Münchner Kindl – Tatort 14 #Crimetime 875 #50JahreTatort 5 #Tatort #München #Veigl #Lenz #Brettschneider #BR #Kindl

Crimetime 875 - Titelfoto © BR  

Ein Münchener Kindl in Gefahr

Als erste Anstalt innerhalb der ARD strahlte der Bayerische Rundfunk ab 22. September 1964 ein eigenes „drittes“ Fernsehprogramm aus. Anlässlich des 50jährigen Jubiläums dieses Programms zeigte der Sender auch den ersten bayerischen Tatort, „Münchener Kindel“ aus dem Jahr 1971/72. Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieser Rezension hatte der BR, der sich lange Zeit nur eine Tatort-Schiene leistete, den Franken-Tatort (erster Fall: „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“) als zweiten Standort eingeführt. Allerdings betreibt der BR als mittlerweile einziger territorialer „Westsender“ auch eine hervorragende Polizeiruf-Schiene, das müssen wir im Jahr 2020 ebenfalls ergänzen, nachdem wir uns nun seit fast zwei Jahren auch mit diesem Format befassen.

Nun sind wir also wieder sechs Jahre weiter und das fünfzigjährige Tatortjubiläum bringt wiederum einige alte Fälle auf den Bildschirm. Unter anderem den ersten Bayern-Tatort.

„Münchener Kindl“ den Zuschauer in eine andere Zeit, beinahe glaubt man, dies sei eine andere Welt eine andere Zeit, haben das Gefühl, wir befinden uns in einer anderen Welt – und sind doch ganz dicht am Geschehen. Eine Frau, die aus der Psychiatrie entwichen ist, entführt ein kleines Kind vom Spielplatz und möchte es als eigenes ausgeben und behalten. Was wird geschehen und wie haben wir den ersten Münchener Tatort gesehen? Das steht in der -> Rezension.

Handlung

Der Wiener Kabarettist und Tatort-Regisseur Michael Kehlmann ist 78-jährig am 1. Dezember in Wien gestorben. Kehlmann, der Germanistik und Philosophie studierte und gleichzeitig eine Schauspielausbildung absolvierte, leitete Theater in Wien, Hamburg, Zürich und München und feierte vor allem auch als TV-Regisseur große Erfolge. Für den Bayerischen Rundfunk inszenierte er 1971 den ersten Tatort „Münchner Kindl“ für die ARD.

Oberinspektor Veigl wird mit einem Fall von Kindesentführung betraut, der fast gleichzeitig mit der Tatsache bekannt wird, daß die nervenkranke Martha Hobiehler aus der Heilanstalt entflohen ist. Ihre Akten sagen aus, daß sie seit einem unglücklichen Erlebnis, das sie seelisch zerbrach, krankhaft darauf fixiert ist, sich in den Besitz eines Kindes zu bringen. Martha Hobiehler hat schon einmal ein Kind entführt. Das Kind kam dabei ums Leben. Niemals konnte mit Sicherheit festgestellt werden, ob es sich um einen Unfall gehandelt oder ob Martha Hobiehler das Kind in ihrem Wahn getötet hatte.

Stimmt die Annahme von Oberinspektor Veigl, daß zwischen der Flucht der Martha Hobiehler und der Entführung der kleinen Micky Benssen ein Zusammenhang besteht? Oder spricht die Tatsache dagegen, daß Tage nach der Entführung ein Unbekannter das Ehepaar Benssen anruft und hunderttausend Mark für die Rückgabe Mickeys verlangt? Droht dem Kind Gefahr von einem brutalen Erpresser oder einer unberechenbaren Irren? 

Rezension

Eine Restaurierung haben sie dem ersten eigenen Tatort angedeihen lassen, die Verantwortlichen vom Bayerischen Runfunk. Diese satten Farben mit Tendenz ins Rotpink, die besonders bei den männlichen Figuren das optische Klischee vom biersaufenden, derben Bayern unterstützen, das klare Bild, das offenbar HD-tauglich gemacht wurde, die geringe Anzahl an verbliebenen Bildfehlern, das macht einen gepflegten Eindruck, hinzu kommt ein beinahe kristallklarer Ton, den wir uns, auch wenn er Mono ist, bei heutigen Tatorten manchmal wünschen würden. Wenn so klar gesprochen wird wie in „Münchener Kindl“ und die Hintergrundgeräusche realistisch wirken, wo vorhanden, da stört auch der Dialekt nicht, wenngleich sich für unsere Ohren das Münchenerisch beinahe Österreichisch angehört hat. Was den Vorteil hatte, dass wir Worte wie „Chopperl“ identifizieren konnten. Der Dialekt war in frühen Tatorten ohnehin stärker ausgeprägt als heute und sollte die Regionalität der Filme stärken, das neue Konzept erläutern, das die Polizeiarbeit in ganz Deutschland in einem Umfeld mit deutlichen Sprach- und Mentalitätsunterschieden beleuchten sollte.

Selbst wenn man bestimmte Begriffsbedeutungen nicht weiß, man kann sie sich aber erschließen, weil der Dialog den Dialekt immer so steuert, dass sich aus der Situation ergibt, was gemeint ist. Das ist sehr intelligent gemacht und auch davon könnten sich heutige Tatorte eine Scheibe abschneiden, bei denen regionale Sprache, wenn überhaupt eingesetzt, schnell ins Unverständliche abdriftet. Besonders die Wiener könnten sich anschauen, wie ein ähnlicher Sprachduktus wie der ihre so rübergebracht wird, dass keine Fragen offen bleiben.

Keine Fragen hinterlässt auch der Plot. So logisch und knapp (77 Minuten Spielzeit) und logisch kann Tatort also sein. Dass er kein Whodunit, sondern ein Howcatchem ist, in dem der Zuschauer mehr weiß als die Polizei, lässt eine hervorragende Konzentration auf die wenigen Figuren zu, die uns präsentiert werden und die uns beeindruckt haben. Die Kraft und der Mut der Tatortmacher, die in diesen sehr prägnanten Typen stecken, hat uns überzeugt. Die Geschichte der zarten Martha Hohlbieler, die versucht, sich mit dem kleinen Mädchen ein unmögliches Stückchen Glück zu ergattern, gespielt von der hierzulande wenig bekannten Theaterschauspielerin Marianne Nentwich, ist rührend und sehr gut dargestellt.

Bereits die Idee mit dem Münchener Kindl ist großartig – und hat offenbar zu einer Wiederbelebung des Brauches geführt, eine junge Frau oder ein Mädchen zum Münchener Kindl zu machen, das bei der Oktoberfesteröffnung und desweiteren zur Werbung für die Stadt eingesetzt wird. Es gab 1938 und 1965 ein Münchener Kindl, dann wieder  ab 1972, nachdem am 9. Januar des Jahres der Tatort Nr. 14 ausgestrahlt wurde, und seitdem permanent, selbstverständlich dargestellt von unterschiedlichen jungen Frauen für ein oder zwei, manchmal auch drei bis vier Jahre.

Die Bayern haben mit ihrem ersten Tatort einen Bezug zur Stadt hergestellt, in welcher er spielt und gleichzeitig ein sensibles Thema so umgesetzt, dass es Anlass zur Kontroverse bietet. Im Verlauf des Films fragt man sich nämlich immer mehr, wer gehört in eine Heilanstalt, wie die Psychiatrie damals noch hieß? Die hier wiedergegebene Handlungszusammenfassung der ARD ist offenbar auch noch im Originalduktus, heute wird das Wort „Irre“ aus guten Gründen nicht mehr verwendet. Diese traumatisierte junge Frau also, die einst abtreiben musste und dadurch einen seelischen Schaden davongetragen hat, ist sie „verrückt“, verhält sich „asozial“ und „anormal“, um bei der Begrifflichkeit der 1970er zu bleiben – oder doch eher die Männer, die im Film auftreten?

Vor allem der rohe Fraz Ziehsl in Person von Walter Kohut ist derjenige, bei dem man das Gefühl hat, er repräsentiert alles, was Männer ungünstigerweise darstellen können: Skrupellosigkeit, Opportunismus, Sprache als Beherrschungsinstrument, jede Geste und Aktion so angelegt, dass die Umgebung eingeschüchtert wird. Wir wissen schon, warum wir keine pinkfarbenen Hemden wollten, als uns diese vor ein paar Jahren mal wieder als letzter Modeschrei verkauft werden sollten. Rosa Hemden stehen für solche Typen, das hatten wir wohl antizipert.

Die zu Beginn der 1970er so schrillen Farben korrespondieren, wenn Ziehsl sie trägt, mit einem schrillen Charakter, Blut auf dem Kleidungsstück hebt sich kaum von diesem ab. Das Blut, das daher kam, weil der möglicherweise Zuhälter sich verletzt hat, im Clinch mit dem Freier Dünnkitz, der passend zum witzigen Namen in Jägertracht auftritt. Dünnkitz wird dargestellt von Walter Sedlmayr, der, wie Gustl Bayrhammer, der den Oberinspektor Veigl spielt, über die bayerischen Grenzen hinaus bekannt ist. Ebenso wie Helmut Fischer, des Inspektors Assistent Lenz, Rang: Kriminalobermeister.

Die beiden sind ein Gespann, das nicht nur witzig ist, sondern so schräg, dass selbst heutige Teams es kaum toppen können. Im Stil der damaligen Zeit sind sie zwar keine Psychopathen, aber wenn Veigl den Dackel Oswald in einer Tasche mit ins Büro bringt, damit niemand ihn sieht, denn Hunde sind im Büro verboten, und der Oswald dann mit dem Veigl und dem Lenz zusammen das eine oder andere Bierchen zischt bzw. schlabbert, schlägt die Schrulligkeit  Purzelbaum. Frech, wie man bei den ersten Tatorten war. Was man dem Publikum, das schneidige Polizisten à la Stahlnetz gewöhnt war oder die ebenfalls in Bayern ermittelnden Granden wie „Der Kommissar“ Erik Ode, mit der neuen Serie vorgesetzt hat. Wenn man sich ins Gedächtnis ruft, wie das Mainstream-Publikum der frühen 1970er gesprägt war, wirkt dieser Tatort nicht nur theamtisch, sondern auch bezüglich der Teamfaustellung sehr modern.

Ob es Proteste seitens der Polizei gab? Man war ja damals noch so rasch pikiert. Besonders, wenn jemand die Ordnung repräsentiert, der erkennbar auf Konventionen pfeift. Und wie Helmut Fischer den wenig von seinem Job begeisterten Lenz spielt, ist genauso gut wie die Darstellung des wurschtigen Chefs durch Gustl Bayrhammer, der sich gut durch den Fall kombiniert, aber immer einen Schritt zu spät ist.

Dieser Tatort hat keinen Tatort, weil es keine Leiche gibt, was in den ersten Jahren der Reihe nicht so ungewöhnlich war. Der Film ist auch nicht der erste Howcatchem, der als Psychothriller funktioniert, aber dass die Ermittlungen so flauschig nebenherlaufen und auf die Handelnden überhaupt keinen Einfluss haben, ist schon ein wenig besonders. Es findet keine Interaktion statt, Veigl konstatiert nur, was wir als Zuschauer ohnehin wissen und damit wissen wir auch, dass er zumindest auf der richtigen Spur ist. Die Polizei kommentiert das Geschehen mehr, als dass sie in ebenjenes eingreift. Konzeptionell hat sich das nicht durchgesetzt, aber „Münchener Kindl“ ist eine von vielen Krimi-Varianten, ein Beleg der Bandbreite, die der Tatort von Beginn an aufwies.

Auf Polizeiseite ist der Film urig, ansonsten spannend und beklemmend und hat  Momente, in denen man ehrliche Zuneigung zur Täterin, sofern man sie als solche bezeichnen kann, und natürlich zu dem kleinen Mädchen findet, das sie sozusagen entwendet. In einer  filmisch gut gemachten Rückblende, in der die bewegliche Kamera zeitweise die Sicht eines hinter Büschen versteckten Beobachters einnimmt, stellt man fest, dass die junge Frau dem Mädchen nur gegen einen größeren Jungen helfen wollte, der es im Englischen Garten verprügelt, dass das Mädchen die Frau mag und ihr sogar ein Stück nachläuft, sich an sie schmiegt – und in dem Moment werden die Muttergefühle der Frau, die ihr eigenes Kind hat wegmachen lassen, so stark, dass sie dem Impuls folgt, das Kind, das ihr vertraut, zu behalten.

