Wie (un-) zufrieden sind Sie mit Wirtschaftsministerin Reiche? (Umfrage + Analyse + Kurzkommentar)

Analyse, Economy, Wirtschaft, Energiewende, PPP Politik Personen Parteien, Katherina Reiche, Wirtschaftsministerin, Robert Habeck, Peter Altmaier, Energiepolitik, strategische Wirtschaftspolitik, Gaslobby, fossile Energie, erneuerbare Energien, Klimaziele, Klimapolitik, Klimaschutz, Zukunftsfähigkeit, Strukturdefizit, Zukunftspolitik, Demokratie

Endlich können wir auch mal unsere Meinung über Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in eine Umfrage einbringen, dank Civey: Civey-Umfrage: Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche?.

Das war lange fällig bzw. überfällig. Keine andere Person in der Regierung Merz außer ihm selbst hat uns bisher so getriggert wie Katherina Reiche.

Anmerkung: Charaktere wie Linnemann, Spahn, Söder, sind nicht Mitglieder der Bundesregierung (bei Carsten Linnemann hat sich der Status gerade erst in diese Richtung geändert).

Wir haben den Civey-Text heute nicht abgebildet, Sie können ihn hinter dem obigen Link finden. Wir sind einen Schritt weiter gegangen und bieten ihnen eine Mehrwert-Analyse als Einstieg in die Welt der Wirtschaftmsinisterin an.

Reiche als Wirtschaftsministerin: Eine kritische Bilanz

Eine aktuelle Civey-Umfrage stellt erneut die Frage, wie die Arbeit von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zu bewerten ist. Bereits vorliegende repräsentative Erhebungen zeichnen ein deutliches Bild: Eine Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und „Stern“ vom Juni 2026 ergab, dass 75 Prozent der Befragten Reiche für die falsche Besetzung des Wirtschaftsressorts halten, lediglich 15 Prozent äußerten sich zufrieden mit ihrer Arbeit. Damit liegt Reiche in der öffentlichen Wahrnehmung sogar noch schlechter als ihr Vorgänger Robert Habeck, der zu Beginn seiner Amtszeit als „schlechtester Wirtschaftsminister aller Zeiten“ verspottet wurde. Selbst in Ostdeutschland, wo populistische Stimmungen gegen die Ampel-Politik traditionell stärker waren, liegt die Ablehnung von Reiches Politik mit 77 Prozent noch über dem Westwert von 75 Prozent.[1][2][3][4]

Wir wollen Sie auch nicht auf die Folter spannen: Die Civey-Umfrage läuft im Moment auf 72-73 Prozent Ablehnung hinaus, davon 62 Prozent ganz eindeutig und 11-12 Prozent überwiegend. Nur 11,2 Prozent finden Reiches Politik wirklich super. Warum? Das würden wir diese Menschen gerne fragen, aber weiter zur Analyse:

Die Zahlen im Detail

Die Ablehnung zieht sich durch alle gesellschaftlichen Gruppen, wenn auch mit Nuancen. Selbst innerhalb der eigenen Unionswählerschaft attestieren nur 26 Prozent Reiche die Fähigkeit, die wirtschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen – ein bemerkenswert schwacher Wert für eine Ministerin der eigenen Partei. Bei Erwerbstätigen insgesamt liegt die Ablehnung bei 76 Prozent, bei AfD-Anhängern sogar bei 81 Prozent. Diese Zahlen sind nicht nur ein Ausdruck allgemeiner Politikverdrossenheit, sondern spiegeln konkrete inhaltliche Kritikpunkte wider, die sich in den vergangenen Monaten immer weiter verdichtet haben.[^4]

KennzahlWertQuelle
Ablehnung als geeignete Ministerin (bundesweit)75%Forsa/RTL/Stern, Juni 2026 [^1]
Zufriedenheit mit ihrer Arbeit15%Forsa/RTL/Stern, Juni 2026 [^2]
Ablehnung unter Unionswählern74% (nur 26% positiv)fr.de [^4]
Zufriedenheit im Januar 2026 (frühere Forsa-Welle)18%n-tv [^3]

Ein Problem für Kanzler Merz wird daraus sofort sichtbar: Seine eigene Unbeliebtheit wird durch die von Reiche sogar übertroffen, und sie zählt zu den am meisten wahrnehmbaren Ministerpersonen in seinem Kabinett. Was sie macht, war lange Zeit der sichtbarste Ausdruck der Politik von Schwarz-Rot, vielleicht neben dem traditionell stark wahrgenommenen Außenministerium. Erst durch das ebenfalls kontrovers diskutierte 34-Punkte-Reformpaket, das auch Elemente aus dem Haus von Reiche enthält, traten andere Minister:innen stärker hervor, wie etwa (Ex-) Gesundheitsministerin Nina Warken.

