegen einen Populismus, der zwischen Kopf-in-den-Sand-stecken (gerade durch Katar `22 wieder zu einem berüchtigten Verhalten geworden) und rechten, altpatriarchalischen Reflexen alles umfasst, was uns niemals weiterbringen wird. Derweil lesen wir in der taz etwas über „Mediumpassivität“, die, wenn man sie von ihren philosophischen Zwiebelschalen befreit, darauf hinausläuft, dass wir uns mal schön anschauen, was Aktivist:innen wie jene der „Letzten Generation“ so machen und uns als Resonanzkörper der Kämpfe anderer verstehen.

Wir haben außerdem eine Bringschuld, ganz persönlich, weil wir derzeit auch aus der Aktivität in Sachen #Mietenwahnsinn mehr oder weniger ausgeschieden sind, weil wir bloß ein- oder zweimal bei Demos von FFF waren, deren Weiterentwicklung hin zu mehr Radikalität für uns die „Letzte Generation“ mehr oder weniger darstellt. Greta Thunberg hat es allen auf der Welt deutlich hörbar gesagt, was anliegt in Sachen Klimawandel, aber wer nicht hören will, wie die deutsche Politik, der muss mit der Nase darauf gestoßen werden.

Einzelne rechtliche Aspekte werden in dem Interview nicht verhandelt, das ist generell nicht der Duktus, mit dem Sven Lilienström die Gespräche für „Gesichter der Demokratie“ und „Gesichter des Friedens“ führt, in denen so unterschiedliche Menschen zu Wort kommen, dass wir auch seinen Hinweis vor dem Beginn des Interviews gut nachvollziehbar finden: Immer auf dem Boden des Grundgesetzes und der Demokratie! Denn viele, die mittlerweile der Initiative „Gesichter der Demokratie“ beigetreten sind, dürften keine Fans der „Letzten Generation“ sein. Somit die Erweiterung des Spektrums seiner Interviewpartner:innen, die hier zu beobachten ist, auch für die Initiative und ihren Gründer selbst ein gewisses Risiko. Wer sagt, wir sind immer auf der Seite der Demokratie, der muss den Menschen von der „Letzten Generation“ zubilligen, dass sie das ebenfalls sind, weil diese Gespräche bisher nur mit Menschen geführt wurden, die der Interviewer als der Demokratie zugewandt empfindet. Vielleicht war es deshalb auch eine gute Entscheidung, in diesem Fall die andere Initiative, „Gesichter des Friedens“, zum Ausgangspunkt des Interviews zu machen.

Dennoch ist nicht juristisch entschieden, wo und in welcher Form die Angehörigen der „LG“ verfassungsmäßige Rechte verletzt haben könnten, wie sie zivil- und strafrechtlich zu bewerten sind. Wie möglicherweise am Ende auf die Verfassung zurückgegriffen werden muss, wenn es bei der Anwendung von „einfachen Recht“ zu Ungerechtigkeiten kommen sollte. Wir haben gerade aus dem Augenwinkel den neuen Newsletter LTO Daily gesehen: Deliktshaftung bei Flughafenblockaden. Ja, wie ist das, mit dem freien Flug für freie Bürger vs. kurzfristige Blockade dieser Freiheit im möglichen Klimanotstand?

Wir gehen von der bisherigen Nachrichtenlage aus, vermeiden alle Vorurteile, Vorverurteilungen und schrillen Abwehrreaktion, sondern bewundern viel mehr den Mut dieser Menschen, den wir zum Beispiel im Moment nicht aufbringen. Sie sind für uns nicht nur eine logische Ableitung aus den Anliegen und den Erfahrungen von Fridays for Future, sondern auch die Nachfahren der aktivistischen Gründergeneration von Greenpeace, Robin Wood und anderen Organisationen, die viel für unser Umweltbewusstsein getan haben. Dass der Protest etwas Feministisches hat, wenn drei junge Frauen interviewt werden, versteht sich von selbst und sie haben recht. Es ist eine Binse, dass Frauen, die Macht ausüben, sich genauso patriarchalisch, umweltschädlich und kapitalistisch verhalten können wie Männer, aber darum geht es nicht. Es geht um Gleichheit, auch bei dem Recht auf Zukunft, das wir alle gemeinsam erkämpfen sollten. Bei diesem Kampf versagen die meisten von uns kläglich, und es sind immer noch weit überproportional ältere Männer, die dafür sorgen, dass dieser Kampf noch immer wie ein Kampf gegen Windmühlen wirkt. Gegen Windmühlen, die von mächtigen Interessen gegen den Wind der Zeit, der Veränderung angeblasen werden und daran, dass die Mühlen sich weiterhin in die falsche Richtung drehen, merkt man, wie viel Druck und Macht hinter diesen Gegner:innen einer Energie- und Klimawende steht.   

