809.000 Deutsche müssen nicht arbeiten (Statista + Kommentar) +++ Fair oder Armchair Millionaire | Briefing 102 | Demokratie in Gefahr | #Erben #Erbschaft #Superreiche #Reiche #Müßiggang #HartzIV #Bürgergeld #Inflation

Briefing 102 (hier zu 101), Demokratie in Gefahr, reich und arm, vom Vermögen leben

 Liebe Leser:innen,

wir können nichts dafür, dass die meisten Nachrichten höchstens mittelplusgut, meist aber schlecht sind. Wir sind ja auch kein Erbauungsmagazin.* Wir leisten uns zu schlechten Nachrichten oft auch noch kritische Meinungen. Deswegen wollen wir heute das Wochenende mit etwas vollkommen anderem einläuten. Mit Menschen, denen es wirklich gutgeht. Die gibt es nämlich, und, das ist das besonders Erfreuliche daran: es werden mehr!

Infografik: 809.000 Deutsche müssen nicht arbeiten | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0  erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

809.000 Menschen in Deutschland bestreiten laut Statistischem Bundesamt (destatis) ihren Lebensunterhalt überwiegend durch eigenes Vermögen (inklusive Vermietung, Zinsen, Altenteil) – das entspricht etwa einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Damit ist die Zahl der sogenannten Privatiers gegenüber dem Jahr 2020 um fast 100.000 gestiegen. Noch vor zehn Jahren waren es destatis zufolge sogar nur etwas mehr als halb so viele (2010 = 415.000). Das Gros derjenigen, die Arbeit nicht nötig haben ist zwischen 45 und unter 65 Jahre alt, wie die Statista-Grafik zeigt. Jeweils etwa 30 Prozent sind jünger oder älter.

Um nicht weniger als 13,8 Prozent hat die Zahl derer innerhalb eines einzigen Jahres zugenommen, die nicht mehr arbeiten müssen. Rentner:innen sind damit übrigens nicht gemeint. Wenn das so weitergeht, haben wir bald mehr Armchair Millionair:esses als Hartz-IV … ähm … Bürgergeld-Empfänger:innen. Am oberen Rand der Gesellschaft scheint eine richtige Beule oder Blase zu entstehen. Von wegen Ungleichheit, der Trickle-Down-Effekt wirkt eindeutig. Konnten sich im Jahr 2020 noch 0,9 Prozent der Bevölkerung ein Leben von Vermögenswerten leisten, waren es ein Jahr später schon 1 Prozent, die Steigerung ist größer als die Teuerung, die gegenwärtig bei 8,6 Prozent liegt, übrigens, nachdem sie zwischenzeitlich zweistellig war. Keine Angst, nach ein paar Sondereffektverpuffungen kriegen wir vermutlich die Zweistelligkeit wieder. Behalten wir sie auf Jahresbasis auch beim Wachstum der Schicht, die nicht arbeiten muss?

Man kann die interessantesten Vermutungen darüber anstellen, warum gerade die unteren beiden Altersgruppen so zulegen. Auch diejenigen, die sich wohl kaum ihr Vermögen selbst erarbeitet haben können. Ist es die Übersterblickeit? Wir deshalb mehr vererbt als in normalen Zeiten? Kann man während Corona die Erbtante oder den Opa besser um die Ecke bringen, sozusagen im Windschatten des allgemeinen großen Sterbens? Durch aktive Ansteckung gar? Gibt es eine strafrechtliche Regel für das absichtliche Einbringen eines Virus in den Körper vulnerabler Personen? Als HIV aufkam, wurde das heftig diskutiert, während Corona hat man bisher nichts von solchen Überlegungen gehört. In Fachkreisen vielleicht, aber dazu gehören wir nicht.