Erste These: Lobbyistische, fossil-freundliche Energiepolitik schadet der Energiewende

Die Kritik an Reiches Nähe zur fossilen Energiewirtschaft ist mittlerweile durch eine Vielzahl unabhängiger Recherchen und Institutionen belegt und geht weit über parteipolitische Schlagabtausche hinaus. Recherchen von Handelsblatt und Spiegel zeigten, dass das Wirtschaftsministerium bei der Erarbeitung eines Gesetzesentwurfs gezielt Lobbypapiere von RWE und EnBW angefordert hatte, die konkrete Ausschreibungskriterien enthielten, welche Gaskraftwerke gegenüber Batteriespeichern bevorteilen würden – ausgerechnet jene Konzerne, die von solchen Regelungen als Betreiber selbst profitieren würden. Die Organisation Lobbycontrol wirft Reiche vor, immer wieder als „Sprachrohr der Gas-Lobby“ aufzufallen; Reiche habe sich von einem Konzern mit ganz konkreten Geschäftsinteressen beraten lassen, obwohl eine Ministerin verschiedene Argumente unterschiedlicher Akteure einholen müsse. Christina Deckwirth von Lobbycontrol beschreibt Reiches Kurs als eine „starke fossile, fast schon ideologische Agenda“, die nicht nur anderen Unternehmen, sondern der Allgemeinheit schade.[5][6]

Auch Transparency Deutschland hat sich mit der Amtsführung befasst. Petra Pinzler, langjährige Berlin-Korrespondentin der ZEIT, sieht ein Problem in Reiches „offensivem Abstand zu Experten, die eine klimafreundliche Energiepolitik wollen“; dies führe dazu, dass sie wichtige Fakten ausblende und ihre Politik eine „immer deutlichere Schlagseite – zugunsten der Industrie und zu Lasten des Klimas“ bekomme. Pinzler weist zudem darauf hin, dass Reiche vor ihrem Amtsantritt bei einem Energieversorger arbeitete, der Geschäfte mit Gas macht und der durch jede Verschiebung der Klimaziele viel Geld verdienen würde – „liegt zumindest der Verdacht nah, dass die fossile Lobby in ihr eine gute Verbündete hat“. Der Fachbeirat kommt zu dem Schluss: „Das ist keine offene Korruption, aber es hat ein Geschmäckle“.[^7]

Offene Korruption ist in Deutschland relativ selten (nachweisbar), weil es viele andere Möglichkeiten gibt, sich in einem sehr lobbyorientierten System gegenseitig Privilegien und Vorteile zu verschaffen – und die Allgemeinheit hat das Nachsehen.

Fridays for Future wirft Reiche eine direkte Interessenverschränkung vor: Sie sei bis zum Tag ihrer Vereidigung noch als Lobbyistin der Eon-Tochter Westenergie im Lobbyregister geführt gewesen, obwohl sie öffentlich erklärte, „nie in der Gaslobby tätig“ gewesen zu sein – eine Aussage, die von der Transparenz-Plattform Abgeordnetenwatch als irreführend eingestuft wurde. Aktivistin Carla Reemtsma formuliert es pointiert: Reiche agiere „als Verknüpfung von Bundesregierung und Gaslobby“ und fördere eine „Umverteilung zugunsten fossiler Großkonzerne“. Bemerkenswert ist zudem, dass Reiche laut Recherchen der ZEIT bislang kein einziges Treffen mit Umweltverbänden abgehalten habe, während Gespräche mit fossilen Konzernen und Wirtschaftsverbänden regelmäßig stattfanden.[8][9][^5]