Wie in „Münchener Kindl“ mit ganz kleinen Informationen, aber auch mit handfester Milieuzeichnung der Zustand der Dinge kommentiert wird, ist fesselnd in jeder Sekunde. Obwohl wir der Meinung sind, dass der Tatort Einflüsse des Neuen Deutschen Films aufgenommen hat, ist „Münchener Kindl“ insofern anders als die meisten Autorenfilme der frühen 1970er, dass hier so dicht an die Menschen herangegangen wird. Die distanzierte Betrachtung der Verhältnisse und die Aufforderung zur Negierung selbiger tritt zurück hinter persönlichen Schicksalen und hinter eine Möglichkeit, Empathie zu entwickeln: Für das Kind und die Frau, die es mit in die Wohnung einer Ex-Mitpatientin nimmt. Diese Klinik-Kollegin verdingt sich nach einer aus Altersgründen beendeten Showgirl-Karriere als Prostituierte, weil sie nichts gelernt hat, worauf sie sich stützen könnte. Sie wird von Männern ausgenutzt  und hilft ihrer Klinik-Leidensgenossin ohne zu zögern, obwohl sie weiß, dass das für Ärger mit dem Ziehsl sorgen kann. Die Menschen, die wir in „Münchener Kindl“ sehen, sind sehr pur, untaktisch – archaisch, wenn man es so nennen mag.

Dabei ist neben Martha der Ziehsl, wir müssen wieder auf ihn zurückkommen, die Figur, die den Film trägt. Dieses rudimentäre Arschloch will das große Ding drehen, weil er weiß, wie man’s macht – aus der Lektüre von 500 Krimis, teilweise in Englisch (!). Daher weiß er auch, was eine „Constellation“ ist und meint damit nicht das bekannte Flugzeug. Seine Sprache mit den akzentuiert eingestreuten Anglizismen zeigt auf satirische Weise eine Tendenz auf, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte und sich bis heute hält.

Finale

„Münchener Kindl“ hat eine ungeheuer dichte Atmosphäre, die Figuren sind unberechenbar und schon deswegen spannend. Das wirkt aber nicht konstruiert, sondern lebensecht. Eine ironische, hintergründig-süddeutsche Ader hat der Film auch, weit mehr als heutige Münchener Tatorte, und er zeigt, wie man arbeiten kann, wenn man den Kopf noch nicht voller Bedingungen hat, die aus vielen bisherigen Tatorten und aus Sprachzwängen im Sinne der Political Correctness resultieren. Dass die Reihe „Tatort“ so erfolgreich ist, stellt sich für junge Autoren, Regisseure, Redakteure durchaus als Belastung dar, denn sie müssen immer wieder eigene Akzente in einem Format setzen, immer wieder etwas manchmal zwanghaft wirkendes Neues ausprobieren, um kenntlich zu werden. Davon waren die Personen frei, die für die ersten Tatorte verantwortlich zeichneten.

„Münchner Kindl“ ist der älteste Tatort, den wir bisher rezensiert haben (Stand zum Zeitpuntk der Erstveröffentlichung der Rezension im Jahr 2014) und wir hoffen, dass noch mehr Sender sich der Idee anschließen, ihre Schätze der frühen Tatortjahre auszugraben und sie einem mit Sicherheit interessierten Publikum zu zeigen. Es gibt so viele Tatortfans, und die meisten Menschen können alle dritten Programme empfangen. Gut möglich, dass mehr Leute zuschauen, wenn diese tatorthistorischen Filme gesendet werden, als bei aktuellen Formaten des Regionalfernsehens.

8,5/10

© 2020, 2015, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Oberinspektor Veigl – Gustl Bayrhammer
Oberwachtmeister Lenz – Helmut Fischer
Martha Hobiehler – Marianne Nentwich
Frieda Klumpe – Louise Martine
Ulrike Benssen – Ulrike Nentwich
Franz Ziehsl – Walter Kohut
Frau Korass, Wirtin – Franziska Stömmer
Wachtmeister Brettschzneider – Willy Harlander
Benssen – Hans Reiser
Baumeister Dünnkitz – Walter Sedlmayr

Regie – Michael Kehlmann
Musik – David Kamien
Kamera – Manfred Ensinger
Szenenbild – Wolfgang Hundhammer

 

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