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Crimetime 1159 – Titelfoto © BR, Thomas Klausmann

Hohe Drehzahl im Leerlauf

Animals ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort. Der von Telepool und Bavaria Film für den Bayerischen Rundfunk 1990 produzierte Beitrag wurde am 1. Januar 1991 im Ersten als 238. Folge der Reihe erstmals gesendet. Die Münchner Kriminalhauptkommissare Batic und Leitmayr gaben mit diesem Fall, in dem eine Tierschützerin auf grausame Weise getötet wird, ihren Einstand.

Gerade erst haben die neuen Münchener Kommissare bei der Mordkommission, Ivo Batic und Franz Leitmayr, eine ganz simple Tötungshandlung in einem Zug gewuppt, da schneit eine militante Tierversuchsgegnerin ins Büro und verlangt Tätigkeit der Polizei, aber sie ist bei der falschen Dienststelle. Kurz darauf wird sie an der Isar gefunden, totgebissen. Die Spur führt zu einem Kosmetikunternehmen, das seine Produkte an Tieren testet. Dieser Kurzbeschreibung der Handlung folgt die offizielle und ihr die –> Rezension.

Handlung (Quelle: Das Erste)

Angelika Weiss ist empört: Kriminalhauptkommissar Batic läßt sie einfach abblitzen, als sie bei ihm die Kosmetikfirma Pelzer wegen unerlaubter Tierversuche anzeigen will. Batic und sein Kollege, der Hauptkommissar Franz Leitmayr, sind bei der Mordkommission und können deshalb Angelika Weiss in dieser Sache nicht helfen, obwohl sie ihr Anliegen mit erschütternden Fotos beweisen kann.

Wenig später werden Batic und Leitmayr an den Fundort einer Leiche gerufen. Sie erkennen in der Toten Angelika Weiss wieder. Sie wurde durch einen Hundebiß getötet. Der Verdacht liegt nahe, daß es sich um einen dressierten Kampfhund gehandelt haben könnte. Bei ihrer Recherche stoßen Batic und Leitmayr auf den Besitzer der Pelzer-Kosmetik, der behauptet, Angelika Weiss, die vor Jahren für seine Produkte als Fotomodell geworben hat, seit langer Zeit nicht mehr gesehen zu haben. Auch sein dressierter Rottweiler ist nicht mehr bei ihm, und die Tierversuche in seinen Labors seien vollkommen im Rahmen der Legalität. Im Gegenteil: Batic und Leitmayr sollten ihn vor den Aktionen der autonomen Tierschützer bewahren, die ständig seine Fabrik zum Ziel haben. Erst vor kurzem haben sie alle Hunde aus den Labors freigelassen und, seine Versuchsreihe stagniere, obwohl er unter Termindruck eine neue Serie von Präparaten herstellen müsse.

Inzwischen hat Batic seine Jugendfreundin Caroline wiedergetroffen. Sie hat Karriere gemacht, und hofft, das „neue Gesicht“ der geplanten Pelzer-Werbekampagne für neue Kosmetika zu werden. Batic nimmt sehr widerwillig zur Kenntnis, daß Caroline möglicherweise eine noch engere Beziehung zu Pelzer haben könnte.

Franz Leitmayr ermittelt inzwischen auf seine Weise. Er ist auf der Spur des Bauern, der Pelzer immer Hunde für seine Tierversuche beschafft. Ohne Batic zu informieren, macht er sich auf den Weg und gerät prompt in eine Falle. Als Batic endlich ahnt, wohin sein Freund verschwunden sein könnte, trifft er auf eine Situation, die ihm auf verhängnisvolle Weise seine Ohnmacht deutlich macht. Und Caroline hat sich für einen anderen Weg entschieden.

Rezension 

Keine Übungsstunden für die heutigen Super-Ermittler aus München. Keine umständliche Einführung in ihre Jobs. Sie sind einfach da. Grüß Gott, die Herren Kommissare! Schön, nicht im Land herumfahren zu müssen, nachdem wir eh gerade in München waren (um die Rezension des Tatorts „Pension Tosca oder die Sterne lügen nicht“ zu ergänzen und zu veröffentlichen).

Man weiß gar nicht, fast 25 Jahre nach diesem Tatort, wo man mit den Betrachtungen anfangen soll.

Zum Beispiel damit: Am Tag der Veröffentlichung dieses Beitrags im neuen Wahlberliner sind es sogar 34 Jahre, sechs Monate und 23 Tage, die die Münchener Cops nun auf dem Fernseh-Dienstbuckel haben. Der Entwurf, den wir hier fast unverändert veröffentlichen, stammt aus dem Jahr 2014.