Am schwersten wiegt die Bilanz, die Greenpeace nach einem Jahr Amtszeit vorlegte. Auf Basis interner, über das Umweltinformationsgesetz erstrittener Dokumente dokumentiert die Organisation, dass das Wirtschaftsministerium mindestens 28 gezielte inhaltliche Änderungen an einem unabhängig erstellten Monitoring-Bericht zur Energiewende veranlasste und kritische Aussagen abschwächte, um politische Positionen zu stützen. Greenpeace-Energieexperte Karsten Smid urteilt: „Die Bilanz zeigt eine gezielte Unterminierung der Energiewende. Das bedroht Milliardeninvestitionen und steigert Kosten“. Auffällig ist, dass diese Kritik nicht nur von Umweltverbänden kommt, sondern ausdrücklich auch von etablierten Energiekonzernen wie Vattenfall und RWE geäußert wird, die sich durch Reiches fossile Schwerpunktsetzung gegenüber Investitionssicherheit in erneuerbare Technologien benachteiligt sehen. Auch Vizekanzler Lars Klingbeil warnte Reiche öffentlich vor einem Ausbremsen der Energiewende.[10][8]

Ein besonders scharfer öffentlicher Kritikpunkt betrifft Reiches Auftritt auf der fossilen Energiekonferenz CERAWeek in Texas im März 2026, wo sie die deutsche Energiewende sowie die EU-Klimaziele als „naiv“ bezeichnete – just zu einem Zeitpunkt, als die Weltmaktpreise für fossile Energieträger infolge geopolitischer Spannungen im Nahen Osten stark anstiegen. Die taz kommentiert Reiches jüngste Order von Flüssiggas aus Kanada mit bis 2050 laufenden Lieferverträgen als Beleg dafür, dass die Ministerin „alles daransetzt, dass Deutschland bis 2045 nicht klimaneutral wird“. Die Entkernung des Heizungsgesetzes ihres Vorgängers Habeck durch die sogenannte „Biotreppe“ sowie die Kürzung von Förderungen für Photovoltaikanlagen fügen sich in dieses Bild eines gezielten fossilen Kurswechsels ein.[11][12][^13]

Insofern halten wir auch den Begleittext von Civey für sehr kritisch aufgrund einseitig zu positiver Darstellung ihrer Heizungsgesetz-Änderungen und einer zu starken Konzentration auf ihren Führungsstil, der für die Allgemeinheit eher zweitrangig gegenüber ihren Handlungen in der Sachpolitik ist.

Zweite These: Fehlende strategische, kohärente Wirtschaftspolitik in der Krise

Auch jenseits der Energiefrage häuft sich die Kritik an der Kohärenz von Reiches Wirtschaftspolitik. Bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts 2026 musste sie die Wachstumsprognose auf lediglich ein Prozent für 2026 und 1,3 Prozent für 2027 nach unten korrigieren. Die grüne Wirtschaftspolitikerin Sandra Detzer brachte die Kritik der Opposition auf den Punkt: „Die Unternehmen stehen im perfekten Sturm und Ministerin Katherina Reiche hat keine Strategie, um die Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zu bringen“. Auch Janine Wissler von der Linken monierte, der Bericht lasse „eine industriepolitische Strategie vermissen“ und biete den Beschäftigten „kein Angebot außer mehr und längerer Arbeit“.[14][15]

Die taz brachte die Kritik in einem Kommentar mit dem Titel „Marktradikale mit ideologischem Überbau“ zugespitzt vor: Reiche habe „noch nichts auf die Kette gekriegt, auch aus Wirtschaftssicht“ – weder die Ausschreibung neuer Kraftwerke zur Absicherung des Kohleausstiegs noch die Einführung eines Industriestrompreises seien abgeschlossen. Der Befund fällt fundamental aus: „Reiche und die sie stützenden Kräfte sind konzeptionell komplett blank. Eine Idee von Wirtschaftspolitik jenseits von Maximalbereicherung […] fehlt. Deswegen gibt es keine strategische Industriepolitik und eklatante Unterinvestitionen in Zukunftsfeldern“.[^16]

Wir kritisieren die fehlende Industriepolitik in Deutschland grundsätzlich, seit es den Wahlberliner gibt, aber noch nie war deren Fehlen so systemgefährdend wie jetzt.

