Briefing Klima/Umwelt, Klimawandel, CO2-Ausstoß, CO2-Einlagerung, Energiemix, Klimaschutz, Energiewende, Industrie, CO2-Abscheidung, Tropfen auf den heißen Stein, CO2-Vermeidung, Politik, fossile Rohstoffe, Lobbyismus, Schäden durch Lobbykratie
Heute kümmern wir uns wieder ein wenig um Tatbestände, die auch die beste Politik wirkungslos machen, wenn sie nicht bald in den Griff genommen werden. Wie zum Beispiel der übergroße Ausstoß von CO2 in die Erdatmosphäre. Wenn man schon zu rückständig oder dumm, zu gaslobbygesteuer oder was auch immer Sie hier einsetzen wollen ist, um eine dem Klimawandel gerecht werdende CO2-Vermeidungspolitik zu machen – wie wäre es damit, das viele CO2 einfach aus der Luft zu nehmen und „einzulagern“? Dazu hat Statista eine Grafik aufgesetzt:
Infografik: Wie viel CO₂ kann in Speichern eingelagert werden? | Statista

Begleittext von Statista
132 kommerzielle CO₂-Speicherprojekte sind laut dem Report Global Status of CCS (Carbon Capture and Storage bzw. Kohlenstoffabscheidung und -speicherung) aktuell in Betrieb. Zusammengenommen können diese Anlagen der Umwelt jährlich 68 Millionen Tonnen CO₂ entziehen. Seit 1996 wurden weltweit 400 Millionen Tonnen CO₂ eingelagert. Zum Vergleich: Die globalen CO₂-Emissionen beliefen sich zuletzt auf über 35.000 Millionen Tonnen pro Jahr. So gesehen steht die CO2-Abscheidung und -Speicherung noch ganz am Anfang und ist derzeit kaum in der Lage einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu leisten. Das Gros der aktiven Anlage (50) befindet sich in den USA. Dahinter folgen China (27) und Kanada (12). In Europa sind momentan 15 Anlagen in Betrieb, davon fünf in Norwegen. Deutschland verfügt zwar derzeit über keine einzige aktive Anlage, wohl aber sind eine Hand voll Projekte in Planung.
Begleittext von Statista
132 kommerzielle CO₂-Speicherprojekte sind laut dem Report Global Status of CCS (Carbon Capture and Storage bzw. Kohlenstoffabscheidung und -speicherung) aktuell in Betrieb. Zusammengenommen können diese Anlagen der Umwelt jährlich 68 Millionen Tonnen CO₂ entziehen. Seit 1996 wurden weltweit 400 Millionen Tonnen CO₂ eingelagert. Zum Vergleich: Die globalen CO₂-Emissionen beliefen sich zuletzt auf über 35.000 Millionen Tonnen pro Jahr. So gesehen steht die CO2-Abscheidung und -Speicherung noch ganz am Anfang und ist derzeit kaum in der Lage einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu leisten. Das Gros der aktiven Anlage (50) befindet sich in den USA. Dahinter folgen China (27) und Kanada (12). In Europa sind momentan 15 Anlagen in Betrieb, davon fünf in Norwegen. Deutschland verfügt zwar derzeit über keine einzige aktive Anlage, wohl aber sind eine Hand voll Projekte in Planung.
Mehrwert-Recherche
Der obige Begleittext noch kürzer als die Statista-Texte üblicherweise sind, deshalb ist zur sachgerechten Einordnung der CO2-Speicherung als Klimaschutzmaßnahme eine ausführlichere Darstellung notwendig.
CO₂ speichern: Sinnvolle Restlösung, gefährliches Großversprechen
68 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr: So groß ist nach dem Global CCS Institute die weltweite Abscheidungskapazität der bereits betriebenen kommerziellen CCS-Projekte. Gegenüber 35 Milliarden Tonnen jährlichem Ausstoß entspräche das rechnerisch gerade einmal 0,19 Prozent. Tatsächlich liegen die menschengemachten CO₂-Emissionen einschließlich Landnutzungsänderungen noch deutlich höher. Als Ersatz für den Ausstieg aus fossilen Energien ist die Technologie damit keine glaubwürdige Strategie. Als begrenztes Instrument gegen bestimmte industrielle Restemissionen kann sie dennoch sinnvoll sein. Entscheidend ist die Priorität: Emissionen vermeiden, bevor aufwendig entsorgt wird.[globalccsinstitute][publications.jrc.ec.europa]
Was die Statista-Grafik zeigt – und was nicht
Die Grafik veranschaulicht vor allem eine große Projektpipeline. Sie addiert die jährlichen Kapazitäten betriebener, im Bau befindlicher und lediglich geplanter Anlagen: von 362 Millionen Tonnen 2023 über 416 Millionen 2024 und 513 Millionen 2025 auf 522 Millionen Tonnen 2026. Der weitaus größte Teil der jüngsten Säule entfällt auf Planungsprojekte. Die 522 Millionen Tonnen sind deshalb keine vorhandene jährliche Speicherleistung, sondern eine Summe aus Realität und Investitionsabsichten.[ppl-ai-file-upload.s3.amazonaws]
Auch der Statista-Begleittext benötigt Korrekturen. Er nennt 132 betriebene Projekte; die verlinkte Originalquelle weist zum Stichtag 31. Juli 2026 dagegen 113 aus. Die Zahl 68 Millionen Tonnen stimmt überein, bezeichnet beim Global CCS Institute allerdings ausdrücklich Abscheidungskapazität, nicht die tatsächlich jährlich abgeschiedene Menge. Auch Abscheidung und Einlagerung sind unterschiedliche Schritte. Die Darstellung als „Speichervolumen“ vereinfacht daher eine komplexe Prozesskette.[globalccsinstitute][de.statista]
Ebenso missverständlich ist die Formulierung, diese Anlagen könnten der „Umwelt“ jährlich 68 Millionen Tonnen CO₂ entziehen. Konventionelles CCS fängt Kohlendioxid überwiegend an industriellen Emissionsquellen ab, bevor es in die Atmosphäre gelangt. Das verhindert einen Teil zusätzlicher Emissionen, entfernt aber nicht automatisch bereits vorhandenes CO₂ aus der Luft. Eine solche Entnahme leisten andere Verfahren, etwa direkte Luftabscheidung mit anschließender dauerhafter Speicherung, kurz DACCS.[nabu]
Das Größenverhältnis bleibt ernüchternd
Schon gegenüber den genannten 35 Milliarden Tonnen entspricht die vorhandene Kapazität nur ungefähr einem Fünfhundertstel der Jahresemissionen. Bezogen auf die 38,6 Milliarden Tonnen, die die Grafik für 2024 anführt, sind es rund 0,18 Prozent. Selbst die vollständige Verwirklichung aller dargestellten Projekte würde bei unverändertem Emissionsniveau rechnerisch nur etwa 1,35 Prozent abdecken – noch ohne Abzüge für unvollständige Auslastung oder zusätzliche Emissionen der Prozesskette.[globalccsinstitute][ppl-ai-file-upload.s3.amazonaws]
Für eine umfassende Klimabilanz ist außerdem die Bezugsgröße wichtig: Das Global Carbon Budget 2025 beziffert die gesamten menschengemachten CO₂-Emissionen für 2024 einschließlich Landnutzungsänderungen auf rund 42,4 Milliarden Tonnen. Die Formulierung „über 35 Milliarden“ ist zwar nicht falsch, unterschätzt aber als Vergleichsmaßstab die tatsächliche Größenordnung.[publications.jrc.ec.europa]
Die seit 1996 dauerhaft eingelagerten mehr als 400 Millionen Tonnen belegen, dass Speicherung praktisch möglich ist. Sie dürfen jedoch nicht mit einer jährlichen Leistung verwechselt werden: Hier steht die über Jahrzehnte summierte Einlagerung einem einzigen Emissionsjahr gegenüber. Der Vergleich illustriert den gewaltigen Rückstand, ist aber kein unmittelbarer Effizienzvergleich.[globalccsinstitute]