Der erste Eindruck war: Meine Güte, haben die beiden sich entwickelt. Wenn auch unterschiedlich stark. Während Ivo Batic schon wie ein richtiges Mannsbild wirkt und aussieht, kommt Franz Leitmayr noch wenig trocken hinter den Ohren rüber. Vergleichsweise chauvinistisch sind sie beide. Bayern, kurz nach der Wende.

Die subtilen Untertöne waren noch nicht drin, die wir heute kennen. Und es ist vor allem Miroslav Nemec, dem wir es wohl zu verdanken haben, dass dieses Team  eine noch immer aktive Legende geworden ist. Was man jetzt nur noch in Ansätzen sieht, liegt hier klar zutage: Er ist der komplettere und zum damaligen Zeitpunkt reifere Schauspieler. Er wirkt viel präsenter als Udo Wachtveitl. Er ist ja auch ein paar Jahre älter als sein Compagnon von den Guten. Er sorgt dafür, dass das Team nicht ganz so kindlich wirkt wie einige der Ermittler, die seit 2012 die Crime Scenes betreten haben. Anders ausgedrückt: Die Veränderung bei Batic bis heute ist um einiges geringer als die von Leitmayr – bis hin zur Optik.

Dass man mit den beiden geplant hatte, steht aber wohl außer Frage. Nicht nur der geradezu prätentiöse Starttermin 1. Januar 1991 deutet darauf hin.Die Figuren waren Geschöpfe der Produzentin Silvia Koller, die von Beginn an für die Batic-Leitmayr-Tatorte verantwortlich war. „Animals“ war also der Urknall eines Münchener Tatort-Universums, das mittlerweile großartige Krimi-Sternehervorgebracht hat. Aber der Urknall kann nicht funkeln wie später die Grimmepreis-gekrönten Fälle. „Animals“ ist ein in vielen Bereichen konservativer und auch mangelhafter Film. Gleichwohl, anders als zuvor, wo der Stab weitergereicht wurde, wurden beim Neustart 1991 keinerlei Figuren aus den früheren Teams übernommen.

Auffällig sind die Plotschwächen, die in den 1990ern ohnehin eine erste Blütezeit erlebten. Da merkt ein Firmenchef nicht, dass ihm sein Hauptschlüssel abhandengekommen ist, da wird illegal mit Versuchstieren gearbeitet, ohne dass es auch nur eine Wache im Außenbereich dieser großen Firma gäbe, geschweige denn Überwachungskameras oder einigermaßen hinderliche Zäune. Da behauptet ein Mann, er habe keinen Kampfhund, obwohl der Rottweiler (der im Grunde keine Kampfhunderasse darstellt) wohl für jeden in dieser Firma über viele Jahre zu sehen war.  Da sitzt ein angeblich professioneller Fotograf im Auto und knipst so auffällig aus nächster Nähe Hundefänger, als ob es 1991 noch keine Teleobjektive gegeben hätte und als ob man bei jedem Schuss die Kamerahaltung wechseln müsse, damit’s auch besonders auffällt.

Es fällt dann auf, Konsequenzen hat’s aber nicht, also hätte man es auch ruhiger inszenieren können. Wir überpringen wenig gelungene Stellen über etwa vierzig Minuten und kommen zum Finale. Nicht ganz neu, dass die Ermittler selbst mitten im Gewühl stecken, aber für Bayern wohl schon.  Die letzten zehn Minuten, wo ein Auto nach dem anderen auf dem Bauernhof vorfährt und alle sich im Kuhstall versammeln, erinnert ein wenig an die tollen Streiche der Keystone Cops aus den 1910er Jahren: Purer Slapstick, der allerdings mit ernster Miene daherkommt und dessen Komik dadurch mit dem das Adjektiv „unfreiwillig“ versehen werden muss.

Man merkt, die Münchener waren damals ganz schön wild, und der erwähnte Fotograf ist ja auch der spätere Carlo Menzinger (Michael Fitz), hier noch als Tierschützer-Unterstützer mit Neigung zu erpresserischen Handlungen. Wir kennen  ja mittlerweile ein paar noch ältere Münchener Tatorte und wir können verstehen, welch einen Wandel Batic und Leitmayr als Figuren nach Bayern gebracht haben.  Nicht jeder wird die beiden damals gemocht haben. Wie es eben ist, wenn Teams einen neuen Stil etablieren wollen, ohne gleich schmimanskimäßig zu wirken oder so ernst und ehrgeizig wie Lena Odenthal, die andere Ikone, die in jener Zeit angefangen hat, Tatortfälle zu lösen.