Aber die Politik ist kein Opfer dieses Drucks, sie gibt ihm nach, weil es bequemer ist und manchmal auch unglaublich lukrativ. Deswegen auch hier unsere schon traditionelle Erwähnung von Abgeordnetenwatch, Campact, Finanzwende und anderen, die helfen, das transparent zu machen, was hinter der erbitterten Gegnerschaft des Kapitals gegen Menschen wie die der „Letzten Generation“ stehen. Nicht die „Letzte Generation“ ist am radikalsten, sondern dieser, sagen es ruhig, dieser Mob, der unsere Zukunft in Krieg und Zerstörung sieht und tatsächlich glaubt, er selbst könne sich dank seiner finanziellen Möglichkeiten retten. Selbst und gerade, wenn das stimmen sollte, müssen wir übrigen umso mehr dagegenhalten und die Zukunft für alle auf dem Planeten sichern. Wir spüren gerade, wenn wir ein Interview wie dieses lesen, wieder unsere eigenen Defizite. Man kann nicht alles und junge Menschen haben noch einmal mehr „Wums“, um ein weiteres Modewort zu verwenden, sie sehen Dinge oft klarer und idealistischer, die Zweifel vieler Jahre haben nicht an ihnen genagt, aber deswegen müssen wir sie mindestens unterstützen und beim Schreiben  an ihrer Seite stehen, solange sie keine Gewalt gegen Menschen ausüben. Wir sind bei allem, was uns zweifeln oder auch verzweifeln lässt, immer konstruktivistisch geblieben und wir begreifen den Protest der „Letzten Generation“ auch in diesem Sinne, nämlich als Initiativbeitrag für eine konstruktive, aber bitte baldige Lösung des Problems Klimawandel. Der Protest selbst kann nicht eine Bauanleitung dafür liefern, sondern muss auf die Missstände hinweisen, wie jeder Protest.

Deswegen, wenn wir schon vage andeuten, dass wir bestimmte Beiträge in der Taz, etwa für „Future2“ lesen: Ja, es gibt einen zu großen Gap zwischen wütendem Protest und konservativer Zukunftsverweigerung, nämlich die konstruktive, aktivistische Zukunftsbejahrung, die auf konkretes Handeln im Kleinen setzt. Mehr geht aber nicht, denn das Handeln im Großen ist Sache der Politik, der Politiker:innen, die dafür gewählt wurden, uns zu schützen und uns diese Zukunft nicht zu verwehren. Man sieht gerade so deutlich, was passiert, wenn immer nur opportunistisch und nach dem Billigstprinzip gehandelt wurde: Es kann sauteuer für uns alle werden, und das wird es gerade. Jedem, der sich auch nur ein bisschen nach Gerechtigkeit sehnt, muss sich gegenwärtig der Magen umdrehen, und eine Gerechtigkeit neben der sozialen Gerechtigkeit, der Leistungsgerechtigkeit und anderen Formen der Gerechtigkeit tritt immer mehr in den Vordergrund: die Klimagerechtigkeit. Und mit ihr die Generationengerechtigkeit, deren Abwesenheit die jungen Menschen natürlich mehr spüren als Ältere.

