Analyse, Umfrage, Geopolitik, Russland, Ukraine, Drohnenangriff, hybride Angriffe, Cyberangriffe, Propaganda, Sorgen oder nicht, Territorialkrieg, Verteidigung, Wladimir Putin, Putinisten, Propagandisten, NATO, Artikel 5 Natovertrag, EU, Beistandspflicht, Polen, baltische Staaten, Litauen, Estland, Lettland, verdeckter Angriff, offener Krieg, militärische Spezialoperation, Spionage, Sabotage, Auftragsmord, Aggressor
Es ist unzweifelhaft, dass Russland vor nunmehr viereinhalb Jahren die Ukraine angegriffen hat und dass der Krieg andauert. Wie sieht es jedoch mit Angriffen auf ein Nato-Land aus? Das wird schon so lange diskutiert, wie der Krieg gegen die Ukraine geführt wird.
Nicht zum ersten Mal wird daraus eine Umfrage generiert: Civey-Umfrage: Machen Sie sich Sorgen, dass Russland in den nächsten fünf Jahren einen oder mehrere NATO-Staaten angreifen könnte?
Dieses Mal wird die Umfrage vor allem an „der Drohne von Leipzig“ festgemacht, die offenbar auf ein ukrainisches Transportflugzeug gezielt war. Lesen Sie außer dem Begleittext von Civey gerne unsere Mehrwert-Recherche und unseren Kommentar, bevor Sie abstimmen.
Begleittext von Civey
Neuen Berichten von US-Geheimdiensten zufolge könnte Russland innerhalb der nächsten Jahre versuchen, die Bündnisentschlossenheit der NATO mit einem begrenzten Angriff auf ein Mitgliedsland zu testen. Laut dem Wall Street Journal und CNN reichen die geschätzten Szenarien für den Zeitraum von diesem Herbst bis 2029 von Cyberattacken bis hin zu einem militärischen Eindringen in kleinerem Rahmen. Zudem geben jüngste Ereignisse in Europa Anlass zur Sorge, wie etwa der Fund einer Sprengstoff-Drohne in Sachsen in der vergangenen Woche oder der Einschlag eines russischen Marschflugkörpers Ende Juli auf einem Feld in Polen rund 90 Kilometer von der Grenze entfernt. Ferner wurden zuletzt vermehrt russischen Drohnen im baltischen Luftraum registriert.
Nach dem Fund der Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle warnte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) vor einer neuen Gefahrenqualität und Bedrohungslage. Demnach habe man „es hier mit einem hybriden Anschlagsszenario zu tun.“ Vor solche vermutlich zunehmenden Bedrohungen werde man sich rüsten. US-Sicherheitskreise führen den Vorfall auf Russland zurück, da der verwendete Sprengstoff auf eine militärische Beschaffenheit hindeute. CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter bezeichnete den Vorfall ebenfalls als ein Austesten Russlands und forderte daher in der Augsburger Allgemeinen Artikel-4-Konsultationen mit den NATO-Partnern. Mit Blick auf das Eindringen des russischen Marschflugkörpers in den polnischen Luftraum warf auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Moskau Rücksichtslosigkeit und Eskalationsbereitschaft vor.
Die russische Botschaft weist jegliche Vorwürfe zu hybriden Angriffen energisch zurück und spricht von einer Provokation. Auf Telegram teilte die Vertretung mit, der Fall in Leipzig werde als hybrider Angriff präsentiert, um Stimmung gegen Moskau zu schüren und Kiew zu dienen. Über mögliche Angriffsrisiken durch Russland wird unter Sicherheitsexpertinnen und -experten allerdings schon länger diskutiert. Dahingehend sagte der Historiker Mattias Uhl der Deutschen Presse-Agentur im Mai, dass Warnungen vor einem baldigen Angriff auf NATO-Staaten überzogen seien. Die Befürchtungen beruhten laut Uhl auf einer Überschätzung der russischen Fähigkeiten und bärgen das Risiko einer fatalen Rüstungsspirale.