Es ist ganz eindeutig, dass man die Fernsehzuschauer nicht überlasten wollte. Das heißt, man hat zwar ein neues Team installiert, aber geradezu als Feldversuch: Falls es schiefgegangen wäre, hätte man sagen können, es hat nicht daran gelegen, dass man filmisch zu sehr auf die Pauke gehauen hat, sondern daran, dass eben das Team nicht ankam. Man konnte also Figurenweiterentwicklung von filmischem Fortschritt trennen und sich zunächst auf Ersteres konzentrieren. Eine im Grunde intelligente Lösung, das Kind nicht mit dem Bade auszukippen. Dass der Plot so viele Mäkel hat und darunter auch die Schauspielkunst vieler Darsteller im Sinne der Glaubwürdigkeit leidet, sie überdies nicht besonders gut geführt sind, lässt uns zum klassischen Zwischenfazit kommen: Es sind noch keine Meister vom Himmel gefallen und Lehrjahre sind keine Herrenjahre.

Solche Sprüche hätten auch gut in einen Film gepasst, in dem Frauen mehr oder weniger offen diskreditiert werden mit Sprüchen wie „Wenn du dich ärgerst, bist du noch schöner“ – und überhaupt eine unglückliche Rolle spielen. Leitmayr hat sogar eine feste Freundin, wir lernen auch Batics Ex kennen, aber die wirkt so wenig durchdrungen mit ihrer sklavischen Art, den bösen Firmenchef dem Batic vorzuziehen, obwohl der so ein cooles, loftähnliches Heim mit ganz tollen Dekosachen hat. Naja, ein Fotomodell halt. Die Behausung ist vermutlich dieselbe, die für die Wohnkommune des Fotografen verwendet wurde. Kein Wunder, dass die Bayern die wenigsten Schulden haben, bei dieser Form von Sparsamkeit. Also, auf staatlicher Ebene. Ob das auch für den BR gilt, dass er unter den ARD-Sender am besten wirtschaftet, haben wir an dieser Stelle nicht eruiert.

Die Tierschützerin wirkt auch einen Tick zu mondän, und die Aktion Tierbefreiung leitet uns zu einem anderen Tatort: „Leiden wie ein Tier“ aus Berlin, entstanden anno 2005. Man merkt deutlich, dass das Thema bereits ein Klassiker war, als der jüngere Tatort produziert wurde, hingegen ist der Umgang damit im Jahr 1990 noch recht unbeholfen, obwohl der Quälerei-Film, den Batic seiner Ex vorspielt, auch heute noch schockiert. Damals aber, als sowohl in den Nachrichten als auch im deutschen Fernsehfilm noch dezenter vorgegangen wurde und gerade der erste Computertrick-Krieg der Geschichte im arabischen Golf lief, bei dem es ganz sauber zugng, war er schon das Maximum dessen, was man zeigen konnte. Vermutlich darf „Animals“ auch heute noch nicht um 20:15 wiederholt werden, wegen dieser Szenen.

Als die Kölner Ballauf und Schenk 1997 starteten, brach auch eine neue Ära des Filmstils im Tatort an, die Münchener haben das adaptiert. Da uns viele frühe Batic-Leitmayr-Filme noch in der Sammlung fehlen, sagen wir: unter Vorbehalt. Aber gewisse Dinge entwickeln sich selten über Nacht, wenn sie nicht von Anfang an Teil des Konzeptes sind. Wenn die Handlung glaubwürdiger wäre, könnte man sagen, die Filme waren wesentlich realitätsnäher als die heutigen, schon die Bebilderung betreffend. Gerade, weil dieses Team schon so lange dabei ist und die Wahrnehmung der Veränderungen nicht durch Personalwechsel  beeinflusst werden, kann man gut nachvollziehen, wie virtuell wir geworden sind. Man sieht anfangs zum Beispiel einen Dienstwagen, der noch richtig dreckig ist – matschiger Frühwinter halt. Heute geht das gar nicht mehr, unabhängig von der Jahreszeit, weil BMW, der Hersteller, der von Anfang an die jeweils aktuellen 5er für Batic und Leitmayr zur Verfügung gestellt hat, das nicht mehr zulassen würde. Alles ist auf Hochglanz, immerzu. Das Maximum an Wirklichkeitseinwirkung sind ein paar Regentropfen auf der Scheibe und auf dem Lack.

