Filmfest 1076 Cinema
Louis, das Schlitzohr
Angel Heart ist ein US-amerikanisch-kanadisch-britischer Mystery– und Psychothriller aus dem Jahr 1987. Regie führte Alan Parker, der nach dem Roman Falling Angel[2] von William Hjortsberg auch das Drehbuch schrieb. Die Hauptrolle spielte Mickey Rourke.
Fast alle Filme von Alan Parker sind ziemlich bekannt. Schon sein erster Kinofilm „Bugsy Malone“ war eine Besonderheit, weil in ihm alle Rollen, die Erwachsenenprofile haben, von Kindern verkörpert werden, durch ihn wurde Jodie Foster schon sehr früh in ihrem Leben berühtm. Auf dem Weg zum Ruhm filmte er „Fame“ und 1985 den wunderschönen „Birdy„, das Nachfolgeprojekt von „Angel Heart“ war „Mississippi Burning“ (1988). Und wir müssen den Anschluss herstellen und viele Filme aus den späten 1980ern und 1990ern besprechen, weil das „Internationale Filmverzeichnis Nr. 8“, dem wir im Moment in der Hauptsache chronologisch folgen, um den Jahreswechsel 1988/89 endet und ab Mitte der 1980er nur noch Filme beinhaltet, die ich damals im Kino gesehen habe. Zu ihnen zählt „Angel Heart“ nicht. Wozu er zählt und was er erzählt, darüber steht mehr in der -> Rezension.
Handlung (1)
Der heruntergekommen wirkende Privatdetektiv Harry Angel lebt Mitte der 1950er Jahre in New York. Ein undurchsichtiger Klient namens Louis Cyphre beauftragt ihn, einen Schuldner aufzuspüren. Der Gesuchte ist der Musiker Johnny Favorite, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs als verschollen gilt. Die Spur führt in ein privates Sanatorium, in dem Favorite nach einem Gehirnschaden und einer daraus resultierenden Amnesie behandelt wurde. Angel bricht in das Haus des behandelnden Arztes ein und findet in dessen Kühlschrank mehrere Flaschen Morphin. Als der Detektiv ihn beim Betreten seiner Wohnung überrascht, eröffnet ihm der drogenabhängige Mediziner, dass er gegen Bezahlung von 25.000 Dollar den durch eine Kriegsverletzung entstellten Johnny Favorite schon zwölf Jahre zuvor heimlich in die Obhut eines Mannes und einer Frau gegeben habe, er aber nicht wisse, wohin die beiden ihn verbrachten. Da Angel glaubt, der Arzt verheimliche ihm noch etwas, schließt er ihn kurzerhand in einem Zimmer ein. Als er später nach ihm sieht, findet er den Arzt durch einen Kopfschuss ermordet in seinem Bett. Angel beseitigt vorsorglich seine Fingerabdrücke im Haus und sucht eine befreundete Journalistin auf, um Näheres über Johnny Favorite zu erfahren. Diese teilt ihm mit, dass noch zwei Mitglieder seiner Band im Süden leben und einer von ihnen, der sich Toots Sweet nennt, immer noch auftrete. Außerdem erfährt er, dass es auf Coney Island eine Wahrsagerin gebe, die sich Madame Zora nenne und ihm Näheres über Favorite mitteilen könne. Weiterhin offenbart ihm die Journalistin, dass Favorite in New Orleans mit einer Dame der Oberschicht namens Margaret Krusemark verlobt und diese eine Schülerin von Madame Zora gewesen sei. Im weiteren Verlauf seiner Ermittlungen stellt sich jedoch heraus, dass es sich bei Madame Zora und Margaret Krusemark um ein und dieselbe Person handelt.
