Analyse, Berliner Volksbühne, Volksbad, Rasissmus, Skandalisierung, Mittelverwendung, Kulturprojekt, Kulturbudget, Zivilisation, Demokratie in Gefahr, Freibad, Sicherheit, Vereine und Öffentlichkeit, Anmietung, Infrastruktur, Exklusion, Inklusion, Ausschlüsse, rechte Hetze, Rechtsjournalismus, Springerpresse, Cicero, Apartheid, Afrikaner, Interessen Schwarzer - afrikanischer und afrodiasporischer Menschen, Empowerment, Each One Teach One, EOTO, Bäderbetrieb, asoziale Medien, Boulevardpresse, Schmierenjournalismus
Ein knappes Kilometer vom Rosa-Luxemburg-Platz entfernt lässt sich in diesem Sommer beobachten, wie schnell aus einer wohlgemeinten kulturpolitischen Idee ein bundesweiter Kulturkampf werden kann. Wo Berlinerinnen und Berliner früher auf dem Vorplatz und der Wiese vor der Volksbühne bei besseren Gelegenheiten gefeiert haben, plätschert seit dem 7. August 2026 ein 25 Meter langes Schwimmbecken – das „Volksbad“. Was als kostenloses Sommerangebot für eine Stadt mit notorisch überteuerten und knappen Freibadkapazitäten begann, ist binnen einer Woche zum Kristallisationspunkt einer Debatte über Rassismus, positive Maßnahmen und mediale Skandalisierung geworden.[^1]
Die Grundidee: Ein Theater wird zum Freibad
Zum Auftakt seiner Intendanz hat Matthias Lilienthal die Volksbühne für acht Wochen in ein öffentliches Freibad verwandelt, komplett mit Pommesbude und 25-Meter-Bahn direkt vor dem monumentalen, sozialistisch-klassizistischen Theatergebäude. Der Eintritt ist kostenlos, eine Ausweispflicht gibt es nicht, gebucht wird lediglich ein Zeitfensterticket. Von den insgesamt rund 300.000 Euro Projektkosten entfallen etwa 90.000 Euro auf das Becken selbst, der Rest auf Personal, Projektplanung und Sicherheit.[1][2][3][4]
Lilienthal selbst versteht das Projekt explizit politisch: als Protest gegen die verfallende Infrastruktur Berlins, gegen marode Schwimmbäder, Schulen und Bahnen, während anderswo, etwa in Autobahnbrücken, hunderte Millionen investiert würden. Im Gespräch mit Radio3 bezeichnete er das Volksbad als „unprovokativstes Projekt“, das er je gemacht habe, und als „liebevolle Umarmung“ an seine Heimatstadt. Die Idee, aus einem Theater ein Bad zu machen, sei zudem inspiriert von den Wasserarbeiten der Choreografin Florentina Holzinger.[5][6][2][3][^4]
Kritik an dieser Verwendung von Kulturmitteln gab es von Beginn an, unabhängig von der späteren Rassismus-Debatte. Die SPD-Abgeordnete Dunja Wolff etwa hätte sich das Geld lieber für kleine Spielstätten und Jugendtheater gewünscht. Auch das Magazin Focus rechnete vor, dass sich bei geplanten 24.000 Badegästen über acht Wochen umgerechnet fast 12,50 Euro Subvention pro Besuch ergäben, finanziert aus einem Theateretat von rund 28 Millionen Euro, von dem etwa 25 Millionen Zuschüsse sind. Die Zeit beschrieb das Projekt süffisant als „astreinen Mediencoup“ zwischen Kunstaktion und Sommer-Utility, flankiert von Selfie-Kulisse und dem „üblichen Hauptstadtgewitter aus Feuilleton, Kulturpolitik und Empörungsmanagement“.[7][8][^9]
Vom Vereinsschwimmen zur nationalen Kontroverse
Neben dem regulären Badebetrieb reservierte die Volksbühne, wie es in praktisch jedem deutschen Schwimmbad üblich ist, einzelne Zeitfenster für Vereine – etwa für die Gangway-Crew, die Straßensozialarbeit betreibt, oder für Flussbad Berlin, das sich für die Aufhebung des Badeverbots in der Spree einsetzt. Für Freitag, den 14. August, war ein solches Zeitfenster von 12 bis 18 Uhr für den Verein Each One Teach One (Eoto) vorgesehen, eine Berliner Community-, Bildungs- und Empowerment-Organisation, die sich für die Interessen Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen einsetzt.[10][11]