Dass die meisten jüngeren Menschen, die nicht arbeiten müssen, schwerreich geerbt haben, ist, ganz ernsthaft geschrieben, eine Binse und dass diese großen Erbschaften zunehmen werden, weiß man seit langem. Wie es in der nächsten Generation aussehen wird, ist eine andere Frage, denn das Erarbeiten größerer Vermögen wird immer schwieriger. Mit dem Ergaunern ist es andersherum, dadurch, dass unendlich viel Kapital in die Märkte gepumpt wird und die Unterflächenwirtschaft boomt, als würden sich die Abnehmer von deren Dienstleistungen und Produkten … nun ja, jedes Jahr um 13,8 Prozent vermehren, beispielsweise. Insofern ersetzt Klasse Masse aber dennoch, denn was interessiert der wegbrechende Mittelstand, wenn am oberen Ende im wörtlichen Sinne ein Konsumrausch ohne Ende möglich ist? Logistisch ist das sogar viel bequemer und sicherer.

Ein weiterer Effekt bei der Vermehrung der nichtarbeitenden Vermögenden dürfte in der Tat die Spekulationsblase der letzten Jahre sein. Dass einige sich sogar an Corona dumm und dämlich verdient haben (das ist nur ein Spruch, dämlich sind bekanntlich die Ehrlichen), ist ebenfalls bekannt. Sie ahnen schon, wohin der Trend dieses Artikels wieder gehen wird: Die Ungleichheit nimmt zu, nicht ab. Denn diejenigen, die den ganzen Tag die Beine baumeln lassen oder eklektischen, teuren Hobbys nachgehen können, zählen zu der kleinen Schicht, der es immer besser geht, sofern man Überfluss in den Cluster „besser gehen“ eingliedern  kann.

Das Anwachsen absurden Reichtums ganz oben ist schon länger in der Kritik, aber bevor die Politik endlich eine angemessene Beteiligung dieser Kaste an Gemeinschaftsaufgaben sicherstellt, wird sie lieber die notabene arbeitende Bevölkerung wieder schröpfen. Irgendwann ist damit Schluss, das ist schon klar, und dann wird es richtig gefährlich. Die Infrastruktur wird weiter verfallen, die Qualität von fast allem weiter abnehmen. Aber nur für die ohnehin geschröpfte Mehrheit, nicht für diejenigen, die sich von ihren meist ererbten Vermögen alles privat kaufen können. Es werden ernsthaft Überlegungen angestellt, sich ganz abzusetzen, die anderen verkommen zu lassen und eigene Städte nur für Reiche zu gründen. Als Ressorts innerhalb von Städten, hoch ummauert, scharf bewacht, gibt es das ohnehin schon. Sogar in der Hauptstadtgegend von Deutschland. Es wird relativ diskret damit umgegangen, aber dieser weitere Ausdruck von Ungleichheit ist ein Modell des Wohnens der Zukunft für die Betuchten. Wenn man das Ganze aber in größeren Dimensionen denkt, und das ist tröstlich, ist es nicht so einfach, solche Projekte so umzusetzen, dass sie autark sind.

Auf jeden Fall passt die Tendenz, die wir in der Grafik sehen, in das Bild einer weiter anwachsenden Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die wiederum demokratiegefährdend ist. Deswegen haben wir diesen Artikel innerhalb des Briefings auch ins Feature „Demokratie in Gefahr“ gestellt und nicht: es wird ja doch alles besser. Dafür gibt es auch kein Feature bei uns, weil Tendenzen in diese Richtung viel zu episodisch sind und man sie oft mit der Lupe suchen muss. Einzelfallstorys, die suggerieren sollen, dass alles geht, wenn man es nur will, überlassen wir denen, die ihr Geschäft mit dem Für-blöd-Verkaufen von Menschen machen.

Wir zeigen Statistiken, kommentieren Sie und Sie wissen, was Sie kriegen: eine zuverlässig an Solidarität, nicht an Exzeptionalismus orientierte Einordnung von Entwicklungen.  

TH

*Abgesehen von den Kulturbeiträgen

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