Je weniger wir die anderen Formen berücksichtigen, desto weniger können wir alle Aspekte der Gerechtigkeit integrieren, sondern haben bald nur noch die Wahl: Entweder das nackte Überleben sichern und dadurch wieder neue Ungerechtigkeiten schaffen, oder es einfach sein zu lassen und weiterzumachen wie bisher, bis es aus ist. Aus unserer Sicht ist die Entwicklung hochgefährlich, auch für die Demokratie, dass fast alle Formen der Gerechtigkeit immer weniger eine Rolle spielen. Am Ende ist die Klimagerechtigkeit dann nur noch eine Frage von do (at once) or die und dass ein Handeln in Panik und gegen den Untergang zu mehr Ungerechtigkeit führt als rechtzeitiges, einigermaßen ausbalanciertes Angehen jener vielen Probleme, die ohnehin miteinander zusammenhängen, liegt auf der Hand.

Jede:r muss sich für das einsetzen, was ihm oder ihr am wichtigsten ist, niemand kann alles machen. Deswegen werden wir wohl, wenn die Zeit gekommen ist und falls der richtige Moment kommt, wieder in den Kampf für soziale Gerechtigkeit einsteigen. Wir wissen aber, dass dieser Kampf nur dann einen Sinn ergibt, wenn wir auch die Klimagerechtigkeit immer im Kopf behalten und sagen: Das eine wird es nicht ohne das andere geben können. Das haben übrigens viele Altlinke überhaupt nicht verstanden und begegnen  diesem sie möglicherweise ideologisch und kognitiv überfordernden Problembündel auf spalterische Art und Weise.

Das wird zu gar nichts führen. Nicht zu besserer Arbeit, nicht zu weniger Ungleichheit, nicht zu besseren Lebensverhältnissen im Ganzen und schon gar nicht zu mehr Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd, was wiederum einigen dieser Menschen ja so wichtig ist. Diese Haltung ist genauso destruktiv wie die Haltung der Rechten und des Kapitals in dieser sehr schwierigen, aber nach unserer Ansicht nicht komplett aussichtslosen Lage, in der wir sind. In die wir uns selbst hineingeführt haben, wenn auch nicht alle in gleichem Maße, bezüglich des Grades an ökologischem Fehlverhalten und wirklich grausamer Ignoranz.

Die Menschen von „Letzte Generation“ kann man im Moment nicht ignorieren und das ist gut so. Ihre Dämonisierung als Klima-RAF und ähnliche schäbige Ausfälle sagen uns nur, dass wieder einmal die Angst vor Veränderung in diesem innovationsfeindlichen und von besonderen Formen der Abspaltung gebeutelten Land umgeht. Diese Angst müssen wir besiegen, nicht uns ihr beugen,  nicht uns aufhetzen lassen gegen die Wenigen, die noch etwas wagen, um das zu retten, was zu retten ist. Nicht noch einmal klein beigeben. Sonst ist es wirklich bald zu spät.

Deshalb gilt heute unser besonderer Dank Sven Lilienström und den drei Frauen, die uns durch das Interview mit ihm das Denken und die Haltung von Angehörigen der „Letzten Generation“ individualisiert und damit nähergebracht haben. Dass wir uns unter mehreren Möglichkeiten der Einordnung dieses Artikels für „Demokratie in Gefahr“ entschieden haben, nicht für „Klima-Energie-Report“ oder eine Subkategorie im Briefing, ist seiner Bedeutung geschuldet und wir wollen hier keinen Zweifel lassen: Die Demokratie (und der Frieden) sind nicht etwa durch die „Letzte Generation“ in Gefahr, sondern durch diejenigen, die gegen deren Aktive hetzen und agitieren, sie sogar präventiv inhaftieren lassen wollen und ihre Wohnungen ohne jeden konkreten Terrorismusverdacht durchsuchen lassen. Dieser schändliche Populismus, der sich nicht an einer demokratischen Rechtsordnung mit starken Grundrechten, sondern an Umfragewerten, am von Sven Lilienström erwähnten Stammtisch in den Hinterzimmern der retardierten Einstellung zur Demokratie orientiert, müssen wir uns klar entgegenstellen.

TH

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