Der Wahlberliner ist zurück

Das Kultur- und Politik-Weblog „Der Wahlberliner“ war von März 2011 bis Ende 2016 online und wurde vom Blog „Rote Sonne 17“ abgelöst. Nun die Kehrtwende, der Rollback. Warum?

Ausgelöst wurde die Entscheidung nun durch technische Gründe. Ich hatte die Faxen mit dem Provider dicke, dem ich für „Rote Sonne 17“ das Vertrauen schenkte. Ich bin wieder zu WorPress gewechselt, dieses Mal sogar mit Bezahlversion, um die begehrte Adresse „derwahlberliner.com“ einrichten zu können, ohne Zusätze.

Aber das war es nicht alleine, oder?

Ich will hier nicht ins Detail darüber gehen, was ich bei dem Anbieter, bei dem „Rote Sonne 17“ gehostet ist, alles beobachtet habe und WordPress ist auch in einigen Dingen nicht mehr so knorke, wie es 2011 war, bei gleichzeitig enorm gestiegenen Anforderungen an die Blogger allein aus datenschutzrechtlichen Gründen. Aber ich fühle mich wieder mehr zuhause in diesem Setting, einfach ein Stück weit sicherer – obwohl auch diese Firma natürlich mit der anderen zusammenarbeitet.

Wie war die Bilanz von „Rote Sonne 17“?

390 Beiträge von März 2017 bis Mitte Juni 2018, davon 325 veröffentlicht, davon 151 in der Rubrik (politischer) Kommentar. Aber die Zugriffszahlen haben trotz einiger Besonderheiten nie diejenigen des Original-Wahlberliners erreicht, der im Durchschnitt auf etwa 6.000 Besucher_innen monatlich kam, mit Spitzen von fast 10.000. Auch das ist noch kein Megablog, Influencer_innen bei Instagram werden das eher läppisch finden, aber für ein Blog, auf dem man nicht nur Bildchen gucken, sondern auch lesen muss, war es okay und besonders bei den Fernseh-Rezensionen für die Reihe Tatort gab es nach einiger Zeit eine richtige Fangemeinde.

Warum wurde Ende 2016 der Wahlberliner überhaupt aufgegeben?

Weil ich mich aufgrund meines politischen Engagments nicht mehr anonym verorten wollte und es nicht für eine gute Idee hielt, das bisherige Blog einfach auf meine Realpersona überzuleiten. Zur Erinnerung: 2011 wollte ich aus beruflichen Gründen keinesfalls mit politischen Beiträgen im Netz hervortreten und ein Hobby wie das Schreiben an sich wird ja in meiner angestammten Branche bereits von vielen als strange angesehen. Okay, nicht nur dort. Und das Pseudonym war cool, das muss man einfach sagen. Es passte perfekt zu dem Logo, das ich nun vorerst weiterverwende.

Kriegen wir das Pseudonym hier verraten?

Natürlich nicht. Einige wissen ja inzwischen davon, auch einige Leser_innen, die mittlerweile ab und zu bei  „Rote Sonne 17“ vorbeischauen. Doch mittlerweile ist genug Übergangszeit verstrichen. Trotzdem wollte ich ein neues Blog, nicht das alte wieder in Gang setzen und nur das Pseudonym unauffällig gegen meinen wirklichen Namen austauschen. Immerhin wird ja – ohne jeden Zusatz, also nicht etwa „Der Wahlberliner 18“ oder „2.0“ der alte Name weitergeführt und glücklicherweise war die .com-Adresse dazu noch frei.

Gab es auch inhaltliche Gründe für den abermaligen oder Rückwechsel?

Allerdings, die gingen dem Ärger über die Technik schon voraus, am Ende kam beides zusammen. „Der Wahlberliener“ war mein Ding, mein journalistisches Kleinkind. „Rote Sonne 17“ hingegen war dem Willen geschuldet, mich politisch wieder aktiv einzubringen und das Blog eventuell auch als zusätzlichen Verteiler für parteipolitische Zwecke zu nutzen. Das hat sich nicht ergeben und mittlerweile halte ich es für unbedingt angeraten, mich wieder deutlich unabhängiger zu stellen.

Also auch politische Abschiedsstimmung?

Nicht, was meine Einstellungen angeht. Im Gegenteil, ich spüre Altersradikalität in mir wachsen. Ein halber Scherz. Meine politischen Beiträge sollen sogar schärfer werden, dazu ist aber auch Distanz zu der Partei notwendig, der ich weiterhin angehöre und der ich mich weiterhin zugehörig fühle. Dies beinhaltet auch eine Distanz gegenüber der subjektivjournalistischen Webpräsenz, die ich in der Anfangszeit meiner Mitgliedschaft ins Leben gerufen habe. Da steckten Ideen, vielleicht auch ein paar romantische Träumerereien dahinter, die sich angesichts des gesamten Portfolios als zu optimistisch erwiesen haben –  diese nie versiegende Quelle menschlicher Eitelkeiten und Unzulänglichkeiten macht mir nun einmal einiges an Kummer und darüber will ich offen schreiben können – freilich nur im Zusammenhang mit politischen Fehlern. Jedoch ohne taktische Rücksichten. Sollte es da kluge Menschen geben, die mich trotzdem sinnvoll einsetzen wollen – also, dort, wo ich es für sinnvoll halte – gerne, aber die kritische Betrachtung  gehört nun einmal zu mir und ich halte sie  für links, denn links sein heißt, stets die Gegenwart zu hinterfragen. Mehr aber an dieser Stelle dazu nicht.

Bleibt die inhaltliche Ausrichtung spartenseitig erhalten? Weiterhin Politik und Kultur?

Ich habe mich in den politischen Berichten auch verzettelt, die Kultur kam zu kurz. Tut sie bei mir im Moment aber sowieso, also war die Akzentuierung von „Rote Sonne 17“ schon in etwa meiner Lebens- und Interessenlage im letzten Jahr entsprechend gestaltet. Aber auch die einzelnen Features Kommentar, Analyse, Medienspiegel, Report und die beiden Kulturreihen Filmfest und Crimetime werde ich so übernehmen, wie sie zuletzt in „Rote Sonne 17“ verwendet wurden. Es war nicht alles falsch.

Jetzt fehlen aber nach der Aussage über die Aktivität von „Rote Sonne 17“ noch die zum ersten Wahlberliner-Blog.

Die habe ich nicht im Kopf, Moment, ich schau nach. Okay. 1452 veröffentlichte Beiträge, 17 Entwürfe innerhalb von sechs Jahren, darunter 440 für die „TatortAnthologie“ also überschlägig eine ähnliche Fequenz wie bei „Rote Sonne 17“, aber stark schwankend ab etwa 2013. Es gab ja nun eine Zeit, in der ich andere Baustellen hatte, als jeden Tag zwei bis drei Artikel zu schreiben – damals habe ich auch nicht mehr fiktional geschrieben, was nun ebenfalls langsam zu mir zurückkehrt.

Verträgt sich die Blogarbeit mit dem Fiktionalen?

Nicht sehr gut. Es sind zwei doch sehr unterschiedliche Herangehensweisen ans Texten. Und meine Kapazität ist nun einmal begrenzt. Nach 2000 bis 3000 Wörtern am Tag bemerke ich Ermüdungserscheinungen und bin auch generell nicht mehr ganz so konzentriert und mache häufiger Tippfehler als früher. Und je mehr für Beiträge auch noch recherchiert und vielleicht grafisch gearbeitet werden muss und alles sowas, desto mehr Energie zieht es. Und allein zu arbeiten und nur Klicks als Lohn zu bekommen, was ja nach der Vorstellung einiger Scheinlinker, die eher zu den Piraten gehen sollten, die bald gänzlich kostenfreie Informationswelt der Zukunft darstellen soll, das erfordert viel Kraft und wird, falls es so kommt, und es zeichnet sich seit Jahren ab, dass selbst große Medien kaum genug zahlende Abonnent_innen für ihre Online-Ausgaben erwirtschaften können, den journalistischen sowie den gesamten kreativen Output mindestens qualitativ weiter nach unten drücken.

Was ist dann die Motivation dafür, den Wahlberliner wiederzubeleben?

Es reizt mich, herauszufinden, ob es nochmal funktioniert, diese Präsenz aufzubauen. Das Dilemma aber wird bleiben, dass mir kurze Beiträge zu wenig differenziert sind und längere bei heutige üblicher Medienrezeption nicht viele Leser finden dürften.

Wie wär’s mit einer Kommerzialisierung?

In Form einer Paywall sicher nicht, bei einem Einpersonen-Zwei-Themengebiete-Blog. Aber vielleicht müssen sich die Leser_innen, sollten die früheren Zugriffszahlen wieder erreicht werden, mit ein wenig Werbung abfinden. Die können sie dann ja mit einem Adblocker wegdrücken, der wiederum von Google, falls sie Crome als Browser haben, beim Neustart des Computers dezent aus der Plugin-Leiste eliminiert wird.

Wird die durchgängige Rezension neuer Tatorte weitergeführt?

Ich kann jetzt sogar zielgruppenorientiert arbeiten und diese Rezensionen auf meinem seit März bestehenden Facebook-Autoren-Account teilen, aber sie aber auf meinem Hauptaccount weglassen, dort aber die poltischen Beiträge, die wiederum nicht auf der anderen Facebook-Seite. Das ist SMM vom Feinsten. Und genau deshalb frage ich mich, wie lange es noch dauert, bis diese Blase mit den hoffnungslos überbewerteten Internetunternehmen platzen wird.

Wird es nicht rechtlich immer schwieriger für Privatleute, im Internet Blogs zu betreiben, dazu welche mit politischen Inhalten?

Was auf den ersten Blick aussieht wie eine endliche, lange erwartete Regelung des Wildwuchses im WWW, wie der Versuch, da ein wenig Ordnung zu Gunsten der Verbraucher reinzubringen, ist in Wirklichkeit ein Schritt auf dem langen Weg raus aus der Meinungsfreiheit, ebenso wie das NetzDG. Man produziert sich mit Regelungen, die weder juristisch noch bezüglich des geregelten technischen Bereiches von Verbrauchern auch nur ansatzweise verstanden werden und deren Einhaltung seitens der anderen Seite von ihnen erst recht nicht verifiziert werden kann. Hingegen versetzt man vor allem die Internet-Publizisten, die nicht durch die Rechtsabteilungen von Großmeden geschützt sind, im Bermuada-Dreieck des Kampfes um die Bedeutungshoheit über die Begriffe, der  Ausspähung der ansatzweise Renitenten und der allgegenwärtigen Drohungmit juristischen Konsequenzen bei unklarer Rechtslage, gegen die deshalb auch keine private Rechtsschutzversicherung Schutz bietet, man versetzt Kohorten engagerter Blogger in Angst und Schrecken. Und genau das ist der Sinn des Ganzen. Endlich die freidrehende Community wieder in den Griff der Mainstream-Medien und damit der Mächtigen zu bekommen. Dagegen wird der Wahlberliner unter anderem anschreiben. Und sei es nur, damit ich mir Luft verschaffe gegen die Wut über das, was sich in dem Bereich seit Jahren abspielt.

Wäre es nicht eine gute Idee, sich bewegungsmäßig anzubinden, um dem Wahlberliner exklusiven Content zu verschaffen und in eine stärkere Gemeinschaft Gleichgesinnter eingebunden zu sein?

Meine Rezensionen sind exklusiv, bitte. Doch Bewegung wo? Im Park? Politisch? Bei letzterer Verortung darf ich ja nicht mal mehr Fotos von Events machen, auf denen Menschen zu sehen sind. Ich darf nur noch zu Events gehen, bei denen ich der einzige Interessent bin und dann ein Selfie schießen, das beweist, dass ich ganz alleine dort war und natürlich von mir selbst eine schriftliche Genehmigung dafür einholen, die ich bei Bedarf vorlegen kann. Aber auch dieses Thema ist zu groß für diesen Beitrag in eigener Sache. Doch alles passt ins Bild von einer Elite, die alles mobilisiert, was sie zur Verfügung hat, um die Menschen zu piesacken und ihnen die innere Freiheit zu nehmen, sie zu marginalisieren, bevor es dann so richtig an die äußere – sic! – Bewegungsfreiheit geht. Das, was jetzt läuft, ist noch mehr Testphase, manchmal werden Sicherheitsinteressen vorgeschoben, manchmal der Verbraucherschutz, man will in Ruhe schauen, wie man gehen kann, derweil sich Trolle im Netz gegenseitig fertigmachen. Und man kann weit gehen, Grenzen verschieben, Bürgerrechte abbauen, Stückchen für Stückchen, weil die meisten schon so durch sind, so mit Ressentiments angefüllt, dass sie keinen Kopf mehr fürs größere Ganze haben. Also: keine Hektik, keine falschen Bewegungen. In der Bierruhe liegt die Kraft. So viel zu den Deutschen und den politischen und durch Interesse an Demokratieerhaltung und Solidarität motivierten Bewegungen. Da bewegt sich nur noch die Tastatur, wenn Hatespeech zu verfassen ist.

Der Wahlberliner tut also not. Scharf, aber analytisch.

Für seinen Betreiber ganz gewiss. Man sieht ja, wie es immer, geradezu zwangsläufig, ins Inhaltliche tickert. Aber dadurch bekommt man auch einen Eindruck von der stadtneurotischen Persona des Betreibers, dem ich an dieser Stelle das gnädige Ich verweigere. Das ist auch ganz gut so. Man soll das wissen, denn eine gewisse Hellsichtigkeit hat genau damit zu tun, dass der Kulturpessimismus manchmal nicht zu bändigen ist, angesichts meiner täglichen Beobachtungen.

Werden es noch einmal fünf oder mehr gute Jahre für den Wahlberliner? Ist Unzufriedenheit ein starker Antrieb?

Wenn die ein nur Antrieb wäre, könnte ich mit dem Fahrrad auf den Mars pedalieren. Aber es muss auch viel Zynismus hinzukommen, damit die Energie für derlei Ausflüge reicht. Und wäre ich dort, hätte ich nicht so sehr den Wunsch wie der sympathische Marsianer vor ein paar Jahren, da wieder wegzukommen. Ich würde meine Kreativität eher darauf richten, dass ich verhindern kann, dass da oben jemand meine Ruhe stört. Aber wenn wir bei den Orten sind: Dadurch, dass das Blog nun wieder eine regionale Zuordnung im Titel hat, sollte das immerhin ein Antrieb sein, Berlin wieder mehr zu durchforschen, so, wie in meinem ersten Jahren hier. Das wird also wieder eine mehr unruhige Phase.

Muss man jemanden warnen?

Nur die Stelle, die Journalisten gewerblich registriert, diejenigen, die ich danach zum freien Zugang für mich zu allen hippen Veranstaltungen zwingen werde, auf denen man einander gut anöden kann, und die Online-Drucker von Business-Karten. Halber Scherz. Vielleicht.

Dann viel Erfolg für die zweite Auflage des Wahlberliners!

Jo.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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