Entscheidend für die Eskalation war die ursprüngliche Formulierung auf der Volksbühnen-Website. Dort hieß es zunächst, das Bad sei in diesem Zeitraum „exklusiv für schwarze Communitys geöffnet“, verbunden mit der Bitte, „diese kollektive Selbstbezeichnung und die damit verbundenen Räume zu respektieren“. Diese pauschale, an Hautfarbe geknüpfte Formulierung war juristisch heikel. Im Laufe des Dienstags wurde sie stillschweigend geändert: Aus der Ankündigung eines für „schwarze Communitys“ reservierten Bades wurde ein für den Verein „Each One Teach One (EOTO) e.V.“ reserviertes Zeitfenster. Sprachlich ein kleiner Unterschied, rechtlich ein erheblicher: Eine Vereinsreservierung ist eindeutig zulässig, ein pauschaler Ausschluss nach Hautfarbe wäre es nicht gewesen.[12][13][^14]
Diese Änderung kam jedoch erst, nachdem die ursprüngliche Formulierung bereits kursierte, unter anderem dokumentiert von der „Welt“. Genau diese zeitliche Abfolge – zuerst eine pauschale, rassenbezogene Ankündigung, dann eine nachträgliche juristische Präzisierung – bot Kritikern eine Steilvorlage, die die Volksbühne sich selbst geschaffen hatte.[^12]
Die juristische Einordnung: Was das Antidiskriminierungsrecht erlaubt
Die rechtliche Lage ist nüchterner, als es der öffentliche Aufruhr vermuten lässt. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und das Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) verbieten zwar grundsätzlich den Ausschluss von Menschen aufgrund von Herkunft oder Hautfarbe. Beide Gesetze erlauben jedoch ausdrücklich sogenannte „positive Maßnahmen“ – zeitlich begrenzte, gezielte Angebote für Gruppen, die strukturelle Nachteile erfahren, etwa in Form von Rassismus. Paragraf 5 des AGG formuliert das direkt: Eine unterschiedliche Behandlung ist zulässig, „wenn durch geeignete und angemessene Maßnahmen bestehende Nachteile wegen eines in § 1 genannten Grundes verhindert oder ausgeglichen werden sollen“. Die bekannteste positive Maßnahme dieser Art ist die Frauenquote.[12][15][^16]
Intendant Lilienthal verteidigte das Konzept genau mit diesem Argument. Der Charakter der Veranstaltung entspreche „den verbindlichen Regeln des Antidiskriminierungsgesetzes des Landes Berlin“ und werde „von der Ombudsstelle für Antidiskriminierung des Berliner Senats begrüßt“. Es gehe nicht um Diskriminierung, sondern um „positive Maßnahmen für strukturell benachteiligte Menschen“ und um eine Verantwortung, die öffentliche Institutionen tragen. Berlins SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach brachte die politische Kernfrage auf den Punkt: Man könne über die konkrete Entscheidung streiten, aber nicht „auf dem Rücken von People of Color“.[17][15][^12]
Die Perspektive der Betroffenen: Ein Nachmittag ohne Angst
Die in einem der beiden Ausgangsartikel zitierte Politologin und Autorin Emilia Zenzile Roig ordnet die Debatte aus der Perspektive der Betroffenen ein. Für Schwarze Menschen sei Rassismus allgegenwärtig – in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, im Justizsystem, auf der Straße, durch die Polizei. Öffentliche Schwimmbäder seien dabei keine Ausnahme: Schwarze Badegäste würden dort beschimpft, sie würden angeblich „das Wasser dreckig machen“, auch in Berlin. Vor diesem Hintergrund sei die Idee von Eoto, Schwarzen Kindern und Jugendlichen einen Nachmittag „ohne Angst vor Demütigung und rassistischer Gewalt“ zu ermöglichen, nachvollziehbar und keineswegs mit einer „abgeschotteten Gesellschaft“ gleichzusetzen.[^18]
Roigs zentrale These ist, dass die öffentliche Wahrnehmung bewusst verzerrt wurde: „So war das ein Segen für die Rechten“, weil bei vielen Menschen vor allem ankam, sie dürften wegen ihrer Hautfarbe nicht ins Schwimmbad – während das eigentliche Anliegen, ein geschützter Raum ohne Diskriminierungserfahrung, in den Hintergrund trat. Sie spricht von einer „Umdeutung der Realität“, die sich nicht leicht rückgängig machen lasse. Eoto selbst begründete die spätere Absage damit, man könne „die physische und psychische Sicherheit der Kinder und Jugendlichen“ am Freitag im Volksbad nicht gewährleisten – auch nicht durch Sicherheitskräfte und Polizei.[10][18]
