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Kindeswohl in Deutschland: Ein unterschätztes Versagen
In einem der reichsten Länder der Welt sollten Kinder besonders gute Bedingungen vorfinden. Doch Studien zeichnen ein anderes Bild: Deutschland schneidet beim Wohlbefinden seiner jüngsten Bevölkerungsgruppe trotz wirtschaftlicher Stärke systematisch schlecht ab. Was läuft falsch – und warum interessiert das die Öffentlichkeit so wenig?
Das UNICEF-Urteil: Platz 25 von 37
Im Mai 2026 veröffentlichte das UNICEF-Forschungsinstitut Innocenti in Florenz seine Report Card 20 unter dem Titel „Unequal Chances: Children and Economic Inequality“ – eine vergleichende Analyse des kindlichen Wohlbefindens in EU- und OECD-Ländern. Das Ergebnis für Deutschland ist ernüchternd: Platz 25 von 37 bewerteten Ländern. Damit verharrt die Bundesrepublik wie schon in der vorherigen Ausgabe im unteren Mittelfeld – weit hinter ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten.[1][2][^3]
An der Spitze des Rankings stehen die Niederlande, Dänemark und Frankreich. Bemerkenswert ist, dass auch Länder mit erheblich geringerer Wirtschaftskraft Deutschland überholen: Rumänien belegt Platz 9, die Slowakei Platz 19, Portugal und Litauen liegen ebenfalls vor Deutschland. Diese Tatsache macht deutlich, dass das Abschneiden kein Geldproblem ist, sondern ein Problem der Prioritäten.[3][4]
Die Studie analysiert drei Kerndimensionen: körperliche Gesundheit, mentales Wohlbefinden und schulische Kompetenzen. In allen drei Bereichen zeigt sich in Deutschland ein ähnliches, strukturelles Muster: Die Lage der Kinder hängt stark davon ab, in welchem Elternhaus sie aufwachsen.[^1]
Kinderarmut: Stagnation auf hohem Niveau
Das vielleicht drängendste Problem ist die Kinderarmut. Die Kinderarmutsquote stagniert laut UNICEF seit Jahren bei rund 15 Prozent. Neueste Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen sogar eine leichte Verschlechterung: Im Jahr 2024 waren 15,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland armutsgefährdet, was rund 2,2 Millionen Minderjährigen entspricht. 2023 hatte die Quote noch bei 14,0 Prozent gelegen.[5][1]
Besonders dramatisch ist die Lage für bestimmte Gruppen. Wenn Eltern lediglich über einen Haupt- oder Realschulabschluss ohne beruflichen Abschluss verfügen, liegt die Armutsgefährdungsquote ihrer Kinder bei 41,8 Prozent. Kinder und Jugendliche mit eigener oder elterlicher Einwanderungsgeschichte sind mit 31,9 Prozent viermal so häufig armutsgefährdet wie Gleichaltrige ohne Einwanderungsgeschichte (7,7 Prozent). Alleinerziehende Haushalte mit einem Kind gelten bereits ab weniger als 1.795 Euro netto monatlich als armutsgefährdet.[6][7]
Armut bedeutet dabei weit mehr als fehlendes Geld. 11,3 Prozent der unter 16-Jährigen sind aus finanziellen Gründen materiell oder sozial benachteiligt. Konkret heißt das: 19 Prozent der Kinder leben in einem Haushalt, der abgewohnte Möbel nicht ersetzen kann; für 12 Prozent ist eine einwöchige Ferienreise nicht möglich; 5 Prozent müssen auf Vereinssport oder Kinobesuche verzichten. Diese Einschränkungen treffen Kinder nicht nur im materiellen Sinne – sie beschneiden ihre sozialen Netzwerke, ihre Entwicklungsmöglichkeiten und ihr Selbstwertgefühl.[^6]
Die gesellschaftlichen Folgekosten dieser Armut sind immens. Ein Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Diakonie schätzt die gesellschaftlichen Gesamtkosten vergangener und aktueller Kinderarmut in Deutschland auf jährlich 110 bis 120 Milliarden Euro – das entspricht laut einer OECD-Studie etwa 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Darin eingeschlossen sind höhere Gesundheitskosten, geringere Steuereinnahmen durch niedrigere Bildungsabschlüsse und höhere Sozialleistungsausgaben. Wer bei Kindern spart, zahlt später ein Vielfaches drauf – so das zentrale Fazit dieser Analyse.[8][9]
Einkommensungleichheit als struktureller Treiber
Die UNICEF-Studie verweist auf einen besorgniserregenden Trend bei der Einkommensungleichheit: Das Verhältnis zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel der Bevölkerung hat sich von 1:4,3 im Jahr 2012 auf heute 1:5,0 verschlechtert. Menschen im wohlhabendsten Fünftel verfügen demnach über fünfmal so viel Einkommen wie jene im ärmsten Fünftel. Diese sich weiter öffnende Schere schlägt sich unmittelbar im Alltag von Kindern nieder: in ihrer Gesundheit, ihrer Bildung und ihrer psychischen Verfassung.[^1]
Bildung: Das alarmierendste Kapitel
Im Bereich Bildung zeichnet die Studie das schärfste Bild. Lediglich 60 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland erreichen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik. Das reicht nur für Platz 34 von 41 Ländern mit vergleichbaren Bildungsdaten – ein Absturz für ein Land, das sich lange auf sein Bildungssystem verlassen hat.[3][1]
Die PISA-Studie 2022, vorgestellt im Dezember 2023, hatte den Abwärtstrend bereits schonungslos dokumentiert: Deutschlands Schülerinnen und Schüler schnitten in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften so schlecht ab wie noch nie in der Geschichte des PISA-Vergleichstests. In Mathematik fiel der Wert von 500 Punkten (2019) auf 475, im Lesen von 498 auf 480. In Deutschland waren die Leistungseinbußen in allen drei Bereichen überdurchschnittlich groß im internationalen Vergleich. Bestätigt worden waren die Befunde zuvor bereits durch die IGLU-Studie sowie die IQB-Bildungstrends.[10][11]
Der soziale Graben im Bildungswesen ist dabei besonders tief. Unter Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien schaffen nur 46 Prozent die grundlegenden Kompetenzen in Lesen und Mathematik – bei Gleichaltrigen aus privilegierten Haushalten sind es dagegen 90 Prozent. Dieser Abstand gehört laut UNICEF-Studie zu den größten unter allen untersuchten Ländern.[^1]
Schon früh verfestigt sich die Ungleichheit: Die OECD hat wiederholt dokumentiert, dass die soziale Herkunft in Deutschland stärker über den Schulerfolg entscheidet als in vielen anderen Ländern. Nur knapp 15 Prozent der Erwachsenen, deren Eltern kein Abitur haben, erreichen in Deutschland ein abgeschlossenes Hochschulstudium – im OECD-Durchschnitt sind es 21 Prozent. Die neueste OECD-Erhebung zur Bildung (2025) zeigt zudem, dass zwar mehr junge Menschen in Deutschland einen Hochschulabschluss erwerben, gleichzeitig aber auch die Gruppe derer wächst, die weder Abitur noch Berufsausbildung abschließen – eine doppelte Polarisierung. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher kritisierte, Deutschland sei „in Bezug auf Chancengleichheit im Bildungssystem schlechter aufgestellt als die USA“.[12][13]
Körperliche Gesundheit: Mittelfeld mit Schieflage
Bei der körperlichen Gesundheit belegt Deutschland einen mittleren Rang (Platz 15 von 41). Doch auch hier ist das Bild durch soziale Ungleichheit geprägt: 79 Prozent der Kinder aus dem wohlhabendsten Fünftel der Familien befinden sich in sehr guter Gesundheit, bei den ärmsten Kindern sind es nur 58 Prozent.[^1]
Rund ein Viertel der 5- bis 19-Jährigen in Deutschland ist übergewichtig. Jüngste Daten bestätigen diesen Trend: Im Jahr 2024 wurde ein neuer Höchststand bei Übergewicht und Adipositas bei Kindern verzeichnet; von den getesteten Kindern in Baden-Württemberg waren 15 Prozent übergewichtig und 6,5 Prozent adipös. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Anteil übergewichtiger Kinder um 2,8 Prozent. Auch diese Entwicklung ist sozial ungleich verteilt: Kinder aus sozial schwachen Familien sind deutlich stärker betroffen.[14][15][^1]
Der DAK-Präventionsradar 2024/2025 – eine bundesweite Befragung von über 26.500 Schülerinnen und Schülern der Klassen 5 bis 10 – alarmiert mit einem weiteren Befund: 84 Prozent der Schulkinder verfügen über keine ausreichende Gesundheitskompetenz, also über keine ausreichende Fähigkeit, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen und anzuwenden. Kinder mit niedriger Gesundheitskompetenz berichten deutlich häufiger von psychosomatischen Beschwerden, depressiven Symptomen und Einsamkeit.[^16]
Mentale Gesundheit: Eine stille Krise
Die psychische Dimension des Kindeswohls ist in der öffentlichen Debatte am wenigsten präsent – dabei sind die Zahlen besonders besorgniserregend. Das Deutsche Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung zeigt erstmals seit der Corona-Pandemie wieder einen Anstieg der psychischen Belastung: Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler fühlt sich psychisch belastet (2025: 25 Prozent, 2024: 21 Prozent). Kinder aus einkommensschwachen Familien sind mit 31 Prozent überdurchschnittlich betroffen.[^17]
Fast die Hälfte aller Befragten empfindet hohen Leistungsdruck. Ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen wird laut dieser Studie mindestens einmal im Monat von Mitschülerinnen oder Mitschülern schikaniert, jede bzw. jeder Zehnte sogar wöchentlich oder täglich.[^17]
Die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf bestätigt die anhaltende Krise: Im Herbst 2025 lagen psychische Probleme (23 Prozent) und Angstsymptome (25 Prozent) weiterhin über dem Niveau vor der Pandemie, depressive Symptome (15 Prozent) blieben unverändert hoch. 70 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, sich Sorgen um Kriege zu machen, 62 Prozent um Terrorismus und 57 Prozent um wirtschaftliche Probleme.[^18]
Der DAK-Präventionsradar ergänzt: Knapp 65 Prozent der Befragten fühlen sich mindestens einmal pro Woche erschöpft, 33 Prozent fühlen sich oft allein. Besonders alarmierend ist die Lage bei Mädchen: Mehr als ein Viertel zeigt depressive Symptome wie Niedergeschlagenheit und häufiges Weinen; bei Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren aus einkommensschwachen Verhältnissen liegt dieser Wert bei 43 Prozent.[^19]
Zwischen Wohlstand und Wohlbefinden besteht auch beim mentalen Zustand ein direkter Zusammenhang: Lediglich 61 Prozent der 15-Jährigen aus einkommensschwachen Familien berichten von hoher Lebenszufriedenheit, bei Jugendlichen aus wohlhabenden Haushalten sind es 73 Prozent.[^1]
Kindeswohlgefährdung: Rekordzahlen bei Vernachlässigung und Gewalt
Jenseits aller Statistiken zur Chancenungleichheit gibt es eine härtere Form des Scheiterns: die direkte Gefährdung von Kindern. Im Jahr 2024 stellten die Jugendämter in Deutschland bei rund 72.800 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung durch Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt fest. Das ist der dritte Höchststand in Folge und bedeutet gegenüber 2019 – dem Jahr vor der Corona-Pandemie – einen Anstieg um fast ein Drittel (31 Prozent). Die betroffenen Kinder waren im Durchschnitt 8,3 Jahre alt; etwa jedes zweite Kind war demnach jünger als neun Jahre, jedes dritte sogar unter sechs Jahre.[20][21]
Vernachlässigung stellte mit 58 Prozent die häufigste Form der Gefährdung dar, gefolgt von psychischen Misshandlungen (37 Prozent). In 73 Prozent der Fälle ging die Gefährdung hauptsächlich von einem Elternteil aus. Im Jahr 2024 prüften die Behörden insgesamt rund 239.400 Verdachtsfälle – ein Anstieg um 38 Prozent gegenüber fünf Jahren zuvor. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen.[22][21]
Regional zeigen sich deutliche Unterschiede: Berlin weist mit 566 Fällen pro 100.000 Einwohnern den höchsten Wert aller Bundesländer auf, gefolgt von Bremen und Nordrhein-Westfalen. Die Überlastung der Jugendämter – die bereits 2023 als Erklärung für fehlende Datenmeldungen genannt wurde – dürfte die tatsächliche Lage außerdem verschleiern.[23][22]
Was andere Länder besser machen
Der Blick auf die Spitzenreiter des UNICEF-Rankings offenbart, wo Deutschland systematisch zurückfällt.[^24]
Früheres Auseinandersortieren im Bildungssystem
In Deutschland wird in der Regel nach der vierten Klasse über den weiteren Bildungsweg entschieden. In Dänemark und Frankreich lernen Kinder meist bis etwa zum 15. Lebensjahr gemeinsam, in den Niederlanden sogar bis zum Ende der achtjährigen Grundschule. Die Folge: Leistungsunterschiede nach sozialer Herkunft werden eher abgefedert, statt schon mit zehn Jahren zementiert zu werden. Die frühe Selektion in Deutschland produziert nachweislich soziale Ungleichheit, weil Bildungsentscheidungen zu einem Zeitpunkt fallen, an dem Entwicklungspotenziale noch weit nicht ausgeschöpft sind.[^24]
Ganztagsschule als echter Lebensraum
In den Top-Ländern ist Ganztag kein verlängerter Unterricht, sondern ein Lebensraum: mit warmem Mittagessen, Sport, Kultur, schulpsychologischen Diensten und Beteiligungsformaten wie Klassenräten. In den Niederlanden ist frühzeitige und individuelle Förderung bei Lernschwierigkeiten oder Sprachdefiziten fest im Schulalltag verankert. Deutschland holt zwar auf – durch das Startchancen-Programm investieren Bund und Länder ab dem Schuljahr 2024/25 insgesamt 20 Milliarden Euro über zehn Jahre in rund 4.000 Schulen mit hohem Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler –, ringt aber vielerorts noch mit Qualitätsproblemen: fehlendes Personal, begrenzte Angebote und zu wenig individuelle Förderung.[25][24]
Einfachere und automatisierte Familienleistungen
Dänemark und die Niederlande gehören zu den Ländern mit den niedrigsten Kinderarmutsquoten in Europa. Ein wesentlicher Grund ist die Systematik der Sozialleistungen: Unterstützungen laufen dort häufig über Steuer- und Meldesysteme, ohne dass Eltern für jede Hilfe separate, komplizierte Anträge stellen müssen. In Deutschland hingegen müssen Familien Kinderzuschlag, Wohngeld, Bürgergeld und Leistungen für Bildung und Teilhabe bei verschiedenen Stellen beantragen – viele Familien wissen gar nicht, was ihnen zusteht, oder scheitern an bürokratischen Hürden.[^24]
Das politische Versagen: Die Kindergrundsicherung
Auf dem politischen Parkett gibt es ein besonders deutliches Symptom für das strukturelle Desinteresse am Kindeswohl: das Scheitern der Kindergrundsicherung. Das zentrale Reformvorhaben der Ampel-Koalition sollte Kindergeld, Kinderzuschlag, Bürgergeld-Anteile für Kinder und den Kindersofortzuschlag bündeln und die Inanspruchnahme für Familien erheblich vereinfachen. Bis zu 5,6 Millionen von Armut bedrohte Familien hätten davon profitieren sollen.[^26]
Das Projekt scheiterte nach jahrelangen Debatten, innenpolitischen Blockaden und schließlich dem Bruch der Koalition im November 2024. Bundesfamilienministerin Lisa Paus beschrieb die Blockade durch die FDP als „sehr bedauerlich“ und sprach von einem „gefühlten Rückschritt für die Familien in Deutschland“. Nicht einmal ein angekündigtes Online-Tool, das Familien einen Überblick über ihre Leistungsansprüche verschaffen sollte, wurde umgesetzt. Die neue Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD hat die Kindergrundsicherung bislang nicht wieder aufgegriffen; Expertinnen und Experten kritisieren, dass das Problem der Kinderarmut auch im Koalitionsvertrag 2025 nur mit Absichtserklärungen adressiert wird.[27][28]
Das parallele Ringen um die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz illustriert dasselbe Muster. Schon die Große Koalition (2018–2021) hatte sich das Ziel gesetzt, Kinderrechte explizit im Grundgesetz zu verankern – das Vorhaben scheiterte. Die Ampel erneuerte das Versprechen, brachte es aber ebenfalls nicht zum Abschluss. Bislang existieren Kinderbeauftragte lediglich in fünf Bundesländern; UNICEF fordert solche Stellen auf Bundes- und Länderebene. Seit 1992 gilt die UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland im Range eines Bundesgesetzes und seit 2010 vollumfänglich – doch ihre Umsetzung im Alltag bleibt lückenhaft.[29][30][^1]
Das Kernproblem ist struktureller Natur: Kinder wählen nicht. In der deutschen Demokratie haben Minderjährige im repräsentativen System auf Bundes- und Länderebene keine direkte Stimme. Auf kommunaler Ebene hat sich die Lage verbessert – in Baden-Württemberg stieg der Anteil der Kommunen mit Jugendbeteiligungsangeboten zwischen 2018 und 2023 von 53 auf 68 Prozent, bei der Kinderbeteiligung sogar von 23 auf über 55 Prozent –, aber echte politische Entscheidungsmacht haben diese Formate kaum.[^31]
Das Ergebnis ist eine systematische Unterrepräsentation kindlicher Interessen in politischen Entscheidungsprozessen. Haushaltsmittel werden lieber für konsumptive Ausgaben eingesetzt, die älteren und älteren Wählergruppen unmittelbar zugutekommen, statt in Prävention, Bildung und frühkindliche Förderung zu investieren. UNICEF-Deutschland-Geschäftsführer Christian Schneider bringt es auf den Punkt: „Wer heute nicht in die Teilhabe, die Bildung und die gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiert, schadet nicht nur den Kindern, sondern zahlt in Zukunft einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis.“[^3]
Strukturelle Ansätze: Was zu tun wäre
Die vorliegenden Daten zeigen klar, welche Stellschrauben es gibt:
Soziale Absicherung vereinfachen: Familienleistungen müssen so organisiert sein, dass sie tatsächlich bei den Familien ankommen – durch automatische Auszahlung, One-Stop-Shops oder deutlich vereinfachte digitale Antragsverfahren. Die Inanspruchnahme bestehender Leistungen ist in Deutschland systematisch zu niedrig.
Bildungssystem reformieren: Die frühe Selektion nach der Grundschule perpetuiert soziale Ungleichheit. Längeres gemeinsames Lernen, wie es in den erfolgreichen Ländern praktiziert wird, wäre ein wesentlicher Hebel. Das Startchancen-Programm ist ein richtiger Schritt, deckt aber nur einen Bruchteil der notwendigen Investitionen ab.[32][25]
Mentale Gesundheit in den Fokus rücken: Schulpsychologische Dienste, Anti-Mobbing-Programme und niedrigschwellige Beratungsangebote müssen flächendeckend ausgebaut werden. 84 Prozent der Schulkinder ohne ausreichende Gesundheitskompetenz sind ein Auftrag, Gesundheitsbildung verbindlich in Lehrplänen zu verankern – wie es der DAK-Präventionsradar fordert.[33][16]
Kinderrechte stärken: Kinderbeauftragte auf Bundes- und Länderebene, eine Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz und eine systematische Kinderfolgenabschätzung bei politischen Entscheidungen würden sicherstellen, dass kindliche Interessen strukturell Berücksichtigung finden.[30][3]
Kommunale Infrastruktur verbessern: Kinderfreundliche Städte – mit sicheren Spielräumen, kurzen Wegen, guter Kitainfrastruktur und öffentlichem Raum für Familien – sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für gesundes Aufwachsen.
Fazit: Eine Frage der Prioritäten
Die Datenlage ist eindeutig: Deutschland versagt beim Kindeswohl nicht aus Armut, sondern aus mangelnder Prioritätensetzung. Das Land gibt erheblich mehr für das Rentensystem aus als für Prävention und frühkindliche Investitionen. Die politischen Debatten kreisen um Schulden und Steuern, selten aber um die 72.800 Kindeswohlgefährdungen eines einzigen Jahres, die 2,2 Millionen armutsgefährdeten Kinder oder die 25 Prozent psychisch belasteten Schülerinnen und Schüler.[5][20][^17]
Das UNICEF-Ranking liefert eine nüchterne Botschaft: Länder, die systematisch in Bildung, Gesundheit und soziale Teilhabe von Kindern investieren, erzielen bessere Ergebnisse – unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Gesamtstärke. Deutschland hat die Mittel, es fehlt der politische Wille. Die Kinder, die heute aufwachsen, werden als Erwachsene die Gesellschaft von morgen tragen. Wer ihre Chancen beschneidet, beschneidet Deutschlands Zukunft.
Dies vorweg: Wir halten nichts davon, die Generationen gegeneinander auszuspielen, etwa Kinder gegen Rentner. Was leider im gesamten Artikel nicht erwähnt wird: Wie das Kapital, zumindest, wenn es auf Deutschland selbst angewiesen ist, sich durch die Hochprivilegierung des eigenen Nachwuchses gegenüber einer kompletten Vernachlässigung der Gemeinschaftsaufgaben langfristig schaden wird. Es sei denn, der Bildungsnotstand lässt sich durch KI tatsächlich ausgleichen. Aber auch in dem Bereich werden diejenigen profitieren, die das bei steigender Ungleichheit immer tun, nach unserer Einschätzung.
Wie hoch sind die genannten Zahlen in Relation zu anderen Ländern? Offenbar sehr hoch, wobei man immer die Vergleichbarkeit der Datenerfassung berücksichtigen muss.
Das Problem ist auf jeden Fall insofern strukturell, als Deutschland immer schon eine vergleichsweise kinderfeindliche Gesellschaft hatte. Dass daraus eine Krise wird, ohne dass es die meisten Menschen stört, liegt auf der Hand. Dabei ist es absurd, Kindeswohl an Lobbymacht zu knüpfen. Es ist richtig, Kinder frühzeitig demokratisch einzubinden, aber sie haben keine ökonomische Macht, und das ist ein einer Lobbykratie wie Deutschland hochgefährlich – nicht an diesem Machtspiel hinter den Kulissen teilnehmen zu können. Lobbys haben aber nur sehr enge Interessen im Blick, nicht das Wohl des Ganzen und damit in Teilen auch nicht ihr eigenes.
Kein einziges Wort findet sich, ganz in diesem Sinne, zur mangelhaften Steuergerechtigkeit in Deutschland in dem Artikel, deswegen ergänzen wir an dieser Stelle: Geld genug ist da, obwohl Deutschland unter den reicheren Ländern zurückfällt und sich das wohl nicht kurzfristig ändern wird. Es wird sich nur ändern, indem in die Zukunft investiert wird, und Kinder sind unausweichlich die Zukunft, auch wenn den vielen Menschenfeinden in diesem Land das nicht so richtig passt.
Wie Gewalt gegen Kinder belegt, aber auch klassistisches und abgrenzendes Denken auf vielen Ebenen: Eltern sind, was den Raumblick für das Gemeinwohl, für Nachhaltigkeit und langfristiges Denken angeht, nicht unbedingt besser als Nicht-Eltern. Aus Kindern in vielen Elternhäusern, in denen komplett rückständig gedacht und gehandelt wird, werden Erwachsene, die strukturell ebenso denken und handeln. Meistens jedenfalls, einen Aufbruch als Ausbruch gab es schon seit mehreren Generationen nicht mehr. Deutschland ist erschreckend konservativ, das zeigt sich auch bei der jungen Generation und wird oben ebenfalls nicht thematisiert: Mangelhafte politische Bildung führt zu fehlerhaften politischen Weichenstellungen und zu einer weiteren Verschlechterung der gesellschaftlichen Substanz.
Ob man wenigstens noch formale Verbesserungen anstrebt, ist mittlerweile auch dahingestellt. In einer Zeit, in der die Politik sogar Menschen angreift, die dem System dienen und finanzialisierbar sind, haben es Kinder faktisch noch schwerer, weil Investitionen in sie nur langfristig wirken, weil sie erst einmal Mehrausgaben bedeuten. Es sind aber nicht nur die Ausgaben, die Investitionen, es ist auch die Mentalität der Mehrheit, die generell menschenfeindlich ist und damit auch Kindern hierzulande schadet. Diese Mentalität zu ändern, ist eine noch größere Herausforderung, als mehr Geld in die Hand zu nehmen. Aber es zu tun, ist die Voraussetzung dafür, dass mehr Chancengleichheit und mehr Mittel etwas bewirken können.
TH
Transparenz. Die Idee zu dem Artikel fußt auf einem Web.de-Beitrag, der vor wenigen Tagen erschien (Wohlbefinden von Kindern: Deutschland schneidet unterdurchschnittlich ab | WEB.DE ), nach dem Lesen haben wir eine ausführlichere Darstellung seitens einer KI beauftragt, auch das Titelbild wurde von ihr nach unseren Vorgaben gestaltet. Der Kommentar ist von uns geschrieben (TH).
Dieser Artikel basiert auf der UNICEF Report Card 20 (Innocenti, Mai 2026) sowie auf weiteren Quellen, darunter das Statistische Bundesamt, das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung, der DAK-Präventionsradar, die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die PISA-Studie 2022 und ein DIW-Gutachten im Auftrag der Diakonie.
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