Filmfest 1120 Cinema
Wir sind am Sammeln
Ein Walzer für dich ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 1934. Der Film lief auch unter den Titeln Ich heiße Benjamin, Hilfe, ich bin Minister sowie in Österreich als Komtesse Stefanie.
Bisher haben wir über den wohl beliebtesten deutschen Schauspieler aller Zeiten bereits mehrere Filme für die Anthologie des Wahlberliners besprochen: „Wenn der Vater mit dem Sohne“ aus 1955 und „Er kann’s nicht lassen“ (1962), „Der Pauker“ waren die ersten drei, alle aus der „späten“ Phase seines Filmschaffens, nach seiner Wandlung vom frechen Jungen zum kleinen, leisen Mann. Dann haben wir gewechselt und zwei seiner typischen frühen Filme besprochen: „Heinz im Mond“ (1934) und „So ein Flegel“ aus demselben Jahr (Rezensionen im neuen Wahlberliner noch niht veröffentlicht).
Letzterer war die erste Verfilmung des Romans „Die Feuerzangenbowle“ von Heinrich Spoerl, welcher die viel bekanntere aus dem Jahr 1944 folgte – erstaunlicherweise wieder mit Rühmann als Pennäler, was beweist, wie jugendlich man mit 42 Jahren noch wirken kann – wenn man so quirlig ist und wenn man so ein kleines Mondgesicht hat wie der beliebteste Heinz der deutschen Filmgeschichte.
„Ein Walzer für dich“ ist nun wieder aus dem Jahr 1934, in dem Rühmann ganz offensichtlich sehr beschäftigt war. Wie sich das ausnimmt, steht in der Rezension.
Handlung
Im Fürstentum Palamo hat es einen Machtwechsel gegeben. Fürstin Ludovica (Adele Sandrock) hat das Zepter an die junge Stefanie übergeben, da Kronprinz Antonio verschollen ist. Dieser (gespielt von Louis Graveure) erfreut sich jedoch bester Gesundheit und großer Beliebtheit – als Operntenor. Immer um ihn herum sind der Kapellmeister und Hobbykomponist Benjamin Cortes (Rühmann) und der Impressario Flint (Lingen).
Im Palast von Palamo gibt es jedoch eine Ministerriege, der es gar nicht gefällt, dass eine junge Frau das Land regiert – und obwohl sie dies nach allgemeiner Ansicht gut macht, suchen die Minister den Kronprinzen – und finden ihn.
Unter dem Vorwand, Stefanie habe schon abgedankt, wird er an den Palast geholt und gegen Stefanie aufgestellt, was natürlich für Verwicklungen sorgt. Aber die beiden verlieben sich ineinander, ebenso wie Cortes in Manja, die tanzende Freundin von Stefanie. Am Ende fahren die beiden Liebespaare auf eine Amerika-Tournee, welche Flint ausgehandelt hat – und damit ins Glück. Fürstin Ludovica übernimmt wieder die Regierung des Kleinstaates Palamo.
Rezension
Heinz Rühmann spielt also in beinahe jedem fünften deutschen Film von denen, über die wir bisher fürs Netzmagazin „Der Wahlberliner“ (vom Datum der Zweitveröffentlichung aus gesehen „Der erste Wahlberliner“ von 2011 bis 2016) geschrieben haben, eine Hauptrolle. Zwei weitere seiner ganz bekannten und gewiss besten Streifen („Die Feuerzangenbowle“ und „Es geschah am hellichten Tag„) sind aufgezeichnet in der Warteschleife.
Der kleine Mann mit seiner manchmal etwas manisch wirkenden Quirligkeit der frühen Jahre und den leisen, oft melancholischen Tönen der mittleren ist eine deutsche Ikone, weil er sich mit der deutschen Geschichte entwickelt und verändert hat und weil er in seiner sehr, manchmal allzu menschlich wirkenden Art eine Projektionsfläche für den kleinen Mann wurde, den typisch deutschen kleinen Mann. So wie er wären die Deutschen wohl gerne gewesen. Bescheiden, unprätentiös, unverdächtig böser Taten. Diese Stellung als Lieblingsschauspieler der Nation hat er allerdings erst in den 50er Jahren erreicht. 1934, als „Ein Walzer für dich“ entstand, war er einer von mehreren jungen Künstlern mit komödiantischer Begabung (in „Ein Walzer für dich“ sehen wir ebenfalls Theo Lingen als recht jungen Mann), allerdings schon reif für Hauptrollen.
Auch diesen interessanten Film aus 1934 trägt er gut durch die leider nur 78 Minuten, welche die von uns archivierte Fassung aufweist (die ursprüngliche war 92 Minuten lang und hatte damit übliches Spielfilmformt). Die von uns angesehene Version ist eindeutig restauriert, das erkennt man am sehr klaren und von Kratzern und anderen Zeiterscheinungen weitgehend freien Bild – der Ton ist stellenweise in weniger gutem Zustand.