Angel reist daraufhin mit der Bahn nach New Orleans und besucht Margaret Krusemark unter falschem Namen. Er offenbart ihr, dass er der Spur von Favorite folgt, sie ist jedoch nicht bereit, ihm Auskunft zu geben. Mit den Worten, dass der Sänger bereits verstorben sei und wenn das nicht der Fall sein sollte, er jedenfalls für sie gestorben sei, verweist sie ihn des Hauses. (…)
Rezension
Die gesamte Handlungsbeschreibung ist etwa so lang wie der Film, aber das ist auch wichtig, weil allein der Talking Head namens Ethan Krusemark diese Handlung so beschreibt, dass alle Fäden einigermaßen zueinander passen. Demnach hat seine Tochter also wen wiedererkannt, als Johnny Favourite? So müsste es gewesen sein. Voll witzig, dass es von ihm offensichtlich nirgends Fotos und dergleichen gab, die ihn bei Auftritten zeigen. Aber ich schreibe nur: Louis Cyphre! Wieso bin ich nicht darauf gekommen? Mir ging es genau wie Harry Angel, ich hatte trotz der Fingernägel und des gesamten Benehmens von Robert De Niro den Spin des Films lange Zeit nicht drauf. Wäre das so gewesen, hätte ich zum Beispiel die Erinnerungsfragmente von Angel deuten können, vor allem die Aufzugfahrten. Das Problem war auf einer ziemlich hohen Ebene angesiedelt:
Ich hatte nicht mit einem solchen Genremix gerechnet, weil dieser für die späten 1980er noch recht unüblich war. Man hat einen Detektivfilm genommen und einen Mysterythriller hineingebastelt und im Grunde auch einen Film noir, obwohl diesem in der Regel keine übersinnlichen Vorkommnisse eignen, sondern lediglich das Schicksal als eine Art eigene Persönlichkeit auftreten und die Handlung mitbestimmen kann. Das finde ich auch faszinierend, ein „Doomed Fate“ zu beobachten, als wenn der Teufel persönlich dafür sorgt, dass ein für seine Zeit sehr blutrünstiges Szenario entsteht. Eines muss man Regisseur Alan Parker auf jeden Fall lassen: Er war überraschend, weil er das Genre wechselte wie andere die Hemden und dabei den persönlichen Stilwillen dem Sujet opferte. Vielleicht war er deshalb mehrfach für den Oscar nominiert, hat ihn aber nie gewonnen. Einige seiner Filme sind knapp am ganz großen Fame vorbeigesegelt. Trotzdem sind einige von ihnen, wie „Birdy“ oder „Mississippi Burning“, wichtige Produktionen der 1980er. Mit Letzterem verbindet „Angel Heart“ das Setting im Süden der USA und in etwa die Epoche, hier ist es 1955, in „MB“ das Jahr 1964. Für die Atmosphäre hatte Parker ein gutes Händchen, aber in „Angel Heart“ wird alles Subtile von zwei Dingen überlagert: Den Schockeffekten, die teilweise auch durch Sprungblenden und überraschende Einstellungen der nächsten Szene mit Horrorbildern ausgelöst werden, also ziemlich billig, wenn man so will, geradezu trashig. Und von Mickey Rourke, den ich immer als Mickey Rourke vor mir sehe. Seine Figur steht zwar in der Tradition der Detektive der 1940er und 1950er, aber er ist nun mal ein Typ der 1980er und der gesamte Film wirkt etwas verzogen, wenn es um die Epoche geht. Riesige, vielleicht sogar absichtliche Goofs, die dann ja keine sind, zeigt er nicht, aber so, wie hier die 1950er dargestellt werden, hat man es ab den 1980ern getan. Heiß, dampfend, schäbig, mit rückwärts laufenden Ventilatoren, schön langsam natürlich, damit man auch merkt, dass sie rückwärts laufen.
Mit allerlei Teufelszeug, das sich als fette Symbolsoße durch den Film wälzt und so aufdringlich wirkt, dass ich eben das B-Feeling nicht loswurde, trotz des imponierenden Casts, der eben auch Robert De Niro und Charlotte Rampling zeigt. De Niro war und ist allerdings als Vielfilmer bekannt, der auch mal was macht, was ihm keinen Weltruhm einbringt und sein Louis Cypher (Himmel und Hölle, wieso bin ich nicht darauf gekommen?!) ist so schön aufgetragen, dass gar nicht wahrnahm, was man dem Zuschauer doch recht eindeutig zeigen wollte.