Selbst aus der Industrie, die von Reiches marktliberalem Kurs eigentlich profitieren sollte, wächst der Unmut. Ein Bericht der Frankfurter Rundschau trägt den Titel „Industrie verliert Geduld mit ‚Sprechzettelministerin‘ Reiche – und wünscht sich Habeck zurück“. Kritisiert werden vor allem die als „Hick-Hack“ wahrgenommenen, wiederholt geänderten Regelungen beim Netzpaket und beim Erneuerbare-Energien-Gesetz, die gerade jenen Branchen schaden, die auf langfristige Planungssicherheit angewiesen sind. Die taz spitzt dies weiter zu: Während 127.300 Industriearbeitsplätze binnen eines Jahres verloren gingen, habe das Wirtschaftsministerium lediglich ein „billiges Motivationsvideo von Lobbyisten“ geteilt, ohne selbst konstruktive Vorschläge für die Bewältigung der Industriekrise zu liefern.[17][18]

Diese fehlende Kohärenz zeigt sich auch im Widerspruch zwischen Reiches eigenem wissenschaftlichem Beirat, der eine radikale Marktorientierung ohne gezielte Industriepolitik fordert, und der Analyse der Monopolkommission, die im Juli 2026 ein 462-seitiges Gutachten vorlegte. Die Kommission konstatiert, dass der Inlandsanteil an der Wertschöpfung der 100 größten deutschen Unternehmen von 57 Prozent (2008) auf 40 Prozent (2024) gesunken sei, und mahnt, „man sollte nicht immer den einfachen Weg gehen, sondern auch den schwierigen“. Die Kritik trifft damit den Kern der zweiten These: Reiches Politik oszilliert zwischen radikalem Abbau von Regulierung und punktuellen, oft lobbygetriebenen Einzeleingriffen – ohne eine erkennbare, in sich stimmige industriepolitische Gesamtstrategie.[^19]

Eine Ministerin, die sich klar an überschaubaren Einzelinteressen orientiert, ist nicht fähig, alle an einen Tisch zu bringen, auch nicht die gesamte Industrie, denn Teile dieser Industrie, sogar in der Energiewirtschaft, hatten sich bereits auf die Energiewende eingestellt und sehen nun ihre Investitionen in dieser Richtung als gefährdet an.

Ein strukturelles Problem: Das Ressort als politische Resterampe

Die vorliegenden Befunde untermauern die These, dass das Wirtschaftsministerium in Deutschland traditionell nicht mit den fachlich am besten geeigneten Personen besetzt wird. Bei Reiches Amtsvorgänger Robert Habeck war die Kritik an mangelnder ökonomischer Fachkompetenz nahezu ein Dauerthema. Nach seinem vielkritisierten „Maischberger“-Auftritt 2022, in dem er einräumte, den Gasmarkt nicht vollständig zu durchschauen, sackte sein Wirtschaftskompetenz-Wert in Umfragen auf nur noch 16 Prozent ab – ein Einbruch von 13 Prozentpunkten binnen zwei Jahren. Der Unternehmer Hartmut Jenner brachte die verbreitete Kritik auf den Punkt: „Robert Habeck fehlt die ökonomische Kompetenz für sein Amt“. Kommentatoren wie Gabor Steingart identifizierten als zentrales Problem die fehlende „Absenderkompetenz qua Bildungs- und Berufsweg“ – Habeck sei als Kinderbuchautor und Philosoph in ein Ressort gekommen, für das ihm die fachliche Vorbildung fehlte.[20][21][^22]

Bei Peter Altmaier, CDU-Wirtschaftsminister unter Angela Merkel von 2018 bis 2021, zeigte sich ein anderes, aber verwandtes Defizit: mangelnde Durchsetzungs- und Umsetzungsfähigkeit in der Krise. Während der Corona-Pandemie kritisierte die eigene Koalition, aber auch die eigene Partei, die schleppende Auszahlung der Wirtschaftshilfen scharf. Der SPD-Wirtschaftspolitiker Sören Bartol sprach von „Verwaltungsversagen erster Güte“, weil es fast drei Monate dauerte, bis das Ministerium das „Chaos“ bei den Novemberhilfen einigermaßen im Griff hatte. Altmaier musste sich öffentlich entschuldigen: „Erst einmal entschuldige ich mich dafür, dass es so lange dauert“. Der Tagesspiegel bilanzierte am Ende seiner Amtszeit, Altmaier habe zwar mit seiner „Neuen Industriepolitik“ ein Tabu gebrochen, sei aber insgesamt als „Minister ohne Plan“ in Erinnerung geblieben, der eher als verlängerter Arm des Kanzleramts fungierte denn als eigenständig gestaltender Wirtschaftsminister.[23][24][^25] Auch bei Altmaier ließen sich überdies starke Spuren von Lobbyeinfluss nachweisen – nebst einem offensichtlich insgesamt unstrategischen Mindset.

