Wahlalter, passives Wahlrecht, aktives Wahlrecht, Jugendliche, 16-Jährige, Landtagswahlen, AfD, CDU, Die Linke, Absenkung des Wahlalters, Demokratie, politische Bildung
Die Wahlen der letzten Wochen beschäftigen die Politik und die Menschen. Heute: Sind 16-Jährige schon kundige Wählende? In Berlin wurde diese Antwort bei der Wahl vor einer Woche bejaht, deswegen durften sie zu den Wahlurnen. In anderen Bundesländern und bei manchen Parteien herrscht bezüglich dieser neuen Praxis Ablehnung vor. Civey hat aus dem Thema eine Umfrage gemacht. Was meinen Sie?
Lesen Sie bitte auch den untenstehenden Kommentar von uns und den folgenden den Begleittext von Civey :
Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am vergangenen Sonntag durften erstmals auch 16- und 17-Jährige ihre Stimme abgeben. Wahlberechtigt waren Personen, die vor dem 21. September 2010 geboren wurden. Das Berliner Abgeordnetenhaus hatte diese Herabsetzung des Wahlalters im Dezember 2023 beschlossen. Damit ist Berlin das achte Bundesland neben Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, in dem Jugendliche ab 16 Jahren bei Landtagswahlen abstimmen dürfen. In Nordrhein-Westfalen soll diese Regelung erstmals bei der Landtagswahl im Frühjahr 2027 gelten. In den übrigen acht Bundesländern liegt das Mindestalter für die Wahl des Landesparlaments weiterhin bei 18 Jahren.
Eine Ausweitung dieser Regelung auf alle Landtagswahlen wird in der Politik regelmäßig diskutiert. Der Kinder- und Jugendbeauftragte von Sachsen-Anhalt, Holger Paech, forderte in der vergangenen Woche beim MDR eine generelle Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre bei Landtagswahlen. Er verwies auf eine Gerechtigkeitslücke, da junge Menschen von langfristigen Zukunftsfragen wie der Bildungs- oder Klimapolitik besonders betroffen seien. Auch die Berliner SPD betonte im Juli, dass Jugendliche bereits Verantwortung im Alltag tragen, arbeiten und Steuern zahlen. Die Partei sieht darin eine Selbstverständlichkeit und eine Chance, das Interesse an der Demokratie zu stärken. Der Landesjugendring Berlin befürwortet die Absenkung ebenfalls, da sie jungen Menschen mehr echte Teilhabe ermöglicht. Zudem fordert dessen Geschäftsführer Tilmann Weickmann mehr Einheitlichkeit, da der föderale Flickenteppich beim Wahlalter Jugendliche zunehmend verunsichere.
Gegen eine allgemeine Herabsetzung des Wahlalters bei Landtagswahlen sprechen sich Union und AfD aus. Die heutige Kanzleramtschefin Nina Warken lehnte im Dezember 2023 in der Rheinischen Post ein Wahlrecht ab 16 Jahren ab, da sie eine schleichende Absenkung des Volljährigkeitsalters befürchte. Der Justiziar der Unionsfraktion im Bundestag, Ansgar Heveling (CDU), betonte 2022 in der Welt, dass das Grundgesetz das Wahlrecht bewusst an die Volljährigkeit koppele. Wer das Wahlalter senke, müsse konsequenterweise auch die Volljährigkeit mit allen Pflichten auf 16 Jahre festlegen. Der Obmann der AfD-Fraktion in der Wahlrechtskommission des Bundestages, Albrecht Glaser, sprach sich im September 2022 in einer Pressemitteilung ebenfalls gegen ein Wahlrecht für Minderjährige aus. Er begründete dies damit, dass 16- und 17-Jährige noch unter elterlicher Sorge stehen, weder voll geschäftsfähig sind noch im Strafrecht wie Erwachsene behandelt werden.
Kommentar
Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl vom 20.09.2026 haben nicht weniger als 46 Prozent der 16- bis 24-Jährigen Die Linke gewählt. 16- und 17-Jährige sind in dieser Gruppe nicht speziell ausgewiesen. Damit haben wir schon den Hauptgrund, warum rechte Parteien junge Menschen nicht wählen lassen wollen. Die Koppelung an die Volljährigkeit ist hingegen Unsinn. Dass man erst mit 18 voll geschäftsfähig ist, dient dem Schutz von Menschen, die diese Altersgrenze noch nicht erreicht haben, vor schwerwiegenden Folgen finanziell relevanter Handlungen. Es passiert aber auch vielen Menschen, die wesentlich älter sind, dass sie unsinnige und schädliche Transaktionen vornehmen.
Das Abstimmungsverhalten, das sich gegenwärtig zeigt, ist umso schlimmer. Nicht weniger als 70 Prozent derer, die schon ihr Votum abgegeben haben, sind klar gegen Wählen ab 16. Nur 16 Prozent haben, wie wir, klar dafür gestimmt.
Es ist eine Schande und spricht Bände, dass die Alten, die auch überwiegend bei Civey ihre Klicks machen dürften, die Jungen nicht über ihre Zukunft mitbestimmen lassen wollen. Vielleicht gab es ein paar, die „Nein“ gesagt haben, die sich Sorgen machen wegen der möglichen Radikalisierung nach rechts unter jungen Menschen, die nur noch Social Media konsumieren, anstatt sich umfassend politisch zu informieren. Das ist der einzige Grund, den wir für eine Ablehnung gelten lassen. Dass hingegen die CDU, die kaum noch Jungwähler erreicht, nicht noch schlechter abschneiden will, weil sie für 16-Jährige so unattraktiv ist, kann man zwar inhaltlich nachvollziehen, eine schlechte Haltung ist es trotzdem.
Abgeordnetenhauswahl Berlin 2026
| Partei | 16–24 Jahre |
|---|---|
| Die Linke | 46% |
| AfD | 12% |
| Grüne | 10% |
| SPD | 9% |
| CDU | 8% |
| BSW | 6% |
Es passt leider zu einem Land, in dem kein Vertrauen in die Zukunft herrscht. Die Mediennutzung vieler, die heute älter sind, bestand weitgehend aus dem Lesen der BILD, und ob das war, als sich der Hetze in den sozialen Medien freiwillig auszusetzen, wagen wir zu bezweifeln. Was dabei herauskommt, sieht man unter anderem bei den Antworten auf die heutige Civey-Frage. Die rechten Medien in Deutschland haben immer schon erhebliche gesellschaftliche Schäden angerichtet. Außerdem ist es Sache der Schule, Menschen zu mündigen Bürgern zu erziehen, und zwar nicht erst ab 16. Demokratie-Training muss spätestens mit dem Start in die Sekundarschulen einsetzen.
Aber zurück zu den Parteien. Interessant, dass die AfD gegen die Herabsetzung des Alters ist, in dem Menschen das passive Wahlrecht ausüben dürfen. Sie profitiert davon, vor allem im Osten, dass es eben auch viele schlecht informierte und leicht zu verblendende Jugendliche gibt (generell als Jugendliche gelten Menschen im Alter von 14 bis 17 Jahren). Dass darin ein Risiko für die Demokratie liegt, ist evident. Aber wir meinen, dieses Risiko muss eingegangen werden, denn nichts bindet Menschen mehr an ein System, als wenn sie daran teilhaben und bei ihrer Wahl auch Fehler machen dürfen, die sie mit mehr Erfahrung korrigieren können.
Wir haben schon einmal einen Artikel über die Herabsetzung des Wahlalters geschrieben bzw. die Frage in einem Multi-Umfragen-Beitrag behandelt, das war im Jahr 2023. Umfragen-Marathon: Wird die neue Berlin-Koalition liefern, und wenn ja, was? +++ Bundeswehr-Sondervermögen weiter aufstocken? +++ Wahlalter senken? +++ Wahlen nur noch alle fünf Jahre? (Tagesspiegel, Civey + Kommentar) | Briefing 186 | Umfragen, Politik – DER WAHLBERLINER .
Damals ging es nur um Bundestagswahlen, aber die Argumentation der Gegner war dieselbe und das Abstimmungsverhalten war auch ähnlich wie jetzt. Damals haben wir noch mit „eher ja“ gestimmt, nun schärfen wir unsere Meinung und sagen „eindeutig ja“.
TH
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