Wie geschrieben, der Genremix hat mich überrascht. Mittlerweile sind Crossovers, die besonders philosophisch sein wollen, nichts Besonderes mehr, andauernd wandeln untote Gestalten über den Bildschirm etc., kommt es zu Mystik-Elementen, aber selten wird es so eindringlich dabei wie schon 1968 in „Rosemaries Baby“, der ein echter Satanismus-Meilenstein war und dem ein paar Exorzismus-Filme nachfolgten, aber für einige Jahre noch nicht dieses rüde durch alle Gattungen räubern, das auc „Angel Heart“ auszeichnet oder unappetitlich wirken lässt, beide Einstellungen finde ich absolut zulässig. Über Satanismus ist mittlerweile auch viel berichtet worden, sodass Mainstream-Menschen sich ein wenig mehr vorstellen können, worum es geht, aber trotzdem war „Angel Heart“ für mich noch ein Schocker. Zum einen, weil ich wenig Zugang zum Horrorgenre habe, zum anderen, weil ich eben etwas anderes erwartete. Man kann auch sagen, der Coup ist Alan Parker ein Jahr nach seinem Tod gelungen, einen unbedarften Zuschauer rot sehen zu lassen, wegen des vielen Blutes, das in „Angel Heart“ verspritzt wird. Das haben sich dann Filmer wie Quentin Tarantino sehr zunutze gemacht und noch die Zeitlupe hinzugefügt, die den Moment zeigt, der das Rot auf dem Bildschirm auslöst. Es kommt eben doch alles irgendwoher, nichts wird in einem Medium, das damals schon über 90 Jahre alt war, einfach aus dem Nichts erfunden. Vor allem nicht Dinge, die sich dann durchsetzen und damit stilbildend sind, anstatt als gescheiterte Experimente in der Versenkung zu verschwinden.
Trotzdem ist die Verbindung der drei Hauptgenres, die in dem Film abgebildet werden, innovativ, daran führt nichts vorbei. Ob dieses Werk auch tiefgründig ist, ist eine andere Frage. Die Kritik sieht es teilweise so, hier einige Stimmen:
Roger Ebert schrieb in der Chicago Sun-Times vom 6. März 1987, dass die Handlung des Films der eigentümlichen Logik eines Albtraums entspreche. Er lobte die Darstellungen von Lisa Bonet und Brownie McGhee sowie die Stilistik des Films. Die Rolle von Bonet, die sich stark von der in der Bill-Cosby-Show unterscheide, sei in ihrer ungebändigten Sexualität kontrovers. Allerdings verwies er auch darauf, dass Rourke das Zentrum des Films okkupiere wie ein „gewaltsam ungemachtes Bett“.[3]
Rita Kempley schrieb in der Washington Post vom 6. März 1987, dass Robert De Niro mit seiner Darstellung übertreibe. Sie lobte die Darstellungen von Mickey Rourke, Lisa Bonet und Charlotte Rampling.[4]
Das Lexikon des internationalen Films lobt Angel Heart als brillant inszenierten, aber äußerst blutrünstigen Film, der „als Spiel mit der Suggestivkraft des Kinos fasziniert, als mögliche Reflexion über Glauben, Aberglauben, Okkultismus und Satanismus jedoch nicht ernstzunehmen ist“.[5]
Die Redaktion von Prisma-Online.de bezeichnete den Film als „intelligent“ und „delikat“. Lobend erwähnt wurden die Inszenierung und die Darstellungen.[6]
Es ist ebenfalls keine Frage, dass das Werk für seine Zeit sehr offensiv und damit modern gefilmt ist. Heute käme man um ein paar zusätzliche Effekte nicht herum, aber wir wollen ja ergründen, ob es sich um etwas Tiefgründiges handelt:
Folgende Infos: (1). Einige Motive werden mehrmals wiederholt:
- „The Girl of My Dreams“: Diese Melodie begleitet Harry während des gesamten Films. Es handelt sich dabei um Favorites erfolgreichsten Song.
- Waffen: Harry berührt alle Waffen, bevor die Opfer mit ihnen ermordet werden – eine Anspielung darauf, dass er es ist, der diese Taten ausübt.
- Rückwärts rotierender Ventilator: Bei sämtlichen Mordanschlägen beginnen sich die Ventilatoren plötzlich rückwärts zu drehen.
- Spiegel: Jedes Mal, wenn Harry in einen Spiegel sieht, erlebt er eine Rückblende des Neujahrsabends, an dem er den jungen Soldaten ermordete. Die Flashbacks werden jeweils von einem Herzschlaggeräusch begleitet.