Diese Blicke zurück stützen die These, dass fachliche Eignung offenbar nicht das entscheidende Auswahlkriterium für das Amt ist – Reiches Fall unterscheidet sich davon jedoch in einem wesentlichen Punkt: Ihr wird nicht mangelnde Fachkenntnis vorgeworfen, sondern im Gegenteil eine zu enge, einseitige fachliche Prägung durch ihre langjährige Tätigkeit in der Energiewirtschaft, die sie nun in eine erkennbare Schlagseite zugunsten fossiler Partikularinteressen übersetzt. Wo Habeck als fachlich überfordert und Altmaier als behäbig und verwaltungsschwach gilt, wird Reiche als kompetent, aber einseitig gebunden wahrgenommen – was angesichts der Bedeutung des Ressorts als Schaltstelle für Energiewende, Klimaziele und Industriepolitik ein eigenständiges Problem darstellt.

Die Sicht des Mittelstands als Warnsignal

Dass Teile des Mittelstands, aus dem Reiche selbst stammt, ihre Arbeit positiver bewerten als die Gesamtbevölkerung, lässt sich kritisch lesen. Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der Eigenwahrnehmung von Selbstständigen zu ihrer individuellen Geschäftslage – die laut dem Papierkram.de-Konjunkturmonitor mit rund 74 Prozent positiver Zustimmung überwiegend gut ausfällt – und ihrer Bewertung der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland, die von derselben Gruppe überwiegend negativ eingeschätzt wird. Diese Kluft deutet darauf hin, dass eine punktuell wohlwollende Bewertung Reiches durch mittelständische Unternehmer weniger ein Urteil über die Gesamtwirkung ihrer Wirtschaftspolitik ist als vielmehr eine Reaktion auf konkrete, sektorspezifische Erleichterungen wie Bürokratieabbau oder das Aussetzen von Berichtspflichten – Maßnahmen, die einzelnen Interessengruppen zugutekommen, ohne notwendigerweise volkswirtschaftlich kohärent oder zukunftsorientiert zu sein.[^26]

Es ist ohnehin ein generelles Phänomen, nicht nur im Mittelstand, dass die eigene Lage gegenüber der allgemeinen Lage als besser eingeschätzt wird. Psychologisch kann man das hart auf kognitive Dissonanz reduzieren, das wäre aber zu kurz gegriffen. Vielen geht es persönlich tatsächlich noch gut, weil die Krise für die meisten eher eine statistische Angelegenheit ist, als dass sie sich schon in eigener ökonomischer Margnialisierung niederschlagen würde. Gerade Personen mit sicheren Jobs nörgeln zwar viel, wissen aber, dass es ihnen selbst gutgeht. Im Mittelstand, der teilweise klotzig verdient, wie die immer größere Ungleichheit in Deutschland tatsächlich belegt, potenzier tsich das in immer größeren Vermögen gegenüber immer unmäßigeren Forderungen nach Einschränkungen für die Arbeitenden an die Politik, die diesen Forderungen gerade auf eine blamable Weise entgegenkommt – woran natürlich auch die ideologische Position und Gestaltungspolitik von Katherina Reiche ihren Anteil hat.