Kaum Wachstum – eine notwendige Präzisierung
Die Behauptung, die realen Kapazitäten wüchsen kaum, trifft nur eingeschränkt zu. Der dunkelgrüne Betriebsanteil der Grafik nimmt zu; zugleich meldet das Global CCS Institute weitere 56 Millionen Tonnen jährlicher Abscheidungskapazität im Bau. Deren Inbetriebnahme könnte die operative Kapazität auf mehr als 100 Millionen Tonnen erhöhen. Das wäre ein erheblicher relativer Zuwachs – allerdings weiterhin von einem winzigen Ausgangsniveau.[globalccsinstitute][ppl-ai-file-upload.s3.amazonaws]
Nahezu stagniert hat zuletzt dagegen die Gesamtsumme einschließlich Planung: von 513 auf 522 Millionen Tonnen, also um knapp zwei Prozent. Daraus lässt sich weder ein vollständiger technologischer Stillstand noch ein bevorstehender Durchbruch ableiten. Die belastbare Aussage lautet: Der Ausbau kommt voran, bleibt gegenüber dem globalen Emissionsproblem aber sehr klein. Angekündigte Kapazität ist zudem noch kein finanzierter, genehmigter und zuverlässig betriebener Klimaschutz.[globalccsinstitute][ppl-ai-file-upload.s3.amazonaws]
Umweltverbände: keine einheitliche Front
Der BUND lehnt den industriellen CCS-Ausbau grundsätzlich ab. Auf seiner eigenen Themenseite bezeichnet er CCS als teuer, störanfällig und energieintensiv. Seine zentralen politischen Einwände betreffen nicht nur mögliche Leckagen, sondern die Gefahr, dass neue Entsorgungsinfrastruktur den Weiterbetrieb fossiler Anlagen absichert. Der Verband fordert unter anderem keine Subventionen für CCS und „blauen“ Wasserstoff sowie keine gesellschaftliche Übernahme der Haftung für CO₂-Endlager.[bund]
Der NABU argumentiert differenzierter. Er erkennt technische Verfahren als möglichen Klimaschutzbaustein an, verlangt aber einen klar begrenzten Einsatz. Seine Stellungnahme zur Reform des Speicherungsgesetzes warnt davor, CCS prinzipiell für alle Branchen zu öffnen: Das schwäche die Emissionsvermeidung und erwecke den Eindruck unbegrenzter technischer Möglichkeiten. CCS müsse auf unvermeidbare Restemissionen ausgewählter Industrieprozesse wie Kalk und Zement beschränkt bleiben.[nabu][bundestag]
Eine solche begrenzte Rolle vertreten NABU und WWF auch in einem gemeinsamen Thesenpapier mit Industrie und Gewerkschaften: Vorrang haben Emissionsminderung, erneuerbare Energien, Effizienz und natürliche Senken; für wenige industrielle Bereiche werden technische Lösungen dennoch benötigt. „Die Umweltverbände“ pauschal als Befürworter oder Gegner darzustellen, wäre deshalb irreführend. Gemeinsam ist den Positionen vor allem die Ablehnung eines fossilen Weiter-so unter technischem Klimaschutzetikett.[nabu]
Wo Speicherung sinnvoll sein kann
Der stärkste Anwendungsfall liegt nicht dort, wo sich fossile Energie durch erneuerbare ersetzen lässt, sondern bei prozessbedingten Emissionen. Bei der Herstellung von Zementklinker wird CO₂ auch durch die chemische Umwandlung des Kalksteins freigesetzt. Erneuerbare Prozessenergie allein beseitigt diese Emissionsquelle nicht. Der WWF benennt deshalb neben veränderten Baustoffen und klimafreundlicheren Zementen auch die Abscheidung als Handlungsoption.[wwf]
Allerdings darf „unvermeidbar“ nicht einfach bedeuten, dass eine Alternative betriebswirtschaftlich unbequem ist. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen empfiehlt eine technisch begründete Abgrenzung: CCS soll dort eingesetzt werden, wo Prozesse nicht auf CO₂-freie Verfahren umgestellt oder Produkte nicht entsprechend ersetzt werden können. Das spricht für gezielte Infrastruktur statt eines flächendeckenden Entsorgungsangebots für beliebige Emittenten.[umweltrat]
