Hongkong protestiert (ARD) – Einstieg ins Thema „China als neues Imperium“

Kommentar 9 / Analyse 3

China! Allein der Klang dieses Namens, wenn man ihn englisch ausspricht, ist gewaltig. Seine Gesichte übersteigt alles an Glanz und Elend, was es in anderen Ländern je gab. Seine Kultur ist fasziniernd, seine Möglichkeiten nahezu unbegrenzt. China kann uns nicht kalt lassen. Lasst uns also über China sprechen.

Das bevölkerungsreichsteLand der Welt ist es heute und war es immer. Und ein neuer, mächtiger Mitspieler, den sich die Geostrategen etwas genauer anschauen sollten. Der ARD-Beitrag über die Proteste gegen den chinesischen Einfluss, die heute in Hongkong stattfinden, sind ein guter Einstieg in die Befassung mit China, weil er darauf hinweist, dass China ein System hat, das von anderen Systemen abweicht. 

China hätte beim Wahlberliner ein eigenes Feature, eine eigene Beitragsrubrik verdient. Wir werden auf jeden Fall viel von China lesen und hören und – die Auswirkungen von dessen Machtzuwachs alle zu spüren bekommen. Der Demokratieverlust in Hongkong ist nur ein Beispiel dafür, warum China mit mehr Vorsicht betrachtet werden muss, als es viele Linke tun, die immer noch glauben, hinter dem Label „KPCh“ steht eine Art sozialistisches System, das sich ein paar kapitalistische Methoden angeeignet hat, um ein wenig mitzumachen im neoliberalen Weltwirtschaftssystem  – und daher einem folgenschweren Denkfehler unterliegen.

Was die Art der Einflussnahme von China angeht?

Die Idee, alles wird besser, wenn China die USA als führendes Imperium ablöst, halte ich für sehr naiv, wie auch immer die USA sich gebärden – es sei denn, sie zetteln einen  Atomkrieg an, aber dann muss ohnehin alles neu bewertet werden, falls wir die Gelegenheit dazu noch bekommen werden.

Die Haltung gegenüber China sollte vielmehr sein: Wir können nicht ständig fordern, dass Europa sich von einem Imperium – ein wenig – löst, sich dafür aber einem anderen in die Arme wirft, das nie auch nur ansatzweise so demokratisch war, wie es die USA heute noch sind, trotz aller Schleifspuren und trotz des Wirtschaftsimperialismus, den wir oft genug geißeln. China ist keinen Deut besser, nur geschickter, weil es seine Einflussnahme anders gestaltet, seit es sich entschlossen hat, sich auf den langen Marsch zu machen. Denn dies ist der lange Marsch, der den Marsch der Kommunisten an die Macht sozusagen im heutigen geostrategischen Raum spiegelt. So, wie diese damaligen Kämpfer unter härtesten Bedingungen viele Jahre lang ausharrten, um schließlich zu siegen, so denkt China strategisch nun nach außen: sehr langfristig orientiert, bereit, Opfr zu bringen und mangels demokratischer Reibungsverluste natürlich mit einer höheren Steuerungs-Effizienz  bezüglich seiner Ökonomie ausgestattet als jedes westliche Land. Die Kombination aus Nicht-Demokratie, aus wenig Abstimmungsbedarf mit einer Zivilgesellschaft und kapitalistischer Wirtschaftsordnung ist derzeit das Beste, was es gibt, wenn man schnell vorankommen will. Und Chinas Politstrategen haben erkannt, welche Macht seine riesige Bevölkerung von etwa 1,4 Milliarden Menschen darstellt. China ist das einzige Land, das vom Rest der Welt selbst unter heutigen Bedingungen des internationalen Warenaustauschs autark sein könnte, wenn es wollte. Obwohl es Rohstoffe von außén braucht, denn die hat es sich längst gesichert – dazu später ein paar Sätze mehr.

Was ist das Gefährliche oder was ist gefährlicher als der Einfluss der USA?

Ich habe gerade in einem  geostrategisch orientierten Beitrag aus dem Jahr 2006, der sich mit dem Nahen Osten und Afrika befasst, gelesen, dass die USA, wenn der Nahe und Mittlere Osten nicht mehr ergiebig genug sein werden, vor allem rohstoffseitig, die Hand vermehrt nach Afrika ausstrecken werden. Die zwölf Jahre, die seit der Abfassung dieses Beitrags vergangen sind, haben die Verhältnisse aber verändert. Ich konzediere, dass Chinas gewaltiger Aufmarsch auf der politischen Weltbühne damals noch nicht voll absehbar gewesen sein mag – ich bin mir aber nicht sicher, denn das exorbitante Wirtschaftswachstum Chinas, das die Grundlage dieser zunehmenden Machtposition bildet, gibt es bereits seit den 1990ern. Und es ist noch lange nicht vorbei, denn das Pro-Kopf-BIP im Jahr 2017 ist immer noch vergleichsweise niedrig gewesen und lag kaufkraftbereinigt bei etwa 17.000 US-Dollar (Deutschland kommt auf etwa 45.000 US-Dollar), selbst das schwächste EU-Land Bulgarien oder gar, sehr verblüffend, der Irak, haben höhere Pro-Kopf-Einkommen als die VR-China.

Da ist also noch eine Menge Luft nach oben. 

In den frühen 1990ern hat mein damaliger Steuerberater, ein sehr vorausblickender Mann, zu mir als wirtschaftspolitischem Anfänger gesagt: Wenn nun die Chinesen kommen und auch mal was vom Wohlstand der Welt abhaben wollen – wollen wir sie daran hindern und bei ihnen das verwerflich finden, was für uns Normalität ist, nur weil bei uns nun auch ökologische Aspekte ins ökonomische Denken einfließen? Er meinte damit, dass wir bereits begannen, über die Endlichkeit der Ressourcen nachzudenken und über globale Konsequenzen, falls sich die Konsumwirtschaft weiter ausbreitet. Was die ökologischen Aspekte in Deutschland angeht, waren wir beide zu optimistisch, aber es sah in den 1980ern durch den Aufstieg der Grünen danach aus, als kämen wir damit recht schnell voran. Die Wiedervereinigung mit neuen Aufgaben und Akzentverschiebungen, die weltweit veränderte geostrategische Situation nach der Auflösung der Blöcke, die den Neoliberalismus immer weiter nach vorne gebracht hat, die haben aber für eine andere Entwicklung gesorgt, bei der Nachhaltigkeitsaspekte wieder sehr in den Hintergrund traten.

Und an jener anderen Enwicklung hat China einen entscheidenden Anteil. Nichr nur, weil es Waren abnimmt, sondern weil es in vielen Punkten längst der größte Umweltverschmutzer der Erde geworden ist, der CO²-Ausstoß liegt bereits doppelt so hoch wie den USA, die auf diesem negativen Feld lange uneinholbar schienen. Es entbehrt daher von Seiten der USA  nicht einer gewissen Logik, wenn sie die Klimaziele und ihren Anteil daran stark relativieren und gerne auf China verweisen. Und wie erst Deutschland? Ja, man muss vorangehen, aber hierzulande wird manchmal getan, als wenn die deutschen Umweltemissionen im Weltvergleich tatsächlich eine Relevanz hätten. Vielmehr muss die deutsche Politik zusammen mit den anderen Europäern darauf dringen, China diesbezüglich ins Boot zu bekommen. Und dabei dessen Eigeninteressen ins Sspiel bringen, denn durch Druck ist dieses mittlerweile so starke Land ganz sicher nicht mehr von außen zu bewegen, zumal die Europäer und speziell die Deutschen so viele Wirtschaftsinteressen in China haben. Also muss es heißen. Dass China sich selbst freiwillig beschränkt und vielleicht doch darauf verzichtet, alle ökonomischen Stadien zu durchlaufen, welche die klassischen Industrieländer durchlaufen haben, inklusive der Hochzeit des auf noch hauptsächlich auf Warenproduktion basierten Kapitalismus, der eklatant schmutze Industrien und Energiegewinnungsmethoden zur Folge hatte. Dass China das Klimaabkommen von Paris ratifiziert hat, ist dabei ein wichtiger Schritt gewesen. Der nach Darstellung der damaligen Obama-Regierung übrigens von den USA maßgeblich befördert wurde.

Demgegenüber ist der Finanzkapitalismus doch ökologisch geradezu sanft?

Natürlich nicht, weil er die Nachhaltigkeit nicht fördert. Der Rohstoffbedarf hat nicht nachgelassen. Mag sein, dass das einzelne Produkt heute etwas weniger Ressourcen verschlingt, man kann es auch Verlust an Materialqualität nennen, aber immer neue Nationen treten ja dem Konsumkreislauf bei. Ich kann die Degrowth-Anhänger verstehen, angesichts dieser Entwicklung, aber ich fände es absurd, wenn wir uns in Deutschland auf einen Weg der Selbstbeschränkung begeben würden und in Asien immer neue Wirtschaftsmächte emporwachsen, mit China in der eindeutigen Führungsrolle. Das ist nicht als Whataboutismus gemeint, nur als Empfehlung, den globalen Blick zu schärfen. Kluges Ökologiemanagement ist gefragt. Der Aufstieg Chinas, so sehr jeder Mensch ein Recht auf einen gewissen Wohlstand haben mag, in einer reichen Welt, ist von einer gefährlichen Dimension. Und dass China kein Land ist, in dem die Freiheitsrechte viel zählen, macht es nicht besser. Dass es außenpolitisch nicht so krawallig auftritt wie die USA, macht es für mich noch nicht zu einem freundlichen Riesen.

Zumal, und jetzt komme ich auf den erwähnten Vortrag von 2006 zurück, es nun China ist, das nach Afrika greift. Mit der Erzählung, dass es die Menschen dort besser stellt, in die Infrastruktur investiert, es nicht bedroht, sondern bis zu einem gewissen Grad fördert. Das stimmt, wenn man es oberflächlich betrachtet. Es bedeutet, dass Chinesen ihre Interessen freundlicher durchsetzen als die alten Kolonialländer. Aber die Idee unterscheidet sich nicht von der amerikanischen: Nämlich das mächtigste Land der Erde zu werden und dabei sukzessive weniger Rücksicht auf andere nehmen zu müssen, je besser das gelingt. Die Vorkommnisse in Hongkong eignen sich zur Demonstration, aber, ohne den Hongkong-Chinesen  zu nahe treten zu wollen: Die haben es vergleichwesie gut, wenn man die Individualrechte auf dem Festland betrachtet – immer noch. Es ist mir auch relativ egal, ob die von links generell mit dem Unwahrheitsstempel versehene „Mainstream-Medienlandschaft“ da vielleicht ein paar Dinge einseitig darstellt. Ich sehe die Wirtschaftsdaten, ich sehe, wie sich europäische Unternehmen in China verhalten und umgekehrt, wie die Führung organisiert ist und denkt und wie wir zunehmend von China abhängiger werden und dabei nicht viel mitzureden haben ,denn es ist nun einmal eine Abhängigkeit, die recht einseitig daherkommt. Im Moment noch mit symbiotischen Aspekten, aber die Asymmetrie wird stärker. So gesehen, wird auch die Gesamt-Abhängigkeit Europas von anderen Ländern weiter zunehmen, gleich, ob die USA sich selbst als Partner weiter desavouieren oder nicht. Wie weit das nun geht,  hängt von einem wichtigen Faktor ab. Nämlich davon, wie Europa sich zu Russland stellt, das immer noch die geostrategische Nummer 3 ist, vor Westeuropa und mit der EU-28 / 27 zusammen wohl die Nummer 2 wäre.

Russland und China nähern sich einander an, obwohl sie einander auch misstrauen – paradox?

Sie haben allen Grund, einander zu misstrauen. Aber was soll Russland anderes tun, wenn sich die Europäer seiner Einbindung verweigern, wenn es nicht ganz allein dastehen und dabei stetig an Bedeutung verlieren will. Dass auch  nach dem Zerfall der SU noch das größte Land der Erde ist und sehr rohstoffreich, dadurch mag es ein wenig privilegiert sein, aber sein Einwohnerverhältnis ist gegenüber China nur 1:10. Darauf kommt es entscheidend an. Die „Systemrelevanz“ des russischen Absatzmarktes ist entscheidend geringer als die Chinas. Russland und China und Europa und das sogenannte Projekt der neuen Seidenstraße – es hängt von Europa ab, ob dies eine komplett asymmetrische Angelegenheit wird oder ob wir doch ein gewisses Gegengewicht zu China aufbauen können. Ich mag übrigens diesen Begriff „Neue Seidenstraße nicht“.

Weil wir nicht mehr im Mittelalter sind und heute nicht mehr vor allem Seide geliefert wird?

Es dauerte zu Zeiten Marco Polos Monate, bis Waren aus China in Europa anlangten, heute nur noch Tage und die Finanzströme laufen in Sekundenbruchteilen um die Welt. Das ist schon technisch eine vollkommen andere Situation als damals, vom Umfang der Beziehungen ganz abgesehen. Und die damaligen Möglichkeiten schlossen es aus, dass Länder nach anderen Ländern nur auf virtuellem Weg greifen oder dass China sich einfach in Afrika einkauft, um an die Rohstoffe des Kontinents zu kaufen, der damit sozusagen zum dritten Mal kolonisiert wird und nie eine eigenständige politische Machtbasis erhalten wird, die ihn nach seiner Größe und nach seiner Wichtigkeit für die Menschheitsgeschichte repräsentieren kann. Und die einstigen Kolonialherren in Europa, also wir als deren Nachkommen, werden es vielleicht noch erleben, wie s ist, selbst kolonisiert zu sein – auf wirtschaftlichem Weg, aber das macht es nicht besser, wenn man wirklich einen Zugang zu Freiheit und Unabhängigkeit hat.

Ende der 1980er, Anfang der 1990er gab es in Europa und den USA einen riesigen Alarm wegen der japanischen Wirtschaftspotenz. Vergangenheit, seit der Asienkrise. Auch China wird nicht unbegrenzt wachsen können.

Vergangenheit ist der Aufstieg Japans keineswegs. Deutschland hat komplette Industriebranchen an  Japan verloren. Westdeutschland war am stärksten negativ von dessen Aufstieg betroffen, weil sein größter Mittbewerber. Bis auf den Maschinenbau und die Autoindustrie, die sich gerade so gehalten haben, ist das Ergebnis eindeutig, Deutschland hat massiv an Industriepower verloren. Die hohen Exporte täuschen darüber stark hinweg.

In allen gesättigten Ländern sind die Industrieanteile am BIP seit Jahrzehnten rückläufig.

Trotzdem war es ein Duell und das konnte Deutschland nicht besehen – auch, weil Japan sich nicht die Bohne um Patente und Urheberrechte geschert hat. In manchen Bereichen wie der optischen Industrie waren japanischen Nachkriegsprodukte erst einmal exakte Kopien deutscher Waren – und da die Japaner lohnseitig noch zurück waren, konnten diese Waren billiger angeboten werden als deutsche. Natürlich kam ihnen dabei zu Hilfe, dass sie sehr präzise arbeiten und daher Technologieprodukte tatsächlich ohne Qualitätsverlust kopieren können. Die Kopien waren nicht oder nur unwesentlich schlechter als die Originale und bei den Autos sind japanische Produkte heute bei der  Zuverlässigkeitswertung sogar vorne. In den frühen 1990ern übrigens, als die D-Mark in der Folge der Wiedervereinigung zunächst massiv aufwertete, ging den deutschen sogenannten Premium-Autoherstellern fast der für sie wichtige US-Markt verloren, weil Toyota mit einer einzigen Marke, die keinerlei Geschichte mit daraus resultierender Reputation hatte, die Deutschen aus dem Feld zu schlage drohte: Lexus. Ganz so schlimm kam es nicht, aus vielerlei Gründen. Aber es ist ja nicht vorbei.

Und diese Entwicklung könnte im Verhältnis von China noch einmal ereignen?

Chinas Vorgehen wirkt auf den ersten Blick freundlicher, nicht so ruchlos und es wirkt nicht erratisch, das schafft ein Vertrauen oder auch Zutrauen, das vielleicht gar nicht gerechtfertigt ist.

China kann sich auf seinen riesigen Absatzmarkt verlassen. Es kopiert nicht illegal, es macht vielmehr Joint-Ventures und setzt sich damit legal in den Besitz europäischer und amerikanischer Technologie.  Aber die Frage muss gestellt werden dürfent, ob es auch legitim ist. Die Machthaber Chinas haben erkannt, dass es sich keine europäische oder amerikanische Firma von Rang leisten kann, in China nicht dabei zu sein. Diese Firmen sind allesamt Aktiengesellschaften. Aktionäre üben sich nicht in weiser Selbstbeschränkung, sondern wollen kurzfristige Erfolge und die Kurse stimulierende oder wenigstens dividendenträchtige Zuwächse sehen. Das Argument, wir bleiben mal lieber von China weg, damit unsere Technologie bei uns bleibt, zählt nicht mehr, seit die Chinesen anfangen zu konsumieren. Für deutsche Autofirmen ist China mittlerweile der größte  Markt. Für manche nicht nur größer als der deutsche, sondern als der gesamte europäische Binnenmarkt. Das alles kam innerhalb weniger Jahrzehnte zustande und dass im Jahr 2016 erstmals mehr Fahrzeuge mit deutschen Markenzeichen im Ausland hergestellt wurden als in Deutschland (insgesamt über 10 Millionen) hat entscheidend damit zu tun, dass viele deutsch-chinesische Joint-Ventures die Arbeit aufgenommen haben – VW ist ja schon lange in China und war dort Pionier, aber auch die anderen produzieren immer mehr vor Ort und müssen dafür mit chinesischen Partnern zusammenarbeiten, die immer die Mehrheit an diesen Joint Ventures beinhalten. Die gegenwärtige westliche Wirtschaftspolitik ist, was China angeht, deshalb sehr daran interessiert, Reziprozität im Wrtschaftsaustausch herzustellen: China darf europäische Unternehmen kaufen, was es ja vermehrt tut, aber auch umgekehrt muss endlich möglich werden. Allein – die Führung sagt das seit Langem zu und setzt es nicht um. Vielleicht, wenn es sich auch dazu stark genug fühlt.

Der Linke als solcher wird sagen: Chinesen, lasst euch ja nicht über den Tisch ziehen von den alten Kolonialisten.

Der Linke hat im Allgemeinen kein gutes Feeling für Dimensionen und Relationen im ökonomischen Bereich und neigt deshalb dazu, die realen Machtverhältnisse entweder aufgrund einer zu starken Konzentration aufs transatlantische Verhältnis falsch einzuschätzen oder unter militaär-geostrategischen Gesichtspunkten zu beachten und auch wenn alle Vorgänge dort miteinander verknüpft sind, die ökonomische Potenz eines Landes wie China kann man nur einschätzen, wenn man sich mit den zugrundeligenden ökonomischen, nicht – nur – den militärischen auseinandersetzt.

China kommt bis jetzt nicht militärisch, sondern auf dem Wirtschaftsweg in die Supermacht-Rolle, die es als Atommacht allein nie hatte, weil es ökonomisch zu schwach war. Es ist aufgrund seiner Atommacht aber auch ständiges Mitglied im Weltscherheitsrat und beginnt nur, seine weltpolitischen Möglichkeiten wirklich in Anspruch zu nehmen. China wird sich nach meiner Ansicht noch mindestens so weit entwickeln, dass es so stark wird wie die USA und Europa unter Einschluss Russlands zusammengenommen. Dann wäre das Pro-Kopf-BIP immer noch um mehr als ein Drittel geringer als das deutsche und um die Hälfte geringer als das der Amerikaner. Ich sehe aber auch in Nordchina, im ländlichen Raum, Entwicklungsgrenzen. China wird weiterhin nicht nur aus Regionen bestehen, die vor lauter Dynamik aus den Nähten platzen. Und die chinesische Regierung wird viel mehr als bisher investieren müssen, um einen regionalen Ausgleich zu schaffen und dieses auch gar nicht so einheitliche Land auf Kurs. Es ist ja schon dabei, die Planung, die bereits ausgeführt wird, sieht eine weitaus stärkere Konzentration als bisher auf die Binnenwirtschaft vor. Eine Prognose, die ich vor ein paar Jahren abgegeben habe, wird sich deshalb vielleicht doch nicht oder nicht so schnell erfüllen. Damals hatte China Deutschland als größten Exporteur überholt und ich war der Ansicht, das bleibt künftig so. Nein, Deutschland hat diese Position jetzt wieder, weil eben China sich anders ausrichtet. Wirtschaftsmachtpolitisch ist das aber kaum ein Unterschied, denn es zieht ja ausländische Unternehmen in sein Territorium hinein und kann sie dort studieren und legal ihre Technik übernehmen. Die Bevölkerung profitiert aber mehr von dieser Richtungsänderung, als wenn sie weiter nur in der Low- und Midtech-Exportindustrie beschäftigt wäre, wie noch vor wenigen Jahren.

Das haben wir also verstanden – China sichert sich Schlüsseltechnologien und Rohstoffe allüberall und Europa und Russland sollten dagegen halten.

Ein Argumentationsproblem stellt leider die Tatsache dar, dass Russland auch kein sozialistisches oder wenigstens noch im hiesigen Maßstab demokratisches Land ist und in Europa die Freiheitswerte und die sozialen Werte immer mehr mit Füßen getreten werden, sonst wäre es leicht zu schreiben: Es geht um die Werte! Es geht darum, unsere Freiheit gegen eine staatskapitalistische Diktatur zu schützen, das, was jetzt in Hongkong offenbar die Menschen umtreibt, die viele Jahre lang in einer absolut privilegierten britische Kolonie lebten, welche die reichste Stadt Asiens und eine der Zukunftsmetropolen der Welt war und immer noch ausgezeichnet aufgestellt ist. Dass Hongkong nicht so wachsen kann wie die Megastädte auf dem chinesischen Festland, liegt schlicht an der Geografie.

China hat nicht einmal die Hälfte der Militärausgaben der USA und hält sich in internationalen Konflikten auffällig zurück.

Warum auch nicht? Aus einer viel defensiveren Haltung heraus entwickelt, als China noch wirtschaftlich schwach war. Aber wie gut sie sich eignet, um unauffällig voranzukommen und sie natürlich auch immer wieder anzupassen, ist evident. Und das, ohne dass der Rest der Welt in Schrecken versetzt wird und daher China nicht so hasst wie die USA mit ihrem Herkommen, das sehr von der Top-Position geprägt ist, welche das Land lange Zeit in vielen Bereichen innehatte. Aber die US-Machtelite und ihr Deep State, die nach linker Lesart fortgesetzt die Welt beherrschen, konnten nichts gegen den Aufstieg Chinas tun und das zeigt mehr als anderen Vorgänge auf der Welt ihre Grenzen. Das lag einfach daran, dass China frühzeitig Atommacht wurde. Wir werden uns noch  mit den Staatszielen in „China 2025“, dem laufenden Plan, auseinandersetzen, der heutige Beitrag ist nur ein erster Aufriss zu einem riesigen, unerschöpflichen Thema. Aber ich deute hier schon einmal an, dass China in den nächsten Jahren politisch viel offensiver werden wird. Es arbeitet bereits daran, den Dollar als Leitwährung abzulösen und ich könnte mir sogar vorstellen, dass es deswegen eine Währungsreform vornehmen wird. Und es hat einige territoriale Ansprüche, die noch nicht gelöst sind.

Taiwan?

Und ein paar Inseln und natürlich einen über direkte Territorialansprüche hinausgehende geostrategische Punkte auf der Agenda. Aber nehmen wir kurz Taiwan: Die USA werden keinen Krieg riskiteren, wenn China versucht, Taiwan „zurückzuholen“. Denn das könnte ein Atomkrieg und ein ziemlich symmetrischer Krieg sein. Die USA gewinnen schon ihre asymmetrischen Kriege nie sauber, vor China aber haben sie richtiggehend Angst. Ich kann mich noch erinnern, wie wütend, wie hilflos die Tawainer waren, als Die USA diplomatische Beziehungen zu China aufnahmen und ihre Botschaft in Taiwan schlossen. Es ist alles nur ein Spiel der überwiegenden Interessen und eine so alte Kultur wie China hat es in den Genen, eine hochentwickelte Interessenpolitik auszuüben und dabei keinen Deut freiheitlicher und demokratischer zu werden. Europäer, die glauben, dass die hiesige Politik noch immer Einfluss auf China haben kann, verschätzen sich. Sie kann nun wirklich nicht mehr mit der Sperrung von Entwicklungshilfe drohen, das wäre lächerlich. Deswegen sind auch die Menschenrechtsfragen nur noch lästiges Beiwerk, wenn europäische Politiker, umgeben von Wirtschaftsdelegationen, nach China fliegen. Sie tun es, um Geschäfte zu machen, um nicht im Wettrennen um die Gunst Chinas zurückzufallen – da können sie nicht die die Machthaber dort ernsthaft mit Insistieren auf die Freilassung politischer Gefangener und dergleichen ärgern – und das ist die ganze Wahrheit, es ist etwas deprimierend, aber für den Wahlberliner auch der Auftakt zur Annäherung ans zweite ganz wichtige geostrategische Thema neben dem Nahostkonflikt, aus dem China sich offiziell aus guten Gründen heraushält.

An dieser Stelle möchte ich aber unbedingt schon klarstellen, dass die Europäer sich endlich mehr einigen müssen und eine Allianz einrichten müssen, die vom Südwestzipfel Europas in Portugal bis nach Wladiwostok reicht. Sonst haben sie gegen China keine Chance zu bestehen und von der einzigen derzeit aufstrebenden Supermacht als gleichberechtigte Partner anerkannt zu werden.

Was hat China denn seit den 1980ern so plötzlich mobilisiert?

Auf die Art und den Weg der chinesischen Öffnung seit Deng Xiao-Ping gehen wir noch gesondert ein, aber:

Jedes Land, das sich auf den Weg in die Weltpolitik macht, hat sein eigenes Narrativ. Das der Chinesen ist herausgebildet aus dem Bewusstsein, einer großen, alten Kultur anzugehören und den furchtbaren Demütigungen, das es durch die Europäer und dann durch die Japaner im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat. Wie die Gesamterzählung aussieht, die sich aus aus zwei solchen Komponenten zusammensetzt, kann man sich aus psychologischer Sicht leicht ausmalen, wir kennen diese Aufstellung von anderen Opfervölkern mit hochstehender Kultur, die in die Lage versetzt wurden, in die Täterrolle überzuwechseln. China hat keinerlei Grund, nachsichtig mit uns zu sein und weltmachtpolitisch auf halbem Weg stehen zu bleiben, nur, weil wir das gerne so hätten, ausgelaugt und zerstritten, wie wir sind und am Ende unserer jahrhundertelangen Geschichte der der Kolonisierung und Eroberung anderer Länder und ganzer Erdteile angelangt.

Um nicht allzu sehr für diese Vergangenheit büßen zu müssen, könnten wir noch ein eurasisches Projekt installieren, das China nicht feindlich gegenübersteht, aber seinem Machtstreben natürliche Grenzen setzt. Die Chancen dazu stehen im Moment mehr als schlecht, denn wir können uns in Europa nicht verständigen auf Gebieten, die gegenüber der China-Herausforderung geradezu marginal sind – und wir glauben, unseren wichtigsten Partner im Osten schneiden zu können und verlassen uns stattdessen auf ein niedergehendes, moralisch komplett bankrottes Imperium, das außerdem noch alles tut, um eine europäisch-russische oder sogar die USA, wenn sie friedlicher und kooperativer werden sollten, einschließende Allianz aus reiner Selbstsucht zu verhindern. Der wahre Profiteur der gegenwärtigen Weltlage ist China, nicht die US-Elite. Die wird geradezu narrisch darüber sein, dass am Horizont ein Drache sein Haupt erhebt, der sich von ihr nur wenig beeinflussen lässt. Weil wir diesen Drachen näher kennenlernen wollen, werden wir diesem großartigen und gefährlichen Reich der Mitte in dieser Publikation einige Aufmerksamkeit widmen.

© Der Wahlberliner 2018, Thomas Hocke

2 Kommentare zu „Hongkong protestiert (ARD) – Einstieg ins Thema „China als neues Imperium“

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