Vertraute und wenig erschlossene Namen
Über Heinz Rühmann und auch Theo Lingen braucht man hier erst einmal keine weiteren Worte zu verlieren, selbst jüngere Menschen sind zumindest mit den Namen vertraut. Wer aber ist der singende Hauptdarsteller Louis Graveure, fragten wir uns? Auch wir haben noch einige Lücken aufzuarbeiten, was das deutsche Filmbusiness früherer Tage angeht.
Seine Filmografie laut IMDB, und diese ist ja bei den meisten Schauspielern vollständig, weist lediglich vier (deutsche) Filme aus, ebenso wie das Online-Filmlexikon bei Zweitausendeins. Obwohl der Mann mit dem französisch klingenden Künstlernamen 1888 als Wilfred Douthitt in London geboren wurde und 1965 in Santa Monica, Kalifornien, verstarb. Man sieht, das deutsche Kino der der Nazizeit war erheblich internationaler als das heutige. Das ist keine Ironie, einige Topstars des deutschen Films waren keine Deutschen (Zarah Leander, Marika Rökk, Johannes Hesters, um einige der heute nachklingenden Namen zu nennen).
Graveure war als Tenor zunächst in den USA tätig, seit 1931 an der Deutschen Opfer in Berlin – und dort, obwohl Kritiker seinen Gesang in den hohen Tonlagen nicht immer optimal fanden, äußerst beliebt – gewiss auch aufgrund seiner physischen Attraktivität und seines charmanten Auftretens. Dies führte wohl auch zu den vier Filmen zwischen 1933 und 1936, Graveure war also kein Unbekannter, als er eine Hauptrolle in „Ein Walzer für dich“ annahm, umgeben von Künstlern aus der ersten Liga, wie Rühmann, Lingen und Camilla Horn. Während dieser Zeit hatte er auch eine Beziehung zur jener weiblichen Hauptdarstellerin von „Ein Walzer für dich“.
Diese hat uns in ihrer Darstellung der Prinzessin Stefanie und als moderne Frau überzeugt – leider lässt sie, da sind die Zeichen der Zeit rigoros, am Ende das Regieren sein und geht lieber mit ihrem geliebten Antonio auf Tournee. Es ist aber müßig, sich über diesen sozialen Subtext in der einsetzenden Nazizeit zu ärgern, da gab es schlimmere Dinge, zumal man sie mit einer unterschwelligen Erotik spielen lässt, die ein wenig an Pre-Hays-Code-Movies aus den USA erinnert. Zudem wissen wir, dass das deutsche Kino selbst unter Hitler und Goebbels nicht ganz so prüde war wie das der USA oder Großbritanniens.
Berühmt wurde Camilla Horn mit einer einzigen Rolle und war somit einer der legendären Kometen am Filmhimmel: Sie spielte das Gretchen in F. W. Murnaus legendärer Faust-Verfilmung von 1926 und bekam daraufhin einen Vertrag in Hollywood – blieb dort jedoch angesichts der Fülle von Talenten jener Zeit auf Rollen festgelegt, die weit unter ihren Möglichkeiten lagen. Erst in den 30ern entwickelte diese sehr schöne Frau in europäischen Produktionen die Rollenvarianten, die sie zu einer besonderen Erscheinung machten. Sie blieb nach dem Zweiten Weltkrieg im Theater, Film und bis in die 90er Jahre, kurz vor ihrem Tod, im Fernsehen aktiv.
Eine musikalische Komödie zwischen den Welten
So total, wie man sich das manchmal vorstellt, war der Film zumindest 1934 noch nicht von den Nazis vereinnahmt, auch wenn Joseph Goebbels gerade die Hand nach der Herrschaft über die gesamte Unterhaltungsindustrie ausgestreckt hatte. Immerhin heißt es im Vorspann von „Ein Walzer für dich“ noch „Regie“, und nicht „Spielleitung“, was kurze Zeit später im Rahmen der Eindeutschung aller denkbaren Begriffe üblich wurde.
Die Handlung ist nicht prägnant, darin unterscheidet sich „Ein Walzer für dich“ in nichts von anderen Musikkomödien jener Zeit, auch nicht von amerikanischen. Gleichzeitig sind aber auch die musikalischen Einlagen etwas dünn ausgefallen und es geht in der Hauptsache um diesen Walzer, der dem Film den Titel gibt und den Heinz Rühmann für Manja Tabenes (Maria Sazarina) geschrieben hat. Antonio der Erste / Antonio Torelli steuert den Text bei.