Fazit der Befundlage

Die verfügbaren Daten und Stimmen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und selbst aus der Industrie zeichnen ein in sich stimmiges, kritisches Bild: Eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung – über alle politischen Lager hinweg, einschließlich der eigenen Unionswählerschaft – bewertet Reiches Amtsführung negativ. Diese Ablehnung korrespondiert mit einer Fülle von dokumentierten Belegen für eine einseitig fossil-freundliche, lobbygeprägte Energiepolitik, die von Organisationen wie Greenpeace, Lobbycontrol und Transparency Deutschland unabhängig voneinander bestätigt wird. Gleichzeitig fehlt es, wie Ökonomen, die Monopolkommission und selbst der eigene wissenschaftliche Beirat unterschiedlich akzentuiert feststellen, an einer kohärenten, zukunftsgerichteten industriepolitischen Strategie, die den Herausforderungen einer strukturellen Wachstumskrise angemessen wäre. Diese Befunde reihen sich in ein strukturelles Muster ein, das auch bei Reiches Vorgängern Habeck und Altmaier sichtbar wurde: Das Bundeswirtschaftsministerium wird in der deutschen Regierungspraxis offenbar wiederholt nicht mit Blick auf die Anforderungen einer kohärenten, langfristig ausgerichteten Wirtschafts- und Industriepolitik besetzt, sondern nach anderen politischen Kriterien – mit entsprechenden Folgen für Handlungsfähigkeit und öffentliches Vertrauen.[6][1][4][7][10][14][16][19]

Was nichts anderes bedeutet, als dass die deutsche Politik immer noch nicht erkannt hat, dass das Wirtschaftsministerium eine Schlüsselstellung beim Erhalt oder jetzt schon eher der Restitution der Zukunftsfähigkeit des Landes innehat.

Kommentar

Sie werden sich nach dem Lesen des Textes schon denken, wie wir votiert haben. Wir können dem inhaltlich auch nicht mehr viel beifügen. Es ist schon lange schlimm, mit den Wirtschaftsminister:innen, es wird nicht besser, es wirkt aber immer beängstigender, weil die Versäumnisse und Fehler der Vergangenheit sich mit einer weiterhin verpeilten Politik zu einer großen Bedrohung für den Wohlstand der Mehrheit addieren. Dass Menschen persönlich überwiegend zufrieden sind, wirft übrigens auch ein Schlaglicht auf den Rechtsdrall im Land, den einige ja damit zu erklären versuchen, dass es den meisten irgendwie schlecht geht. An diesem Narrativ stimmt etwas nicht, sondern es liegt ein Überpessimismus vor, der dafür sorgen wird, dass Typen wie Reiche und Merz, die keinen Optimismus ausstrahlen können, gewählt werden, und das Gleiche gilt für die noch rechtere blaue Partei. Wir wünschen uns Habeck nicht zurück, denn er hat mit seinem gesamten Gepräge den Boden für diese reaktionäre Wende von 2025 mit bereitet. Dass er richtige Ansätze in der Energiepolitik verfolt hat, enthebt ihn auch nicht einer sachlich negativen Gesamtbewertung, weder außerhalb der Energiepolitik, wo die Ampel ähnlich blank war wie die Vorgänger und die Nachfolgerin, noch bei der Energiepolitik selbst, die sich eben auch mit strategischer Industriepolitik verbindet: Wie konnte man z. B. beschließen, die E-Auto-Förderung, auf die sich Konsumenten und Industrie gleichermaßen verlassen haben, plötzlich einzustellen?

Wir wünschen uns auch die einlullende Politikgestaltung der Merkel-Ära nicht zurück und auch nicht die bösartige Armutsvergrößerungsmaschine von Gerhard Schröder. Nicht ganz einheitlich ist unser eigenes Bild zur Kohl-Ära: Vor der Wende hat Deutschland, ohne eine finanzdienstleistungsorientiert-neoliberalen Wende in anderen Ländern voll mitzugehen, etwas vom früheren Glanz verloren, aber seinen industriellen Kern erhalten, danach war nicht viel anders zu machen, angesichts des enormen gesellschaftlichen Drucks, der durch die Öffnung der Mauer entstand. Aber je weiter wir zurückschauen: In keiner Phase der Werdung der BRD zum heutigen Deutschland gab es eine strategische Wirtschaftspolitik. Das sogenannte Wirtschaftswunder schien denen recht zu geben, die eine solche als gar nicht notwendig erachteten und legte den Grundstein für eine ideologische Überhöhung des Unternehmertums gegenüber den Arbeitenden, die man ohne große Mühe als Fortsetzung der NS-Politik mit einer Wendung hin zu den Industriekapitänen als Übermenschen-Führersersatzpersonen deuten kann. Dem Land fehlt seit Generationen etwas, was über diese Verengung, diese Einseitigkeit hinausweist.