Key Learnings
1) Leipzig-Drohne: Forensisch gesichert ist militärischer Sprengstoff (PETN/Semtex), die russische Urheberschaft ist bislang nur durch US-Geheimdienstberichte (WSJ, CNN) und Expertenvermutungen gestützt, nicht offiziell bewiesen.[generalbundesanwalt]
2) Politiker-Sprache: Dobrindt vermeidet bewusst eine Länderzuweisung („fremde Mächte“), während CDU- und Grünen-Politiker sowie der ukrainische Botschafter offen von Russland sprechen.[tagesschau]
3) Ähnliche Vorfälle: Eine ganze Kette dokumentierter Fälle seit 2022 – Paketbomben, Ostseekabel-Sabotage, Angriff auf polnisches Stromnetz, geplanter Anschlag Grafenwöhr, Marschflugkörper in Polen.[tagesschau]
4) EU-Statistik: Keine einheitliche amtliche EU-Zählung, aber mehrere Thinktank-Schätzungen (ICCT: 151 Vorfälle seit 2022; DGAP: Verdreifachung 2023→2024) plus historisch dokumentierte GRU-Auftragsmorde (Skripal, Litwinenko u.a.).[deutschlandfunk]
5) NATO/EU-Szenarien: Von Cyberangriffen über „grüne Männchen“ bis begrenzten Einfällen ins Baltikum/Polen, mit Zeitfenster Herbst 2026–2029, aber ausdrücklich als Risikoszenario, kein bestätigter Plan.[spiegel]
6) Einschätzung: Wachsamkeit ist gerechtfertigt angesichts der belegten Zunahme hybrider Aktivitäten, aber die Quellen selbst warnen vor Alarmismus – ein unmittelbarer Großangriff gilt als unwahrscheinlich, während das Risiko begrenzter Testaktionen mit der Zeit steigt.
Der vollständige Report: Russland, hybride Angriffe und die NATO-Testfrage: Eine Einordnung zur Civey-Umfrage
1. Wie gesichert ist die russische Urheberschaft der Leipzig-Drohne?
Die Beweislage ist uneinheitlich und bewegt sich zwischen forensischer Gewissheit über das Tatmittel und politischer Zurückhaltung bei der Täterzuschreibung. Gesichert ist: Am Abend des 4. August 2026 wurde am Flughafen Leipzig/Halle in unmittelbarer Nähe ukrainischer Antonow-Transportflugzeuge eine Drohne mit einem Sprengsatz entdeckt, der die hochexplosiven Stoffe PETN und Semtex enthielt – Substanzen, die auch militärisch verwendet werden; nur ein defekter Zünder verhinderte offenbar eine Detonation. Die Bundesanwaltschaft übernahm das Verfahren wegen besonderer Bedeutung und geht von einem „schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur“ aus.[1][2][3][4]
Bei der Frage „wer steckt dahinter“ gibt es jedoch einen deutlichen Graben zwischen deutscher und US-amerikanischer Kommunikation. Bundesinnenminister Dobrindt sprach von einem „hybriden Anschlagsszenario“ und schloss „fremde Mächte“ nicht aus, vermied aber explizit eine Ländernennung. US-Medien gingen deutlich weiter: Das Wall Street Journal berichtete unter Berufung auf mit Geheimdienstinformationen vertraute US-Beamte, die Drohne gehöre „wahrscheinlich“ der russischen Regierung, und CNN zitierte einen US-Verteidigungsbeamten, wonach die USA zu dem Schluss gekommen seien, die Drohne stamme von einem russischen Geheimdienst. Sicherheitsexperten wie Matthias Uhl und Nico Lange sahen das Vorgehen als typisch für russische hybride Muster, verwiesen dabei aber selbst auf Wahrscheinlichkeiten statt auf Beweise („Auf den ersten Blick spricht manches dafür“). Recherchen von NDR, WDR und Tagesschau zeigen zudem Parallelen zur bekannten GRU-Methode, ukrainische „Wegwerf-Agenten“ für Sabotageaufträge einzusetzen, wie sie bereits bei der Anschlagsserie auf Luftfrachtpakete 2024 beobachtet wurde. Russland selbst weist jede Verantwortung „energisch“ zurück und bezeichnet die Vorwürfe als „fingierte Provokation“ im Interesse Kiews. Fazit: Es existiert ein starkes Indizienbündel (Tatmittel, Zielobjekt, Modus Operandi, US-Geheimdiensteinschätzung), aber keine öffentlich belastbare, forensisch abgeschlossene und amtlich verkündete Täterzuweisung an Russland. Die Ermittlungen des BKA laufen weiter.[5][6][2][7][8][9][10][11]
2. Wie benennen deutsche Politiker den mutmaßlichen Angriff?
Die Beobachtung aus der Fragestellung ist korrekt: Dobrindt hat keine direkte Länderzuweisung vorgenommen. Er sprach von einer „neuen Gefahrenqualität“ und einem „hybriden Anschlagsszenario“, das nicht im „Amateurbereich“ anzusiedeln sei, und ergänzte lediglich vage, „das können auch fremde Mächte sein“ – ohne Russland namentlich zu benennen. Diese Zurückhaltung wird in Analysen ausdrücklich als bewusste diplomatische Vorsicht gedeutet, während gleichzeitig „immer klarer“ werde, wen der Minister „indirekt meinte“. Andere Politiker gingen deutlich weiter in der Zuschreibung: CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter bezeichnete den Vorfall explizit als „Austesten Russlands“ und forderte Artikel-4-Konsultationen; Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge und Verteidigungsexperte Konstantin von Notz äußerten ebenfalls den Verdacht russischer Urheberschaft; der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev vermutete Russland direkt hinter dem Vorfall. Bundeskanzler Friedrich Merz warf Moskau im Kontext des polnischen Marschflugkörper-Zwischenfalls „Rücksichtslosigkeit und Eskalationsbereitschaft“ vor, was sich allerdings auf den Polen-Fall und nicht explizit auf Leipzig bezog. Es zeigt sich also ein klares Muster: Die Regierungsspitze (Dobrindt) hält offiziell Distanz zur Ländernennung, während Fach- und Oppositionspolitiker sowie ausländische Regierungsvertreter deutlich offener von russischer Verantwortung sprechen.[6][7][8][3][9][4][12][13][^5]
3. Ähnliche Vorfälle in Europa
Der Leipzig-Fall reiht sich in eine seit 2022 dokumentierte und sich beschleunigende Kampagne mutmaßlich russischer hybrider Aktivitäten ein. Eine Auswahl:
| Vorfall | Zeitraum | Art | Zuordnung |
| Brandsätze in DHL/Luftfracht-Paketen (Deutschland, Polen, UK) | Juli 2024 | Sabotage, Magnesium-Brandsätze aus Litauen verschickt | US/EU-Behörden verdächtigen russischen Militärgeheimdienst GU/GRU[14][15] |
| Beschädigung Ostsee-Unterseekabel (C-Lion1, BCS East-West u.a.) | Nov. 2024–Jan. 2025 | Sabotage kritischer Infrastruktur, Schattenflotten-Tanker als Tatwerkzeug | Verdacht auf russische/chinesische Beteiligung, keine gerichtsfeste Klärung[16][17] |
| Sabotage an Bundeswehr-Korvette „Emden“ | Januar 2025 | Metallspäne im Antriebssystem | Bundeswehr meldet Sabotageverdacht[^16] |
| Anschlagsplanung gegen US-Stützpunkt Grafenwöhr | Mai 2025 | Geplanter Sprengstoffanschlag, drei deutsch-russische Staatsbürger angeklagt | Gericht sieht Auftrag russischer Dienste[^16] |
| Vereitelte Paketbomben via Nova Poshta (Polen/Rumänien) | Oktober 2025 | Selbstentzündende Paketbomben, Ziel Bukarest | Polen/Rumänien schreiben Plan Russland zu[^14] |
| Cyberangriff auf Bahnsystem (Deutschland) | Februar 2026 | DDoS auf Ticketing/Fahrgastinfo | Verdacht auf pro-russische Hackergruppen[^18] |
| Angriff auf polnisches Stromnetz (Sandworm/GRU) | Dez. 2025 | Destruktive ICS/OT-Attacke | Klar dem GRU-nahen Akteur Sandworm zugeordnet[^18] |
| Marschflugkörper-Einschlag Tarnawa-Kolonia, Polen | 30. Juli 2026 | Luftraumverletzung, Ch-101-Rakete | Polen bestätigt „mit voller Verantwortung“ russische Herkunft[19][20] |
| Drohnenanschlag/-fund Leipzig/Halle | 4./5. August 2026 | Sprengstoff-Drohne | Ungeklärt, siehe Abschnitt 1[1][2] |
Zusätzlich häufen sich seit 2024/2025 Drohnensichtungen über Häfen, Kasernen und LNG-Terminals sowie GPS-Störungen aus dem Kaliningrader Raum. Diese Fälle unterscheiden sich stark in der Beweisqualität: Bei einigen (Grafenwöhr, Sandworm-Stromnetzangriff, polnischer Marschflugkörper) liegen gerichtliche Anklagen oder offizielle Regierungsbestätigungen vor; bei anderen (Ostseekabel, Leipzig) bleibt die Zuordnung im Bereich des „hochwahrscheinlich, aber nicht bewiesen“.[16][17]
4. Gibt es eine EU-weite statistische Erfassung?
Eine zentrale, amtliche EU-Statistik, die russische Urheberschaft rechtssicher quantifiziert, existiert nicht – die verfügbaren Zahlen stammen von Thinktanks und Nachrichtendiensten und unterscheiden sich in Methodik und Schwellenwert für „gesicherte Zuordnung“. Das niederländische International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) zählt mindestens 151 Russland zugeordnete feindselige Operationen in Europa seit Februar 2022, wobei nur Fälle mit abgeschlossenen Ermittlungen oder belastbaren Beweisen „konfident“ zugeordnet wurden. Der deutsche Verfassungsschutz beziehungsweise deutsche Sicherheitsbehörden registrierten laut diesem Bericht allein 2025 rund 320 verdächtige Sabotageversuche, wobei die eindeutige Täterzuordnung oft schwierig bleibt. Die Denkfabrik EclecticIQ kommt auf über 150 hybride Vorfälle mit Russlandbezug in EU und NATO und verzeichnet eine Vervierfachung physischer Sabotageoperationen seit 2024. Der deutsche Thinktank DGAP dokumentiert einen Anstieg von 3 Angriffen (2022) über 12 (2023) auf 34 (2024) in Europa – eine Verdreifachung von 2023 auf 2024. Der US-Kongressdienst CRS bestätigt ebenfalls eine Vervierfachung der Sabotageangriffe von 2023 auf 2024 und listet mindestens 151 Vorfälle bis März 2026. Zur angefragten Kategorie der Auftragsmorde: Diese werden separat erfasst, meist historisch-juristisch statt als laufende EU-Statistik. Der russische Militärgeheimdienst GRU wird unter anderem mit den Morden an Selimchan Jandarbijew (2004, Katar), Umar Israilow (2009, Wien), Sulim Jamadajew (2009, Dubai), dem Giftanschlag auf Sergei Skripal (2018, Salisbury) sowie dem Mord an Selimchan Changoschwili (2019, Berlin) in Verbindung gebracht. Eine konsolidierte, EU-amtliche Gesamtzählung, die Drohnen-, Cyber-, Sabotage- und Mordfälle unter einem einheitlichen Beweisstandard zusammenführt, gibt es nach verfügbarer Recherche nicht; die zitierten Zahlen von ICCT, EclecticIQ, DGAP und CRS sind die belastbarsten verfügbaren Annäherungen und stimmen in der Tendenz – deutliche, mehrfache Zunahme seit 2022 bis 2024/2025 – überein, differieren aber in absoluten Zahlen je nach Zählmethode.[14][18][15][21][^16]
5. Welche Angriffsszenarien werden in NATO und EU diskutiert?
Die aktuelle US-Geheimdiensteinschätzung, über die Wall Street Journal und CNN berichteten, entwirft ein Spektrum möglicher russischer Aktionen zwischen Herbst 2026 und 2029, mit dem Ziel, die Bündnisentschlossenheit zu testen und die NATO zu spalten, nicht primär Territorium zu gewinnen. Die Szenarien reichen abgestuft von: Cyberangriffen auf kritische Infrastruktur, über den Einsatz nicht gekennzeichneter Truppen („grüne Männchen“) zur Besetzung kleiner Gebiete, bis zu einem „begrenzten Eindringen“ in NATO-Ostflankenstaaten. Als wahrscheinlichste Zielgebiete gelten laut CNN die baltischen Staaten und Polen. Eine großangelegte konventionelle Offensive gilt hingegen als „äußerst unwahrscheinlich“. Eine detaillierte Szenario-Studie des Belfer Center unterscheidet zwei Eventualfälle: erstens eine Eskalation der laufenden „Grauzonen“-Kampagne bis zu einem begrenzten, verdeckten Einfall zur Besetzung kleinen Territoriums (als wahrscheinlicher eingestuft), und zweitens eine große Militäroffensive zur Isolierung des Baltikums durch Besetzung der Suwałki-Lücke (als deutlich unwahrscheinlicher, aber gefährlicher eingestuft). Zentral in der Debatte ist die „Artikel-5-Schwelle“: Da hybride Aktionen absichtlich unterhalb dieser Beistandsschwelle (der Nato-Staaten untereinander) gehalten werden könnten, entsteht eine strategische Grauzone, in der Verantwortlichkeit, Schwere und angemessene Reaktion umstritten bleiben, bevor sich die Allianz auf gemeinsames Handeln einigen kann. Die NATO selbst hat als Reaktion auf die Häufung von Vorfällen bereits die Operation „Eastern Sentry“ mit zusätzlicher Luftraumüberwachung und Flugabwehr gestartet, und ein NATO-Sprecher betonte im August 2026, das Bündnis sei „bereit, abzuschrecken und zu verteidigen“ und plane für „zahlreiche Szenarien“. Auf EU-Ebene wurde parallel ein spezifisches Sanktionsregime gegen hybride Bedrohungen geschaffen (Oktober 2024, erweitert Mai 2025), das inzwischen 59 Personen und 17 Entitäten erfasst, sowie im März 2026 verstärkte Reaktionsteams beschlossen.[17][22][23][24][12][25][26][27][28][29][30][31]
6. Muss man sich Sorgen machen? Einordnung und Bewertung
Die zusammengetragene Faktenlage rechtfertigt erhöhte Wachsamkeit, aber keine Panik vor einem unmittelbar bevorstehenden, groß angelegten russischen Militärangriff auf die NATO. Für Besorgnis sprechen: die dokumentierte, mehrfache Zunahme mutmaßlich russischer Sabotage- und Cyberoperationen seit 2022, konkrete jüngste Vorfälle mit militärischem Sprengstoff auf deutschem Boden und einer bestätigten russischen Rakete auf polnischem NATO-Gebiet, sowie eine spürbar verschärfte US-Geheimdiensteinschätzung, die einen „begrenzten Test“ der NATO-Entschlossenheit inzwischen für „durchaus möglich“ innerhalb weniger Jahre hält. Auch seriöse Institute wie das Belfer Center stufen eine Eskalation der Grauzonen-Aktivität bis zu einem begrenzten Einfall in den nächsten drei Jahren als „wahrscheinlich“ ein.[2][19][20][18][15][22][24][25][28][30][31][1][14][16]
Gleichzeitig verdienen relativierende Stimmen Gewicht. Der Historiker Matthias Uhl warnte bereits im Mai 2026 davor, Warnungen vor einem baldigen Angriff zu überschätzen; die Furcht beruhe teils auf einer Überschätzung russischer Fähigkeiten und berge das Risiko einer „fatalen Rüstungsspirale“. Selbst die aktuellen US-Geheimdienstberichte, auf denen die gesamte Debatte fußt, benennen ausdrücklich „Möglichkeiten und Risikoszenarien“, keinen „nachgewiesenen russischen Operationsplan“, und stufen die kurzfristige Wahrscheinlichkeit einer militärischen Aktion weiterhin als niedrig ein. Auch das größte diskutierte Extremszenario – ein Einfall in NATO-Ostflankengebiet – wird selbst in den alarmierendsten Berichten explizit als „gering“, aber „mit der Zeit steigend“ charakterisiert. Zudem zeigt der Leipzig-Fall exemplarisch die Grenzen der Beweislage: Trotz starker Indizien vermeidet die Bundesregierung selbst eine offizielle Länderzuweisung, und Russland bestreitet jede Verantwortung als „fingierte Provokation“ – ein Kommunikationsmuster, das nach jedem Vorfall reproduzierbar ist und die öffentliche Debatte anfällig für Vorverurteilung macht.[9][10][11][22][25][27][^30]
In der Gesamtschau lässt sich festhalten: Eine reale, sich intensivierende und mehrfach belegte hybride Bedrohung unterhalb der Kriegsschwelle ist Fakt und rechtfertigt politische wie gesellschaftliche Wachsamkeit sowie eine robuste, aber besonnene Abschreckungspolitik, wie sie mit „Eastern Sentry“ und den neuen EU-Sanktionsmechanismen bereits eingeleitet wurde. Für einen unmittelbar bevorstehenden, geplanten konventionellen Angriff auf ein NATO-Land existiert hingegen keine belastbare Evidenz – die Geheimdienstberichte selbst sprechen von einem Zeitfenster von mehreren Jahren (Herbst 2026 bis 2029) und von Wahrscheinlichkeiten, nicht von Gewissheiten. Anlassbezogene Alarmismus-Rhetorik, insbesondere wenn sie einzelne, noch nicht vollständig aufgeklärte Vorfälle wie Leipzig vorschnell und ohne offizielle Bestätigung Russland zuschreibt, birgt das von Uhl beschriebene Eskalationsrisiko und sollte von der differenzierteren, evidenzbasierten Einordnung unterschieden werden, die etwa Behörden wie die Bundesanwaltschaft oder das BKA in ihren laufenden Ermittlungen praktizieren.[29][17]
Kommentar
Haben Sie das tatsächlich nicht mehr in Erinnerung? Wie noch wenige Tage vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine in deutschen Talkshows Putinfreunde mit viel Arroganz dasaßen und diesen Angriff als absurd von sich wiesen? Nach dem 24.02.2022 wurde der Angriff dann, weil nicht mehr zu leugnen, von denselben Vertretern des Kreml in Deutschland zum Vorwärts-Verteidigungsfall umgedeutet. Und so geht das bis heute in einem fort, auch mit den Drohnen und anderen Interventionen. Wir kennen aus den sozialen Medien diese bewusste Lächerlichmachung jedweden Verdachts, dass Russland etwas damit zu tun haben könnte. Und genug Menschen sind immer noch und immer wieder naiv genug, den Erstellern solcher Postings auf den Leim zu gehen. Die Narrative und Prägungen, die dabei eine Rolle spielen, sowohl bei den Content-Erstellern wie bei den willigen Rezipienten, wollen wir heute nicht untersuchen, dazu wäre ein psychologisch fundierter Artikel notwendig.
Wir konzentrieren uns auf die Bedrohungslage. Gegenwärtig stehen die eindeutigen Antworten bei 35 zu 27. Eine relative Mehrheit glaubt also trotz der Propaganda der prorussischen oder pro-Putin-Aktivisten daran, dass ein Angriff passieren könnte. Das tun wir auch, aber wir haben trotzdem mit Unentschieden gestimmt. Denn es geht bei der Frage nicht darum, ob wir glauben, dass Russland irgendwelche Aktionen gegen die EU oder die Nato unternimmt, das halten wir für sicher, und es resultiert zumindest kausal auch aus der Sanktionspolitik – ohne moralische Zuordnung. Und aus der Ukraine-Hilfe natürlich, die wiederum die Sanktionen ausgelöst hat. Weshalb also sollte es diese Aktionen, die nicht viel kosten, aber immer wieder für Unsicherheit sorgen, nicht geben? Wenn wieder mal jemand in Bausch und Bogen die Verantwortung Russlands dafür ablehnt, fragen Sie sich einfach: Wer sollte es sonst sein? Eine false Flag-Aktion in Leipzig, mit der die Ukraine ihre eigenen Flugzeuge in die Luft jagen will? Das ist Unsinn, und tief im Herzen wissen das auch alle, auch die Propagandisten Putins. Die Gefahr war real, so viel steht fest, unabhängig von der Urheberschaft.
Und so ist es mit den übrigen Vorfällen, die sich nach allen Zählungen, die wir haben recherchieren lassen, auf etwa 150 seit 2024 belaufen. Aber warum haben wir nun nicht mit „ganz klar, wird passieren“ gestimmt?
Weil es darum ging, ob wir uns Sorgen machen. Ehrlich geschrieben: Wir wissen es nicht. Die bisherigen Vorfälle reichen nicht aus, damit wir uns im Alltag Sorgen machen müssen vor einem russischen Angriff. Da gibt es in Berlin gefährlichere Dinge, den wir uns freiwilllig jeden Tag aussetzen. Und bei denen sich die Gefahr manchmal auch materialisiert, wie die schlichte Teilnahme an einem Umzug. Wie wir kürzlich wieder gesehen haben.
Nach wir vor glauben wir aber nicht, dass Russland einen offenen Krieg gegen ein Nato-Land führen wird, solange die Ukraine nicht besiegt ist, auch nicht in der Form, dies einfach „militärische Spezialaktion“ zu nennen, um sich die Kriegserklärung zu sparen. Und ob es die „grünen Männchen“ geben wird, können wir nicht sagen. Die Oststaaten der Nato werden immer mehr verteidigungsbereit, dass diese Männchen nicht zurückkehren, wird zunehmend wahrscheinlich, vor allem nicht aus Polen, wo man auch mental schon lange auf eine Konfrontation mit Russland vorbereitet ist. Ein größerer Angriff hingegen auf dieses Land würde nach dem ewigen Ukrainekrieg das nächste Desaster für russische Truppen werden. Nicht ganz so „safe“ sind für uns die baltischen Staaten, weil sie einfach zu klein sind, um sich alleine helfen zu können. Hier müsste die Nato oder die EU tatsächlich vollumfänglich mitziehen, und diesen Fall hat es bisher in der Tat noch nicht gegeben. Nicht bei einem Territorialkrieg. Nur einmal, nach 9/11 zugunsten der USA überhaupt. Aber mit einem offenen Test eine Blamage riskieren? Das ist nicht Putins Politik, bezüglich der Ukraine hat er sich schlicht verschätzt, den Aufwand betreffend, den die Eroberung dieses Landes machen würde. Das wird er sich vermutlich nicht noch einmal leisten (dürfen).
Worüber wir uns mehr Sorgen machen, sind die hybriden, propagandistischen, demokratiefeindlichen Interventionen, die nicht nur von Russland ausgehen, sondern auch von anderen Ländern, leider mittlerweile auch von den USA. Es ist nach unserer Ansicht leichter, große Nato-Länder wie Deutschland auszuhöhlen, als sie zu erobern. Das sieht man unter anderem an den 27 Prozent der Befragten, die sich überhaupt keinen Sorgen machen. Oder, sagen wir, an einem Teil davon. Einige sind vielleicht grundoptimistisch und sorgen sich überhaupt nicht über irgendetwas, aber die anderen sind Propaganda-Opfer. Wie hoch der Anteil jeweils ist, darüber spekulieren wir nicht.
Vielleicht an der Stelle erwähnenswert: Nord-Stream 2 war nach unserer Ansicht ein komplett anderer Fall als die oben genannten, bisher niederschwelligen Angriffe. Wir glauben eher, dass tatsächlich die Ukraine dahintersteckt, mit Billigung der USA vermutlich oder gar mit deren Beteiligung. Deswegen gib es auch keine Ermittlungsergebnisse. Für uns eine hochproblematische Vorgehensweise, dieses nicht so selten zu beobachtende Uninformierthalten der Bevölkerung, das Putinfreunden sehr in die Hände spielt. Die Wahrheit würde das vermutlich aber auch tun, und wir haben schon geschrieben, dass wir keine Lust mehr auf immer weitere Milliarden für die Ukraine aus Deutschland haben, solange dieser Vorfall nicht aufgeklärt ist. Unsere Solidarität bestimmt sich also auch danach, wie sich Verbündete und Hilfeempfänger der hiesigen Bevölkerung gegenüber verhalten, die den Krieg in der Ukraine mit viel Steuergeld unterstützt; mit Putinfreundlichkeit dies hingegen nichts zu tun, wie sich aus dem obigen und dem nachfolgenden Text leicht erschließen lässt.
Um es zusammenzufassen: Dass man in Russland nicht versucht, in die Nato und EU hinein zu intervenieren, wäre eher seltsam als normal. Wenn als jemand versucht, das rundweg und jedes Mal notorisch und reflexartig abzustreiten, fragen Sie sich einfach: Ist dieser Mensch eher seltsam oder denkt er normal, auch im Sinne eines Staatslenkers, der sich, gemäß Putins Mentalität, ständig von irgendwem nicht richtig behandelt fühlt und der imperialen Größe früherer Zeiten nachtrauert, also selbst eine schwierige Persönlichkeit darstellt. Und der außerdem seit der Ukrainehilfe des Westens aus seiner Sicht sehr reale Gründe hat, dagegenzuhalten. Es wäre geradezu peinlich für ihn, wenn er es nicht tun würde. Wenn Sie diese Überlegung in ihr Nachdenken einfließen lassen, verstehen Sie auch, was nachvollziehbare und was absurde Propaganda darstellt, gemacht für Menschen, deren Analysevermögen und deren Einfühlung ins Denken anderer äußerst rudimentär ausgebildet sind.
In Panik verfallen wir aber nicht. Passieren kann immer etwas. Leider. Es gibt keine absolute Sicherheit, schon gar nicht in Kombination mit der relativ großen Freiheit, die wir immer noch haben. Das machen sich antidemokratische Kräfte, auch die Putinfreunde, zu Nutzen. Dass es diese Freiheit noch gibt, jedweden Blödsinn behaupten zu können (und dann selbst das Gegenteil zu behaupten, selbstverständlich). Wir haben gedient. Wir wissen, was es heißt, in einer konfrontativen Welt zu leben. Auch damals ging das Leben ganz normal vonstatten, vielleicht besser und mit mehr Spaß als in den letzten Jahren. So sollten wir es jetzt auch halten. Nicht hysterisch werden, weder bei der Verteidigung von Aggressoren noch bei deren Abwehr, solange wir nicht direkt angegriffen werden. Ob die hybriden Bedrohungen durch Propaganda fußen, liegt an jedem selbst. Und jeder muss sich fragen, wem er eigentlich dient, wenn er sich davon einfangen lässt oder diese Propaganda verbreitet. Die größte derzeitige Gefahr ist sie allemal. Denn Menschen mit dem Mindset, das wir am Ende des vorherigen Absatzes beschrieben haben, gibt es viel zu viele in diesem Land.
Transparenz
Die Umfrage und der Begleittext stammen von Civey, die Einleitung und den Kommentar haben wir wie immer selbst verfasst (TH), mit der Recherche und Analyse haben wir eine KI mit der Maßgabe beauftragt, nüchtern und sachlich auf so weit wie möglich gesicherter Grundlage zu schreiben und daraus auch eine eigene Ansicht abzuleiten. Im Grunde sind wir dieser Ansicht schon gefolgt, bevor der Text verfasst war (wir haben schon vorher abgestimmt – was wir aber künftig vermeiden wollen, denn es wird gewiss auch vorkommen, dass wir unsere Meinung zu einem Thema nach der Analyse justieren sollten).
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