Das imaginäre Land, in dem der Film angesiedelt ist, scheint italienisch inspiriert zu sein – mit deutschen Einsprengseln, und ist ein typischer Hintergrund der Zeit und auch typisch deutsch. Auch Ernst Lubitsch nahm seine Fähigkeiten in diesem Genre mit in die USA.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im neuen Wahlberliner 2024: Welcher Lubitsch-Film damit gemeint sein könnte, erschließt sich in der Rückbetrachtung nicht ganz. Die Stummfilme von Lubitsch, von denen zum Beispiel „Die Bergkatze“ (1921) in einem Operettenland spielt, kannten wir damals noch nicht und das frühe Tonfilm-Operretten-Musical „Love Parade“ (1929) haben wir uns gerade erst angeschaut, beide spielen in südosteuropäisch geprägten fiktiven Ländern.
Allerdings reicht „Ein Walzer für dich“ nicht an die Lubitsch-Komödien mit ihrem oft scharfen Witz heran, dazu ist er zu harmlos und zu verspielt. Vor allem Heinz Rühmann schien große Freiheiten zu haben, anders ist die Ausgestaltung mancher Szenen nicht zu erklären. Am besten fanden wir den Einminuten-Monolog, in dem er beweist, dass er ein echter Schnellsprecher sein konnte. Dieser Moment wirkt geradezu improvisiert. Ansonsten ist er nicht ganz so schrill wie in einigen Filmen dieser Jahre, nicht ganz so laut und daher angenehm.
Überhaupt wird in diesem Film nicht so viel geschrieen, wie es damals in deutschen Komödien üblich war, und das macht auch den Film im Ganzen erträglich. Der Regisseur Georg Zoch ist kein bekannter Name der Zunft und hat häufiger Drehbücher geschrieben als die Inszenierung eines Films selbst geleitet, vielleicht liegt es auch daran, dass die Schauspieler hier sehr sie selbst sind. Rühmann darf sich austoben, ohne zu sehr übertreiben zu müssen, Camilla Horn wirkt sehr präsent – und Louis Graveures schauspielerische Ketten werden nicht durch die starke Hand eines Topregisseurs gesprengt.
Gerade die Verspieltheit des Films macht ihn auf anrührende Art reizend. Allerdings darf man nicht verkennen – so perfektionistisch die Deutschen sonst gerne sein wollten, in der Nazizeit waren die Filme es oft technisch und auch inhaltlich nicht und fielen immer weiter hinter den sich rasant entwickelnden Hollywood-Standard zurück, wenn man von einigen bekannten Ausnahmen absieht.
Anmerkung 2 anlässlich der Zweitveröffentlichung 2024: Es kommt darauf an, was man sich anschaut. Wir sind immer wieder verblüfft, was doch möglich war, allerdings mehr von Topfilmen aus gesehen als von den damals eher zufällig angeschauten Werken wie „Ein Walzer für dich“, und Heinz Rühmann konnte nervig sein oder in einem Ensemble auch sehr wirksam, wie in dem Ufa-Musicals „Die drei von der Tankstelle“ (1930).
„Dem Präzisen tritt das Fahrige Gegenüber, dem ausgeklügelten Humor kleine kabarettistische Späße. Und die Handlung wird mit einer Beiläufigkeit abgespult, dass jedem Drehbuchautor die Haare zu berge stünden. Genau das macht aber den enormen Reiz dieses Kleinods aus. Viele Szenen scheinen improvisiert, oft wurde wohl auf eine wiederholte Aufnahme einer nicht vollständig gelungenen Szene verzichtet, und man hat das Gefühl den Schauspielern noch im Probenprozess zuzusehen.“, schreibt Sano Cestnik in „Eskalierende Träume“.
Finale
„Ein Walzer für dich“ ist auf eine Weise beschwingt, wie es der gerade etablierten Diktatur kaum entsprach und hat noch so einen Rest von Freiheit in sich, der ihn gleichzeitig den deutschen Filmen der 1950er und folgenden Jahrzehnte im Genre „Musik / Schlager“ weitgehend überlegen macht. Er wirkt manchmal ein wenig roh, aber das ist bei den oft nicht in vollständigen Kopien erhaltenen Vorkriegsfilmen nichts Besonderes und man muss ebenso vorsichtig bei der Bewertung der Technik sein wie bei amerikanischen Nachkriegsfilmen, die für die Aufführung in Deutschland fast immer gekürzt, manchmal verstümmelt wurden. Selbst in den von der Murnau-Stiftung aufwendig restaurierten Topfilme der Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs fehlen oft Szenen, die wohl nie mehr aufgefunden werden können.
Uns hat das Anschauen von „Ein Walzer für dich“ überwiegend Spaß gemacht und wir haben die losgelöste Schauspielerei der Stars genossen, das Drehbuch war eher nicht der Rede wert.
69/100
© 2024, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
Kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Georg Zoch |
|---|---|
| Drehbuch | Georg Zoch Hans H. Zerlett |
| Produktion | Vahagen Badal |
| Musik | Will Meisel |
| Kamera | Willy Winterstein |
| Besetzung | |
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