Ebenso wäre eine Kosmetikfirma mit einem so alten und schäbigen Layout wie die in diesem Film undenkbar. Siehe auch hier den erwähnten Berliner Tatort, der schon recht nah an den heutigen visuellen Konventionen ist (Stand 2014, wohlgemerkt, da war dieser Berliner Tatort erst neun Jahre alt, „Animals“ lag schon 23 Jahre zurück; was wir hier übers Visuelle ausdrücken, ist 2023 gar kein Diskussionspunkt mehr für uns). Die Münchener von 1990 und ihre Welt wirken noch nicht digital verpixelt und geglättet, und eines Tages wird man vielleicht diese heute als altmodisch empfundene, recht unverstellte Abbildung der Wirklichkeit wieder zu schätzen wissen und sagen, die biederen Filme jener  Zeit sind verkannt worden.

Das Geschehen selbst wird man wohl nie als besonders gelungen ansehen. Aber die allerletzte Einstellung, in der Batic alleine dasteht, nachdem seine Ex doch lieber den verletzten Kosmetik-Manager in den Krankenwagen begleitet, obwohl sie weiß, was er für ein Mensch ist. Leitmayr, der kurz zuvor von seiner blonden, kumpelhaften Freundin erst einen Kuss bekommen hat, bevor sie ihm endlich die Fesseln durchschnitt, damit er helfen konnte, die Szene günstig für die Polizei zu gestalten, mit dieser Freundin im Porsche wegfährt, ist schon ein Hinweis auf das, was kommen sollte: Eine Art von Melancholie am Ende eines großen, gelösten Falles, wie wir sie später so oft erlebt haben.

Finale

Die Versuchung, nun zu schreiben, ganz klar, man hat den Münchnern ihr Potenzial vom ersten Tatort an so richtig an den Nasenspitzen angesehen, die ist groß. Aber wir erliegen wir an dieser Stelle mal nicht, sondern stellen fest: fazinierend, dieses Team in der Einlaufphase zu beobachten, für die Leitmayrs Porsche 911 Targa, der im Leerlauf getestet wird, nachdem der Motor wieder seinen Dienst tut, in der dieses Auto also symbolisch steht, das später umgespritzt wurde und heute von Thorsten Lannert aus Stuttgart gefahren wird.

Die Kraft dieses neuen Teams ist noch nicht ganz in Vortrieb umgesetzt, in diesem ersten Münchener Tatort der neuen Generation. Filmisch herrscht Stillstand, lediglich die Ermittler sind die Fixpunkte fürs Label „neu“. Wie anders sie gegenüber ihren Vorgängern daherkommen, können wir, nachdem wir die beiden Bayern-Urtatorte „Münchner Kindl“, „Ordnung ist das halbe Sterben„, „Heißer Schnee“ oder „Pension Tosca oder die Sterne lügen nicht“ gesehen haben – letzterer ist nur etwas mehr als drei Jahre älter als „Animals“ – nun recht gut nachvollziehen. Allein – Jugendstil macht noch keinen guten Tatort, deshalb ist „Animals“ für  uns der schwächste der drei Tatorte, die wir anlässlich des 50jährigen Jubiläums des dritten Programmes des Bayerischen Rundfunks aufgezeichnet und rezensiert haben.

Die beiden älteren Werke waren nämlich packend, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, und das kann man von „Animals“ so nicht behaupten. Es liegt nicht vorwiegend an der Howcatchem-Konstellation, die das Grundmuster beim Thriller ist  undgeniale Figurenzeichnungen erlaubt. Bei dieser Plotgestaltung müssen, anders als beim Whodunit, nicht zahlreiche Verdächtige so behandelt werden, dass sie zwar als Täter möglich, aber nicht zu kenntlich werden. Es liegt an der Ausführung. Dennoch, da ist schon, und das schreiben wir jetzt doch, etwas von dem zu sehen, was die Münchener heute auszeichnet: Eine Grundharmonie, die alle Krisen übersteht und manchen derben und subtileren Scherz verträgt.

Noch eine kurze Anmerkung anlässlich der Publikation: Die obige Rezension deutet nach heutigen Maßstäben eher auf 5/10 bis 5,5/10 hin, aber die Verschärfung des Schemas hat sich erst in den letzten Jahren ergeben, nachdem wir, teilweise nicht aus Qualitätsgründen, bis auf 4/10 heruntergegangen sind. Um „Animals“ aber in diesem Umfang herunterzusetzen, wäre nach unseren Regeln eine Bestätigung dieses Eindrucks durch Neusichtung notwendig. Dazu wird es aus Zeitgründen wohl nicht kommen.

6/10

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)

Kursiv und tabellarisch: Wikipedia

Regie Walter Bannert
Drehbuch
Produktion
Musik Paul Vincent Gunia
Kamera Kurt Lorenz[2]
Schnitt
Premiere 1. Jan. 1991 auf Das Erste
Besetzung

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