UPDATE 3 – Ticker | Hochrechnungen bestätigen Prognosen, Die Linke in Berlin, die AfD in MV vorne +++ #Berlinwahl #LandtagswahlMV +++ Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wählen – wir berichten.

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20.09.2026, ab 18:30 Uhr

19:40 Wir sind gespannt, ob die SPD in Berlin es noch begreift. Einerseits sieht sich Steffen Krach, der SPD-Spitzenkandidat, die SPD als abgewählt an, andererseits will er in einer Koalition der Linken jetzt schon vorschreiben, dass sie nicht auf die Vergesellschaftung privater Großwohnungskonzerne zusteuern darf. Er kann sich dabei auf die vorhin gezeigte Grafik berufen, nach der eine Mehrheit der Berliner mittlerweile dagegen wäre. Das halten wir allerdings für nicht valide. Die gesamte Aktivität der Mietenbewegung wurde durch Corona stark eingebremst und die Argumente von damals, die zu einer Zustimmung von 59 Prozent geführt haben, sind möglicherweise nicht mehr so präsent bzw. haben die rechten Parteien inklusive der SPD es geschafft, die Entschädigungen als so astronomisch darzustellen und die Wege nicht zu erklären, die man dabei gehen kann, dass viele in diesen verängstigten, rückwärtsgewandten Zeiten einen Schreck bekommen haben. Hier muss noch einmal viel Erklärungsarbeit geleistet werden. Dass es nicht einfach ist, wissen wir übrigens auch. Aber hätte die Linke sagen sollen, wir gehen es deshalb gar nicht erst an? Schon unter R2G hatte die SPD alles blockiert oder verzögert, was die Stadt wirklich sozialer gemacht hat, und jetzt wird sie sich bewegen müssen. Der Alptraum einer Kenia-Koalition begleitet uns allerdings vorerst weiter.

19:35 Bestimmte Kräfte versuchen, ein Zusammengehen von Rot und Grün zu verhindern, indem sie das Antisemitismus-Thema als Keil verwenden wollen, gerne auch unter Zuhilfenahme von Fake-Stickern, die eine angebliche Unterstützung der Partei für die Intifada signalisieren. Viele Menschen können, das zeigen auch die ARD-Grafiken, aber sehr wohl zwischen Kritik an der israelischen Regierung und Antisemitismus unterscheiden, und diejenigen, die beides gleichstellen wollen, werden sich vermutlich erst einmal nicht durchsetzen, dafür ist die Politik der Netanjahu-Regierung zu deutlich völkerrechtswidrig. Das heißt, diese Regierung verhindert diese strategisch angestrebte Gleichsetzung selbst. Die starke propalästinensische Stimme der Linken in Neukölln ist in einer so diversen Partei, die viele Milieus ansprechen will, wichtig, aber natürlich dürfen die Grenzen zum Antisemitismus nicht überschritten werden. Die Polarisierung der Gesellschaft auch in Berlin gibt es aber, und sie wird durch geopolitische Ereignisse weiter verschärft und vertieft.

19:30 Es ist wirklich kurios, wie sich in Bezug auf das BSW genau das wiederholt, was wir in Sachsen-Anhalt gesehen haben, und auch in Berlin und MV wird vermutlich das BSW in die Parlamente einziehen und kann dort tatsächlich das „Zünglein an der Waage“ sein. In Berlin vielleicht weniger, weil RRG dort wohl ohne BSW-Zustimmung möglich sein wird.

19:15 Uhr Der ARD-Moderator behauptet, die Grünen hätten sich in Berlin nach links gewendet, als er Werner Graf, den Spitzenkandidat der Grünen, interviewt. Das stimmt aber so nicht, die Grünen waren in Berlin, einst als GAL (grün-alternative Liste) immer schon weiter links als im Bund, vor allem, nachdem viele Grüne der ersten Jahre die Partei nach 1998 verlassen hatten, weil die Grünen die asoziale Politik von Gerhard Schröder im Bund mitgetragen haben. In Berlin sieht es mit den Regierungen seit 1990 so aus. Bis auf eine ganz kurze Zeit kurz nach der Wiedervrereinigung gab es zum Beispiel nie eine Regierung, an der Grüne und CDU gleichzeitig beteiligt waren.

Ja, aber nur in einer sehr besonderen, kurzen Übergangskonstellation nach der Wiedervereinigung – nicht als reguläre schwarz-grüne Koalition.

Der MagiSenat 1990

Vom 3. Oktober bis 15. November 1990 bestand in Berlin eine gemeinsame Übergangsregierung aus:

  • der SPD,
  • der CDU und
  • der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz (AL), der damaligen West-Berliner Grünen.

Anlass war die deutsche Einheit: Der West-Berliner Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper bestand aus SPD und AL, während der Ost-Berliner Magistrat unter Tino Schwierzina von SPD und CDU getragen wurde. Mit der Vereinigung wurden beide Gremien vorübergehend zu einer gemeinsamen Regierung des neuen Landes Berlin zusammengeführt – dem sogenannten MagiSenat. De facto hatten Senat und Magistrat bereits seit dem 12. Juni 1990 gemeinsam getagt.[de.wikipedia][de.wikipedia]

Keine reguläre schwarz-grüne Landesregierung

Eine eigenständige Berliner Landesregierung ausschließlich aus CDU und Grünen hat es bislang nicht gegeben. Auch eine reguläre Dreierkoalition mit CDU, Grünen und einer dritten Partei entstand nie aus Koalitionsverhandlungen nach einer Abgeordnetenhauswahl.

Die wesentlichen Berliner Regierungsbündnisse waren stattdessen:

ZeitraumBündnis
1989–1990SPD und Alternative Liste – rot-grün
1991–2001CDU und SPD – große Koalition
2001–2002SPD und Grüne, zunächst von der PDS toleriert
2002–2011SPD und PDS/Linke – rot-rot
2011–2016SPD und CDU – große Koalition
2016–2023SPD, Linke und Grüne – rot-rot-grün
seit 2023CDU und SPD – schwarz-rot

Die Statements der Politiker von CDU und SPD lassen nicht erwarten, dass jemand tatsächlich darüber nachdenkt, was schiefläuft. Was durchkommt, ist, dass man alles nur besser verkaufen muss und in Berlin werden gleich 25 Prozent der Menschen für linksextrem erklärt, weil sie nicht bereit sind, sich weiter mit der Preistreiberei der privaten Vermieter zufriedenzugeben, von den 16 Prozent der überwiegend aus dem Arbeitenden-Milieu kommenden 16 Prozent AfD-Wählern gar nicht zu reden.

Auch in MV hat die SPD ganz klar, trotz ihrer Aufholjagend, massiv bei ihrer Stammklientel, den arbeitenden Menschen, an Zuspruch verloren. Selbstverständlich sind diese Menschen alle irgendwie radikal, weil sie nicht ihrem eigenen Niedergang tatenlos zusehen wollen. Dass AfD wählen die falsche Antwort darauf ist, brauchen wir hier nicht ständig zu betonen.

Und hier die Hochrechnungen der ARD von 18:28 Uhr, 18:50 und 18:56 Uhr

Berlin (ARD)HR 18:28 / 18:56Prognose 18 Uhr
CDU20 / 2020
AfD15,7 / 15,716
Die Linke24,8 / 24,924,5
Grüne15 / 1515
SPD12 / 11,912
BSW5 / 55
Andere7,5 / 7,57,5
MV (ARD)HR 18:28 / 18:50Prognose 18 Uhr
SPD35,6 / 35,535,5
AfD37,1 / 37,337
CDU5,4 / 5,35,5
Die Linke7,4 / 7,57,5
Grüne5,5 / 5,55,5
BSW5 / 55
Andere2,9 / 2,82,8

20.09.2026, 18:00 Uhr

Prognose 18 Uhr: Die Linke siegt in Berlin, die AfD liegt in MV vorne!

BerlinPrognose 18 Uhr
CDU20
AfD16
Die Linke24,5
Grüne15
SPD12
BSW5
Andere7,5
MVPrognose 18 Uhr
SPD35,5
AfD37
CDU5,5
Die Linke7,5
Grüne5,5
FDP1,2
BSW5
Andere2,8

Die Linke in Berlin hängt die SPD um 100 Prozent ab. Welch ein Desaster für die Partei von Willy Brandt und wie verdient für die heutige SPD, und so verdient, sowohl wegen der Bundes- als auch der Landespolitik von jeweils Schwarz-Rot.

Das Gleiche gilt für die CDU, die in MV zur Kleinpartei geworden ist. In Mecklenburg-Vorpommern ist eine Koalition ohne AfD vermutlich möglich. Kanzler Merz hat in einer Sache in seinem Statement recht: Die CDU hatte in Berlin schon schlechtere Ergebnisse als das heutige. Seine Hufeisentheorie-Perpetuierung ist angesichts der radikal menschenfeindlichen CDU-Politik allerdings lächerlich. Und natürlich werden mit vollem Tempo in die falsche Richtung die sogenannten Reformen durchgesetzt.

Hohe Wahlbeteiligung auch in MV: Höher als vor fünf Jahren, obwohl damals gleichzeitig Bundestagswahl war, auch in Berlin haben bis 16 Uhr 60 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben, 9 Prozent mehr als 2023 (die Wiederholungswahl, die bezüglich der Wahlbeteiligung allerdings ein Rückschritt war gegenüber 2021).

Am Ende haben in MV fast 80 Prozent und in Berlin 75 der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeen. Im Grunde ein großartiges Ergebnis für die Demokratie, aber vor allem in Mecklenburg-Vorpommern vor allem der AfD zu verdanken, die auch dieses Mal wieder viele vorherige Nichtwähler mobilisiert haben dürfte.

Die ARD setzt ein Zeichen, indem sie MV immer vor Berlin nennt, obwohl das Alphabet etwas anderes sagt, ebenso wie die Zahl der Wahlberechtigten. Manuela Schwesig macht in Schwerin Wahlkampf als „die Frau in Blau“. Wir finden das durchaus originell, auch wenn es keine progressive Botschaft enthält. Sie macht aber auch Wahlkampf gegen die Bundesregierung, und damit gegen die eigene Partei SPD und erreicht damit einen Zufriedenheitswert von 61 Prozent, der heutzutage eine Seltenheit ist.

In MV ist soziale Sicherheit das größte Thema und zwei Drittel der Menschen fürchten, bald ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können, bei den AfD-Wähler:innen sind es sogar 87 Prozent.

In Berlin behauptet CDU-Spitzenkandidat Evers, Berlin funktioniert heute viel besser als am Ende von Rot-Rot-Grün. Wir haben davon nichts gemerkt. Die BVG fällt immer häufiger in den Reparaturmodus, der Müll nimmt weiter zu, Radwege werden gebremst usw. Die Berliner sind immer am Meckern, nicht zu Unrecht, aber noch nie waren sie mit einem Senat so unzufrieden wie mit dem aktuellen. Der Widerspruch zum Selbstbild der CDU wird offensichtlich. Die SPD hat 2023 eine Regierung, die immerhin auf etwa 40 Prozent Zustimmung kam, für eine verlassen, die nur die Hälfte erzielt.

Die Spitzenkandidat:innen fallen vor allem dadurch auf, dass fast die Hälfte der Menschen sich über sie kein Urteil bilden können und die Zufriedenheitswerte „mickerig“ sind, was die ARD zu der Annahme vernlasst, dies wird keine Personenwahl, sondern eine echte Themenwahl sein, in der Hauptstadt. Angeblich gibt es plötzlich eine Mehrheit beim Thema Nr. 1, der Wohnungsenteignung, die dagegen ist, nur bei den Anhängern der Linken ist es anders. Was aber hat sich in den letzten Jahren geändert, was dem Volksentscheid von 2021 (59/56 Prozent dafür, je nach Zählweise) so zuwiderlaufen könnte? Mehr neue Wohnungen? Günstigere Preise. Ganz sicher nicht. Es kommt darauf an, wie und in welchem Zusammenhang gefragt wird und wie die Gesamtstimmung ist, und die ist bundesweit rechtslastiger geworden. Ein klassisches Beispiel dafür, dass Sentiment keine Probleme löst.

20.09.2026, 15:45 Uhr

Im ersten Update geben wir eine Übersicht über die wichtigsten Themen in beiden Wahlkämpfen, inklusive einer Tabelle mit den unterschiedlichen Prioritäten. Deutschland ist vielfältig, seine Probleme sind regional unterschiedlich. Gerade deswegen ist der Föderalismus ebenso wichtig, weil er auf regionale Anforderungen besser eingehen kann als der Zentralismus – und weil sich in der Zusammenschau gut erkennen lässt, dass rechte Populisten immer alls gleich rahmen, obwohl die Lösungen regional ganz unterschiedlich ausfallen müssen, um den Anforderungen einer Region gerecht zu werden. Es gibt selbstverständlich übergreifende Themen, die in ganz Deutschland eine Bedeutung haben, aber was ist den Menschen vor Ort wichtig, in Kreuzberg oder Köpenick, in Rostock oder Greifswald? Hier zeigen sich große Unterschiede zwischen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern und auch innerhalb der beiden Bundesländer.

Die Themen des Berliner Wahlkampfs

Der Berliner Wahlkampf wurde eindeutig von Wohnen und Mieten dominiert. Dahinter folgten die Frage nach einer funktionierenden Stadtverwaltung, Verkehr und Mobilität, öffentliche Sicherheit, Sauberkeit sowie Bildung und Klima- beziehungsweise Stadtentwicklungspolitik.[handelsblatt][zdfheute]

Wohnen und Mieten

Die Wohnungsnot und steigende Mieten bildeten den zentralen Konflikt. Fast alle Parteien griffen das Thema auf, unterschieden sich aber fundamental bei den Instrumenten:

  • Die Linke setzte auf ein öffentliches Bauprogramm, eine Behörde gegen illegale Mieten und die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne.
  • SPD forderte unter anderem eine „Mietenpolizei“ gegen Mietwucher.
  • CDU stellte schnelleren Neubau, mehr Angebot und Mieterschutz in den Vordergrund; Vergesellschaftung lehnt sie ab.
  • Grüne wollten Umnutzung von Büroflächen, zusätzlichen sozialen Wohnungsbau und ebenfalls die Umsetzung des Vergesellschaftungsvolksentscheids.
  • AfD verband Wohnungsfragen mit Migration und wollte geförderten Wohnraum vorrangig Menschen mit langjährigem Berliner Lebensmittelpunkt zukommen lassen.[zdfheute][handelsblatt][t-online]

Der Streit über die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen war zugleich eine mögliche Konfliktlinie für spätere Koalitionsverhandlungen: Linke und Grüne stehen dafür, die SPD lehnt sie ab.[rbb24]

Funktionierende Stadt

Neben der großen Wohnungsfrage prägte der alltägliche Zustand der Stadt den Wahlkampf: lange Bearbeitungszeiten in Behörden, sanierungsbedürftige Infrastruktur, knappe öffentliche Angebote und der Eindruck mangelnder Ordnung im Stadtraum.

Besonders sichtbar wurde dies beim Thema Müll und Verwahrlosung. Illegale Ablagerungen in Kiezen, Parks und auf Gehwegen wurden zu einem Symbol für einen Staat, der im Alltag zu wenig durchsetzt oder organisiert. Berlin entsorgt nach Angaben aus der Berichterstattung jährlich rund 54.000 Kubikmeter illegal abgelagerten Müll, was etwa 13 Millionen Euro kostet. SPD und Linke setzten auf kostenlose Sperrmüllabholung, während andere Parteien stärker auf Kontrollen, Bußgelder und härtere Sanktionen drängten.[web]

Verkehr und Sicherheit

Der Konflikt um die Mobilität verlief zwischen stärkerer Priorisierung von Auto und Straßenbau auf der einen sowie ÖPNV, Radverkehr und Verkehrsberuhigung auf der anderen Seite:

  • CDU betonte Straßenbau und die Interessen des Autoverkehrs.
  • Grüne, Linke und SPD traten für zusätzliche und sicherere Radwege sowie mehr Tempo-30-Bereiche ein.
  • Der Ausbau der A100 blieb umstritten; Grüne, Linke und SPD lehnten ihn ab.
  • Zugleich spielte die Sicherheit im öffentlichen Raum und im Nahverkehr eine zentrale Rolle.[handelsblatt][t-online]

Die AfD verknüpfte das Thema Sicherheit besonders stark mit Migration und verlangte einen sofortigen Aufnahmestopp für Asylbewerber in Berlin.[handelsblatt]

Bildung, Klima, Stadtentwicklung

Weitere wichtige, aber weniger dominierende Themen waren Schulen und Kitas, der Zustand öffentlicher Infrastruktur, die Klimaanpassung und die Gestaltung der wachsenden Stadt. Diskutiert wurden unter anderem Ganztagsangebote, Personalmangel, Gemeinschaftsschulen, Grünflächen, Hitzeschutz, Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.[handelsblatt][zeit]

Die politische Grundfrage lautete damit: Soll Berlin seine drängendsten Probleme vorrangig durch mehr öffentlichen Eingriff und Umverteilung, durch beschleunigten Neubau und stärkere Ordnungspolitik oder durch eine Kombination aus Klimaschutz, sozialer Regulierung und Verwaltungsmodernisierung lösen?

Die Themen des Wahlkampfs in Mecklenburg-Vorpommern

In Mecklenburg-Vorpommern dominierten Bildung, Wirtschaft und Migration den Wahlkampf. Anders als in Berlin stand nicht der angespannte Wohnungsmarkt im Zentrum, sondern die Frage, wie ein dünn besiedeltes Land mit Lehrermangel, hohen Energie- und Lebenshaltungskosten, industriellem Strukturwandel und einer alternden Bevölkerung handlungsfähig bleibt.[tagesschau][ndr]

Die zentralen Wahlkampfthemen

ThemaKonkrete Konfliktlinie
Bildung und KitasLehrermangel, Unterrichtsausfall, Schulstruktur, Inklusion und beitragsfreie Kitas
Wirtschaft und ArbeitEnergiepreise, Investitionen, Arbeitsplätze, Fachkräftemangel, Werften, Häfen, Tourismus und ländliche Infrastruktur
Energie und Nord StreamAusbau von Wind, Solar und Wasserstoff gegen Forderungen nach günstigem russischem Gas, einem Windkraftstopp oder Kernenergie
Migration und SicherheitAufnahmepolitik, Arbeitsmigration, Integration, Abschiebungen und Kriminalitätsbekämpfung
Gesundheit und DaseinsvorsorgeÄrztliche Versorgung, Pflege, Krankenhäuser, Mobilität und Nahversorgung im Flächenland
Soziale SicherheitKaufkraft, Benzinpreise, Rente, Familienpolitik und Armutsrisiken

Bildung: Alltagsthema Nummer eins

Bildung galt in Umfragen als dringendstes Problem, das eine neue Landesregierung lösen müsse. Besonders prägend waren der Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, unbesetzte Stellen und die Frage, wie die Schulen auf dem Land dauerhaft gesichert werden können. Im vergangenen Schuljahr fielen laut NDR rund 350.000 Unterrichtsstunden ersatzlos aus.[tagesschau][ndr]

Die programmatischen Unterschiede waren deutlich:

  • SPD, Linke und Grüne setzten auf mehr Investitionen, moderne und digital ausgestattete Schulen, die Stärkung von Gemeinschaftsschulen sowie Inklusion.
  • SPD wollte rund eine Milliarde Euro in Schulen investieren und die beitragsfreie Kita beibehalten.
  • CDU, AfD und BSW wollten Förderschulen als eigenständige Schulform erhalten; CDU und AfD betonten zudem Gymnasien, Leistungsorientierung und Begabtenförderung.
  • Die AfD schlug zusätzlich eine pädagogische Hochschule und die Rückführung von Lehrkräften aus Verwaltungsaufgaben in den Unterricht vor.[zdfheute][zdfheute][t-online]

Der Streit war deshalb so relevant, weil Bildungspolitik in MV unmittelbar mit der Standortfrage verbunden ist: Familien, Fachkräfte und Betriebe entscheiden auch danach, ob Schulen, Kitas und Ausbildungsangebote erreichbar und verlässlich sind.

Wirtschaft, Preise und Arbeit

Der zweite große Themenblock betraf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes, das stark von Tourismus, Landwirtschaft, maritimer Wirtschaft, Häfen, Werften sowie kleineren und mittleren Unternehmen geprägt ist. Hohe Energie- und Lebenshaltungskosten, Sorgen um Arbeitsplätze sowie Fachkräftemangel beschäftigten viele Wählerinnen und Wähler.[zdfheute][bpb]

Die SPD präsentierte sich als Partei staatlich flankierter Industrie- und Strukturpolitik: Investitionen in Infrastruktur, Förderung von Werften, Häfen, Handwerk, Mittelstand und Zukunftstechnologien sowie Tarifbindung bei öffentlichen Aufträgen sollten Wachstum und gute Arbeit sichern.[zdfheute]

CDU und AfD stellten stärker Bürokratieabbau, Wettbewerb, Entlastung von Betrieben und niedrigere Energiepreise heraus. Die AfD wollte staatliche Eingriffe zurückdrängen und griff die Energiepolitik als Standortnachteil an. Auch die Spritpreise wurden im Wahlkampf zu einem sichtbaren Alltagsthema; grundsätzlich sprachen sich alle Parteien für Entlastung aus, allerdings mit unterschiedlichen Instrumenten.[zdfheute][ndr]

Energie, Russland und Nord Stream

Energiepolitik entwickelte sich zu einem besonders konfliktgeladenen Thema, weil sie in MV eng mit Industriepolitik, Kaufkraft, Windkraftanlagen und der Ostsee-Pipeline Nord Stream verbunden ist.

  • SPD, Linke und Grüne wollten Windkraft, Solarenergie und teilweise grünen Wasserstoff weiter ausbauen. Die SPD wollte Kommunen und Bürgerinnen und Bürger stärker an den Erträgen beteiligen; die Grünen verbanden den Ausbau erneuerbarer Energien mit günstigerem Strom und Industrieansiedlungen.[zdfheute][t-online]
  • Die CDU befürwortete erneuerbare Energien grundsätzlich, verlangte aber einen Ausbau „mit Augenmaß“.[t-online]
  • Die AfD forderte einen Stopp des weiteren Windkraftausbaus, eine Rückkehr zur Kernenergie und die Wiederinbetriebnahme von Nord Stream als Quelle günstigen russischen Gases.[tagesschau][zdfheute]
  • Das BSW machte niedrige Energiepreise und eine Wiederbelebung von Nord Stream ebenfalls zu einem zentralen Wahlkampfsignal; auf Plakaten warb die Partei mit der Forderung, Nord Stream „aufzudrehen“.[correctiv]

Im Duell zwischen Manuela Schwesig und AfD-Herausforderer Leif-Erik Holm eskalierte dieser Konflikt besonders sichtbar. Schwesig griff die AfD als wirtschaftsfeindlich an und fragte, wo neue Kernkraftwerke im Land errichtet werden sollten. Holm forderte einen anderen Energiemix mit russischem Gas über Nord Stream 2.[zdfheute]

Migration und Sicherheit

Migration gehörte laut Umfragen zu den wichtigsten Wahlkampffragen, wurde allerdings unterschiedlich gerahmt. Die AfD stellte sie als Frage von Begrenzung, Sicherheit und Belastung öffentlicher Systeme dar und verlangte als „ultima ratio“ einen landesweiten Aufnahmestopp für Asylsuchende.[tagesschau][correctiv]

SPD, Linke und Grüne verbanden Migration stärker mit Arbeitsmarkt, Integration und dem Fachkräftebedarf. Gerade in Pflege, Gesundheitswesen, Tourismus und Gastronomie spielt Zuwanderung für die Personalversorgung eine Rolle. Das BSW verwies ebenfalls auf den Fachkräftemangel, kombinierte dies aber mit einer restriktiveren Haltung gegenüber irregulärer Migration.[ndr]

Damit trafen im Wahlkampf zwei Deutungen aufeinander: Migration als Belastung von Kommunen, Schulen und Wohnraum – oder als notwendiger Teil einer Antwort auf demografische Alterung und Personalmangel.

Gesundheit und Versorgung

Für ein dünn besiedeltes Flächenland war die Daseinsvorsorge besonders wichtig: hausärztliche Versorgung, Krankenhäuser, Pflege, Apotheken, Nahverkehr und die Erreichbarkeit staatlicher Angebote. Medizinische Versorgung, Alterssicherung und soziale Gerechtigkeit wurden in Befragungen ausdrücklich als relevante Probleme genannt.[tagesschau][ndr]


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Die Debatte war eng mit dem demografischen Wandel verbunden. Wo weniger Menschen leben und viele Beschäftigte in Ruhestand gehen, wächst der Druck auf Gesundheitsversorgung, Pflege und öffentliche Infrastruktur. Die Wahlkampffrage lautete daher nicht allein, wie Leistungen finanziert werden, sondern auch, ob sie außerhalb der größeren Städte dauerhaft erreichbar bleiben.

Unterschied zu Berlin

BerlinMecklenburg-Vorpommern
Mieten und Wohnungsnot waren das dominierende ThemaBildung, Wirtschaft und Migration standen im Vordergrund
Konflikte um Vergesellschaftung, Neubau und StadtentwicklungKonflikte um Arbeitsplätze, Energiepreise, Fachkräfte und regionale Infrastruktur
Verkehrspolitik konzentrierte sich auf Auto, Radwege, ÖPNV und A100Verkehr war Teil der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum, etwa mit Blick auf Mobilität und Erreichbarkeit
Klimapolitik war vor allem Stadtentwicklungs- und MobilitätsthemaEnergiepolitik wurde als Frage von Preis, Industrie, Windkraft, Nord Stream und geopolitischer Orientierung verhandelt

Der Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern war damit stärker von der Frage geprägt, wie wirtschaftliche Stabilität, öffentliche Versorgung und gesellschaftlicher Zusammenhalt unter den Bedingungen von Abwanderung, Alterung und regionalen Unterschieden gesichert werden können.

20.09.2026, 15 Uhr

In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern werden heute das Abgeordnetenhaus bzw. der Landtag neu gewählt, in Berlin findet zusätzlich die Kommunal zu den Bezirksverordnetenversammlungen statt. Zur Mittagszeit zeichnet sich in Berlin eine höhere Wahlbeteiligung ab als 2023 (die „Wiederholungswahl“), um 12 Uhr hatten 27,9 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben.

In Berlin zeichnet sich in den Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der CDU und der Linken ab, gefolgt von der AfD und den Grünen mit etwa 2-3 bzw. 4-5 Prozentpunkten Abstand, die SPD dürfte ihr schlechtestes Wahlergebnis seit Gründung der BRD einfahren, die Umfragen zeigen etwa 12-13 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern ist es ebenfalls sehr spannend, jüngste Umfragen zeigen etwa gleiche Werte um 35-37 Prozent für SPD und AfD – wenn dies eintritt, bleibt für die übrigen Parteien nicht viel Raum.

In beiden Bundesländern wird sich der Vorgang von Sachsen-Anhalt vermutlich nicht wiederholen, dass die AfD in die Nähe einer Regierungsmehrheit kommt. In Mecklenburg-Vorpommern muss allerdings abgewartet werden, wie valide die Umfragen waren.

Wir waren später wählen als üblich, gegen 11 Uhr, aber es war relativ ruhig, zunächst in dem Wahllokal, zu dem wir einen Freund begleitet hatten, dann im eigenen noch ruhiger. Dieser Eindruck könnte aber täuschen, denn die Briefwahl ist immer mehr – genau, das Mittel zur Wahl. In Berlin vielleicht besonders beliebt nach dem Chaos von 2021, das zur Neuwahl 2023 geführt hatte. Nach Angaben unserer KI lagen hingegen zur Wahlbeteiligung in Mecklenburg-Vorpommern noch keine Zahlen vor. Das ist ungewöhnlich, meist wird eine 12- und 14-Uhr-Tendenz gemeldet.

Wahlberechtigt sind in Berlin ca. 2,79 Millionen Menschen, in Mecklenburg-Vorpommern etwa 1,3 Millionen. 2021 hatten in Berlin 70,8 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, in Mecklenburg-Vorpommern 75,4 Prozent. Bei der Wiederholungswahl 2023 in Berlin sank die Beteiligung auf 62,9 Prozent. Wir erwarten heute wieder ein Ergebnis über 70 Prozent in beiden Bundesländern.

Der Zuwachs in Berlin gegenüber 2023 deutet aufgrund der damals relativ niedrigen Wahlbeteiligungen allerdings nicht zwangsläufig auf ein Rekordergebnis. Um 12 Uhr geringere Beteiligung in den innerstädtischen als in den äußeren Bezirken von Berlin deuten möglicherweise auf hohe Briefwähler:innen-Anteile in der Innenstadt oder: auf Mobilisierungseffekte nach rechts am Stadtrand.

Unser Mehrwert ist, während die Wahllokale noch geöffnet haben, eine kurzem, prägnante Vorstellung der Positionen der Spitzenkandidat:innen derjenigen Parteien in Berlin, die Chancen haben, ins Abgeordnetenhaus einzuziehen.

Hinweis: Falls wir zu zeiteng sind, um über beide Wahlen gleichermaßen berichten zu können, priorisieren wir Berlin, wo wir selbst an der Wahl teilgenommen haben.

Wie wir selbst tendieren, können Sie in unseren Beiträgen zu den Wahl-O-Maten von Berlin und Mecklenburg-Vorpommern nachlesen.

Die Spitzenkandidierenden der Berliner Wahl: Profile, Programme, Konfliktlinien

Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus entscheidet sich nicht nur die Zusammensetzung des Landesparlaments, sondern auch, welche politischen Antworten Berlin auf Mietendruck, Wohnungsbau, Verkehr, innere Sicherheit und die Funktionskrise der Verwaltung gibt. Aussicht auf den Einzug haben nach den jüngsten Umfragen CDU, Linke, AfD, Grüne und SPD; das Bündnis Sahra Wagenknecht bewegt sich um die Fünfprozenthürde. Die FDP liegt in den jüngsten Erhebungen dagegen deutlich darunter und wird deshalb hier nicht berücksichtigt.[bpb][stern]

Stefan Evers: CDU

Stefan Evers steht für eine CDU, die sich als Ordnungs-, Wirtschafts- und Verwaltungspartei positioniert. Der Finanzsenator trat kurzfristig an die Stelle von Kai Wegner, nachdem dieser im Juli 2026 auf eine erneute Kandidatur verzichtet hatte. Wegner war nach Kritik an seinem Krisenmanagement und an Angaben zu seinem Tagesablauf im Zusammenhang mit dem Brandanschlag auf die Berliner Stromversorgung unter Druck geraten. Evers, bislang eher ein Politiker der internen Steuerung und Haushaltsführung, wurde damit zum Gesicht eines Wahlkampfs, den er nicht langfristig hatte vorbereiten können.[bpb][tagesschau]

Der CDU-Spitzenkandidat verbindet eine wirtschaftsnahe Sprache mit dem Versprechen eines handlungsfähigen Staates. Im Mittelpunkt stehen Sicherheit, Ordnung, schnellere Genehmigungen, Investitionen in Digitalisierung und Infrastruktur sowie bessere Rahmenbedingungen für private Unternehmen. Evers’ Profil ist weniger das eines charismatischen Lagerkämpfers als das eines Verwaltungs- und Finanzpolitikers, der Funktionsfähigkeit zur zentralen politischen Kategorie macht.

In der Wohnungspolitik setzt die CDU auf beschleunigten Neubau, eine Ausweitung des Angebots und Mieterschutz innerhalb des bestehenden Systems. Eine Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne lehnt sie ab. Beim Tempelhofer Feld wirbt die CDU für Randbebauung, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. In der Verkehrsfrage will sie die Mittel für den Straßenbau erhöhen und zugleich das Radwegenetz verbessern – allerdings ohne den Vorrang des Autos grundsätzlich infrage zu stellen.[bpb][t-online]

Markant ist an Evers weniger ein einzelner zugespitzter Satz als das politische Grundversprechen: Berlin müsse wieder „funktionieren“. Damit greift er eine verbreitete Unzufriedenheit mit Verwaltung, Infrastruktur und öffentlicher Ordnung auf. Seine Herausforderung liegt darin, zugleich Kontinuität zur schwarz-roten Regierungszeit und einen glaubwürdigen Neuanfang zu verkörpern.

Elif Eralp: Die Linke

Elif Eralp führt Die Linke mit einem klaren sozialpolitischen Profil in die Wahl. Die Juristin und stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus steht für einen Wahlkampf, dessen Dreh- und Angelpunkt die Wohnungsfrage ist. Die Linke lag vor dem Wahltag in mehreren Umfragen mit 20 bis 23 Prozent an der Spitze oder knapp vor der CDU. Eralp erzielte zudem unter den Spitzenkandidierenden den höchsten Zufriedenheitswert: In einer Infratest-dimap-Erhebung bewerteten 27 Prozent ihre politische Arbeit positiv.[bpb][rbb24]

Ihr Programm setzt auf einen starken Eingriff des Landes in den Wohnungsmarkt. Die Linke verlangt, Mieterhöhungen bei landeseigenen Wohnungsunternehmen auf höchstens ein Prozent jährlich zu begrenzen, jährlich 7.500 kommunale Wohnungen zu bauen und den Volksentscheid von 2021 zur Vergesellschaftung großer Immobilienunternehmen umzusetzen. Die Umsetzung dieses Volksentscheids hat Eralp zur Koalitionsbedingung erklärt.[bpb][t-online]

Damit verknüpft Eralp die Diagnose, dass der Berliner Mietmarkt nicht allein mit Neubau und Anreizen zu korrigieren sei. Wohnraum werde als soziale Infrastruktur verstanden, nicht vorrangig als Anlageobjekt. Die Zuspitzung lautet: Enteignung großer Wohnungskonzerne sei kein Tabu, sondern ein demokratisch legitimierter Auftrag. Diese Haltung macht Eralp für viele Mieterinnen und Mieter zur glaubwürdigen Gegenfigur zu einem marktliberalen oder investorenorientierten Kurs – sie begrenzt aber zugleich Koalitionsoptionen, vor allem mit der CDU.

In Verkehrs- und Sozialpolitik vertritt Die Linke einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, mehr sichere Radwege und die Ablehnung eines weiteren Ausbaus der Stadtautobahn A100. Beim Tempelhofer Feld will sie die Freifläche erhalten. Eralps Kampagne verbindet damit Mietenpolitik, soziale Gleichheit und eine stärker gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung.[t-online]

Kristin Brinker: AfD

Kristin Brinker tritt bereits zum dritten Mal als Spitzenkandidatin der Berliner AfD an. Die Landes- und Fraktionsvorsitzende verkörpert Kontinuität in einer Partei, die bei der Wahl 2023 noch 9,1 Prozent erreichte und vor der aktuellen Wahl in Umfragen bei etwa 17 bis 18 Prozent lag. Damit konnte sie auf erhebliche Zugewinne hoffen, ohne dass daraus eine realistische Regierungsoption entstand: Alle anderen im Abgeordnetenhaus relevanten Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD aus.[bpb][stern][tagesschau]

Brinker setzt auf ein klassisches AfD-Profil aus Migrationsbegrenzung, Innerer Sicherheit, Kritik an Klimaschutzauflagen und Widerstand gegen eine aus ihrer Sicht bevormundende Stadtpolitik. Der Berliner Landesverband fordert eine deutlich restriktivere Migrationspolitik, mehr Abschiebungen und strengere Strafen für verschiedene Delikte. In der Wohnungspolitik soll geförderter Wohnraum bevorzugt Menschen zugutekommen, die ihren Lebensmittelpunkt bereits lange in Berlin haben.[bpb][t-online]

Markant ist bei Brinker der Versuch, soziale Verteilungsfragen mit einer restriktiven Zugehörigkeitslogik zu verbinden: Wohnungsnot, knappe Plätze in Kitas und Belastungen der Verwaltung werden nicht primär als Folge von Marktversagen oder unzureichenden Investitionen dargestellt, sondern eng mit Migration verknüpft. Damit erreicht die AfD Wählergruppen, die staatliche Überforderung und Kontrollverlust als zentrale Probleme empfinden.

Politisch bleibt die Partei zugleich isoliert. Das Bundesamt für Verfassungsschutz führt die Bundespartei seit 2021 als rechtsextremistischen Verdachtsfall; eine weitergehende Einstufung war zum Zeitpunkt der Wahl gerichtlich noch nicht abschließend entschieden. Selbst ein starkes Ergebnis Brinkers würde daher voraussichtlich eher die Koalitionsbildung der übrigen Parteien beeinflussen als ihre eigene Regierungsbeteiligung ermöglichen.[bpb]

Werner Graf: Bündnis 90/Die Grünen

Werner Graf führt die Grünen als Co-Fraktionsvorsitzender und Vertreter eines bewusst moderateren Kurses in die Wahl. Seine Strategie zielt darauf, die Grünen trotz Verlusten gegenüber 2023 als unverzichtbare Kraft für mögliche Regierungsbildungen zu positionieren. Vor der Wahl lag die Partei in den Umfragen meist bei 15 bis 16 Prozent.[bpb][stern]

Graf verbindet Klimaschutz mit sozialer Stadtpolitik. Berlin soll nach dem Willen der Grünen bis 2040 klimaneutral werden. Als konkrete Maßnahmen nennt die Partei unter anderem eine Million zusätzliche Bäume, eine Solarpflicht auf öffentlichen Gebäuden und den Ausbau klimaverträglicher Mobilität. Auch die Bildungspolitik soll stärker auf Gemeinschaftsschulen, Ganztag und Teilhabe ausgerichtet werden.[bpb]

Beim Wohnen stehen die Grünen zwischen marktliberalem Neubau-Fokus und radikaler Vergesellschaftungsforderung. Sie wollen leerstehende Büroflächen zu Wohnungen umnutzen und unterstützen die Umsetzung des Volksentscheids zur Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen. Auf dem Tempelhofer Feld lehnen sie eine Bebauung ab. In der Verkehrspolitik setzen sie auf sichere Radwege, mehr Tempo-30-Abschnitte und den Widerstand gegen den Ausbau der A100.[t-online]

Die markante politische Aussage lautet weniger ein kurzer Slogan als ein strategisches Signal: Klimaschutz dürfe nicht als Nebenfrage behandelt werden, sondern müsse Stadtentwicklung, Wohnungsbau und Verkehr zugleich prägen. Graf versucht damit, grüne Kernpositionen zu verteidigen, ohne sich ausschließlich über kulturelle Polarisierung zu definieren. Seine moderatere Tonlage soll Gesprächsfähigkeit sichern – vor allem gegenüber SPD und Linken.

Steffen Krach: SPD

Steffen Krach will das Rote Rathaus für die SPD zurückerobern, tritt aber aus einer schwierigen Ausgangslage an. Der Co-Vorsitzende der Berliner SPD kam aus Niedersachsen nach Berlin und war zuvor Regionspräsident der Region Hannover. Er ersetzt die frühere Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey als Spitzenfigur. Die SPD, 2023 noch bei 18,4 Prozent, lag vor dieser Wahl nur noch bei etwa 10 bis 12 Prozent und drohte damit auf Platz fünf zurückzufallen.[bpb][tagesschau][ad-hoc-news]

Krach steht programmatisch für eine sozialdemokratische Mischung aus Investitionspolitik, öffentlichem Wohnungsbau und sozialstaatlicher Absicherung. Seine Partei fordert mehr Investitionen in die städtische Infrastruktur, den verstärkten Bau von Kommunal- und Sozialwohnungen, bessere Personalschlüssel in Kitas sowie mehr Inklusion und Ganztagsangebote an Schulen. Gegen Mietwucher setzt die SPD auf eine „Mietenpolizei“, die Verstöße konsequenter verfolgen soll.[bpb][t-online]

Diese Formel ist zugleich Krachs markanteste programmatische Zuspitzung: Der Staat solle nicht nur Wohnungen bauen, sondern Mietrecht im Alltag wirksamer durchsetzen. Anders als Die Linke lehnt die SPD allerdings die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne ab. Beim Verkehr unterstützt sie zusätzliche und sicherere Radwege, lehnt den Ausbau der A100 ab und versucht, soziale, ökologische und praktische Mobilitätsinteressen zu verbinden.[t-online]

Belastet wurde Krachs Wahlkampf durch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover im Zusammenhang mit einer Spende von 9.900 Euro an die Berliner SPD. Unabhängig vom Ausgang dieser Ermittlungen schwächte der Vorgang seine ohnehin schwierige Position. Seine politische Aufgabe besteht deshalb darin, die SPD als gestaltende Mitte zwischen CDU, Linken und Grünen zu behaupten – und zugleich zu erklären, warum die Partei nach Jahren wechselnder Berliner Regierungsbeteiligung noch als glaubwürdige Erneuerungskraft gelten soll.[de.euronews]

Michael Lüders und Alexander King: BSW

Das BSW tritt in Berlin erstmals mit einem Spitzenduo an: dem Publizisten und Nahostexperten Michael Lüders sowie dem Co-Landesvorsitzenden Alexander King. King sitzt bereits im Abgeordnetenhaus, nachdem er von der Linken zum BSW gewechselt war. Die Partei bewegte sich in den letzten Umfragen zwischen drei und fünf Prozent; ihr Einzug war damit offen.[bpb][stern]

Inhaltlich will das BSW soziale Mietenpolitik mit einer scharfen Kritik an der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik verbinden. Es fordert mehr öffentlichen Wohnungsbestand, einen bundesweiten Mietendeckel und eine Begrenzung der Zweckentfremdung von Wohnraum. Wie Linke und Grüne unterstützt es die Umsetzung des Berliner Volksentscheids zur Vergesellschaftung großer Immobilienunternehmen.[bpb][t-online]

King steht besonders für den außenpolitischen Flügel der Partei. Die Berichterstattung beschreibt ihn als engen Anhänger Sahra Wagenknechts, der im Wahlkampf auf Friedenspolitik und gute Beziehungen zu Russland setzt. Lüders bringt als Publizist und langjähriger Nahostkenner ein außenpolitisch geprägtes Profil ein. Gerade diese Verbindung – soziale Intervention im Inneren, „Friedenspolitik“ nach außen – soll Wählerinnen und Wähler ansprechen, die sich weder von der Linken noch von SPD oder AfD vertreten sehen.[tagesschau]

Ob das BSW ins Abgeordnetenhaus einzieht, kann die Mehrheitsbildung erheblich verändern. Der Unterschied zwischen drei und fünf Prozent entscheidet nicht nur über Mandate, sondern darüber, ob mehrere Dreierkoalitionen rechnerisch notwendig oder vermeidbar werden. Die Wahl findet zudem erstmals mit einem Wahlalter ab 16 Jahren statt; gewählt werden Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen der zwölf Bezirke.[bpb]

Die Wahllokale sind noch etwa drei Stunden lang geöffnet. Diejenigen, die noch nicht gewählt haben, können sich noch an den Profilen der Kandidat:innen orientieren, wenn sie möchten.


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