Der einzige Kanzler, der diesen Mangel gesehen, ihn als Problem identifiziert hat und versuchte, die Verkrustung aufzubrechen, war Willy Brandt. Leider waren ihm nur wenige Jahre im Amt beschieden.

Die Vertreter einer hochgradig selbstherrlichen Wirtschaft, die das Primat der Politik im Grunde nicht anerkennt, darf Deutschland seitdem wieder uneingeschränkt dominieren. Das ist in Zeiten wie den heutigen nicht mehr ein Problem von vielen, das immer mal wieder für strukturelle Nachteile sorgt, es ist tödlich für die Zukunftsfähigkeit des Landes und für die Demokratie. Wenn es diese als Basis für ein gutes Morgen für die Mehrheit nicht mehr gibt, dann hat sich der Kreis geschlossen. Das Kapital macht sich dann woanders satt, wie der erhelbiche Rückgang der inländischen Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft von fast einem Prozentpunkt pro Jahr (überschlägig) seit 2008 belegt, der oben erwähnt wird. Deswegen sollte man sich von seinen Narrativen auch nicht blenden lassen: Sein Drang hinaus in die Welt, weg von Deutschland, hält seit vielen Jahren an, in Krisenzeiten wie in ruhigen Zeiten. Dem muss mehr Basisökonomie und mehr Wirtschaftsdemokratie entgegengesetzt werden, aber mit der aktuellen Regierung wird es eher noch weiter in die andere Richtung gehen. Mit Katherina Reiche als Wirtschaftsminister ist das auch in einer Postenbesetzung eingeschrieben.

Diese Betrachtung geht freilich weit über die Person von Katherina Reiche hinaus, aber ihr Wirken ist ein Symbol dafür und kann als solches gar nicht negativ genug eingeschätzt werden.

Transparenz

Den Begleittext von Civey haben wir aufgrund seiner für unser Dafürhalten zu einseitigen Ausrichtung heute nicht abgebildet, die Analyse haben wir anhand von vier Thesen an eine KI vergeben und sie mit eigenen Anmerkungen ergänzt, die Sie vielleicht am mehr kommentierenden Stil erkennen können, wir haben sie außerdem immer in einen eigenen Absatz gestellt. Der Kommentar stammt von uns. Wie immer bei Analyse-Artikeln haben wir von der KI auch ein Titelbild erstellen lassen, das in dem Fall unser Umfrage-Logo verdrängt. Normalerweise verknüpfen wir Umfragen nur mit Kommentaren, was sich aber vermutlich Schritt für Schritt ändern wird. Wir sagen klar, dass wir die Umfragen im Rahmen unserer geringen Möglichkeiten auch gerne beeinflussen würden. In dem Fall ist das nicht notwendig, weil unsere Meinung ohnehin von der Mehrheit der Abstimmenden geteilt wird.

References

  1. Forsa-Umfrage: 75 Prozent der Deutschen halten Wirtschaftsministerin Reiche für eine Fehlbesetzung – Die Mehrheit der Bundesbürger traut Katherina Reiche (CDU) das Amt der Wirtschaftsministerin nicht z…
  2. Umfrage: Großteil der Deutschen unzufrieden mit Katherina Reiche – Heizungsgesetz, Arbeitszeit-Vorstoß, Gaskraftwerke: Katherina Reiche eckt an und hat miese Umfragewe…
  3. Reiche ist jetzt schon unbeliebter, als es Habeck je war – ntv.de – Dreieinhalb Jahre lang arbeitet sich die Union an Robert Habeck als vermeintlich „schlechtestem Wirt…
  4. Umfrage-Debakel für Katherina Reiche: Drei Viertel trauen ihr das Amt nicht zu – selbst im eigenen Lager – CDU-Wirtschaftsministerin Reiche steht immer wieder in der Kritik. Eine Umfrage zeigt nun: Die große…
  5. Katherina Reiche: Umfrage-Klatsche für Wirtschaftsministerin – Die deutsche Wirtschaftsministerin ist unbeliebt und hat selbst in den eigenen Reihen wenig Rückhalt…
  6. Lobbyministerin Reiche: Einseitige fossile Agenda … – Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zieht Argumente einseitig von der Lobby heran, um ihre rückwä…
  7. „Umverteilung in die Hände fossiler Großkonzerne“ – Fridays for Future wirft Reiche Kungelei vor – die versteckt Solar-Studie – Stand: 24.04.2026, 17:46 UhrVon: Katja ThorwarthKommentare
  8. Wirtschaftsministerin: „War nie in der Gaslobby tätig“ – Wirtschaftsministerin Reiche wird eine zu große Nähe zur fossilen Energiewirtschaft vorgeworfen. Auf…
  9. Lobbycontrol kritisiert Wirtschaftsministerin: „Reiche fällt immer wieder als Sprachrohr für die Gaslobby auf“ – Wie der „Spiegel“ berichtet, soll das Wirtschaftsministerium den Energiekonzern EnBW um Argumente fü…
  10. Die Lobby-Ministerin? – Artikel über die Amtsführung von Katherina Reiche | Scheinwerfer – Das Magazin gegen Korruption von …
  11. Greenpeace zieht nach einem Jahr kritische Bilanz zur … – Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) verteidigt die Interessen der Öl- und Gasindustrie und benac…
  12. Energiewende „naiv“: Warum Ministerin Reiche eine Gefahr für Deutschland ist – Es ist ein starkes Stück: Während die Weltenergiepreise aufgrund des Krieges, den die USA und Israel…
  13. Das Treiben der Katherina Reiche: Klimapolitisches Fiasko – Die Wirtschaftsministerin setzt alles daran, dass Deutschland bis 2045 nicht klimaneutral wird. Gera…
  14. KATHERINA REICHE: WIE EINE GAS
  15. EXPOSED: Wie Katherina Reiche die Energiewende sabotiert – Kann eine Ministerin objektive Energiepolitik machen, wenn sie jahrelang für Gaskonzerne gearbeitet …
  16. Reiche-Strategie im Kreuzfeuer: „im Wesentlichen Robert Habeck“ – Bundeswirtschaftsministerin Reiche korrigiert die Wirtschaftsprognose nach unten. Die Opposition kri…
  17. Gestärkte Wirtschaftsministerin Reiche: Marktradikale mit … – Katherina Reiche hat noch nichts auf die Kette gekriegt, auch aus Wirtschaftssicht. Doch ihr ideolog…
  18. Deutscher Bundestag – Kontroverse Debatte zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland – Aller Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik zum Trotz sieht Bundeswirtschaftsministerin Katheri…
  19. Wachstum ist Reiches Strategie gegen die Wirtschaftskrise – Mit mehr Wirtschaftswachstum will die neue Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Re…
  20. Das sagen Top-Ökonomen zu Habecks Industriestrategie – Wirtschaftsminister Habeck stellt Wirtschaft und Industrie in den nächsten vier Jahren eine Entlastu…
  21. Industrie verliert Geduld mit „Sprechzettelministerin“ Reiche – und wünscht sich Habeck zurück – In der Industrie wächst die Unzufriedenheit mit der Koalition – und vor allem Ministerin Reiche verk…
  22. Regulierung bremst Wachstum: Reiche-Berater warnen vor Überregulierung der Industrie – Deutschlands Wirtschaftsberater mahnen vor exzessiver Industriepolitik: Weniger Regulierung, Bürokra…
  23. Reiche-Berater warnen vor zu viel Industriepolitik – Der wissenschaftliche Beirat bei der Bundeswirtschaftsministerin empfiehlt, bei der Förderungen von …
  24. Diese Aufgaben warten auf die neue Wirtschaftsministerin – Die Energiemanagerin übernimmt das Wirtschaftsressort. Die Herausforderungen sind groß: Stagnation b…
  25. ‚Man sollte nicht immer den einfachen Weg gehen‘ – Die Monopolkommission kritisiert die Bundesregierung und empfiehlt mehr Wettbewerb. Vor allem warnen…
  26. Bezeichnende Bilanz: Unter Habeck stiegen staatliche Subventionen um 170 Prozent – Unter Wirtschaftsminister Habeck wurden viele Subventionen verteilt. Doch am Ende seiner Amtszeit fä…

Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar