Die Bewegung Wagenknecht – eine kritische Reflektion

Analyse 1

Die Regierungspolitik ist ein Kinderspielplatz, auf dem Sandburgen zerstört werden, die dann am nächsten Tage wieder aufgebaut werden dürfen, unter der verständnisvollen Aufsicht der Großkonzerne, ein kapitalistisches Projekt des ewigen Gleichmaßes in Zank und Seitwärtsbewegung, die Opposition dringt trotzdem nicht zu den Wählern durch – bis auf die AfD, die immer mehr von ihnen für sich gewinnen kann.

DIE LINKE hingegen profitiert kaum von den kläglichen Politikzuständen in Deutschland. Und da kommt Sahra Wagenknecht, immerhin deren Fraktionsvorsitzende, auf die Idee, eine überparteiliche Sammlungsbewegung zu gründen. Bald werden wir auch den Namen wissen, laut ihrer letzten Mail ans „Team Sahra“ ist man eifrig dabei, die Namensvorschläge derer zu sammeln, die sowieso von Wagenknecht bewegt sind – die Plattform „Team Sahra“ war als Unterstützungsmodul für sie für den Bundestagswahlkampf 2017 gegründet worden.

Das Für und Wieder bezüglich dieser Bewegung hat sich nicht zuletzt auf dem Bundesparteitag im Juni 2018 in Leipzig wieder Raum verschafft. Viele in der LINKEN haben Angst vor einer Spaltung der Partei. Nun fragen wir uns also, kann eine solche Bewegung in Deutschland funktionieren und Wähler binden?

Wir müssen diese so einfach klingende Frage anhand von pointierten Antworten versuchen in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel: Was ist eine politische Bewegung? Das sollte man erst einmal klären, bevor man darüber spricht, was sie bewirken könnte, hier und heute.

Was ist eine politische Bewegung?

„Eine politische Bewegung ist eine soziale Bewegung, die politische Ziele durchzusetzen versucht. Eine politische Bewegung kann um einen einzelnen Punkt herum organisiert sein oder eine breitere Agenda haben. Im Gegensatz zu einer politischen Partei geht es einer politischen Bewegung nicht darum, Mitglieder der Bewegung in Regierungsämter wählen zu lassen. Stattdessen versucht sie die Bürger im Allgemeinen oder bestimmte Teile der Bevölkerung von ihren Zielen zu überzeugen (…).Eine politische Bewegung kann lokal, regional, national, oder international sein. Zu den klassischen Beispielen zählen der Liberalismus und Nationalismus, der Abolitionismus, der Anarchismus, die Bewegungen für das Frauenwahlrecht, die Arbeiterbewegung, die Bewegungen für das allgemeine Wahlrecht, die antikolonialistischen Bewegungen und die Friedensbewegung. Zu den neueren Beispielen zählen die internationale Menschenrechtsbewegung, die zweite Welle des Feminismus (seit den 1960er Jahren), die Ökologiebewegung, die Schwulenbewegung, die Behindertenbewegung, MoveOn.org in den USA, die Ratana-Bewegung in Neuseeland, Sinn Féin in Irland, die Antiglobalisierungsbewegung und die Provo-Bewegung in den Niederlanden.“ (Wikipedia)

Von all diesen Bewegungen war besonders die Friedensbewegung ab den 1970er Jahren in Deutschland sehr stark. Deutschland lässt sich also bewegen, das darf man grundsätzlich festhalten?