- Hunde: Sie reagieren in Harrys Gegenwart nervös – eine Anspielung darauf, dass Hunde einen sechsten Sinn haben und Harrys bösartige Natur erkennen.
- Hühner: Sie tauchen mehrfach auf und sind ein durchgängiges Motiv, das in einem abgelegten Hühnerfuß gesteigert wird und im Blutopfer eines Huhns seinen Höhepunkt findet. Harry gibt immer wieder an, er könne nicht mit ihnen, immer wieder erschrickt er vor Hühnern, beim Durchqueren eines Hühnerstalls machen sie ihm Angst.
- Namen:
- Harry Angel: Luzifer wird laut Bibel als gefallener Engel angesehen, der sich von Gott abgewendet hat.
- Johnny Favorite: Luzifer wurde laut Bibel zunächst als Gottes favorisierter Engel angesehen.
- Louis Cyphre: eine Anspielung auf Luzifer.
- Winesap and MacIntosh: Die Namen von Louis Cyphres Anwälten sind Apfelsorten. Der Apfel steht in der christlichen Symbolik für die Versuchung des Sündenfalls.
- Edward Kelly: der Deckname von Krusemark; dieser war ein Okkultist aus dem 16. Jahrhundert.
Ich tendiere dazu, die „Logik des Alptraum“ ernstzunehmen, welcher der Film folgt, aber dazu hätte es nicht der häufig auftrenden biblischen Symbolik bedurft, die mir das Ganze überladen und gleichzeitig auf der Erkenntnisebene rissig erscheinen ließ, sodass ich zu der Philosophie nicht vorstoßen konnte. Nachdem ich alles nachgelesen habe, hat sich daran zwar geändert, dass ich weiß, wer Louis Cyphre ist, aber nun sagen Sie mal selbst: Hätten Sie daraus, dass die Anwälte Apfelsortennamen tragen, die zudem bei uns nicht bekannt sind, geschlossen, die die beiden den Sündenfall symbolisieren sollen? Sie sind des Teufels Advokaten und leiten Angel auf die blutige Spur, aber eigentlich sind sie nur Werkzeuge, ausführende Organe, sie halten keine eigenständig entworfenen Plädoyers für den Satan oder fügen etwas Wesentliches zur Symbolwelt des Films hinzu. Man hätte sie auch weglassen können, dann hätte Cypher sich eben direkt als Auftraggeber bei Harry Angel eingefunden. Vielleicht hätte man ihm anfangs nicht so diabolisch auftreten lassen dürfen, dann wäre der Überraschungseffekt ähnlich gewesen wie derjenige, wer hinter den Anwälten steht bzw. wem sie dienen.
Im Spiegel hingegen sieht man sein anders Ich, das ist ein sehr gängiges Motiv, aber wenn eine Szene darin gezeigt wird, die gar keine Spiegelung darzustellen scheint, wem soll man das zurechnen und welchen Zusammenhang gibt es? Meine Befürchtung ist einfach, dass Menschen viel schneller auf die Spur des Bösen kamen als ich, aber das ist nur dann fair, wenn sie nicht vorher über den Film gelesen haben.
Finale
Eigentlich ist es ein Werk, das man sich zweimal anschauen sollte, ohne Vorbereitung, wie ich vor drei Tagen und jetzt mit dem Hintergrundwissen noch einmal, das ich vor allem in der Wikipedia erbeutet habe. Das Alptraumhafte ist faszinierend, zumal ich im Moment auch ein reges Traumleben habe, aber so blutig wie in „Angel Heart“ geht es dabei nicht zu, sondern tatsächlich recht symbolbeladen und auch flüchtig, die Details betreffend. Irgendwie passte der Film auf der einen Seite ganz gut, andererseits bin ich nicht so richtig ein- und durchgestiegen, und das wirkt sich natürlich auf die Bewertung aus.
68/100
© 2024 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)
(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Alan Parker |
| Drehbuch | Alan Parker William Hjortsberg |
| Produktion | Mario Kassar Elliott Kastner Alan Marshall Andrew G. Vajna |
| Musik | Trevor Jones |
| Kamera | Michael Seresin |
| Schnitt | Gerry Hambling |
| Besetzung | |
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