Die Eskalation: Drohungen, Absage und der politische Streit
Nach der öffentlichen Debatte erhielt Eoto nach eigenen Angaben „rassistische Droh-E-Mails sowie Gewaltandrohungen und diskriminierende Kommentare auf Social Media“. Am Donnerstag, dem 13. August, sagten Volksbühne und Eoto die Veranstaltung schließlich ab. Als Begründung nannte die Volksbühne, das Vorhaben sei „zum Ziel rechter und rassistischer Hetze geworden“; eine sichere An- und Abreise der angemeldeten Besucher könne ebenso wenig garantiert werden wie ein „entspannter Feriennachmittag“. In ihrer offiziellen Stellungnahme räumte die Volksbühne ein, unterschätzt zu haben, dass ein für öffentliche Schwimmbäder eigentlich selbstverständliches Angebot – spezifische Zeitfenster für Vereine, wie es sie auch für Seniorinnen, Nichtschwimmer oder Jugendliche gibt – im Fall von Eoto „zu einer bundesweiten Welle von Anti-Schwarzem Rassismus und Hetze“ führen würde.[10][19]
Die politischen Reaktionen fielen erwartbar konträr aus. AfD-Chefin Alice Weidel sprach von „Apartheid“ und stellte damit einen expliziten Bezug zum südafrikanischen Rassentrennungssystem her. Die Berliner CDU-Bezirksverordnete Aileen Weibeler beklagte in einem vielfach kommentierten Instagram-Video, sie dürfe wegen ihrer Hautfarbe nicht ins Freibad, was für sie ein „diskriminierendes Gefühl“ sei. Werner Graf, Spitzenkandidat der Berliner Grünen zur anstehenden Abgeordnetenhauswahl, bezeichnete die Absage dagegen als „Skandal“ und als „das Gegenteil dessen, wofür Berlin als Stadt der Freiheit steht“. Er warf der Berliner CDU vor, an einem „rechten Kulturkampf auf dem Rücken Schwarzer Berlinerinnen und Berliner“ mitzuwirken, die im Alltag ohnehin starken Anfeindungen ausgesetzt seien.[20][17]
Das konservative Magazin Cicero positionierte sich am schärfsten gegen das Projekt und bezeichnete die geplante Regelung explizit als „Rassentrennung wie im Apartheid-Südafrika“, eine „Selektion am Badebecken“. Diese Formulierung markiert den äußersten Pol der Kritik und zeigt, wie stark sich die Debatte in wenigen Tagen radikalisiert hatte, weit über das ursprüngliche Anliegen von Eoto hinaus.[^21]
Die mediale Dynamik: Wer hat die Debatte angeheizt?
Die taz rekonstruierte früh, wie die Boulevardpresse und rechte Medien das Thema aufgriffen und zuspitzten, und sprach von einer gezielten Kampagne der „Springerpresse“ gegen die Reservierung. Auch Werner Graf machte in seiner Kritik „spalterische Meinungsportale und rechtskonservative Medien“ für die Zuspitzung verantwortlich. Die taz betonte zugleich, dass es bei der Aktion von Eoto nicht darum gegangen sei, weiße Menschen auszuschließen – ein Punkt, der in der hitzigen öffentlichen Debatte weitgehend verlorenging.[13][17]
Andere Stimmen, etwa in den sozialen Medien, konterten die Beschwerden von Kritikerinnen wie Weibeler mit dem Hinweis auf Privilegien: „Da wollen POCs einmal einen Safe Space haben, und schwupps, regen sich Weiße auf, dass sie nicht mitmachen dürfen“, kommentierte ein Nutzer unter Weibelers Video. Die Frankfurter Rundschau lieferte eine differenzierte juristische Einordnung und betonte, die eigentliche Grundfrage sei nicht, ob es überhaupt Diskriminierung gebe, sondern ab wann eine Vereinsreservierung in eine problematische Zone kippe – eine Frage, die durch die unglückliche erste Formulierung der Volksbühne unnötig verschärft wurde.[12][17]
Kontext: Ein Projekt zwischen Kunstaktion und Wahlkampfkulisse
Die Rassismus-Debatte lässt sich nicht losgelöst vom größeren Streit über das Volksbad als Ganzes betrachten. Schon vor der Eoto-Kontroverse war umstritten, ob 300.000 Euro Theatergeld sinnvoll in ein temporäres Freibad investiert sind, während die freie Theaterszene und kleine Spielstätten unter Sparzwang stehen. Die Zeit beschrieb treffend das Grunddilemma aller partizipativen Kulturformate: ein Freibad „für alle“ zu proklamieren, aber zunächst vor allem das eigene, urbane Milieu anzuziehen. Genau an dieser Reibungsfläche – zwischen universalistischem Anspruch und der Notwendigkeit gezielter Angebote für benachteiligte Gruppen – entzündete sich letztlich auch die Eoto-Debatte.[7][8][^9]
Bemerkenswert ist zudem der Zeitpunkt: Die Kontroverse fällt in eine Phase, in der Berlin auf eine Abgeordnetenhauswahl zusteuert, was den politischen Reaktionen von SPD, Grünen, CDU und AfD zusätzliches strategisches Gewicht gibt. Ob das Volksbad nun primär als Kunstintervention, als sozialpolitisches Statement oder als unfreiwillige Wahlkampfkulisse zu lesen ist, wie es der Tagesspiegel in einem Interview mit Lilienthal andeutete, bleibt eine offene Frage, die die Debatte über den konkreten Vorfall hinaus prägt.[12][17][^22]
Nach der Absage kündigten sowohl die Volksbühne als auch Eoto an, die Zusammenarbeit fortzusetzen. Lilienthal erklärte, man werde „mit Eoto weiterarbeiten“ und sich „auch für diese Kinder und Jugendlichen eine Aktion überlegen“ – allerdings nicht mehr am ursprünglich geplanten Freitag. Er selbst wollte am Freitagmittag am Rand des Beckens für Gespräche zur Verfügung stehen. Als Zeichen der Solidarität mit dem ebenfalls von der Reservierungsdebatte betroffenen Verein Flussbad Berlin blieb das Volksbad an diesem Freitag zwischen 12 und 18 Uhr für die gesamte Öffentlichkeit geschlossen. Der reguläre Badebetrieb war zudem bereits seit Dienstag wegen defekter Duschen unterbrochen, was die Gesamtsituation zusätzlich verkomplizierte.[10][23][^1]
Der Fall zeigt exemplarisch, wie eine an sich im deutschen Bäderbetrieb übliche Praxis – zeitlich begrenzte Vereinsreservierungen als Ausdruck rechtlich zulässiger positiver Maßnahmen – durch eine unglückliche erste Formulierung, mediale Zuspitzung und gezielte politische Instrumentalisierung zu einem bundesweiten Symbol einer angeblichen „Diskriminierung von Weißen“ umgedeutet werden konnte. Die von Roig beschriebene Sorge, dass sich dieses Narrativ verselbstständigt hat, lässt sich anhand der Wortwahl von Weidel, Weibeler und Cicero unmittelbar nachvollziehen – während das ursprüngliche, vergleichsweise bescheidene Anliegen von Eoto, Schwarzen Kindern sechs beschwerdefreie Badestunden zu ermöglichen, in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend untergegangen ist.[18][20][21][17]
Vielleicht ist es etwas beschämend, aber nicht abwegig, wenn man sich, wie wir, keiner Gruppe zentral verpflichtet fühlt, auch nicht der eigenen, wohl aber der Demokratie, die für uns alle sein soll, was für uns bedeutet, eine gesamtverantwortliche Haltung einzunehmen: Wir haben als erstes nachgeschaut, ob das Volksbad-Skandalon Einfluss auf die Umfragewerte der Parteien hat. Es gab in den letzten Tagen keine größeren Verschiebungen. Die Linke verliert etwas von ihrem Vorsprung, das hat sich aber schon vor dieser Diskussion abgezeichnet, die anderen profitieren aber nicht so davon, dass sie vorbeiziehen können. Die auffälligste Bewegung ist, dass der Rückstand der SPD auf die anderen (Linke, AfD, CDU, Grüne, in der aktuellen Reihenfolge der Umfragewerte, sie alle liegen mit weniger als zwei Prozent Unterschied dicht beisammen) etwas geringer geworden ist. Das heißt, man kann nicht viel aus diesem Vorgang herauslesen, was für die AGH-Wahl am 20. September von Bedeutung sein könnte. Das ist aber der Stand vom Freitag, 14.08.2026, 16:00 Uhr, es kann noch zu Nachwirkungen kommen.
Wie immer man zum „Volksbad“ selbst, zur Wortwahl des Intendanten der Volksbühne, zu der Vereinstätigkeit im „Volksbad“ steht, der eigentliche Skandal ist die Skandalisierung. Man kann über alle diese Punkte und die konkrete Ausgestaltung von Aktionen diskutieren, aber wie jetzt die Rechtspresse wieder so richtig mit Dreck um sich schmeißt, um die Wahlen in Berlin und natürlich vor allem in den Ost-Bundesländern zu beeinflussen, das ist einmal mehr ein Beweis dafür, dass in Deutschland journalistische Verantwortung keinen hohen Wert besitzt. Nicht neu, die Springerpresse wird seit den 1960ern nicht zu Unrecht gehasst von allen Menschen, die progressiv denken und eine solidarische, keine gespaltene Gesellschaft möchten.
Hinzu kommen neurechte Medien, die von anderen Medien sehr wohlwollend als rechtskonservativ bezeichnet werden, wie das erwähnte Magazin „Cicero“, das hier einen Begriff, der explizit den Ausschluss einer schwarzen Mehrheit durch eine weiße Minderheit in einem bestimmten Land beschreibt, für einen vollkommen unpassenden Tatbestand komplett umdeuten will.
Und die asozialen Medien, wo jeder selbst seine Fake News und Bösartigkeiten verbreiten kann, sorgen mittlerweile dafür, dass sich alle diese Spins in Windeseile fortpflanzen und verästeln auf eine Weise, die der Stammtisch als Wirkungsraum und immer noch fruchtbarer Schoß des Rechtsextremismus nie hatte, weil er sich nicht medial ausbreitete, sondern vielfach unterschwellig blieb für jene, die nicht an solchen Zirkeln teilnahmen. Die Aufmerksamkeitsökonomie, die Hetze, Spaltung und Skandal privilegiert gegenüber positiven Meldungen, wirkt immer stärker auf den Alltag ein, und erst jetzt offenbart sich vollständig, was die klassistischen Macher dieser „Medien“ schon immer vorhatten.
Vielleicht hätte man kommunikativ manches besser machen können. Aber schon, wie über 300.000 Euro, überwiegend aus Steuermitteln finanziert, bei einem Jahresbudget von 25 Millionen Euro diskutiert wird, sagt viel darüber, wie verkracht diese Stadt und dieses Land sind.
Und dann kommt ein Gedanke auf, den wir leider auch mittigen Medien mitgeben müssen: Wenn jeder, der ein gutgemeintes antirassistisches Projekt dadurch vor gemeinster Diffamierung schützen muss, indem er sich maximal vorsichtig bei dessen Benennung ausdrückt – wie steht das in Relation dazu, dass die Rechten mitterlweile komplett freidrehen und aus diesem üblen „das wird man doch mal sagen dürfen“ mittlerweile „wir dürfen alles sagen und genau so hetzerisch, wie wir es für richtig halten, und die Andersdenken müssen sich maximal vorsichtig ausdrücken“ oder am besten gleich die Klappe halten wird?
Wir sehen dahinter neben der rassistischen Hetze gegen People of Color eine weitere Problematik, die uns im Job auch selbst betrifft: Kultur, Soziales, alles, was die Gesellschaft vielfältiger, inklusiver, abwechslungsreicher und schöner macht, kann weg. Was bleibt, sind dumpfe soziale Orte, die ohne Ende Ausschlüsse produzieren, wo hinter verschlossenen Türen rechte Umsturzfantasien wabern, Orte, an denen Menschen verkehren, die sich nie in ein Theater wie die Volksbühne verirren würden und generell kulturfeindlich eingestellt sind. Denn Kultur ist meist und gerade in Berlin weltoffen, will modern sein, ist nicht für jeden zugänglich, der über Kultur urteilt, ohne etwas davon zu verstehen. Man muss nicht alles verstehen, das tun auch wir nicht. Aber wir sind vorsichtig damit, das, was sich uns nicht leicht erschließt, sofort abzulehnen. Intuitiv passiert das schnell, aber es ist auch eine Kulturtechnik, dabei nicht stehenzubleiben, sondern sich die Mühe der Annäherung zu machen.
Im Prinzip nicht anders ist es mit der Akzeptanz gegenüber Menschen aus fast 200 Nationen in Berlin. Wir haben nicht den Zugang zu jeder Community. Wir haben mehr Nicht-Zugänge als Zugänge. Aber wir würden nicht auf die Idee kommen, alle grundsätzlich abzulehnen, zu deren Welt wir keinen Zugang haben. In vielen Fällen könnten wir diesen Zugang außerdem haben, wenn wir die Kapazität und die Energie dafür hätten. Etwas genauer schauen wir allerdings dort hin, wo Communities sich selbst rigide abschotten, weil wir es im Sinne der Demokratie als kritisch ansehen. Das ist aber hier nicht das Thema. Hier geht es um ein paar Stunden Freiheit in einer ansonsten oftmals feindlichen Umwelt.
Wir wollen es aber nicht vollständig bei den obigen Überlegungen belassen, sondern ausdrücken, dass es uns leidtut, dass heute das Volksbad nicht für ein paar Stunden dem Verein Eoto zur Verfügung gestellt werden konnte. Dass die Sicherheit nicht gewährleistet war, wie allgemein angegeben wird, besorgt uns sehr, weil hier nicht diskutiert, sondern eine Bedrohungslage geschaffen wird, in der sich wieder einmal in Deutschland Menschen nicht frei bewegen können. Und damit meinen wir nicht uns Weiße, die für ein paar Stunden tatsächlich mal draußen bleiben dürfen, wenn sie anständig sind.
Wenn wir sagen, wir fühlen uns keine Community im Besonderen verpflichtet, heißt das auch vor allem, wir produzieren keine Ausschlüsse zugunsten einer Community gegen andere. Wir waren aber lange in einem Schwimmverein. Und während unserer Trainingsstunden war das betreffende Bad ganz oder zum Teil für die Allgemeinheit nicht zugänglich. Allein darüber könnte man anhand des Volksbad-Falles eine Abhandlung schreiben, aber das tun wir natürlich nicht.
Wir sehen hingegen, dass hier von rechts wieder gegen die Demokratie gearbeitet wird, die ausdrücklich Minderheiten schützen woll, um wirklich so genannt werden zu können. Über uns schwebt hingegen abermals das Damoklesschwert einer menschenfeindlichen, entfesselten Mehrheit, die ihre niederen Instinkte wieder so freilässt wie schon einmal in der deutschen Geschichte. Wir sorgen uns auch um das Bild Deutschlands im Ausland, wo dieser Vorgang mit Sicherheit registriert wird. Wir können uns ausmalen, wer ihn sich auf welche Weise zunutze machen wird.
Diese Entwicklung hin zum zivilisatorischen Niedergang rollt mittlerweile schon so schnell, dass die Zivilgesellschaft enorme Kraft aufbringen muss, um sie aufzuhalten. Kann sie das? Nach unserer Beobachtung im Moment nicht. Wird der Wind sich rechtzeitig drehen, um den Abschied von der Demokratie, wie wir sie gelernt und aus unserer Jugend in die Gegenwart mitgenommen haben, noch zu verhindern? Es ist schon vieles schlechter geworden, von damals aus betrachtet, aber was wir vor sechs Jahren noch in einer kleinen Beitragsreihe mit „Diskursverschiebung nach rechts“ bezeichnet hatten, ist mittlerweile in faktische Politik übergegangen, die Zeit der Ampelregierung brachte nur eine zwischenzeitliche Verlangsamung dieser Tendenz.
Freilich ist das über die Volksbad-Situation hinaus gedacht und geschrieben, aber aus vielen Vorgängen dieser Art setzt sich das Bild der Zukunft zusammen, das nach den Wahlen im September im Osten erheblich mehr in Braun getönt sein wird.
Transparenz
Der Hauptartikel wurde an eine KI zur Erstellung vergeben, das Titelbild zeigt nicht das reale Volksbad, sondern ein größeres Becken, symbolisch ohne Menschen darin und mit einer nicht exakten, sondern vergrößerten Wiedergabe des Volksbühnen-Hauses, beides steht für die umfassendere Bedeutung der Kunst und von Vorgängen wie diesem, ebenfalls von einer KI erstellt, der Kommentar stammt, wie immer, von uns (TH).
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