Die entscheidende Bilanz reicht über das Bohrloch hinaus
Abscheidung benötigt Energie, ebenso Verdichtung und Transport. Deshalb ist eine eingelagerte Tonne nicht automatisch eine netto vermiedene Tonne. Maßgeblich sind die zusätzlichen Emissionen der gesamten Kette, die Herkunft der Energie, die verbleibenden Abgasemissionen und die dauerhafte Dichtigkeit des Speichers. Der NABU betont entsprechend sowohl den hohen Energiebedarf als auch die Notwendigkeit langfristiger Kontrolle.[nabu]
Daraus folgt ein anspruchsvoller politischer Maßstab: Förderung sollte nachweislich vermiedene Nettoemissionen honorieren, nicht bloß gebaute Anlagen oder angekündigte Kapazitäten. Betreiber müssen Überwachung, Sicherheitsreserven und langfristige Verantwortung finanzieren. Andernfalls droht ein Geschäftsmodell, bei dem private Unternehmen heutige Erlöse erzielen und die Allgemeinheit spätere Risiken übernimmt – genau eine der zentralen Befürchtungen des BUND.[nabu][bund]
Die geringe heutige Größenordnung beweist somit nicht die Nutzlosigkeit jeder CO₂-Speicherung. Sie widerlegt aber das Versprechen, damit ließe sich die fossile Weltwirtschaft bequem fortsetzen. Vernünftig ist CCS als sorgfältig begrenzte Ergänzung einer konsequenten Vermeidungsstrategie. Unsinnig wird es, sobald die Hoffnung auf spätere Entsorgung zum Argument gegen heute mögliche Emissionssenkungen wird.
Schlusskommentar
Sie kennen das von uns: Wir können differenziert. Mittlerweile besonders gut, wenn wir eine unaufgeregte KI über Tatbestände nachdenken lassen. Dann stoßen wir im Kommentar blitzschnell politisch zu. Sofern rechte Politiker den Klimawandel nicht im Ganzen leugnen oder ihn für vernachlässigbar halten, insofern auch nicht konservativ im Sinne von die Welt bewahrend denken und handeln, versuchen Sie, kleine Maßnahmen wie die CO2-Speicherung zu einem riesigen Ballon aufzublasen. Ja, es mag sein, dass es industrielle Verfahren gibt, bei denen die CO2-Abscheidung sinnvoll eingesetzt werden kann. Aber am allermeisten geht es um Vermeidung von CO2-Ausstoß, und diese Vermeidung ist in fast allen Wirtschaftsbereichen möglich. Sie muss aber staatlich begleitet und gefördert werden, denn der anfängliche kostenseitige Wettbewerbsnachteil einer umgerüsteten, transformierten Wirtschaft gegenüber billigen Dreckschleudern irgendwo in der Welt ist evident. Um ihn zu mindern, muss eine hochgradig klimaschützende Wirtschaft selbst geschützt und unterstützt werden – und vor allem muss der Energiemix verbessert werden. Autarkie auf diesem Gebiet ist in Deutschland nur mit erneuerbaren Energien möglich und der Schlüssel für künftigen Wohlstand, begleitet von einer Industrieproduktion, die generell mit weniger fossilen Rohstoffen auskommt als heute, die mehr kreislauforientiert und auf Ersatz für seltene Erden und andere strategische Rohstoffe ausgerichtet ist, mit denen man Länder wie Deutschland, die selbst nicht über hinreichende Vorkommen verfügen, allzu gut erpressen kann. Möglich ist das alles, aber nur in einer konzertierten Aktion von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die gemeinsam in einer guten Richtung voranschreiten wollen. Nicht hingegen mit Politikern, die sich vor allem als Lobbyist:innen fossiler Energieträger hervortun. Nicht mit einer Regierung, die, wenn sie überhaupt einmal die Menschen entlastet, nach einem dümmlichen Gießkannenprinzip für Vielverbraucher von fossilen Rohstoffen am meisten tut und damit Menschen, die progressiv denken, bestraft. Wir notieren also, die CO2-Speicherung kann in bestimmten Fällen sinnvoll sein, wird aber niemals eine Transformationspolitik ersetzen, die diesen Namen verdient.
TH
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