Ich habe wirklich wegen Phänomenen wie diesem nochmal verstärkt über meine Ansicht nachgedacht, dass politisches Bewegungswesen nicht sehr deutsch ist. Ja, die Friedensbewegung war eine Massenbewegung. Sie war aber trotzdem ein Minderheitenprojekt einer damals jungen akademischen Elite, deren linkspazifistischem Teil, aus dem die GRÜNEN  als politische Partei hervorgegangen sind und dabei ist es bis heute geblieben – nur, dass die GRÜNEN nicht mehr besonders friedensorientiert sind. Im Grunde ist die Friedensbewegung sogar ein Beleg dafür, dass sich schließlich doch alles institutionalisiert und dabei immer mehr verflacht. Natürlich, wir reden von einer jahrzehntelangen Entwicklung. Aber all dies ist erstarrt und marginalisiert. Wer heute noch zu Friedensdemos geht, ist ein Mensch mit Sinn für die Rituale, die er gelernt hat, als er jung war und die er nicht aufgeben möchte, aber nicht jemand, der noch ernsthaft an seine politische Gestaltungsmacht glaubt. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland möchte sicher den Frieden, aber wählt Parteien, welche die Bundeswehr in immer mehr ausgreifende Einsätze in andere Länder schicken. Auch die Neupartei AfD tickt so. Nur DIE LINKE nicht, gewinnt daraus aber keine Massenwirksamkeit.

Aber Sahra Wagenknechts Bewegung zielt ja nicht primär in diese Richtung, sondern aufs Soziale.

Eine soziale Bewegung wäre das, was Deutschland und nicht nur Deutschland jetzt wirklich bräuchte. Ich verstehe alle sehr gut, die sich das wünschen. In der obigen Wikipedia-Definition wird nicht darauf eingegangen, ob die neuen politischen Kräfte in Europa, die es zuhauf gibt, tatsächlich im Sinn dieser Definition Bewegungen sind.

Sind wie es?

Um das eindeutig zu beantworten, müsste man jede dieser Kräfte einzeln untersuchen. Im Wesentlichen sind sie das aber für mich nicht. Es sind vielmehr Sammlungsparteien, die auf den Trümmern bisheriger politischer Organisationen entstanden sind und in ein Vakuum stießen, das diejenigen geschaffen haben, die linke Parteien in Europa und anderswo durch ihre Anbiederung an den Kapitalismus zugrunde gerichtet haben. Die Sozialisten des Ex-Präsidenten Francois Hollande in Frankreich und die SPD in Deutschland sind herausragende Beispiele dafür, wie sich die Sozialdemokratie selbst demontiert. Und da ja nun doch nicht alle, die sich von diesen haltlosen Parteien nicht mehr repräsentiert sehen, gleich zum Front National oder zur AfD gehen wollen, ist es nicht so schwer für jemanden, der daherkommt wie Jean-Luc Mélenchon in Frankreich und anfängt, die am Boden Zerstörten, die an irgendetwas Linkes glauben möchten, einzusammeln. Aber ist das eine linke Bewegung? Ich meine, nein. Es ist eine Gruppe, die sich  hinter einem früheren Linkssozialisten schart, der mit einer nicht sehr angenehmen Mischung aus wirklich linken Forderungen und nationalistischen Tönen Politik macht. Aber seine La France insoumise („LFi“) ist auch eine politische Partei, und das ist ganz wichtig zu wissen. Man kann sie und ihren Vorsitzenden wählen.

Weil die Wagenknecht-Bewegung keine Partei sein soll?

Man muss den  Menschen die Wahrheit sagen, das gilt auch für Sahra Wagenknecht. Eine Wahrheit, die zwar nicht alle mögen werden, die aber einen hohen Glaubwürdigkeitsbonus hat. Alle sogenannten Bewegungen in Europa, die in den letzten Jahren entstanden sind, sind in Wirklichkeit politische Parteien, die den bisherigen Parteien Konkurrenz machen. In Frankreich z. B. trifft das auf die LFi in Bezug auf die Kommunisten zu, aber natürlich raubt sie auch den Sozialisten die Möglichkeit, sich wieder aufzurichten und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Diese neuen Parteien aber haben nirgendes das linke Spektrum im Ganzen vergrößert, sondern in Italien zu einer seltsamen Rechts-Mitte-links-Regierung kein Gegengewicht gebildet und in Frankreich hat zwar Jean-Luc Mélenchon ein Wählerpotenzial von etwa 20 bis 25 Prozent aktiviert, was man ja nach aktuellen Umfragen auch einer von Sahra Wagenknecht geführten linken Bewegung in Deutschland durchaus zutrauen kann. Aber wir sehen hier gleich zwei Großprobleme: Das erste liegt auf der Hand. Es ist doch unsinnig, Umfragen zu machen, in denen nachgeschaut wird, wie viele Menschen eine Bewegung wählen würden, wenn immer wieder von deren Gründerin in spe herausgestellt wird, dass sie gar nicht geschaffen wird, um gewählt zu werden. Und in Frankreich haben Neoliberale wie Emmanuel Macron und die, wie in Deutschland, eher als die klassische Linke noch erhaltenen Konservativen um Fillon und der Front National mehr als  zwei Drittel der Wähler hinter sich. In einem Land, in dem es mal eine Volksfrontregierung gab und in dem das links sein als Zustand der Massen quasi erfunden wurde.

Also kein Linksruck durch die linken Neukräfte – obwohl sie wählbare Parteien sind?

Deswegen kommt die Ehrlichkeit ins Spiel. Sahra Wagenknecht soll den Menschen bitte sagen, dass sie mit dieser Bewegung mindestens DIE LINKE auf ihren Kurs bringen will, dann hätte diese Bewegung ja ihren Zweck vielleicht für Wagenknecht auch erfüllt – oder das sie eine Alternative zu DIE LINKE werden soll. Die sogenannte gesellschaftlich linke, trotzdem volksnahe Alternative, von der sie redet. Progressiver Populismus. Wobei ich das Wort Populismus nicht so negativ besetzen möchte, denn für wen als fürs Volk oder die Bevölkerung sollen Politiker da sein? Wessen Wünsche aufnehmen und in Realpolitik gießen, wenn sie ihren Job ernst nehmen und sich nicht von den Konzernen einhegen oder gleich direkt kaufen lassen? Aber hier und heute geht es um das Wesen von Bewegungen, nicht um die Hoheit über den Begriff Populismus.

Wagenknecht weiß also, dass sie eben doch etwas gründen muss, das wählbar ist, wenn sie nicht steckenbleiben und unnötig ihre und die Energie vieler anderer Menschen verschwenden will?

So sieht es aus. Es sei denn, sie kann damit die andere Seite in der LINKEN beiseite drücken, die Kipping-Fraktion. Die aber ist in der LINKEN sehr gut verankert und selbst in stürmischen Zeiten wurden Kipping und Riexinger mit Mehrheiten von fast zwei Dritteln bzw. fast drei Vierteln der Parteitagsdelegierten gewählt. Das sind unter diesen Umständen gar keine so miserablen Ergebnisse, auch, wenn es keine Gegenkandidat_innen gab. Aber es ist klassisches Parteiwesen, es ist Kaderbildung, es ist antibewegungsmäßig. Und auch Wagenknecht wurde in diesem System politisch groß, das darf man nicht vergessen. Ebenso ihr Mann Oskar Lafontaine, der nach meiner Ansicht wesentlich am Bewegungszug mitkonstruiert hat, welcher nun von vorne und von oben, nicht von unten in – ja, in Bewegung gesetzt werden soll.

Das ist also bereits ein weiterer Kritikpunkt – die Kopflastigkeit eine Wagenknecht-Bewegung?

Eine große Horde Fans, die hinter Wagenknecht herlaufen, sind für mich nicht das Gleiche wie eine soziale Bewegung, die von unten entsteht und sich dann ihre Anführer_innen sucht. Natürlich braucht es diese Leitfiguren und hierarchielos ist vor allem ein typischer neoliberaler Fake von Menschen, die verdeckt führen wollen, anstatt es offen zu tun und dann auch den Kopf hinzuhalten, wenn etwas schiefgeht. Aber die Menschen in einer Bewegung sind normalerweise Teil einer Idee, eines größeren Ganzen, nicht Fans, wie bei einem Star oder, aktuell, der Fußballnationalmannschaft.

Das sind grundlegend verschiedene mentale Zustände. Das ist ein anderes Selbstverständnis. Ein Mensch, der in einer sozialen Bewegung seinen Sinn gefunden hat, ist der Förderer, Forderer und Antreiber einer solchen Bewegung gleichermaßen, fühlt sich den Graswurzeln dieser Bewegung nah, aber er lässt sich nicht von oben vorschreiben, wie, wann, in welche Richtung er sich in Bewegung zu setzen hat. Und die Deutschen, so jammerschade das ist, sind sozial überhaupt nicht in Bewegung, auch nicht diejenigen, die immer mehr die Nachteile des Neoliberalismus zu spüren bekommen. Sahra Wagenknecht kann hingegen im Prinzip nicht mehr tun, als sie bisher getan hat: Immer den Finger in die Wunden unseres System legen, nachbohren, die Regierung nerven, die Medien bespielen, viele Menschen auf Veranstaltungen zum Jubeln bringen. Die stehen aber dort, sie rennen nicht zum Kanzleramt und begehren auf und begehren Einlass. Diesen optischen Unterschied empfinde ich als ich durchaus tiefgründig und von hohem Symbolwert.

Wenn Wagenknecht es also nicht geschafft hat, von der LINKEN aus die Menschen in Bewegung zu setzen, wird sie es auch mit einer Sammlungsidee nicht schaffen, die, im Gegensatz zur LINKEN, nicht einmal gewählt werden kann?

Linke haben oft hohe Ideale und das muss auch so sein. Damit heben sie sich von der Mehrheit ab und werden von ihr manchmal nicht verstanden. So ist es mit der Open-Border-Politik, die in Deutschland, einmalig in Europa, von einer linken Partei gefordert wird. Zumindest von der Mehrheit derer, die sich auf dem letzten Bundesparteitag versammelt haben. Wagenknecht findet diese elitäre Position hinderlich und sie ist auch nicht sehr pragmatisch, diese Position. Aber ist Wagenknecht pragmatisch? Auch sie ist elitär und weit intellektueller als die meisten derzeitigen Protagonisten der LINKEN. Und auch sie hat es vielleicht nicht so mit der Psychologie der Massen, obwohl sie viel massenwirksamer ist als alle anderen in ihrer Partei.

Eine Bewegung braucht also immer auch ein psychologisches Momentum, und das gibt es derzeit nicht?

Bürgerliche Politiker sind im Vergleich zu Linken leider die besseren Menschenversteher, weil sie nicht so extrem von ihren eigenen ethischen Ansprüchen beherrscht sind und dadurch nicht so sehr Gefahr laufen, sich der Wirklichkeit zu entziehen, denn sie gehören ja sehr selten zu denen, die von der Wirklichkeit den schlechteren Teil abbekommen haben. Wagenknecht glaubt, sie weiß es besser. Und verlässt sich auf Umfragen, die sie nur noch knapp hinter Angela Merkel sehen, ihre Beliebtheit in der Bevölkerung betreffend. Die Rechnung ist einfach: DIE LINKE ist nur gut für zehn Prozent, ich hingegen für dreißig, da stimmt doch wohl was nicht. Ich gebe viel, biete viel, aber DIE LINKE, der Wolkenkuckucksheimclub, dem ich leider angehöre, der kann es nicht in Wählerstimmen umsetzen, weil die Menschen registrieren, dass ich an viel Mist in dieser Partei leider gefesselt bin. Aus Wagenknechts Sicht ist das psychologisch nachvollziehbar, außerdem sind die Angriffe auf sie gerade der Treibstoff, aus dem sich die Wagenburg-Mentalität speist, die zum Beispiel daraus sichtbar wird, wie diese Bewegung nun entstehen soll.

Per Dekret, nicht per Mitnahme der Genossen?

Ich sagte, ich schreibe Oskar Lafontaine vieles an dieser Idee zu, und der war immer schon so, dass er die Leute gut manipuliert hat und wenn er sich damit nicht durchsetzen konnte, dann folgte die Demission. Den Nerv für die politische Kärrnerarbeit, dafür, allein einer Vorwärtsbewegung zu vereinen, hat er nicht wirklich, dafür ist er zu rechthaberisch und zu durchsichtig machiavellistisch – und beeinflusst natürlich auch seine Frau mit dieser Haltung. Daraus wiederum entsteht die Wagenburgmentalität, die nicht berücksichtigt, dass es zum Beispiel ziemlich seltsam auf andere wirkt, dass Wagenknecht mit der Presse andauernd über die Bewegung kommuniziert und auch mit ihrem Unterstützerteam, was mir persönlich ja immerhin das Gefühl gibt, irgendwie dabei zu sein – aber eben mehr als Fan denn als gleichberechtigter Mitwirkender. Dieses Vorgehen lässt aber viele Menschen, auch solche in der LINKEN, außen vor. Bei manchen dürfte das auch Absicht sein. Wenn ich es wirklich hart formulieren will, handelt es sich um eine Art Säuberungsaktion. Alle, die zu viel ideologischen Ballast mit sich herumschleppen, sollen tun, was sie wollen, aber bitte nicht damit Sahra Wagenknecht bremsen. Nur, dass die Säuberungsaktion nicht im stalinistischen Sinn aus der Partei heraus organisiert werden kann, das geht unter heutigen Bedingungen nicht,  zumal Wagenknecht ja unter den Parteifunktionären umstritten ist und nicht die Macht eines ZK-Vorsitzenden früherer Zeiten hat. Dafür hat man gesorgt, dass niemand den anderen einfach absägen kann, obwohl manche es sich so sehr von der jeweils anderen Seite wünschen, diese endlich los zu sein.

Aber das alles ruft keine Psychologie der Massenbewegung hervor?

Jetzt kommt etwas sehr Wichtiges. Die letzte politische Bewegung in Deutschland, die keine Partei sein wollte, die über allen Parteien stehen und sie überflüssig machen wollte und sie dann verbot, aber gleichwohl wählbare Partei war, die kennen wir alle. Diese Bewegung, die in der Tat Millionen mobilisierte und deren Ideen dann im Maßstab Eins zu Eins, ja mehr als Eins zu Eins Politik wurden. Und genau wegen jener Bewegung, die wir alle kennen, misstrauen wir in Deutschland heute dem Begriff der Bewegung.

Pathos wie in Frankreich, das Mélenchon satt versprüht, ist uns eher fremd. Und dazu braucht es auch Distanz, denn die Manipulation der Massen ist ein äußerst gefährliches Instrument. Man kann es zum Guten nutzen, aber in der Geschichte ist es noch nicht so häufig geschehen, dass dabei etwas langfristig Erfolgreiches herauskam, daher haben die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland ein System verordnet, das ziemlich bewegungsfeindlich ist, im Grunde aber nicht mehr oder weniger als in anderen repräsentativen Demokratien. Deswegen sind ja auch „La France insoumise“ oder die „Lega Nord“ oder „Podemus“ für mich keine echten Bewegungen. Oder „Syriza“, die in atemberaubendem Tempo vorgemacht hat, wie man von einer Protestbewegung zur Normalpartei wird, wenn man überhaupt politisch etwas gestalten will. Und darin sehe ich die nächste Gefahr.

Dass die Menschen zwangsläufig enttäuscht sein werden, wenn die Bewegung nichts erreicht oder Kompromisse eingehen muss, wenn sie wirklich Politik machen will?

Wenn sie überhaupt etwas erreichen will, ohne gleich Revolution zu machen und das parlamentarische System zu stürzen, muss sie in diesem System wählbar werden. Das habe ich schon herausgestellt. Dann kann sie Druck machen, vielleicht mehr als jetzt aus der LINKEN heraus, aber dann kommen die Kompromisszwänge. Die gäbe es auf nationaler Ebene nur dann nicht, wenn jene Bewegung eine absolute Mehrheit hinter sich vereinen könnte, und dies nicht nur im Bund, sondern auch in den Ländern, sonst könnten diese bei wichtigen, zustimmungspflichtigen Vorhaben immer querschießen – und, sorry, das traue ich auch Sahra Wagenknecht nicht zu. Und nehmen wir an, es käme dennoch dazu: Die supranationalen Zwänge, die höhere Ebene, der sie den Kampf ansagt, würde ihr schnell zeigen, dass emotional fundierte Bewegung das eine ist und Weltpolitik im Rahmen eines hochorganisierten und allzeit zum Zurückschlagen bereiten Kapitalismus das andere. Es sei denn, wiederum – sie würde tatsächlich auf eine vollkommene Renationalisierung setzen und damit auch riskieren, dass Deutschland komplett ins Schlingern gerät, weil andere Länder es fallen lassen. Ich darf mal an  den kubanischen Sonderweg erinnern und wie schwierig der ist, seit die Sowjetunion als mächtiges Unterstützerland nicht mehr existiert. Und Kuba hatte nicht so viel Wirtschaftsprosperität und hochentwickelte Industrie zu verlieren wie Deutschland sie hat, als 1959 die Revolution siegte.

Sollte man eine solche Bewegung jetzt wirklich schon vom Ende denken und sie zerreden?

Kaum jemand dürfte sich mehr als ich eine soziale Bewegung in Deutschland wünschen. Aber wieso kriege ich meinen Hintern nicht hoch? Weil ich nicht sehe, dass meine Mitmenschen schon weit genug sind. Denen geht es entweder doch zu gut oder sie sind vom Hartz IV-System so von der Teilhabe entfernt worden, dass sie nur noch dumpf vor sich hinbrüten. Okay, das tun die meisten wohl gar nicht, aber sie nehmen ihre individuelle soziale Bewegung auf und arbeiten schwarz, wenn sich’s irgendwie machen lässt. Wir haben diesen großen Drang nach Zusammenhalt nicht, nach vielen neoliberalen Jahren, und den kann Wagenknecht jetzt nicht einfach von oben herbeiführen, diesen Wunsch nach tiefer, einander zugewandter Solidarität. Die Spuren des Neoliaberalismus, die sind auch bei Linken voll wirksam. Sonst würden sie wenigstens inhaltlich etwas mehr auf Wagenknecht eingehen und die ganze Bewegungsgeschichte wäre nicht zustande gekommen.

Oh, jetzt die Wende. Inhaltlich!

Ich habe nicht geschrieben, dass ich nicht inhaltlich in vielen Punkten bei Wagenknecht bin, werde das Warum hier auch nicht näher ausführen und nur die Möglichkeiten einer Bewegung betrachten – aber ich werde ihr auch nicht das Marketing liefern können, das es benötigt, ihr „Produkt“, die an sie gebundene Bewegung zu einer linken Mehrheit in Deutschland werden zu lassen.

Marketing anstatt Masse als einzige Möglichkeit?

Wir wissen alle, wie Produktmarketing funktioniert, das wirklich Weltklasse ist. Aber schon die Begrifflichkeit! Alles kapitalistisch. Das ist aber ein weiteres psychologisches Problem. Wagenknecht bräuchte einen riesigen Thinktank von Marketing-Experten, die sich mit Menschen als Kunden, in dem Fall als Politikkunden, auskennen, wenn sie die fehlende Graswurzelbewegung, die fehlende intrinsische Motivation der Mehrheit durch Bindung an einen Star ersetzen und damit erfolgreich sein wollte. Man kann sowas, es gibt Firmen, die leben fast nur von ihrem Image und können lächerlich hohe Preise dafür verlangen, dass sie Lifestyle und hip sein verkaufen, ein gewisses Selbstgefühl bei den Kunden wachrufen. Und Wagenknecht, um dabei mal etwas provozierend im Sprachcluster zu bleiben, ist ein Premiumprodukt der deutschen Politik, noch nicht beschädigt durch zu viel zerrende Realpolitik und geadelt durch die internen Kämpfe gegen bornierte Kleingeister, die sich internationalistisch geben. Das ist eine gute Ausgangslage, sie spielt das auch schon geschickt, aber da ließe sich noch weit mehr draus machen. Und natürlich kann man eine Bewegung für sie so inszenieren, dass sie die Menschen endlich auch mal emotional anspricht. Ich sehe es vor mir, wie es gehen könnte. Aber will ich das, als ernsthafter politischer Mensch? Und darf linke Politik so aufgezogen werden, dass sie nach psycholgisch sehr trickreichen, aber dem Klassenfeind abgeschauten Prinzipien ins Rollen kommt?

Ja, wollen wir das?

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Ich will nicht, dass es weiterläuft wie bisher und dass die Rechten immer stärker werden und der deutschen Linken das hoffnungslos Utopische dominiert, aber ich will auch kein Kunstprodukt von einer Bewegung, das nicht der Selbstermächtigung der Menschen und dem sozialen Fortschritt durch Annäherung und Verständnis auf Augenhöhe dient, sondern wieder neue Abhängigkeiten und Führeridole schafft, auf die man sowas wie stolz ist und die damit auch die Möglichkeit haben, echte gesellschaftliche Progression durch Symbolpolitik und den Glanz ihrer Personen zu ersetzen. Es ist sehr schwierig. Es ist beinahe zum Verzweifeln. Ich würde mir wünschen, dass aus unserer Mitte heraus eine echte Bewegung entsteht. Aber weil und wenn es an der Zeit ist und nicht alle, aber doch viele begriffen haben. Die zur Erkenntnis gelangten Menschen muss man dann auch nicht aufrütteln, wie im 19. Jahrhundert, sie wachmachen aus einer Position natürlicher Superiorität durch Intellektualität heraus, wie Marx und andere es tun mussten, denn der heutige Bildungsstand, bei allen Schleifspuren der letzen Jahrzehnte, müsste hoch genug sein, um die gemeinsame Selbstermächtigung unter der klugen Leitung einer einigermaßen ihrer Rolle als Koordinator_in und Ansprechpartner_in, nicht als Magier_in und Allein-Vordenker_in bewussten Person zu bewirken.

Gerade deshalb nachgehakt: Vor einiger Zeit hieß es noch, wir bräuchten einen Volkstribun oder eine Volkstribunin.

Ja, jemanden, der die Bewegung richtig lenkt, sich an ihrer Spitze stellt, vielleicht. Der den emotionalen Kick des Zusammengehörigkeitsgefühls auf den Punkt bringt. Vielleicht. Aber nicht jemanden, dessen alleiniges Kind sie ist, der sie initiiert und auch wieder einfach einstampfen kann, wenn sie ihm nicht mehr taugt oder sich in der Politpraxis als untauglich herausstellt. Uns engagieren, das tun wir doch nur, akzeptieren Führerschaft nur, wenn wir jemanden haben, für den wir kämpfen wollen und den wir in den Bundestag schicken wolle, weil wir wissen, da können wir nicht alle rein, wir einigen uns also auf jemanden. Im Bundestag, da sitzt Sahra Wagenknecht aber schon. Blöd gelaufen. Denn damit sind wir bei einem weiteren Knackpunkt.

Dass sie zu viel Zeit in der widerspenstigen LINKEN vertrödelt hat und jetzt selbst zum Establishment gehört? Kann man ihr das vorwerfen?

Von meiner Seite aus ist das auf keinen Fall ein Vorwurf. Erst Gregor Gysi und jetzt seit Jahren Kipping und Co zu überstehen und bisher nicht zu gehen, zeugt von großer Stärke. Aber ebenso ist die Wahrheit: Wagenknecht ist keine aus der Mitte, dem Bauch dieses Landes, dazu ist sie zu lange Politifunktionärin und sie war auch nie Proletarierin, sondern immer eine für heutige Verhältnisse hochintellektuelle Theoretikerin. Und wer eine soziale Bewegung anführen will, die von unten kommt, die Menschen mitziehen will, die gedemütigt, vom System in die Tonne getreten worden sind, einem System, dem auch Wagenknecht eine Menge verdankt und in dem sie zu den Privilegierten gehört, der muss nach meiner Ansicht etwas symbolisieren, was die Erhebung aus der Marginalisierung, aus dem Prekariat erfahrbar macht. Das wäre ein Alleinstellungsmerkmal, um wieder ins Marketing zu kommen. Das wäre etwas, worauf man aufbauen könnte, wenn es darum geht …

Aber die früheren Arbeiterführer waren doch tendenziell und mindestens in Europa auch ihrer „Klientel“ intellektuell gut voraus.

Es ist etwas anderes, ob man Führerschaft anderer als natürlich akzeptiert, weil man nicht einmal lesen und schreiben kann, diese anderen es aber können – oder ob man ein Gefühl riesiger Ungerechtigkeit verspürt, sich aber geistig für gleichwertig hält, was ja auch eine linke Position ist. Jemand, der diese Ungerechtigkeit verkörpert, sich aber auf den Weg gemacht hat und die anderen emutigt, diesen steinigen Weg mitzugehen, der könnte die sogenannte Masse mitzunehmen, die 40 Prozent, denen es heute schlechter geht als Ende der 1990er. Wir kehren zurück zu einer sozialen, solidarischen Gesellschaft, wir gehen darüber hinaus, wir gehen dann weiter, mit langem Atem und mit einem erkennbaren Ziel. So jemandem könnte ich mein politisches Herz schenken, auch wenn ich weiß, dass Macht jeden Menschen verändert. Aber bis die Macht wieder über den Idealismus siegt, könnte schon etwas erreicht sein.

Aber Wagenknecht wirkt nicht wie eine Machtpolitikerin.

Wer sich in dieser Partei DIE LINKE mit ihrer Strömungslastigkeit oben hält, der muss wissen, wie er Macht ausüben kann – und außerdem spielt ja der Machtpolitiker Lafontaine da rein, wie wir wissen. Aber jetzt mal nicht Macht, sondern Verantwortungsbewusstsein in den Mittelpunkt gestellt, Verantwortungsbewusstsein als linke Politikerin: Das Schlimmste, was nach der AfD der politischen Kultur in Deutschland passieren könnte, wäre eine Wagenknecht-Bewegung, die mangels Erfolg in sich zusammenfällt und die Hoffnungen hochherziger und idealistisch-naiver Menschen unter sich begräbt. Danach wären wirklich Tür und Tor für den ganz großen Rechtsruck offen. Vor allem, wenn sich Wagenknecht auf rückgeholte AfD-Wähler stellt, die von ihr eine Art nationalsoziale Politik erwarten und diese sich nicht durchsetzen lässt. Schon etablierte Parteien können es ja nicht, aber eine Bewegung, die lokal und regional nirgends mit Mandatsträgern ausgestattet ist? Es sei denn, die linken Regionalpolitiker_innen würden alle überlaufen. Genau das wird aber nicht geschehen. Weil Wagenknecht DIE LINKE spalten, nicht vereinigen wird, wenn sie ihre Bewegung dann doch wählbar macht, um sich an der Basis zu verankern. Da geht es um Loyalitäten und um Deals, weil die Erfüllung der Menschen eben nicht in ihrem selbstbestimmten sozialen Aufbruch liegt. Von Wagenknecht im Alleingang Bewegte wollen Posten, irgendwann, irgendwo, irgendwie. Und die gibt’s nur, wenn die Bewegung Partei wird. Und damit DIE LINKE zerstört und das linke Lager weiter spaltet.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

2 Kommentare zu „Die Bewegung Wagenknecht – eine kritische Reflektion

Gib deinen ab

  1. Pingback: Der Wahlberliner

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

Wortwechsel 15

Das Schreibblog von Anja, Armena, Elke und Thomas

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

%d Bloggern gefällt das: